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Thüringen im Nationalsozialismus
Dieser Zeitraum war, wie überall in Deutschland, geprägt durch die schrittweise Gleichschaltung des Verwaltungswesens, Inhaftierung der politischen …
Inhalt6 Abschnitte
Aufstieg der NSDAP und Errichtung der Diktatur
Die nationalsozialistische Herrschaft in Thüringen begann früher als in vielen anderen Teilen Deutschlands: Sie reichte von der ersten Regierungsbeteiligung der NSDAP 1930 bis zur Besetzung des Landes durch US-amerikanische Truppen im April und Mai 1945. Thüringen wurde dadurch zu einem Experimentierfeld und in mehreren Bereichen zu einem Vorreiter beim Aufbau der NS-Diktatur. Kennzeichnend waren die Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft, die Verfolgung politischer Gegner, rassistische Ausgrenzung, Enteignung, Deportation und Vernichtung sowie die Ausrichtung des Alltags auf den Krieg.
In der Anfang 1930 gebildeten „Baum-Frick-Regierung“ erhielt die NSDAP erstmals in der Weimarer Republik zwei Posten in einer Landesregierung. Wilhelm Frick wurde Innen- und Volksbildungsminister, Willy Marschler Staatsrat ohne Ressort. Unter Berufung auf einen angeblichen Verfassungsnotstand zentralisierte Frick die Verwaltung. Stellenabbau und neue Beamtenregelungen trafen besonders sozialdemokratische und kommunistische Beschäftigte, Lehrer und Bürgermeister. Beim Aufbau einer zentralen Landespolizei wurden nationalsozialistisch gesinnte Beamte bevorzugt. Obwohl ein erfolgreiches Misstrauensvotum Frick und Marschler am 1. April 1931 aus der Regierung entfernte, blieben viele personelle Veränderungen bestehen.
Bei der Landtagswahl vom 31. Juli 1932 erreichte die NSDAP 42,5 % der Stimmen. Gauleiter Fritz Sauckel wurde Innenminister und Vorsitzender Staatsminister. Er nutzte Regierung und Parlament für Propaganda und zur Schwächung des parlamentarischen Systems. Nach dem Reichstagsbrand wurden am 28. Februar 1933 die Räume der KPD-Fraktion geschlossen und ihre zehn Abgeordneten in sogenannte „Schutzhaft“, also Haft ohne reguläres Gerichtsurteil, gebracht.
Bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933 erhielt die NSDAP reichsweit 43,9 % der Stimmen und 44,5 % der Sitze. Das erste Gleichschaltungsgesetz vom 31. März 1933 löste den Thüringer Landtag auf und bildete ihn nach dem Ergebnis der Reichstagswahl neu. Weil die KPD-Mandate für ungültig erklärt wurden, besaßen die Nationalsozialisten dort die absolute Mehrheit. Sauckel wurde Reichsstatthalter, Willy Marschler am 8. Mai 1933 Ministerpräsident und blieb es bis April 1945.
Kultur, Bildung, Kirche und Architektur
Die Kultur- und Bildungspolitik diente früh der Durchsetzung nationalsozialistischer Vorstellungen. Frick ordnete am 16. April 1930 die Wiedereinführung des Schulgebets an; drei der fünf vorgesehenen Texte erklärte der Staatsgerichtshof am 11. Juli 1930 für verfassungswidrig. Er verbot außerdem Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ im Unterricht. Paul Schultze-Naumburg wurde Leiter der Vereinigten Kunstlehranstalten in Weimar. Im Oktober 1930 ließ er dort Fresken Oskar Schlemmers übertünchen. Auf Fricks Erlass wurden 70 Gemälde und Grafiken, darunter Werke von Otto Dix, Ernst Barlach und Paul Klee, als „entartete Kunst“ aus dem Weimarer Schlossmuseum entfernt. Zum 1. Oktober 1930 entstand an der Universität Jena gegen den Widerstand der Professoren ein „Lehrstuhl für Rassefragen und Rassenkunde“ unter Hans F. K. Günther; dessen rassistische Lehren wurden auch für Schulen empfohlen.
In der evangelischen Kirche gewannen die eng mit der NSDAP verbundenen Deutschen Christen an Einfluss. Bei der Kirchenratswahl vom 22. Januar 1933 erhielten sie ein Drittel der Stimmen, bei den allgemeinen Kirchenwahlen vom 23. Juli 1933 nach offener Unterstützung durch die Reichsregierung die absolute Mehrheit. Berufsverbote trafen unter anderem Pfarrer mit marxistischer, materialistischer oder religiös-sozialistischer Haltung. Ein kirchliches Ermächtigungsgesetz vom 15. Mai 1933 ermöglichte Maßnahmen zur Gleichschaltung. Landesbischof Martin Sasse trieb sie ab 13. Mai 1934 weiter voran. Der Versuch, die Thüringer Landeskirche dauerhaft in eine einheitliche Reichskirche einzugliedern, scheiterte jedoch an innerprotestantischen Gegensätzen; spätestens im Oktober 1934 galten die Reichskirchenpläne als gescheitert.
Das wichtigste nationalsozialistische Bauprojekt war das Gauforum Weimar. Sauckel legte Hitler 1933 Pläne für Parteigebäude und seinen Amtssitz vor. Hitler entschied 1936 einen Wettbewerb zugunsten Hermann Gieslers und änderte den Entwurf selbst. Im Juli 1936 begann der Bau. Das weitgehend fertiggestellte Gauforum gilt als das einzige in dieser Form verwirklichte städtebauliche Dokument des Nationalsozialismus.
Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung
Antisemitische Forderungen waren in Thüringen schon vor 1933 politisch sichtbar. Der 1924 gewählte Artur Dinter verlangte unter anderem die Entfernung von Juden aus staatlichen Stellen, Berufsverbote, Vermögensbeschlagnahmen und den Ausschluss jüdischer Kinder aus öffentlichen Schulen. Unter Frick erhielt die nationalsozialistische Rassenideologie 1930 durch den Jenaer Lehrstuhl einen scheinwissenschaftlichen Rahmen. Am 15. Juli 1933 wurde in Weimar unter Karl Astel außerdem das erste „Landesamt für Rassewesen“ auf Länderebene gegründet. Sein „erbbiologisches Archiv“ enthielt bis 1935 bereits 466.000 Personenakten; letztlich war jeder dritte Einwohner Thüringens erfasst.
Die Ausgrenzung begann teilweise vor entsprechenden Reichsmaßnahmen. Sauckel rief am 3. Dezember 1932 zum Boykott jüdischer Geschäfte und Handwerksbetriebe auf. Ab 1933 entzogen Gesetze jüdischen Beamten, Rechtsanwälten und Ärzten ihre beruflichen Rechte und begrenzten den Anteil jüdischer Schüler und Studierender auf 1,5 %. Ein thüringisches Schächtverbot trat am 1. April 1933 in Kraft; jüdische Kinder verloren bereits am 22. März 1933 die Geschwisterermäßigung beim Schulgeld.
Ein frühes Beispiel der „Arisierung“, also der erzwungenen Übertragung jüdischen Eigentums an nichtjüdische beziehungsweise staatlich kontrollierte Besitzer, waren die Simsonwerke. Nach einem ersten Freispruch wurde das Verfahren gegen die jüdischen Eigentümer unter Ausschluss der Öffentlichkeit neu aufgerollt. 1935 wurden sie zu 9,75 Millionen Reichsmark Geldbuße verurteilt. Da sie diese nur durch Aufgabe des Werks begleichen konnten, ging das Unternehmen am 28. November 1935 an die Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke Simson & Co. unter Eigentümer Fritz Sauckel über. Es wurde später Grundlage der Wilhelm-Gustloff-Stiftung. Insgesamt wurden in Thüringen etwa 650 jüdische Familienbetriebe „arisiert“. Allein 1938 betraf dies ungefähr 100 Betriebe; bei weiteren 100 liefen Übernahmeverhandlungen, während 200 wegen Boykotten und Auftragsmangels schließen mussten. Der Forschungsstand dazu ist laut Artikel nicht vollständig.
Während der Novemberpogrome 1938 wurden unter anderem die Synagogen in Gotha, Eisenach, Meiningen, Vacha, Erfurt und Nordhausen zerstört. Alle jüdischen Männer wurden am Folgetag festgenommen; 1.178 kamen in das KZ Buchenwald. Die Massendeportationen begannen im Mai 1942. Am 10. Mai wurden 600 Menschen aus 40 Thüringer Orten über Leipzig in das Ghetto Bełżyce bei Lublin deportiert. Ein Teil wurde im KZ Majdanek ermordet, die übrigen im Mai 1943 von der SS in Bełżyce erschossen; Überlebende sind nicht bekannt. Am 20. September 1942 erreichte ein Transport mit 364 älteren Juden aus 38 Gemeinden das KZ Theresienstadt, von denen nur wenige überlebten. Später deportierte die Gestapo Einzelpersonen nach Theresienstadt, Auschwitz oder Ravensbrück. Kurz vor Kriegsende wurden auch 173 Erfurter Juden aus sogenannten Mischehen nach Theresienstadt verschleppt.
Gestapo und Konzentrationslager
Die Geheime Staatspolizei, kurz Gestapo, verfolgte politische Gegner und andere vom Regime ausgegrenzte Gruppen. Vor ihrer offiziellen Gründung in Thüringen übernahmen reguläre Polizei sowie Hilfspolizisten von SA und SS diese Aufgaben. Am 1. Januar 1934 entstand das Thüringische Geheime Staatspolizeiamt Weimar unter Heinrich Himmler. Die bereits 1933 eingerichtete Erfurter Stelle war zunächst für den preußischen Teil des Gaues zuständig und wurde am 1. Juli 1941 zur Außenstelle Weimars.
Verfolgt wurden Kommunisten und andere politische Gegner, Zeugen Jehovas sowie Menschen, die regimekritische Äußerungen machten oder Witze erzählten. Grundlage waren unter anderem die Verordnung vom 21. März 1933 und das Heimtückegesetz vom 20. Dezember 1934. Viele Menschen kamen ohne Urteil in „Schutzhaft“ und in Konzentrationslager. Zwischen 1936 und 1939 richtete sich die Verfolgung verstärkt rassistisch gegen Juden sowie gegen Menschen, die als „arbeitsscheu“ oder kriminell bezeichnet wurden. Ab Mitte 1941 überwachte und bestrafte die Gestapo Zwangsarbeiter. Arbeitsverweigerung oder sogenannte „Rassenschande“ konnten als „Sonderbehandlung“ ein Todesurteil bedeuten.
Von 1933 bis 1945 bestanden in Thüringen drei Konzentrationslager. In der ersten Verhaftungswelle wurden 1.679 Menschen festgenommen. Das Lager Nohra bei Weimar bestand nur kurz und wurde am 12. April 1933 wieder aufgelöst. Im Oktober 1933 entstand das KZ Bad Sulza, das zunächst politische Häftlinge und später unter anderem als „Meckerer“, „Hetzer“ oder „Wirtschaftsschädlinge“ Verfolgte sowie zunehmend Juden aufnahm. Seit April 1936 war die SS an Bewachung und Finanzierung beteiligt; ab 1. April 1937 übernahm sie das Lager vollständig. Am 15. Juli 1937 wurde das KZ Buchenwald am Ettersberg eröffnet, nachdem ein Ausbau Bad Sulzas verworfen worden war.
Als US-Truppen im April 1945 vorrückten, beseitigte die Gestapo Spuren ihrer Verbrechen. Am 4. April wurden Gefangene aus dem Weimarer Marstall und dem Landgerichtsgefängnis in einem Waldstück erschossen. Aus drei Bombentrichtern wurden später 142 männliche und 7 weibliche Leichen geborgen. Nach Aktenverbrennungen floh das Personal Richtung Böhmen beziehungsweise Österreich und beging unterwegs weitere Erschießungen.
Wirtschaft, Aufrüstung und Zwangsarbeit
Die Weltwirtschaftskrise hatte Thüringen schwer getroffen: Von 1929 bis 1932 verlor die Industrie 70 % ihres Umsatzes, die Zahl der Industriearbeiter sank um 44 %. Die Zahl der gemeldeten Arbeitssuchenden stieg von 54.661 am 31. Januar 1928 auf 147.223 am 30. Juni 1932. Die Regierung Sauckel förderte Arbeitsdienst, Straßen- und Wohnungsbau, Flussregulierungen und Melioration. Dafür wurde im Dezember 1932 eine Anleihe von 5 Millionen Reichsmark aufgenommen; weitere 3,2 Millionen Reichsmark kamen aus dem Rheinhardtplan. Bis 1935 trug besonders der zivile Wohnungsbau die Erholung.
Danach folgte die Ausrichtung auf Autarkie und Rüstung. Die 1936 in Schwarza aufgebaute Thüringische Zellwolle AG sollte Baumwolle durch Zellwolle ersetzen. Die Thüringer Rohstoff AG erforschte und nutzte Bodenschätze des Thüringer Waldes, selbst wenn der Abbau unwirtschaftlich war. Nach Kriegsbeginn am 1. September 1939 verschärften Einberufungen den Arbeitskräftemangel. Arbeitszeiten wurden erhöht, doch die Umstellung auf Rüstung verlief zunächst langsam. Mit Albert Speers Ernennung zum Reichsminister für Bewaffnung und Munition am 15. Februar 1942 begann die totale Kriegswirtschaft. Sauckel wurde am 21. März 1942 Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz und organisierte die Verschleppung von Millionen Menschen zur Zwangsarbeit.
Thüringen wurde zu einem wichtigen Rüstungsstandort. Haenel baute in Suhl das Sturmgewehr 44, Walther fertigte in Zella-Mehlis PP, PPK und P38. Bei Kahla wurden unterirdisch Messerschmitt Me 262 produziert, in Friedrichroda begann die Vorserienfertigung des Horten H IX. Im Kohnstein bei Nordhausen entstanden unter katastrophalen Bedingungen Produktionsanlagen für die V2. Bei ihrer Herstellung in den Stollen starben mehr Menschen als beim militärischen Einsatz der Rakete.
Im Mai 1944 waren im Gauarbeitsamtsbezirk Thüringen offiziell 185.479 ausländische Arbeitskräfte registriert, darunter 112.519 Männer, 72.960 Frauen und 86.806 sogenannte Ostarbeiter. Historische Schätzungen gehen für Thüringen und den preußischen Regierungsbezirk Erfurt von insgesamt 500.000 Zwangsarbeitern aus; die Abweichung hängt unter anderem mit nicht vollständig erfasster Arbeit in kleinen Landwirtschaftsbetrieben zusammen. Private und besonders sexuelle Beziehungen zu polnischen Arbeitern wurden brutal verfolgt: Dem Arbeiter drohte die Todesstrafe, deutschen Frauen öffentliche Demütigung und KZ-Haft. Ab November 1944 mussten Zwangsarbeiter im Jonastal beim Bau der unterirdischen Anlage S III arbeiten, die vermutlich als neues Führerhauptquartier vorgesehen war, aber unvollendet blieb.
Kriegsschäden und Ende der Herrschaft
Alliierte Bombenangriffe zerstörten besonders Nordhausen, Jena, Gera und Sondershausen; insgesamt blieben die Schäden in Thüringen jedoch geringer als in vielen anderen Teilen des Deutschen Reiches. In den letzten Kriegstagen wurde Creuzburg bei den Kämpfen um die Werralinie stark zerstört. Die Schlacht bei Struth am 7. April 1945 war die schwerste Kampfhandlung des Zweiten Weltkriegs auf thüringischem Boden.
Als die Front im März 1945 Berlin bedrohte, wurden zahlreiche Kulturgüter und staatliche Bestände im Schacht Bernterode eingelagert. Dazu gehörten die Särge Paul von Hindenburgs und seiner Frau sowie der preußischen Könige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II., Fahnen und Standarten des deutschen Heeres von 1914–1918, Akten, die Bibliothek von Sanssouci, die preußischen Kronjuwelen, Porzellan und 271 Gemälde. Mit dem Vormarsch der 3. US-Armee unter George S. Patton und der Besetzung Thüringens im April und Mai 1945 brach die nationalsozialistische Herrschaft im Land zusammen.