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Tempel-Moschee-Kontroverse von Ayodhya
Gläubigen Hindus gilt der Ort als Geburtsort des Gottkönigs Rama. Im Jahr 1527 war dort durch muslimische Eroberer eine Moschee, die Babri-Moschee, erbaut …
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Kern des Konflikts
Die Tempel-Moschee-Kontroverse von Ayodhya ist ein jahrzehntelanger Streit zwischen Hindus und Muslimen um ein Baugrundstück in Ayodhya im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Für gläubige Hindus gilt der Ort als Geburtsort des Gottes Rama, eines Avatars des Gottes Vishnu. 1527 ließ der Mogul-Feldherr Mir Baqi dort die Babri-Moschee errichten; nach hinduistischer Überlieferung wurde dafür ein früherer Rama-Tempel zerstört.
Ein weltweiter Höhepunkt des Konflikts war die Zerstörung der Babri-Moschee am 6. Dezember 1992 durch mehrere Hunderttausend Hindu-Pilger, sogenannte kar sevaks („Freiwillige“). Am 9. November 2019 entschied der Oberste Gerichtshof Indiens den Besitzstreit zugunsten der Hindus. Ab August 2020 wurde auf dem Gelände der Ram-Mandir-Tempel gebaut, den Premierminister Narendra Modi am 22. Januar 2024 feierlich einweihte.
Religiöser und gesellschaftlicher Hintergrund
Ayodhya hat im Hinduismus eine besondere Bedeutung, weil Rama nach der Überlieferung dort geboren wurde und lange als König geherrscht haben soll. Rama Navami, der Tag seiner Geburt, ist ein wichtiger hinduistischer Festtag am 9. Tag des Monats Chaitra, also nach westlichem Kalender in der zweiten Märzhälfte oder ersten Aprilhälfte. Die Frage, ob an der Stelle der späteren Moschee tatsächlich ein früherer Ram-Janmabhumi-Tempel stand, blieb historisch und archäologisch umstritten.
Der Konflikt steht auch im größeren Zusammenhang des Verhältnisses zwischen Hindus und Muslimen in Indien. 1947 wurde Britisch-Indien in das mehrheitlich muslimische Pakistan und das mehrheitlich hinduistische Indien geteilt. Dabei kam es zu Gewalt, Millionen Flüchtlingen und geschätzt mehr als einer Million Todesopfern. Indien blieb offiziell säkular, also religionsneutral. Nach dem Zensus 2011 waren knapp 15 % der indischen Bevölkerung, mehr als 180 Millionen Menschen, Muslime. Muslime hatten Zugang zu hohen Staatsämtern, gehörten aber überdurchschnittlich häufig zu sozial schlechter gestellten Gruppen.
Von den Anfängen bis zur Eskalation
Auseinandersetzungen um Ayodhya sind schon aus der Zeit Britisch-Indiens bekannt. 1859 ließ die britische Kolonialverwaltung eine Absperrung errichten: Die eigentliche Moschee sollte Muslimen vorbehalten bleiben, während umliegendes Gelände für hinduistische Zeremonien genutzt wurde. 1946 begann die hindu-nationalistische Akhil Bharatiya Hindu Mahasabha eine lokale Kampagne um Besitzrechte. Am 22. Dezember 1949 brachten Hindu-Aktivisten Bilder und Statuen Ramas in die Babri-Moschee. Die Moschee wurde danach polizeilich geschlossen, die Bilder blieben jedoch im Inneren. Damit wurde die Moschee faktisch zu einem umstrittenen religiösen Ort für Hindus.
Ab 1984 führte der Vishva Hindu Parishad (VHP), der „Welt-Hindu-Rat“, eine Kampagne für die Beseitigung der Moschee und den Bau eines Rama-Tempels. Unterstützt wurde dies von der Bharatiya Janata Party (BJP). 1986 erlaubte ein Distriktrichter die Wiederöffnung der seit 1949 geschlossenen Moschee für Hindus. Ab 1989 verstärkte der VHP seine Aktionen, unter anderem mit Prozessionen von Ram-shila-Ziegelsteinen. 1990 organisierte BJP-Führer Lal Krishna Advani die Ram Rath Yatra, eine politisch aufgeladene Pilgerfahrt von Somnath nach Ayodhya. Vor Ayodhya wurden am 30. Oktober 1990 bei Polizeieinsätzen 12 kar sevaks getötet und mehrere Hundert verletzt. Nach der Wahl 1991 wurde die BJP zur stärksten Oppositionspartei im indischen Parlament und gewann in Uttar Pradesh 221 von 425 Wahlkreisen.
Zerstörung und Folgen
Am 6. Dezember 1992 organisierten VHP und BJP in Ayodhya eine Massenkundgebung, bei der symbolisch der Grundstein für einen neuen Tempel gelegt werden sollte. Die Organisatoren hatten zugesagt, dass die Babri-Moschee unangetastet bleibe. Etwa 150.000 kar sevaks versammelten sich. Einige durchbrachen die Polizeisperren, weitere folgten, und die Moschee wurde mit Vorschlaghämmern, improvisierten Werkzeugen und bloßen Händen zerstört. Nach einigen Stunden blieb nur ein Steinhaufen übrig. Vier kar sevaks starben durch herabfallende Steine und Mauerwerk, mehr als 100 wurden verletzt.
Die Zerstörung löste in Indien und international starke Reaktionen aus. In Pakistan und Bangladesch kam es zu Ausschreitungen gegen hinduistische Minderheiten. In Indien wurden BJP-geführte Regionalregierungen in Uttar Pradesh, Rajasthan, Madhya Pradesh und Himachal Pradesh suspendiert und die Bundesstaaten unter President’s rule gestellt, also direkte Kontrolle der Zentralregierung. Landesweite Unruhen forderten mehr als 2.000 Todesopfer unter Muslimen und Hindus. Besonders schwer betroffen war Bombay, wo am 12. März 1993 koordinierte Autobombenanschläge mehr als 250 Unbeteiligte töteten.
Untersuchungen und Gerichtsverfahren
Die indische Regierung setzte am 16. Dezember 1992 die Liberhan-Kommission unter Richter Manmohan Singh Liberhan ein. Sie sollte die Ereignisse untersuchen und brauchte statt der geplanten drei Monate 17 Jahre. Der mehr als 900 Seiten umfassende Bericht wurde am 30. Juni 2009 vorgelegt. Liberhan kam zu dem Schluss, die Ereignisse vom 6. Dezember 1992 seien nicht zufällig, sondern durch RSS, VHP und verbundene Gruppen geplant und inszeniert worden. Er kritisierte außerdem die Zentralregierung Rao und die BJP-Regierung von Uttar Pradesh unter Kalyan Singh. Das CBI erklärte 2011, der Bericht liefere keine neuen Hinweise für neue Anklagen.
Archäologisch wurde Ayodhya mehrfach untersucht. Die Archaeological Survey of India führte 1969–70, 1976–77 und 1979–80 Ausgrabungen durch und veröffentlichte am 25. August 2003 einen Bericht, nach dem es Hinweise auf Überreste eines ausgedehnten Hindu-Tempels aus dem 10. Jahrhundert gebe. Diese Schlussfolgerungen wurden von verschiedenen Historikern als nicht zwingend oder nicht korrekt kritisiert.
Strafrechtlich ermittelte das CBI nach 1992 gegen 49 Personen, darunter L. K. Advani, Kalyan Singh und Murli Manohar Joshi. Verfahren wurden lange durch formale Gründe verzögert. 2017 ordnete der Supreme Court die Wiederaufnahme eines Strafverfahrens wegen „krimineller Verschwörung“ gegen führende BJP-Politiker an. Am 30. September 2020 sprach ein CBI-Sondergericht alle 32 persönlich Angeklagten frei.
Besitzurteile und Tempelbau
Am 30. September 2010 entschied der Allahabad High Court über die 220 m² des umstrittenen Geländes. Es sollte in drei gleich große Teile geteilt werden: die Stelle mit dem Rama-Bildnis an die Hindus, ein Drittel an den sunnitischen Waqf-Rat und ein Drittel an die hinduistische Gruppe Nirmohi Akhara. Alle Streitparteien waren enttäuscht und legten Berufung ein. Am 9. Mai 2011 suspendierte der Supreme Court dieses Urteil als „eigenartig und überraschend“, weil keine Partei eine Teilung des Landes gewünscht hatte.
Am 9. November 2019 entschied der Oberste Gerichtshof endgültig über den Besitz des Areals. Er verurteilte die Zerstörung der Moschee von 1992 als ungesetzlich, sprach das Gelände aber vollständig den Hindus zu. Zur Begründung verwies er auf archäologische Untersuchungen, nach denen unter der Moschee zuvor ein „nicht-islamisches“ Gebäude gestanden habe. Zugleich verpflichtete das Gericht die Zentralregierung, dem muslimischen Waqf-Rat binnen drei Monaten ein anderes Gelände gleicher Größe für den Bau einer Moschee bereitzustellen.
Am 5. August 2020 legte Premierminister Narendra Modi symbolisch einen silbernen Grundstein am Ort des Allerheiligsten des neuen Ram-Mandir-Tempels. Wegen der COVID-19-Pandemie fand die Zeremonie in kleinerem Rahmen statt. Am 22. Januar 2024 weihte Modi den Tempel feierlich ein. Die BJP hatte den Wiederaufbau des Ram Mandir lange unterstützt; nach dem Urteil von 2019 intensivierten sich die Anstrengungen, weil die BJP sowohl die indische Zentralregierung als auch die Regierung von Uttar Pradesh stellte.