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Hindutempel
Im Hinduismus repräsentiert der Tempel (mandir) den Kosmos schlechthin. Im Tempel berühren sich die Welt der Götter und die Welt der Menschen. Im Gegensatz zum …
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Bedeutung des Hindutempels
Ein Hindutempel, Sanskrit mandira („Haus [einer Gottheit]“), ist ein Sakralbau der Anhänger des Hinduismus und gewöhnlich religiösen und spirituellen Handlungen vorbehalten. Im Hinduismus repräsentiert der Tempel den Kosmos: In ihm berühren sich die Welt der Götter und die Welt der Menschen.
Der Besuch eines Tempels ist im Unterschied zu häuslichen Riten nicht verpflichtend. Deshalb können auch fromme Hindus nie oder nur selten einen Tempel besuchen.
Verbreitung und geschichtliche Entwicklung
Mittelalterliche Hindutempel und ihre Ruinen sind über ganz Indien verteilt. Aus einigen meist waldreichen Stammesgebieten sind keine Steinbauten bekannt. Unklar ist, ob dort hölzerne Schreine für hinduistische Gottheiten bestanden oder Naturgottheiten wie Flüsse, Berge, Bäume und Schlangen verehrt wurden. Viele Tempel liegen in Städten oder größeren Orten; abgelegene Anlagen wie Tigawa, Nachna und Eran können auf regionale Pilgerzentren oder Wallfahrtsstätten hinweisen. Anders als Jain-Tempel befinden sich Hindutempel regelmäßig im flachen Land, also auf Höhe der Menschen und in ihrem Umfeld.
Die frühesten bekannten Hindutempel sind Felsentempel aus dem 4.–8. Jahrhundert, etwa in Udayagiri, Ellora, Elephanta, Vijayawada und Mandagapattu. Um 400 n. Chr. begann man in Teilen des indischen Subkontinents mit freistehenden Steintempeln, beispielsweise in Tigawa, Talagunda, Nachna und Deogarh. Ihren Höhepunkt fanden diese Bauten in Kanchipuram, Khajuraho und Madurai. Der Gupta-Tempel in Tigawa entstand um 420 und besitzt keine Dachaufbauten; der Dashavatara-Tempel in Deogarh entstand um 550 und gilt als ältester Freibautempel Indiens mit Dachaufbauten.
In islamischer Zeit, vom 11. bis zum 17. Jahrhundert, wurden in Nordindien zahlreiche Tempel zerstört, etwa in Martand, Gyaraspur und Eran. Neubauten entstanden damals fast nicht. Erst im 18. und 19. Jahrhundert, während des Niedergangs des Mogulreiches und der allmählichen britischen Machtübernahme, wurden wieder zunehmend Tempel gebaut.
Stiftung, Priester und Ritual
Tempel zu stiften gilt als religiös verdienstvolle Handlung. Große und besonders schöne Tempel Indiens und Ostasiens sind meist herrschaftliche Bauten. Kaufleute und Landbesitzer gründeten jedoch ebenfalls Tempel und begünstigten Dichter, Tänzer und Sanskritgelehrte. Neben großen Tempelkomplexen und Pilgerzentren wie Tirumala Tirupati gibt es Millionen einfacher Dorftempel. Dort verrichten weniger gebildete Dorf-Brahmanen ihren Dienst; außerdem finden sich vielerorts einfache Schreine ohne Brahmanen, die offenbar teilweise an alte Baumheiligtümer anknüpfen.
In Tempeln dienen Brahmanen-Priester verschiedener Ränge. In großen Heiligtümern übernehmen Assistenten des Hauptpriesters, oft Personen geringen Ansehens, meist die technischen Handlungen. Veda-kundige Priester führen Bade- und Feuerzeremonien aus. Andere Priester rezitieren Texte; weitere, nicht zwingend brahmanische Helfer waschen und salben Kultbilder oder Lingams. Ein Lingam ist ein Kultobjekt im Tempel.
Durch das Ritual wird die Gottheit präsent. Sein Kern ist die Puja, die rituelle Verehrung der Gottheit. Predigten wie im Christentum oder Islam gehören nicht zum Tempelritual. Religiöse Vorträge finden außerhalb des Haupttempels statt, oft in Ashrams. Der Zugang von Unberührbaren beziehungsweise Kastenlosen zu Tempeln hat sich im modernen Indien verbessert.
Aufbau und Symbolik
Hindu- und Jain-Tempel waren, abgesehen von frühen buddhistischen Klöstern und wenigen mittelalterlichen Festungen, die einzigen Steinbauten des indischen Kulturraums. Freistehende Tempel bestehen meist aus exakt behauenen Hausteinen unterschiedlicher Größe. Die Steine wurden selten mit Mörtel verbunden, sondern gewöhnlich fugenlos angepasst; Bruch-, Feld- und Kieselsteine fehlen. Nur einige nordindische Tempel, etwa in Bhitargaon und Sirpur, sowie Bauten im steinlosen Schwemmland Bengalens bestehen aus Ziegeln. Die ausgefeilte Steinbearbeitung hängt wahrscheinlich mit der langen Erfahrung beim Bau von Felsentempeln zusammen.
Tempel sind regelmäßig in Ost-West-Richtung ausgerichtet; die Eingangsseite liegt meist, aber nicht immer, im Osten. Ihr Bauplan folgt nach Vastu Vidya, einer in altindischen Sanskrittexten begründeten Architekturlehre, einem geometrischen Mandala. Die Grundrisse können konzentrische Raster bilden, zum Beispiel das 9×9-Raster der Parama-Sayika-Anordnung oder das 8×8-Raster des Manduka-Tempels nach dem Vastupurusa-Mandala. Beim 9×9-Raster stehen die äußeren paisachika padas für mit Bösem verbundene Aspekte der asuras, die inneren Devika padas für Devas und das Gute; dazwischen liegen Manusha Padas für das menschliche Leben. Diese Schichten umgeben die Brahma padas als kreative Energie. In deren Zentrum liegt das garbhagriha. Beim 8×8-Raster stellt das helle safranfarbene Zentrum den Purusha dar. Das 64-teilige Raster gilt als häufigste und heiligste Baustruktur. Die Bedeutungen solcher Ordnungen sind jedoch vielfach theoretische Spekulation, weil sie sich an den Bauwerken selbst nicht verifizieren lassen.
Das garbhagriha, wörtlich „Schoßhaus“, ist die dunkle, nur durch die Tür beleuchtete Cella, also der heiligste Innenraum. Es enthält Kultbild oder Lingam und darf nur von Brahmanen betreten werden. Gläubige bleiben in Vorräumen, den mandapas oder antaralas. Schon Bauten des 5. und 6. Jahrhunderts standen auf einer Plattform, der jagati, die während des Monsuns und gegen freilaufende Tiere schützen sollte.
Türme, Schmuck und Tempel außerhalb Asiens
Über dem garbhagriha steht bei späteren Tempeln der Turm als Abbild des mythischen Weltenberges Meru und damit als Mittelpunkt des Universums. Ältere Tempel wie Tigawa, Kunda, Bhumara, Aihole und Talagunda haben noch keinen Turm. In Nordindien heißt er shikhara und endete im Mittelalter meist mit einem scheibenförmigen, gerippten Abschlussstein, dem amalaka. Der südindische vimana ist horizontal gestuft, insgesamt deutlich weniger steil und endet regelmäßig mit einer „Schirmkuppel“. Im Norden waren Türme im 6. und 7. Jahrhundert bereits Standard, etwa in Naresar; im Süden setzte sich dies später durch, beispielsweise in Kanchipuram und Mamallapuram. Der Kailasanatha-Tempel in Ellora aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts ist der nördlichste Tempel südindischen Typs.
Figuren und Dekorelemente früher sowie hochmittelalterlicher Tempel waren vermutlich farbig gefasst. Die Cella ist insgesamt eher schmucklos; sie konnte neben dem Kultbild oder Lingam eine Deckenrosette als geöffnete Lotosblume tragen, ein Symbol für Reinheit und/oder Erleuchtung. An den zunehmend gegliederten Außenseiten entstanden Friese, Gesimse, Pilaster sowie Figuren- und Bildreliefs. Daraus entwickelten sich später nahezu freiplastische Figuren und Szenen, etwa am Dashavatara-Tempel in Deogarh, am Lingaraja-Tempel und am Kandariya-Mahadeva-Tempel in Khajuraho.
Der größte Hindutempel Europas liegt in London: der Neasden-Tempel im nordindischen Stil. Der zweitgrößte ist der Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel in Hamm im südindischen Stil. Seit 2023 ist der Swaminarayan Akshardham in New Jersey der größte Hindutempel außerhalb Asiens und der zweitgrößte Hindutempel der Welt.