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Tadzio Müller
Tadzio Müller (* 1976 in Frankfurt am Main) ist ein deutscher Politologe und Aktivist für Klimagerechtigkeit und queere Anliegen. Müller ist einer der …
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Profil und Bedeutung
Tadzio Müller (* 1976 in Frankfurt am Main) ist ein deutscher Politologe und Aktivist für Klimagerechtigkeit und queere Anliegen. Er gehört zu den Mitgründern von Ende Gelände und verbindet in seiner politischen Arbeit Klima-, Kapitalismus- und Globalisierungskritik mit Themen der LGBT-Bewegung.
Seit 2022 tritt Müller besonders als deutschsprachiges Sprachrohr einer „Klimakollapsbewegung“ auf. Damit ist eine Strömung der Klimabewegung gemeint, die davon ausgeht, dass es mittlerweile zu spät für wirksamen Klimaschutz sei und der Zusammenbruch von Gesellschaften infolge der Klimakrise unvermeidlich werde.
Ausbildung
Müller begann 1996 an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg ein Studium der Geschichte und Politikwissenschaften. Von 1998 bis 2000 setzte er seine politikwissenschaftliche Ausbildung an der University of Massachusetts Boston fort.
Von 2001 bis 2002 studierte er Globale Politische Ökonomie an der University of Sussex. Dort promovierte er 2007 in Internationalen Beziehungen mit einer Arbeit über alternative Wertesysteme in der europäischen antikapitalistischen Bewegung.
Wissenschaft und berufliche Arbeit
2008 war Müller über zwei Semester Dozent an der Universität Kassel. Außerdem arbeitete er als kollaborierender Wissenschaftler des UN-Forschungsinstituts für soziale Entwicklung (UNRISD) und war Ko-Herausgeber des Journals Turbulence.
Bis 2021 war er als Referent für Klimagerechtigkeit und internationale Politik am Zentrum für Internationalen Dialog und Zusammenarbeit der Rosa-Luxemburg-Stiftung tätig. Zugleich schrieb er die Klimakolumne der Tageszeitung nd. Seit Anfang 2022 betreibt er den Blog Friedliche Sabotage und arbeitet als freiberuflicher Autor. Seit November 2022 veröffentlicht er werktags ergänzend das Vlog #KlimaUm9, das an KLIMA° vor acht angelehnt ist.
Aktivismus und Bewegungen
Müller beteiligte sich unter anderem an Gegenprotesten zur WTO-Ministerkonferenz in Seattle 1999, zum gemeinsamen IMF- und Weltbankgipfel in Prag 2000 sowie zum G8-Gipfel in Heiligendamm 2007. Seit den 2000er Jahren ist er in der Umwelt- und Klimabewegung aktiv.
Während seines Promotionsstudiums nahm er an Klimacamps in England teil und half anschließend, dieses Konzept in Deutschland zu etablieren. 2007 und 2008 organisierte er die beiden ersten deutschen Klimacamps in Hamburg mit und war deren Sprecher.
Um 2010 war Müller maßgeblich an Protesten gegen Atommülltransporte in Deutschland beteiligt. Er gehörte zu den Organisatoren der Aktion „Castor? Schottern!“. Bei Protesten gegen die UN-Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 war er Sprecher des Klimabündnisses Climate Justice Action und wurde vorübergehend festgenommen.
2015 war Müller an der Begründung der ersten Protestaktionen von Ende Gelände beteiligt. Ende Gelände und die Proteste rund um den Hambacher Forst betrachtet er als Vorreiter der Fridays-for-Future-Bewegung in Deutschland. 2023 beteiligte er sich an der Besetzung gegen den Abriss von Lützerath. Seit 2019 setzt er sich, teils unter dem Slogan Faggots for Future, für eine Solidarisierung der LGBT-Bewegung mit der Klimabewegung ein.
Politische Positionen und zentrale Begriffe
Müllers Arbeit richtet sich gegen Wirtschaftswachstum, Globalisierung und die Nutzung von Kohle. Nach eigener Aussage entwickelte er die sogenannte Fünf-Finger-Taktik mit. Gemeinsam mit Stephan Kaufmann prägte er 2009 den Begriff „Grüner Kapitalismus“.
Müller erklärt, dass notwendige systemische Veränderungen nicht nur durch finanzielle Interessen verhindert würden. Auch die Möglichkeit, bevorstehende Klimafolgen im Alltag zu verdrängen, spiele eine Rolle. Das Festhalten an der theoretischen Durchführbarkeit von Klimaschutzmaßnahmen – von ihm als „Hopium“ bezeichnet – könne zusammen mit einem gleichzeitig unterdrückten und weitgehend unausgesprochenen Defätismus wirken. Dieser Defätismus werde durch weiter steigende CO₂-Emissionen und die andauernde Förderung fossiler Energien verstärkt.
Nach Müllers Darstellung verhindere diese Situation die gesellschaftliche Akzeptanz der Klimabewegung. Die entstehende kognitive Dissonanz, also der Widerspruch zwischen verschiedenen Überzeugungen und der wahrgenommenen Realität, würden viele Menschen durch eine Abkehr von humanistischen Werten auflösen. Müller bezeichnet diesen Vorgang als „Arschlochisierung“. Sie richte sich vor allem auf den Erhalt von Privilegien und Wohlstand und könne Menschen für protofaschistische Politik empfänglich machen.
Rezeption, Privates und Veröffentlichungen
2023 bezeichnete Florian Schroeder Müller als „führenden Klimaaktivisten“; Theresa Leisgang und Raphael Thelen nannten ihn ein „Urgestein der deutschen Klimabewegung“. Alexander Wendt beschrieb ihn dagegen abwertend als „Protest-Entertainer“ und „BDSMRAF-Antikapitalismusprediger aus Neukölln“. Stefan Goertz, Professor für Sicherheitspolitik an der Hochschule des Bundes, sieht bei Müller eine extremistische Grundhaltung.
Besonders kontrovers war ein Spiegel-Interview von 2021. Müller sagte darin, eine gesellschaftliche Verhinderung von Klimaschutz werde zur Schaffung einer „grünen RAF“ führen. Die Aussage wurde in zahlreichen Medien diskutiert. Später bezeichnete Müller die Formulierung als Fehler und erklärte, er habe ein mögliches Szenario zunehmender Militan zität des Protests aufzeigen, aber keine Gewalt gegen Personen gutheißen wollen.
Auch Müllers Thesen zur Kollapsverdrängung stoßen auf Widerspruch von Klimaforschern wie Mojib Latif und Stefan Rahmstorf. Kritiker werfen ihm teilweise eine Nähe zu apokalyptischen Diskursen der Klimawandelleugnung und zu politisch oder ökonomisch motivierten Verzögerungstaktiken („Climate Delay“) vor. Seine Ansicht, Prepping und gegenseitige Hilfe unterschieden „kollapsbewusstes“ Klimaengagement von Leugnung und Resignation, überzeugt diese Kritiker nicht; sie befürchten, apokalyptische Vorstellungen könnten exklusiv-identitäre Schein-„Solidarität“ fördern.
Müller ist verheiratet. 2021 wurde Chemsex am Beispiel seiner Partnerschaft im Y-Kollektiv porträtiert. 2023 führte er ein öffentliches Streitgespräch mit seinem Vater Werner Müller, einem ehemaligen Wirtschaftsanwalt bei Baker McKenzie. Nach eigenen Angaben litt Müller um 2022 an einer Klimadepression. Er thematisiert öffentlich seine Zwangsneurose und sein ADHS. Am Welt-AIDS-Tag 2016 gab er seine HIV-Erkrankung bekannt. Beim Ausbruch der Affenpocken 2022 warnte er vor einer möglichen Stigmatisierung homosexueller Menschen und einer Verschleierung der eigentlichen Übertragungsdynamiken.
Zu seinen Veröffentlichungen gehören die Monographie Zwischen friedlicher Sabotage und Kollaps. Wie ich lernte, die Zukunft wieder zu lieben von 2024, die Übersetzung Sexualität. Ein illustrierter Leitfaden von Meg-John Barker und Jules Scheele aus dem Jahr 2022 sowie das mit Stephan Kaufmann verfasste Buch Grüner Kapitalismus. Krise, Klimawandel und kein Ende des Wachstums von 2009. Weitere Beiträge erschienen unter anderem zu anarchistischer Strategie, Protest, globalem Klimaschutz, der „Green Economy“, der Klimakonferenz in Cochabamba sowie zu Klimakommunikation und Klimadebatten zwischen Apokalyptik und Realismus. In Friedrich von Borries’ Roman Fest der Folgenlosigkeit wird Müller namentlich erwähnt; die Figur Marcus Heller in Theresa Hannigs Climate-Fiction-Roman Parts per Million ist ihm entlehnt. Seit 2023 verklagt Friedrich Merz Müller laut Artikel mehrfach per Sammelantrag wegen Beleidigungen.