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Klimagerechtigkeit
Globale Klimagerechtigkeit soll dafür sorgen, dass die heute ungleiche Verteilung der Folgen der globalen Erwärmung unter Berücksichtigung des …
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Grundidee und Bedeutung
Klimagerechtigkeit, englisch Climate Justice, ist ein normatives Konzept und Teil der Umweltgerechtigkeit. Es betrachtet den gegenwärtigen menschengemachten Klimawandel nicht nur als Umwelt- oder Technikproblem, sondern als ethisches und politisches Problem. Im Mittelpunkt steht die Frage, wer den Klimawandel verursacht, wer unter seinen Folgen leidet und wie Lasten, Kosten, Schutzmaßnahmen und Entscheidungsmacht gerecht verteilt werden können.
Klimagerechtigkeit hat mehrere Ebenen: global zwischen Staaten und Weltregionen, zwischen heutigen und künftigen Generationen sowie innerhalb einzelner Gesellschaften. Global geht es vor allem darum, dass viele Bevölkerungsgruppen im globalen Süden wenig zum Ausstoß von Treibhausgasen beigetragen haben, aber häufig besonders stark und ungeschützt von den Folgen der globalen Erwärmung betroffen sind. Deshalb wird das Verursacherprinzip wichtig: Wer mehr zur Entstehung eines Schadens beiträgt, soll auch stärker Verantwortung für dessen Begrenzung und Ausgleich übernehmen.
Auf gesellschaftlicher Ebene geht es um unterschiedliche Lebensbedingungen. Menschen haben nicht alle dieselben Möglichkeiten, klimafreundlich zu leben oder sich vor Klimafolgen zu schützen. Eine CO2-Bepreisung kann zum Beispiel ärmere Haushalte stärker belasten; als Ausgleich wird unter anderem ein CO2-Preis mit Klimaprämie genannt. Die Klimagerechtigkeitsbewegung sieht den Klimawandel als Folge sozialer Ungleichheit und eines globalen Wirtschaftssystems, das dauerndes Wachstum als notwendig betrachtet. Ein wichtiges Konzept ist MAPA, also Most Affected People and Areas: besonders betroffene Menschen und Gebiete. Dazu werden unter anderem Frauen, BIPOC, junge, ältere und ärmere Menschen gezählt. Bewegungen wie Fridays for Future, Ende Gelände und Extinction Rebellion machten diese Verbindung von Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit stärker sichtbar.
Verteilung von Emissionen und Verantwortung
Ein zentraler Ansatz hinter Klimagerechtigkeit ist die Idee der Kontraktion und Konvergenz, die 1995 vom Global Commons Institute entwickelt wurde. Dabei soll der gesamte Ausstoß von Treibhausgasen sinken, während sich die Emissionsrechte langfristig angleichen. Im deutschsprachigen Raum wurde das Thema 2007 breiter bekannt, als Angela Merkel den verwandten Begriff der „Kohlenstoffgerechtigkeit“ als möglichen Grundpfeiler einer weltweiten Klimaschutzpolitik bezeichnete. Auch die Forderung der Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai nach einem gerechten Ausgleich zwischen reichen und armen Ländern spielte dabei eine Rolle.
Unter der Annahme einer globalen Obergrenze von CO2-Emissionen, also eines CO2-Budgets, könnte eine gerechte Lösung darin bestehen, Emissionsrechte gleichmäßig auf alle Menschen oder nach Bevölkerungszahl auf Staaten zu verteilen. Andere Ansätze wollen weniger wohlhabenden Menschen einen größeren Anteil zugestehen, weil sie stärker vom Klimawandel betroffen sind. Umstritten ist, ob bestehende Wohlstandsverteilung bei der Verteilung von CO2-Emissionsrechten berücksichtigt werden soll. Ebenfalls umstritten ist, wie stark historische Emissionen der Industrieländer zählen sollen. Eine klimagerechte Emissionspolitik würde vielen Entwicklungsländern theoretisch erlauben, ihren Ausstoß zunächst deutlich zu steigern; für industrialisierte Hauptverursacher könnte sie dagegen eine Reduktion um bis zu 95 Prozent bedeuten.
In der Wissenschaft werden drei Dimensionen von Klimagerechtigkeit unterschieden. Verteilungsgerechtigkeit fragt, wie Ressourcen, Risiken und Kosten verteilt sind. Wiedergutmachende Gerechtigkeit fragt nach den Folgen der Klimakrise und danach, ob besonders vulnerable Regionen und Gruppen geschützt werden. Prozedurale Gerechtigkeit meint faire Teilhabe an klimapolitischen Entscheidungen, besonders für stark betroffene Bevölkerungsgruppen. Eine Studie aus dem Jahr 2024 zeigte, dass zwei Drittel der Befragten aus 11 Ländern noch nie von Klimagerechtigkeit gehört hatten, obwohl entsprechende Gerechtigkeitsüberzeugungen weit verbreitet waren. Diese Überzeugungen standen positiv mit Klimaschutzengagement und Unterstützung für politische Instrumente wie Verbote und Abgaben in Zusammenhang.
Gesundheitliche Ungleichheit in Deutschland
Klimagerechtigkeit hat auch eine gesundheitsbezogene Seite. Die gesundheitlichen Folgen der globalen Erwärmung sind innerhalb Deutschlands sozial ungleich verteilt. Dabei werden drei Arten von Ungleichheit unterschieden: Exposition, also wie stark Menschen Klimafolgen ausgesetzt sind; Empfindlichkeit, also wie verletzlich sie gegenüber Belastungen sind; und Anpassungskapazität, also wie gut sie sich schützen oder ihre Lebensbedingungen anpassen können.
Menschen mit niedrigerer sozioökonomischer Position haben oft ein höheres Risiko für hitzebedingte Morbidität und Mortalität, also Erkrankung und Tod durch Hitze. Sie leben häufiger in dicht bebauten und stark versiegelten Wohnanlagen, haben weniger Zugang zu Grünflächen und sind stärker durch Luftschadstoffe belastet. Außerdem sind sie gesundheitlich häufiger vorbelastet und haben seltener die finanziellen Mittel, ihre Wohnung durch Wärmedämmung, Beschattung, zum Beispiel durch Bäume, oder Kühlung anzupassen. Gerade in innerstädtischen Gebieten mit hoher Umweltbelastung und sozialen Problemlagen wird Klima- und Umweltgerechtigkeit deshalb wichtiger.
Mehrere Ungleichheiten können sich gegenseitig verstärken, etwa Alter, chronische Erkrankung, Behinderung, Arbeit im Freien oder Migrationshintergrund. Hitzewellen gelten in Deutschland als bedeutendstes klimabedingtes Gesundheitsrisiko. In den heißen Sommermonaten 2022 kam es in Deutschland zu über 8.100 Todesfällen. Eine Untersuchung für 2023 kommt zu dem Ergebnis, dass Schutz- und Anpassungsmaßnahmen wirken: Ohne sie wäre die hitzebedingte Sterblichkeit in Europa um etwa 80 % höher gewesen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung berechnete 2007, dass die Kosten im Gesundheitsbereich durch den Klimawandel und notwendige Anpassungsmaßnahmen bis 2050 rund 60 Milliarden Euro betragen werden.
Die Gesundheitsministerkonferenz beschloss 2020, dass Kommunen binnen fünf Jahren Hitzeaktionspläne erstellen sollen. Grundlage waren Handlungsempfehlungen des Bundesumweltministeriums von 2017. Das Robert Koch-Institut kritisiert, dass diese Empfehlungen vor allem körperliche Hitzeempfindlichkeit beachten, soziale Ungleichheiten aber noch nicht systematisch berücksichtigen. Menschen mit Behinderung sind ebenfalls oft besonders betroffen. Sie werden in Evakuierungs- und Notfallkonzepten häufig nicht ausreichend berücksichtigt; bei der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 starben in einer Einrichtung zwölf Menschen mit Behinderung. Da Menschen mit Behinderung überdurchschnittlich häufig von Armut betroffen sind, können sie sich oft schlechter vor Klimafolgen schützen.
Internationale Klimapolitik
Klimagerechtigkeit spielt auch in internationalen Verträgen eine Rolle. Die 1992 verabschiedete Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen nennt als ersten Grundsatz, dass die Vertragsparteien „auf der Grundlage der Gerechtigkeit und entsprechend ihren gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten und ihren jeweiligen Fähigkeiten“ das Klimasystem zum Wohl heutiger und künftiger Generationen schützen sollen. Damit wird anerkannt, dass alle Staaten Verantwortung tragen, aber nicht alle im gleichen Maß verursacht haben oder gleich leistungsfähig sind.
Die entwickelten Länder verpflichteten sich, „gerechte und angemessene Beiträge“ zu leisten. Bei Finanzierungsmechanismen wurde zudem ein Grundsatz prozessualer Gerechtigkeit festgelegt: Sie sollen auf einer gerechten und ausgewogenen Vertretung aller Vertragsparteien mit transparenter Leitungsstruktur beruhen. Das Übereinkommen von Paris nennt in seiner Präambel erstmals ausdrücklich den Begriff „Klimagerechtigkeit“. Es geht dabei um die gerechte Aufteilung der Lasten von Emissionsminderungen und der Folgen der globalen Erwärmung, also um distributive und korrektive Gerechtigkeit. Die Vertragsstaaten erkennen die Bedeutung von Verlusten und Schäden an; konkrete korrektive Maßnahmen enthält das Übereinkommen jedoch nicht. Entwickelte Länder bekräftigen, für Klimaschutz und Anpassung in Entwicklungsländern finanzielle Mittel bereitzustellen.
Vor der UN-Klimakonferenz in Warschau sprach Angela Merkel 2013 beim Petersberger Klimadialog erneut über eine gerechte Vertragslösung. Sie verwies auf das Zwei-Grad-Ziel und erklärte, langfristig dürfe jeder Mensch auf der Erde etwa zwei Tonnen CO2 emittieren. Indien habe eine solche partizipative Politik als gerechten Ansatz akzeptiert. In Europa, den USA und China sei dieser Vorschlag jedoch wenig beliebt, weil sie bereits über zwei Tonnen CO2 pro Kopf liegen. Merkel betonte außerdem die Notwendigkeit von Technologietransfer, damit Länder, die nicht an den Vorteilen der Industrialisierung teilhaben konnten, Wohlstandszuwachs, Klimaschutz und soziale Belange verbinden können.
Verursacher, Generationen und indigene Völker
Der Beitrag zum menschengemachten Klimawandel ist zwischen Menschen und Gruppen sehr ungleich verteilt. Studien zeigen, dass die wohlhabendsten Bürger der Welt für einen großen Teil der Umweltauswirkungen verantwortlich sind. Die reichsten 1 % haben seit etwa einem Vierteljahrhundert doppelt so viel CO2 emittiert wie die finanziell unteren 50 %. Unternehmen, besonders aus dem Bereich fossiler Brennstoffe, werden häufig verantwortlich gemacht. Der Artikel betont aber auch, dass ihr Einfluss mit Konsum, sozioökonomischen Strukturen, fehlenden nachhaltigen Alternativen, mangelnden privaten Investitionen und politischen Entscheidungen zusammenhängt. Manche politische Maßnahmen oder freiwillige private Bemühungen können positive Umweltwirkungen haben, können aber auch als Greenwashing enden oder Klimaziele verfehlen.
Generationengerechtigkeit fragt, ob heutige und frühere Generationen künftigen Generationen faire Lebensbedingungen hinterlassen. Eine Studie schätzt, dass Kinder, die 2020 geboren werden, unter den derzeitigen klimapolitischen Zusagen im Laufe ihres Lebens 2 bis 7 Mal so viele extreme Hitzewellen erleben werden wie Menschen, die 1960 geboren wurden. Das wirft Gerechtigkeitsfragen auf, weil frühere Generationen und bestimmte Gruppen und Einzelpersonen maßgeblich zur heutigen Belastung beigetragen haben.
Indigene Völker sind ein weiterer wichtiger Bereich von Klimagerechtigkeit. Durch traditionelle Landwirtschaft tragen sie weltweit dazu bei, Treibhausgase zu binden; Frauen spielen dabei eine besonders aktive Rolle. Gleichzeitig wurden ihnen historisch oft die notwendigen Ressourcen entzogen, zuerst durch Kolonialisierung, später und heute häufig durch Privatisierung und Übernahme durch Großunternehmen. Entwaldung, umweltschädlicher Rohstoffabbau und Monokulturen bedrohen ihre natürlichen Lebensgrundlagen. Der Klimawandel verschärft dies durch unregelmäßige Regenfälle, Dürreperioden und andere Folgen der globalen Erwärmung. Die rechtliche Kontrolle über angestammte Gebiete zu sichern oder zurückzugeben, kann nachhaltige Landwirtschaft ermöglichen, ökonomische Sicherheit erhöhen und die Anpassung an Klimarisiken stärken. Die Aneignung traditionellen Wissens über Saatgut, Pestizide oder Heilpflanzen durch Chemie- und Saatgutunternehmen wird als Biopiraterie bezeichnet.
Öffentliche Wahrnehmung und Modelle
Klimagerechtigkeit wird in Dokumentarfilmen, wissenschaftlichen Arbeiten und politischen Debatten aufgegriffen. Der 2015 erschienene Film ThuleTuvalu zeigt die Auswirkungen der Erderwärmung auf Menschen in besonders betroffenen Gebieten um Thule in Nordgrönland und auf der Inselgruppe Tuvalu. Er will sichtbar machen, welche Folgen eine Erwärmung um 2 °Celsius haben kann. Der Dokumentarfilm Thank You For The Rain aus dem Jahr 2017 begleitet den kenianischen Bauern Kisilu, der das Leben seiner Familie, seines Dorfes und die Folgen des Klimawandels dokumentiert und später zum Aktivisten wird.
Neuere wissenschaftliche Arbeiten empfehlen, Klimagerechtigkeit in Optimierungsmodelle zur Politikgestaltung einzubeziehen. Eine Studie aus dem Jahr 2023 legt nahe, dass Klimagerechtigkeit zwischen den Ländern der Erde Zahlungen in Höhe von 192 Billionen US-Dollar erfordern würde. Die bis dahin nur unvollständig gezahlten Ausgleichszahlungen internationaler Vereinbarungen lagen bei etwa 100 Milliarden US-Dollar (Stand: 2023). Befürworter solcher Zahlungen stellen dem die erwartbaren Klimafolgekosten gegenüber. In Teilen der Klimaschutzbewegung wird außerdem der Begriff „Just Collapse“ verwendet. Er bezeichnet in Anlehnung an Climate Justice ein Zielbild größtmöglicher sozialer Gerechtigkeit für den Fall eines möglichen zivilisatorischen Zusammenbruchs.
Lernvideos zu Klimagerechtigkeit
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