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Swing (Rhythmus)

Der Swing (englisch für „Schwingen“) ist ein fließender, „schwingender“ Rhythmus, der besonders im Jazz verwendet wird. Diese Rhythmik gehört zu den …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee des Swing
  2. 2. Erklärungen: Spannung, Offbeat und Tempo
  3. 3. Mehrschichtiger Rhythmus und unterschiedliche Arten
  4. 4. Wie der Swing-Eindruck entsteht
  5. 5. Verwandte Gestaltungsmittel
  6. 6. Notation

Grundidee des Swing

Swing (englisch „Schwingen“) ist ein fließender, „schwingender“ Rhythmus. Er gehört zu den wichtigsten Elementen der meisten Jazzgenres, kommt aber gelegentlich auch in anderen Musikarten vor, etwa im Western Swing des Country. Ein wesentlicher Gedanke ist die Spannung zwischen einem gleichmäßigen Grundpuls, dem Beat, und rhythmischen Abweichungen oder Gegenakzenten. Diese Abweichungen lassen die Musik nicht tatsächlich schneller oder langsamer werden: Die Beteiligten bleiben im selben Tempo, erzeugen aber den Eindruck von Zug, Zurückhaltung oder Schwebung.

Erklärungen: Spannung, Offbeat und Tempo

Jan Slawe erklärte Swing 1948 als „rhythmische Konfliktbildung“. Gemeint ist Spannung zwischen Regelmäßigkeit und deren Durchbrechung, zwischen Fundamentalrhythmus und Melodierhythmus, zwischen überlagerten Rhythmen sowie zwischen Sprachton-Akzenten freier Rezitation und dem melodisch bestimmten Rhythmus der Begleitung. Besonders wichtig sind dabei binäre und ternäre Rhythmen sowie Polyrhythmik, also das gleichzeitige Zusammenwirken verschiedener rhythmischer Gliederungen. Slawe bezeichnete das Swing-Erlebnis als sensumotorisch: Es wird körperlich-sinnlich erlebt.

Alfons M. Dauer führte Swing in Untersuchungen von 1958 und 1961 auf afrikanische Musik zurück. Für ihn ist das Verhältnis von Beat und Offbeat zentral. Der Beat ist eine gleichmäßige Folge von Impulsen mit gleichem Abstand, die hörbar sein oder nur gefühlt werden kann. Offbeats sind Betonungen zwischen den Schlägen des Grundpulses, etwa auf der Zählzeit „und“. Wenn der Offbeat aus dem gleichmäßigen Beat hervortritt, entsteht nach Dauer innere Spannung, die nach einem „entspannenden Ausgleich“ verlangt. Er betont außerdem ein mehrschichtiges, in afrikanischer Musik wurzelndes Rhythmusgefühl.

Joe Viera erklärte Swing 1970 zusätzlich als Tempophänomen. Geringfügig verschobene Töne über einem gleichbleibenden Grundrhythmus können Beschleunigungen suggerieren. Solche „Beschleunigungsakzente“ liegen nur wenig, keinesfalls um ein Achtel, vor dem Beat. Deshalb kann auch eine einstimmige Melodielinie swingend wirken, beispielsweise ein Walking Bass. Viera betont, dass die Art des Swingens nach Tempo, einzelnen Musikerinnen und Musikern sowie Jazzstilen variiert und in den verschiedenen Perioden der Jazzgeschichte nicht stets dasselbe bedeutet.

Mehrschichtiger Rhythmus und unterschiedliche Arten

Carlo Bohländer sieht die Voraussetzung für Swing vor allem in der Überlagerung des europäischen Taktperiodenbaus mit einem „afrikanischen Multibeatgefühl“. Dieses entsteht durch Über- oder Unterlagerung des im Jazz vorherrschenden Viertelbeats mit Beat-Gruppierungen höherer Ordnung, etwa Achtel- oder Sechzehntelbeat. Die daraus entstehende unregelmäßige Akzentuierung trifft auf die symmetrische Leicht/Schwer-Ordnung des europäischen Taktsystems. Seine Erklärung wird jedoch wegen ihres musikwissenschaftlichen Eurozentrismus als problematisch bewertet; feine mikrorhythmische Nuancen werden darin nicht ausreichend erfasst.

Ekkehard Jost fasst die Ansätze zusammen: Swing beruht auf Spannung zwischen mindestens zwei rhythmischen Schichten. Nicht alle müssen gleichzeitig hörbar sein; eine Schicht kann auch nur als gefühlter Fundamentalrhythmus oder Beat vorhanden sein. Die Spannung entsteht durch Offbeat-Akzente auf zwei Ebenen: Makro-Offbeats, zum Beispiel „vorgezogene Achtel“, und Mikro-Offbeats, also den Eindruck minimaler Tempoveränderungen. Auch polyrhythmische Überlagerungen, besonders eine ternäre Achtelphrasierung, können beitragen.

Wie diese Mittel wirken, hängt von Artikulation, Akzentuierung und Tempo ab. Ebenso prägen Genre und individuelle Spielweise das Ergebnis: Das Swing-Feeling im Swing unterscheidet sich von dem im Bebop; John Coltrane swingt anders als Sonny Rollins. Daher gibt es nicht einen einzigen Swing, sondern innerhalb dieser Merkmalskonstellationen unendlich viele Arten zu swingen. Keine einzelne Swing-Theorie kann folglich allein richtig sein.

Wie der Swing-Eindruck entsteht

Für den Swing-Eindruck gibt die Rhythmusgruppe einen möglichst exakten Beat vor, zum Beispiel durch pizzicato spielenden Kontrabass, Rhythmusgitarre oder Schlagzeug. Ein Solomusiker kann dagegen durch vorschnelle Synkopen „ziehen“ oder durch verzögerte Synkopen „bremsen“. Synkopen sind Akzente, die vom erwarteten schweren Taktschlag abweichen. Obwohl dadurch ein schnellerer oder langsamerer Rhythmus wahrgenommen werden kann, spielen beide Seiten im gleichen Tempo.

In einem Orchester oder einer Big Band müssen Mitglieder einer Bläsergruppe die notierte Melodie gleichzeitig und präzise spielen. Dann kann vor allem die Rhythmusgruppe Swing erzeugen: meist durch „Bremsen“ mit anticipated bass, seltener durch „Antreiben“. Die Melodiegruppe soll dabei ihren eigenen Rhythmus bewahren und sich nicht dem Taktmuster der Rhythmusgruppe anpassen. Die Überlagerung wird als langgestreckte Schwebung wahrgenommen, vergleichbar mit Binauralen Beats oder dem unrunden Schwung eines Hula-Hoop-Reifens.

Schlagzeuger können mit einer Hand exakt auf dem Beat spielen, also tight oder straight, und mit der anderen laid back, also zurückhaltend als Nachschlag, oder in front, also vorwärts als Vorschlag, akzentuieren. Der Bass kann sich am Schlagzeug orientieren oder umgekehrt. Bei unerfahrenen Solisten, die exakt im Rhythmus spielen, übernehmen im Jazz oft Bass oder Schlagzeug das Bremsen oder Ziehen. Solisten können für kurze Zeit merklich nach dem Beat spielen; dies heißt laid-back. Einige Musikwissenschaftler sahen gerade solche Microtiming Deviations, kleine Timing-Abweichungen zwischen Instrumenten, als Voraussetzung dafür an, dass Jazz swingt.

Als Beispiele nennt der Artikel Django Reinhardt im Gypsy-Jazz mit einem ziehenden Drive gegenüber exakten Rhythmusgitarren, Louis Armstrong bei „Mack The Knife“ mit wechselnden Einsätzen vor und nach dem Beat sowie Vic Dana bei „I Will Wait for You“ mit besonders auffälligen Synkopen gegenüber dem Walking Bass. In „Moonlight Serenade“ des Glenn Miller Orchesters bremst der Kontrabass die exakt taktende Melodiestimme mit zunehmend zögernden Schlägen.

Verwandte Gestaltungsmittel

Ragtime und Boogie-Woogie zeigen ein verwandtes Prinzip: Die linke Hand hält die Begleitung streng im Takt, während die rechte Hand die Melodie synkopisch und zeitverzögert spielt. Für eine einzelne Person ist dieses Zusammenspiel schwieriger, als wenn mehrere Musiker die Aufgaben aufteilen.

In der europäischen klassischen Musik sind Rubato und Agogik vergleichbar. Beim Rubato eilt die Melodie zeitweise vor oder bleibt zurück, während die Begleitung streng im Takt bleibt; beide Stimmen erklingen dann vorübergehend nicht synchron. Bei agogischem Spiel wird das Tempo im Solo oder Sologesang leicht verändert. Zusammen mit Dynamik und Phrasierung können diese Ausdrucksmittel eine Interpretation individuell prägen. Als Beispiele werden Verzögerungen, Dehnungen und Beschleunigungen beim Wiener Walzer durch vornehmlich österreichische Orchester genannt. Marsch und Cancan werden dagegen geordneter und ohne Tempoänderungen gespielt.

Auch Neue Musik, etwa bei Igor Strawinski und besonders in einigen Tangos, verwendet ähnliche Elemente. Das deutlichste historische Vorbild sind die ungleichmäßig auszuführenden „Notes inégales“ der französischen Barockmusik. Dem Swing sehr ähnlich ist der Shuffle: Dort wird die erste Note einer Triolengruppe kurz phrasiert, die letzte lang gespielt und an die nächste Triolengruppe gebunden. In der Mitte der Triolengruppe entsteht dadurch eine kleine Pause.

Notation

Um die Notation zu vereinfachen, steht als Tempoangabe häufig „Swing“ oder „Medium Swing“. Oft zeigt ein grafischer Zusatz, dass zwei Achtelnoten triolisch gespielt werden sollen: Die zweite Achtel wirkt dabei quasi verzögert. Möglich wären auch ein durchgehender 12/8-Takt oder durchgehend notierte Triolen im Viervierteltakt, doch beides ist in der Praxis unüblich. Abschnitte mit gleichmäßig aufgeteilten Achteln werden normalerweise mit „straight“ bezeichnet.

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