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Jazz
Der Jazz wird im Hinblick auf seine künstlerische Bedeutung häufig als amerikanisches Pendant zur klassischen europäischen Musik verstanden. Darüber hinaus hat …
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Entstehung und Bedeutung
Jazz ist eine ungefähr 1900 in den Südstaaten der USA entstandene Musikrichtung, die ursprünglich überwiegend von Afroamerikanern hervorgebracht wurde. Das Wort „Jazz“ wird seit 1915 auf Musik bezogen. Die Musik entwickelte sich vielfach weiter, häufig im Crossover, also in der Verbindung mit anderen Musiktraditionen und Genres. Deshalb werden heute auch Formen zum Jazz gezählt, die nur noch lose mit der afroamerikanischen Tradition verbunden sind.
Jazz verbindet europäische Elemente wie Melodik, Harmonik und Instrumente mit westafrikanischen Elementen wie Improvisation, Call and Response und synkopierten Rhythmen. Call and Response bedeutet das Wechselspiel von musikalischem „Ruf“ und „Antwort“. Synkopierung verschiebt Betonungen gegen den erwarteten Grundpuls. Wichtige Quellen waren afroamerikanische Volksmusik wie Blues, Worksong und Negro Spiritual sowie europäisch-amerikanische Marsch-, Tanz- und Populärmusik; auch Ragtime und Minstrel Shows beeinflussten den Jazz.
Wegen seiner künstlerischen Bedeutung wird Jazz häufig als amerikanisches Pendant zur klassischen europäischen Musik verstanden. Er eröffnete zugleich anderen Musiksparten neue Möglichkeiten und beeinflusste viele Genres. Eine einheitliche, allein aus musikalischen Mitteln ableitbare Definition ist jedoch zunehmend schwierig: Jazzgeschichte ist vor allem eine Geschichte unterschiedlicher Stilistiken, Improvisationsstrategien, Phrasierungen und Intonationsweisen.
Musikalische Kennzeichen
Typische frühe Instrumente waren Trompete, Posaune, Saxophon und Klavier; später konnten fast alle Instrumente verwendet werden. Die Melodien basieren auf der Tonalität des Klaviers.
Als wichtige Kennzeichen gelten Blue Notes, Improvisation, Jazzrhythmik und eine individuelle Klanggestaltung. Blue Notes sind charakteristisch veränderte Töne. Die Rhythmik ist zumindest tendenziell polyrhythmisch, verbindet also mehrere rhythmische Ebenen; ein Beispiel ist der Offbeat, die Betonung normalerweise unbetonter Zählzeiten. Hinzu kommen besondere Tonbildung und Instrumentenbehandlung, etwa Schleiftöne und Multiphonics. Schleiftöne gleiten zwischen Tonhöhen, Multiphonics sind mehrere gleichzeitig erzeugte Töne auf einem Instrument.
Wesentlich sind außerdem die stilistische Individualität der Musiker und der Bezug auf frühere Jazzstile. Diese Merkmale können auch in neueren Strömungen erhalten bleiben, obwohl diese klanglich sehr verschieden sein können.
Wichtige historische Stile
Die traditionelle Abfolge von Stilen wird häufig zur Orientierung genutzt, ist aber umstritten. Jazzkritik und Jazzforschung sahen darin bis in die 1960er Jahre eine annähernd folgerichtige Entwicklung von New Orleans Jazz und Dixieland über Chicago Jazz, Swing, Bebop, Cool Jazz, Hard Bop und Free Jazz bis zu Fusion beziehungsweise Rock Jazz. Seit ungefähr 1970 nahm die Vielfalt stark zu; eine allgemein anerkannte Darstellung der Entwicklung gibt es nicht mehr.
New Orleans Jazz entstand Anfang des 20. Jahrhunderts in New Orleans und verbreitete sich in den 1910er Jahren nach Chicago und New York. Kennzeichnend sind Kollektivimprovisation, Breaks und die Trompete als Hauptstimme, die von anderen Bläsern umspielt wird. Der historische Vorgänger umfasste Street Bands, Kirchenlieder, Negro Spirituals, Blues, Cakewalk und Ragtime. Louis Armstrong und Kid Ory zählen zu bekannten Vertretern. In den 1950er Jahren kam es zum New Orleans Revival.
Dixieland entwickelte sich unter den Bedingungen der damaligen Rassentrennung als weiße Spielart des New Orleans Jazz. Die Original Dixieland Jass Band nahm am 26. Februar 1917 ihre erste Schellackplatte auf; sie erschien im Mai 1917 und wurde ein Millionenhit. Im Dixieland sind Tonbildung, Schleiftöne, expressives Vibrato und Gesamtausdruck meist zurückgenommen; Melodien wirken glatter, Harmonien reiner. Eine scharfe Trennung vom New Orleans Jazz ist nicht möglich. Chicago Jazz gab einzelnen Soli größeres Gewicht als der Kollektivimprovisation; Melodien verliefen parallel statt sich zu überkreuzen, und das Saxophon wurde wichtig. Bix Beiderbecke war ein bedeutender Vertreter.
Swing war die populärste Stilrichtung der Jazzgeschichte und hatte von 1935 bis 1945 seine Blütezeit. Er entstand Mitte bis Ende der 1920er Jahre; in der Weltwirtschaftskrise schlossen sich Musiker zu Bigbands zusammen. Bebop entstand ab 1940 und begründete den Modern Jazz: schnelle Tempi, komplexere Harmonien, größere rhythmische Freiheit von Schlagzeug und Bass sowie Tempoverdoppelung in Soli sind typisch. Oft dienten nur Form und Harmonieabfolge eines Stücks als Grundlage, nicht mehr seine Melodie. Cool Jazz entwickelte sich Ende der 1940er Jahre aus dem Bebop und bevorzugte eine eher introvertierte Spielhaltung, langsamere Tempi und weitgespannte Melodien. Hard Bop entwickelte den Bebop mit Elementen neuerer afroamerikanischer Unterhaltungsmusik weiter; Soul Jazz ist seine in den frühen 1960er Jahren entstandene funkige Variante.
Freies Spiel, Fusion und neuere Richtungen
Free Jazz bezeichnet seit den 1960er Jahren freies, ungebundenes Improvisieren. Zugleich ist er ein bis heute wirkendes Prinzip für neue Formen im Jazz. Eine eindeutige stilistische Analyse ist daher nur eingeschränkt möglich. Der spätere Avantgarde Jazz verwendet meist durchgehende Metren. Freie Improvisation kann dagegen Bezüge zum Jazz aufgeben und jenseits etablierter Musikgattungen arbeiten.
Jazz Fusion verbindet Jazz besonders mit Rock und Funk. Elektrisch verstärkte Instrumente wie E-Gitarre, E-Piano und Synthesizer treffen auf Jazztechniken sowie Grooves aus Soul, Rhythm and Blues oder binäre Rockrhythmen. Jazzfunk ist eine funkige Fusionvariante. Latin Jazz übernimmt vor allem Rhythmen, teils auch Kompositionen lateinamerikanischer Musik; zunächst standen karibische Stile und besonders kubanische Musik im Mittelpunkt, später auch brasilianische Popularmusik. Dizzy Gillespie führte 1947 in der Carnegie Hall mit kubanischen Perkussionisten die „Afro-Cuban Drums Suite“ auf.
Modern Creative greift die Vielfalt des Modern Jazz zeitgenössisch auf und gilt als Weiterentwicklung des Free Jazz. World Jazz oder Ethno-Jazz meint seit den 1970er Jahren gleichberechtigter angelegte Verbindungen mit „nicht-westlicher“ Musik. Neotraditionalismus hält Blues und Swing für unverzichtbar und lehnt Free Jazz und Fusion ab; Neobop knüpft an Bebop und Hard Bop an. Neoklassizismus ging aus freiem Improvisieren hervor, gab aber die Ästhetik der Avantgarde auf und bezieht Ausdrucksmittel des gesamten Jazz in die afroamerikanische Tradition ein.
Weitere Richtungen sind Acid Jazz als tanzbarer Clubsound aus Soul-, Funkjazz und elektronischen Klängen, Downtown als stark eklektizistische New Yorker Szene, M-Base als komplexe und virtuose, in afroamerikanischer Groove-Musik verankerte Musik, Nu Jazz als elektronische Musik mit Jazz-Elementen, Smooth Jazz beziehungsweise Pop-Jazz als melodische Verbindung mit Popmusik, Jazz-Rap als Verbindung mit Hip-Hop und Electroswing als elektronische Tanzmusik mit Jazz- und Unterhaltungsmusik der 1920er bis 1950er Jahre.
Form, Improvisation und Standards
Jazz ist meist nicht nach dem groß angelegten, komplexen Aufbau europäischer Konzertmusik organisiert. Weil Improvisation und Groove zentral sind, entfaltet sich die Gestaltung in der Zeit und bleibt grundsätzlich offen. Jazz ist weitgehend seriell organisiert: kleinere, hintereinander verlaufende und modulare Einheiten prägen die Form. Nach Vijay Iyer liegt der Schwerpunkt auf feinkörnigen rhythmischen Details und auf der Hierarchie rhythmischer Überlagerungen; größere Formen entstehen aus der improvisierten Gestaltung dieser kleinen Teile.
Manche Musiker suchten dennoch Nähe zur europäischen Konzertmusik, etwa Duke Ellington mit „Diminuendo And Crescendo In Blue“ und der Suite „Black, Brown and Beige“. Progressive Jazz und besonders Third Stream verfolgten diesen Weg weiter. In einigen Richtungen, etwa Modern Creative oder M-Base, beruhen Improvisationen auf Eigenkompositionen; häufig dienen aber auch bekannte Songs und Standards als Grundlage.
Ein Jazzstandard ist eine Melodie mit festgelegter Harmoniefolge, die als Thema und Material für Improvisationen dient. Das Thema wird gewöhnlich am Anfang und Schluss gespielt, dazwischen folgen meist Soli. Standards stammen seit etwa 1930 aus Schlagern, Chansons, Musicals, Filmmusik und Kompositionen von Jazzmusikern. Bebop-Musiker schrieben seit den 1940er Jahren neue Melodien über bekannte Akkordfolgen oder veränderten die Harmonien bekannter Melodien; solche neuen Themen heißen bebop head. Standards ermöglichen Musikern, auch ohne Probe gemeinsam zu spielen, und verbinden Jamsessions. Das Real Book versammelt wichtige und häufig gespielte Standards.
Ausbildung und Begriffskritik
Seit Anfang der 1960er Jahre, in Europa etwa seit 1970, wuchs die Jazzausbildung stark. Studienmöglichkeiten entstanden unter anderem am Berklee College of Music, am New England Conservatory of Music, an der Juilliard School, an der Kunstuniversität Graz und an der Swiss Jazz School. In Deutschland gehören seit den 1980er Jahren eigene Studiengänge für Jazz und Popular-Musik an Musikhochschulen zum Üblichen. Wettbewerbe wie Jugend jazzt und Jazzpreise fördern Nachwuchsmusiker oder zeichnen verdiente Musiker aus. Viele junge Musiker verfügen über hohe technische Fähigkeiten; laut Artikel orientieren sich viele jedoch vor allem an anerkannten Formen, während einige eigene Gestaltungen entwickeln.
Der Begriff „Jazz“ wird auch kritisch gesehen. Maximilian Hendler betont, er habe ursprünglich soziale statt musikalische oder stilistische Konnotationen gehabt und ein abwertendes Urteil der „Master-Gesellschaft“ über Musik außerhalb ihrer Normen ausgedrückt. Mehrere Musiker lehnten die Bezeichnung deshalb ab. Miles Davis nannte sie ein „Wort des weißen Mannes“. Das Art Ensemble of Chicago propagierte in den 1970er Jahren „Great Black Music“, Nicholas Payton schlug 2011 „Black American Music (BAM)“ vor. Andere Stimmen bezeichnen „Jazz“ als rassistisch, repressiv oder einengend. Diese Kritik verweist auf die afroamerikanischen und westafrikanischen Grundlagen der Musik, etwa Call and Response, Händeklatschen, Fußstampfen und Blues-Tonleitern.