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Walking Bass

Theoretischer Aufbau · 1. Viertel: Grundton · 2. Viertel: Sekunde · 3. Viertel: Terz · 4. Viertel: Chromatisch erhöhter Annäherungston Terz.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Aufgaben
  2. 2. Entwicklung im Jazz
  3. 3. Grundmodell der Basslinie
  4. 4. Spielpraxis, Harmonik und Rhythmik
  5. 5. Instrumente und Einsatz außerhalb des Jazz

Begriff und Aufgaben

Walking Bass (englisch „gehender Bass“) ist im Jazz eine Begleitweise: Ein Bassinstrument, meist ein gezupfter Kontrabass, gestaltet eine rhythmisch gleichmäßige, aber abwechslungsreiche Basslinie. Sie gibt den Ablauf eines Stücks vor. Die Bezeichnungen Walking a Line und Four Feel werden ebenfalls verwendet. Besonders in konventionellen Jazzspielformen ist dies eine bevorzugte Spielart von Bassisten; sie kommt aber auch in Blues, Rhythm and Blues, Country, Ska sowie Rock- und Popmusik vor.

Die Basslinie hält vor allem den meist durchgehenden Beat im 4/4-Takt aufrecht. Zugleich verdeutlicht sie die Harmoniefolge, sodass Akkordwechsel auch ohne zusätzliche Akkordbegleitung hörbar werden können. Bei einer Besetzung ohne Bass kann ein anderes Instrument diese Funktion übernehmen; ein Solopianist kann beispielsweise mit der linken Hand eine Walking-Bass-Linie spielen und die rechte Hand für Akkorde, Fill-ins und Soli nutzen. Eine musikalisch gestaltete Linie ergänzt oder kontrastiert außerdem die Ideen anderer Musiker harmonisch und melodisch und erlaubt dem Bassisten eigene improvisierte Einfälle.

Entwicklung im Jazz

Die Entstehung lässt sich keiner bestimmten Person und keinem bestimmten Datum zuordnen. Häufig wird auf die Ähnlichkeit zum barocken basso continuo („fortlaufender Bass“) hingewiesen: Beide bewegen sich gleichmäßig und haben eine harmonische Funktion. Frühe „gehende Bässe“ finden sich bei Claudio Monteverdi, etwa in der Arie Qual onor di te fia degno aus dem vierten Akt von L’Orfeo (1607) und im Psalm Laetatus sum aus der Marienvesper (1610).

Klavierbegleitungen mit ähnlichen Merkmalen gab es bereits in Ragtime und Boogie; auf Plattenaufnahmen der 1920er Jahre sind viele Walking-Bass-Linien zu hören. Im Stride Piano werden sie zum Beispiel mit parallel geführten Dezimen angereichert. Walter Page entwickelte den klassischen Begleitstil weiter, aufbauend auf dem Spiel des Duke-Ellington-Bassisten Wellman Braud.

Entscheidend war der Übergang vom Two Beat Jazz zum Four Beat Jazz im Kansas City Style. Ragtime und Dixieland gelten als zweischlägig, weil die Bassdrum als Träger des Fundamentalrhythmus nur zwei Schläge je Takt spielt, unabhängig davon, ob 1 und 3 oder 2 und 4 betont werden. Swing hat dagegen grundsätzlich vier Schläge pro Takteinheit. Auch im Bebop behält der Walking Bass eine ausgleichende Funktion: Während Schlagzeuger den Beat freier und mit vielen Akzenten eher umspielen, betont der Bass den Grundrhythmus.

Grundmodell der Basslinie

Im Grundkonzept besteht eine Walking-Bass-Line aus Viertelnoten, die zum gerade gespielten Akkord und zur Tonart passen. Der wichtigste Ton ist meist der Grundton auf dem ersten Viertel, weil er die Harmonie zeigt. Häufig erscheinen auf dem dritten Viertel die Quinte und außerdem die Terz; Grundton, Terz und Quinte sind Akkordtöne. Vor einem Akkordwechsel wird der Grundton des nächsten Akkords oft auf dem letzten Viertel des vorherigen Taktes vorbereitet: chromatisch bedeutet über einen Halbton, diatonisch mit einem zur Tonleiter gehörenden Ton.

Sehr große Sprünge über Sexte oder Septime hinaus werden eher vermieden, weil sie den ruhigen Verlauf stören können; Oktavsprüngen bilden eine Ausnahme. Sprünge um eine None oder Septime nach oben oder unten können aber bewusst dramatische Effekte schaffen.

Ein 12-taktiges Blues-Schema in C-Dur kann Akkordtöne als Arpeggio – nacheinander gespielte Töne eines Akkords – mit linearen Wegen zum nächsten Akkord verbinden. Im beschriebenen Beispiel wechseln sich solche Verfahren ab: Takt 1 enthält Grundton, Terz, Quinte und einen chromatischen Annäherungston; Takt 2 verwendet eine Tonleiter mit chromatischer Annäherung. Takt 8 nutzt die Wendung I–#I°–II als Weg von I zu II; #I° ersetzt dabei den A7-Akkord auf der VI. Stufe. Die Takte 11 und 12 zeigen einen klassischen I–VI7–IIm–V7-Turnaround nach C. Neben Grundton, Terz und Quinte können etwa Sexte, kleine Septime oder Quarte vorkommen; gelegentlich steht auch die Quinte statt des Grundtons auf dem ersten Viertel.

Spielpraxis, Harmonik und Rhythmik

In der Praxis werden die Grundtöne und Akkordtöne je nach Routine und Inspiration durch leitereigene Optionstöne, besonders die kleine Septime, chromatische Durchgangstöne, Tonleiterausschnitte oder auch leiterfremde Töne erweitert. Eine interessante Linie soll die jeweilige Skala, den Akkord oder die Modalität – die tonale Grundlage eines Stücks – zeigen und wichtige Akkordtöne umspielen oder einkreisen.

Bei einem Akkord, der mehrere Takte gleich bleibt, ist der Grundton auf dem ersten Schlag weniger wichtig. Dann treten skalenorientierte Linien in den Vordergrund. Kürzere Harmoniewechsel, etwa halbtaktige Wechsel wie in John Coltranes Giant Steps, sowie Taktarten wie 3/4 oder 5/4 erfordern andere Schwerpunkte als das einfache Viertelnotenmodell. Ein Double Chromatic Approach umkreist einen Zielton auf schwerer Taktzeit chromatisch von oben und unten. Dadurch können beispielsweise die für den jeweiligen Klang typischen großen Terzen über Mollakkorden oder großen Septimen über Dominantseptakkorden entstehen; in Dur erscheinen häufig kleine Septimen, bei der Tonika auch die kleine Sexte.

Der gleichmäßige Viertelpuls kann durch Vorziehen oder Nachschlagen von Tönen, Drops, Triolen sowie Achtelläufe variiert werden. Drops werden oft als absteigende Triole gespielt. Solche rhythmischen Schwerpunktverschiebungen heißen Offbeats und sind teils kaum genau notierbar. Ziel bleibt ein zuverlässiges, verständliches rhythmisches und harmonisches Fundament, ohne klischeehafte Linien zu wiederholen. Leicht abweichende Intonation, Nebengeräusche und schwer notierbare Unsauberkeiten können dazugehören, sind aber oft auch störend. Erfahrene Bassisten lösen sich häufig von Schemata und formen chromatisch geprägte, eigenständige Melodielinien.

Instrumente und Einsatz außerhalb des Jazz

Das typische Instrument ist der pizzicato, also gezupft, gespielte Kontrabass. Wegen ähnlicher Spieltechnik und Fingersätze lässt sich Walking Bass auch auf dem E-Bass spielen. Dieser besitzt meist Bünde und damit feste Tonhöhen. Ein bundloser Fretless Bass klingt weicher, verlangt aber deutlich mehr Kontrolle von Tonbildung und Intonation. Weniger verbreitet ist die Ausführung auf Tuba, Sousaphon, Bassklarinette oder Baritonsaxophon, weil ein ständig fließender Puls hohe Anforderungen an die Atemtechnik stellt. In New-Orleans-Brassbands übernahmen Tuba oder Sousaphon den Basspart; dieser war oft kein reiner Walking Bass, verwendete aber häufig Riffs und lineare Phrasen der Headarrangements. Auch auf den tiefen Gitarrensaiten, am Klavier mit der linken Hand und auf dem Pedal der Hammondorgel ist die Technik möglich.

Als typische Jazzhörbeispiele eignen sich nahezu alle Aufnahmen der Swing- und Bebop-Ära. Ray Brown bezeichnete „time“ – Rhythmus mit gutem Klang – als unersetzlich und verglich ihn mit einem Herzschlag. In seinem Titel Sushi belebt er die Linie mit Offbeats, Punktierungen, triolischen Drops in Takt 3, halben Noten in Takt 5 und 6 sowie einer über zwei Oktaven absteigenden Sekundbewegung. Im Bebop kann der Bass allerdings auch rein melodische oder rein rhythmische Aufgaben übernehmen, statt vorwiegend harmonisch-metrisch zu wirken.

In Rock ’n’ Roll, Rockabilly, Rock, Pop und Bluesschemata stehen manche Linien zwischen Boogie-Ostinati – sich wiederholenden Figuren – und Walking Bass. Sie beruhen oft auf wiederkehrenden Mustern von ein bis vier Takten, etwa bei Penny Lane. Glenn Millers In the Mood verbindet beim Thema einfache Arpeggios mit freieren Basslinien in den Soloparts. Walking Bass kann Stücken außerhalb des Jazz einen jazzigen Charakter geben, beispielsweise Crazy Little Thing Called Love von Queen aus dem Album The Game (1980) oder Get Out Of Your Lazy Bed von Matt Bianco auf Whose Side Are You On? (1984). Im Ska kontrastiert ein gleichförmiges Viertel-Achtel-Bassmodell mit um ein Achtel offbeatmäßig nachgezogenen, abgehackten Gitarrenakkorden.

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