Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Strukturverben in der spanischen Sprache
Estar oder ser sind die spanischen Entsprechungen von „deutsch werden“ oder „deutsch sein“ als Kopulaverben oder Hilfsverben.
Inhalt6 Abschnitte
Begriff und Grundtypen
Strukturverben sind im Gegensatz zu Vollverben (verbos plenos) nichtlexikalische Verben: Sie können nicht ohne ein weiteres Wort ein vollständiges Prädikat bilden. Spanische Verben enden im Infinitiv stets auf -ar, -er oder -ir.
Zu den Strukturverben gehören drei Hauptgruppen:
• Kopulaverben (verbos copulativos) verbinden das Subjekt mit einem Prädikativum, also etwa einem Nomen, Pronomen, Adjektiv oder Adverb. So entsteht ein nominales Prädikat. • Hilfsverben (verbos auxiliares) bilden analytische Verbformen, zusammengesetzte Zeiten und Passivkonstruktionen. • Modalverben (verbos modales) verbinden sich mit einem Vollverb im Infinitiv und verändern dessen Bedeutung, etwa hinsichtlich Möglichkeit, Pflicht oder Willen.
Diese Verben erzeugen auf jeweils eigene Weise komplexe oder zusammengesetzte Prädikate. Marcos Marín u. a. (1998) unterscheiden unter anderem die Kopulaverben ser und estar, die Hilfsverben haber, ser und estar, semikopulative Verben wie quedarse, volverse, ponerse, parecer und llamarse sowie Modalverben wie poder, querer, saber, soler, necesitar, tener que, haber que und deber de. Die Auswahl eines Hilfs- oder Kopulaverbs kann beispielsweise Aktiv und Passiv oder Vorgang und Ergebnis unterscheiden.
Kopula und Kopulaersatz
Kopulaverben verknüpfen zwei Satzglieder, meist ein Subjekt und ein substantivisches oder adjektivisches Prädikativum. In José está cansado („José ist müde“) dient está hauptsächlich als Bindeglied zwischen José und cansado. Ein Vollverb ist dagegen selbst der semantische und syntaktische Kopf des Prädikats, etwa conducía in Juana conducía el coche de su hermano („Juana fuhr das Auto ihres Bruders“).
Neben ser und estar können zahlreiche Vollverben als Kopulaersatz beziehungsweise pseudokopulative oder semikopulative Verben auftreten. Dabei verlieren sie einen Teil ihrer ursprünglichen Bedeutung, bleiben aber anders als echte Kopulaverben nicht völlig bedeutungsleer. Über ihre genaue Zahl besteht keine Einigkeit; Felixberger (1974) zählt achtzehn Kopulaverben. Häufig genannt werden volverse und hacerse („werden, sich verwandeln“), ponerse („vorübergehend werden“), seguir und mantenerse („bleiben, fortdauern“), quedarse („bleiben“), resultar („sich erweisen“), llamarse („heißen“), andar, creerse und sentirse.
Semikopulative Verben stammen meist aus den prädikativen Verben und bezeichnen ursprünglich Prozesse, Zustände, Gefühle, Beziehungen oder Aussageinhalte. In bestimmten Konstruktionen können sie durch ser, estar oder parecer ersetzt werden: Juana se siente triste entspricht Juana está triste; Pedro anda apesadumbrado estos últimos días lässt sich durch Pedro está oder parece apesadumbrado ersetzen. Weitere Beispiele sind permanecer, continuar, acabar, hacerse, revelarse, devenir, volverse und mostrarse.
Unterschied zwischen ser und estar
Ser und estar entsprechen beide häufig dem deutschen „sein“, unterscheiden aber die Art, wie ein Sachverhalt dargestellt wird. Die Wahl hängt auch von der Sprecherperspektive ab.
Ser ordnet dem Subjekt normalerweise ein konstitutives oder klassifizierendes Merkmal zu. In Carlsons Unterscheidung von 1977 steht es typischerweise bei Individuenprädikaten (individual level predicates, ILP): Diese beschreiben ein Individuum allgemein und meist durch dauerhafte oder inhärente Eigenschaften, ohne eine bestimmte räumlich-zeitliche Situation festzulegen. Beispiel: Juana es inteligente („Juana ist intelligent“).
Estar steht typischerweise bei Stadienprädikaten (stage level predicates, SLP). Diese bezeichnen vorübergehende oder episodische Zustände und können auf eine konkrete Zeit oder Situation bezogen sein: Juana está enamorada („Juana ist verliebt“). Der Gegensatz zeigt sich auch in Estas cerezas son agrias porque así fueron cultivadas („Diese Kirschen sind sauer, weil sie so gezüchtet wurden“) und Estas cerezas están agrias porque todavía no están maduras („Diese Kirschen sind sauer, weil sie noch nicht reif sind“).
Die vereinfachte Gleichsetzung „ser = dauerhaft, estar = vorübergehend“ ist eine wichtige Orientierung, erfasst aber nicht alle Verwendungen. Estar verweist nach Klein (1994) auf eine spezifische Topikzeit (TT), also das Zeitintervall, für das eine Äußerung Gültigkeit beansprucht. Ob der Gegensatz ser/estar grundsätzlich mit imperfektivem und perfektivem Aspekt zusammenhängt, bleibt in der Forschung umstritten; beide Verben können mit perfektiven und imperfektiven Aspektformen verbunden werden.
Beim Passiv ist die Unterscheidung besonders wichtig. Ser + Partizip bildet das Vorgangspassiv und beschreibt eine sich vollziehende Handlung: La casa fue arruinada por el enemigo. Estar + Partizip beschreibt dagegen den erreichten Zustand; das Partizip verhält sich wie ein Adjektiv: La casa estaba arruinada. Eine Agensangabe wie por el enemigo ist hier nicht möglich. Alle zusammengesetzten Zeiten werden im Spanischen mit haber gebildet, während ser und estar für Passivkonstruktionen gebraucht werden.
Typische Verwendung von estar und ser
Estar wird vor allem verwendet für:
• örtliche Lage und das Sichbefinden eines Subjekts: Luis está en el baño; Cuba está a 90 millas de Estados Unidos; • vorübergehende Zustände, Befinden und wahrgenommene Veränderungen: La sopa está fría; ¿Cómo estás?; Él está loco („Er ist zurzeit wie wahnsinnig“); • Zustände als Ergebnis eines Prozesses: El coche está destrozado; • das Zustandspassiv einer vollendeten Handlung: Las barcas están construidas; • Verlaufsformen mit estar + gerundio: Me está molestando; • Konstruktionen mit estar + infinitivo: Mis hermanos están al llegar; • Angaben zu Tages- und Jahresverläufen: Estamos a martes y trece; Estamos en junio.
Als Vollverb bedeutet estar auch „anwesend sein“: ¿Está Laura? Estar bezeichnet jedoch normalerweise nicht den Ort, an dem ein Ereignis stattfindet.
Ser wird vor allem verwendet für:
• Identität, Klassifikation, Beruf und Gruppenzugehörigkeit: Pablo es médico; Esas señoras son argentinas; • wesentliche Eigenschaften und neutrale Beschreibungen: Rusia es enorme; Nuestra clientela es internacional; • Herkunft, Material, Besitz und charakteristische Merkmale: Soy de un pueblo del norte; La caja es de cartón; Todo esto es mío; • Zeit, Datum und Uhrzeit: ¿Qué hora es? Son las doce y media; • Ort und Zeit eines Ereignisses: La final es el domingo; La cita será en mi casa; • Mengen und Gleichungen: Dos más dos son cuatro; • unpersönliche Ausdrücke mit que, die häufig den Subjuntivo auslösen; • Vorgangspassiv: Las barcas fueron construidas en seis meses.
Der Bedeutungsunterschied kann bei demselben Adjektiv entscheidend sein: Él es loco klassifiziert die Person als einen Wahnsinnigen, während Él está loco einen aktuell oder vorübergehend als wahnsinnig empfundenen Zustand bezeichnet.
Hilfsverben und Verbalperiphrasen
Hilfsverben bilden zusammen mit einem Vollverb das Prädikat. Haber dient zur Bildung zusammengesetzter Zeiten, ser zum Vorgangspassiv und estar zum Zustandspassiv. Beispiele sind has hecho als Pretérito perfecto de indicativo, la casa fue construida en 1934 als Vorgangspassiv und Los ojos de Juan están inflamados zur Bezeichnung des Ergebnisses einer Handlung.
Verbalperiphrasen (perífrasis verbales) sind mehrteilige Verbkonstruktionen, die besonders den lexikalischen Aspekt präzisieren, also zeitliche Begrenzung oder Verlauf einer Handlung. Im engeren Sinn bestehen sie aus Hilfsverb + Infinitiv, etwa acabar de + infinitivo, oder Hilfsverb + Gerundium, etwa seguir + gerundio. Eine Verbindung mit einem Partizip gilt nur mit ser als Verbalperiphrase, nämlich als perífrasis pasiva.
Das Spanische besitzt zahlreiche solcher Konstruktionen:
• Voy comprendiendo la situación: „Allmählich begreife ich die Situation.“ • No dejan de trabajar en el sol: „Sie arbeiten unaufhörlich in der Sonne.“ • Su nuevo libro lo tiene escrito: „Sein neues Buch hat er fertiggeschrieben.“ • Vamos a comprar un refresco: periphrastisches Futur mit ir + a + Infinitiv.
Im Deutschen werden spanische Verbalperiphrasen häufig durch Adverbien oder ähnliche Ausdrücke wiedergegeben. So bedeutet Vengo de decírselo „Ich habe es ihr gerade gesagt“, se empeñan en comprarlo „Sie wollen es unbedingt kaufen“ und llevo escritos dos libros „Ich habe schon zwei Bücher geschrieben“.
Bei Modalverben und Verbalperiphrasen kann ein unbetontes Objektpronomen entweder vor dem finiten Verb oder angehängt an Infinitiv beziehungsweise Gerundium stehen: Lo puedes comprar oder Puedes comprarlo; Te estoy hablando oder Estoy hablándote. Bei der Nachstellung verschmelzen Verb und Pronomen zu einem Wort.
Modalverben und Modalität
Modalverben bezeichnen nicht selbst die Handlung, sondern verändern die Bedeutung eines nachfolgenden Vollverbs im Infinitiv. Sie drücken das Verhältnis des Subjekts zur Handlung oder die Haltung des Sprechers zur Wirklichkeit der Aussage aus. Weil sie mehrere Bedeutungen haben können, hängt ihre richtige Übersetzung stark vom Kontext ab.
Wichtige spanische Modalverben und Umschreibungen sind:
• poder: können im Sinn von Möglichkeit oder äußerer Erlaubnis; • querer: wollen; • saber: können aufgrund von Wissen oder Fähigkeit; • soler: etwas gewöhnlich tun; • necesitar: brauchen; • tener que: müssen aufgrund äußerer Notwendigkeit; • hay que beziehungsweise haber que: unpersönlicher Zwang oder geregelte Verpflichtung; • deber: Pflicht oder innere Notwendigkeit; • deber de: modale Umschreibung.
Deutsche Modalverben haben nicht immer eine einzige spanische Entsprechung. „Sollen“ kann je nach Bedeutung durch deber, tener que oder haber de wiedergegeben werden. Für „dürfen“ stehen unter anderem poder + infinitivo, tener permiso para + infinitivo, no deber + infinitivo und no se puede zur Verfügung. „Mögen“ kann abhängig vom Zusammenhang unter anderem gustar, preferir, tener ganas de + infinitivo, decir que + subjuntivo oder ein Imperativ entsprechen.
Grundlegend ist die Unterscheidung zwischen deontischer und epistemischer Modalität. Deontische Modalität betrifft noch nicht verwirklichte, aber erlaubte, notwendige, verbotene oder erwünschte Sachverhalte, also „was sein soll“. Epistemische Modalität bezeichnet die Einschätzung des Sprechers, was aufgrund seines Wissens oder Vermutens möglich ist, also „was sein mag“.
Die Stellung der Negation kann die Bedeutung verändern: Tu gato no puede ladrar bedeutet „Dein Kater kann nicht bellen“. Tu gato puede no ladrar bedeutet dagegen sinngemäß „Dein Kater kann möglicherweise nicht bellen“. Modaladverbien der Art und Weise wie así, bien, mal oder mejor sind von Modalverben zu unterscheiden. Wörter wie „vielleicht“ oder „wahrscheinlich“, die tatsächlich Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit ausdrücken, werden als Satzadverbien oder Modalwörter bezeichnet.