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Stine (Fontane)

Fontane machte wie in seinem 1888 erschienenen Roman Irrungen, Wirrungen die unmenschlichen Grenzen der Standesgesellschaft zum Thema und löste erneut einen …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Werk, Entstehung und Veröffentlichung
  2. 2. Handlung und Bedeutung des Schauplatzes
  3. 3. Die wichtigsten Figuren
  4. 4. Realismus, Hintergrund und Fontanes Bewertung

Werk, Entstehung und Veröffentlichung

Stine ist ein zwischen 1881 und 1888 verfasster Roman Theodor Fontanes. Die Handlung spielt im Berlin der Gründerzeit und behandelt die unmenschlichen Grenzen der Standesgesellschaft, besonders das Verhältnis zwischen märkischem Adel und Berliner Kleinbürgertum. Wie bereits in Irrungen, Wirrungen zeigt Fontane eine innerlich brüchige Gesellschaft, in der der Adel nach außen bestimmte Werte vertritt, sie im eigenen Handeln aber nicht einhält. Zugleich erscheint das Kleinbürgertum moralisch nicht grundsätzlich unterlegen. Wegen dieser gesellschaftskritischen Thematik löste der Roman erneut heftige Kritik und einen Skandal aus.

Fontane arbeitete häufig in Unterbrechungen und Schüben. Nach ersten Arbeiten an Stine im Jahr 1881 verfasste er 1885 in einem größeren Arbeitsschub die Hauptkapitel bis zum Dialog zwischen Witwe Pittelkow und Graf Sarastro am Ende der Novelle. 1888 stellte er das Werk fertig. Die lange Zeit bis zur Veröffentlichung hing vor allem mit der mangelnden Akzeptanz bei Kritikern und möglichen Herausgebern zusammen. Außerdem wurde Stine wegen der thematischen Parallelen mit Irrungen, Wirrungen verglichen. Fontane selbst räumte ein, dass Stine als Figur weit hinter Lene aus Irrungen, Wirrungen zurückbleibe, bezeichnete den Roman aber an entscheidender Stelle als „energischer, wirkungsvoller“.

Stine wurde im Jahrgang 1889/1890 der Zeitschrift Deutschland. Wochenschrift für Kunst, Literatur, Wissenschaft und soziales Leben vorabgedruckt. Die erste Buchausgabe erschien im April 1890 im Verlag seines Sohnes Friedrich, Friedrich Fontane & Co., Berlin.

Handlung und Bedeutung des Schauplatzes

Die Handlung ist auf August 1877 oder 1878 datiert. Ernestine Rehbein, genannt Stine, lebt in einfachen kleinbürgerlichen Verhältnissen in der Berliner Invalidenstraße 98e. Zwei Stockwerke unter ihr wohnt ihre verwitwete ältere Schwester Pauline Pittelkow mit ihren zwei Kindern. Pauline ist die Geliebte des alten Grafen Sarastro und veranstaltet ein Abendessen, zu dem Sarastro seinen Neffen Graf Waldemar Haldern und den Baron Papageno mitbringt. Auch Stine und die Theaterschauspielerin Wanda Grützmacher nehmen teil.

Der Abend ist von Sarastros anzüglichen, herablassenden und zynischen Bemerkungen geprägt. Es gibt Gespräche, ein Kartenspiel, Gesang und eine sogenannte Kartoffelkomödie, in der Wanda Judith aus dem alttestamentlichen Holofernes-Stoff spielt. Stine erkennt als Einzige der drei Frauen die verletzende Wirkung von Sarastros Spott. Waldemar wird von ihrer Unschuld und ihrem Verhalten beeindruckt.

Waldemar besucht Stine anschließend regelmäßig. Er hat unter einer lieblosen Erziehung, einem langweiligen Hauslehrer, dem Leben im Regiment und einer schweren Verwundung im Deutsch-Französischen Krieg gelitten. Bei Stine erlebt er erstmals Menschlichkeit und Zuneigung. Er verliebt sich in sie und möchte sie heiraten, mit ihr ein einfaches Leben beginnen und nach Amerika auswandern.

Waldemar weiß, dass seine Eltern die Verbindung ablehnen werden, und bittet zunächst Papageno um Rat. Danach sucht er unmittelbar seinen Onkel Sarastro auf. Dieser versagt ihm die Zustimmung. Sarastro erkennt außerdem, dass durch seine Einladung die problematische Verbindung entstanden ist, und macht zunächst Pauline dafür verantwortlich. Nach einem Streit wird jedoch klar, dass Pauline von Anfang an gegen die Beziehung war. Sie versucht gemeinsam mit Wanda, Stine unter einem Vorwand aus Berlin fortzuschaffen.

Stine liebt Waldemar, verweigert ihm aber dennoch die Zustimmung zur Heirat. Sie hält ihn für zu schwach und kränklich, um ein einfaches, arbeitsreiches Leben zu führen. Außerdem glaubt sie, dass ihn nach einiger Zeit die Vorzüge seines adligen Lebens und die damit verbundenen Ansprüche wieder einholen würden. Waldemar erkennt ihre Entscheidung schließlich als richtig an, verfasst zwei Abschiedsbriefe und begeht Selbstmord. Stine nimmt an seiner Beerdigung in Groß-Haldern teil und kehrt fiebrig und schwer erschüttert zu Pauline zurück. Frau Polzin fasst ihren Zustand mit den Worten zusammen: „Heil? Was heißt heil? Die wird nich wieder.“

Die Invalidenstraße ist mehr als eine bloße Ortsangabe. Sie verbindet Wohnhäuser mit Fernbahnhöfen, dem Invalidenfriedhof, Exerzierplätzen, Kasernen, einem Gefängnis und Maschinenbaufabriken und steht damit für eine ungeordnet gewachsene Stadt der Industrialisierung. Friedhof, Militär und zahlreiche Beerdigungen im Umfeld weisen zugleich auf Krankheit, Tod und Waldemars Schicksal voraus. Fontane bezeichnet die Umgebung als eine „ange­kränkelte Sentiment­alwelt“, die auf die Figuren und besonders auf Waldemars Gesundheitszustand ausstrahlt.

Die wichtigsten Figuren

Stine ist entgegen dem Eindruck des Buchtitels nach Fontanes eigener Aussage nicht die eigentliche Hauptperson. Fontane schrieb, seine Hauptpersonen seien „die Pittelkow und der alte Graf“; die Porträtierung dieser Figuren sei ihm wichtiger gewesen als die Liebesgeschichte. Stine wird erst im achten Kapitel ausführlicher beschrieben. Sie erscheint äußerlich als blasse, blonde und leicht kränkliche, zugleich aber moralisch unschuldige junge Frau. Ihr Grundsatz lautet: Auf die Frage, wovon man leben solle, antwortet sie schlicht: „Von Arbeit.“ Sie lehnt Paulines Lebensweise als Geliebte eines Grafen ab und würde sich lieber lebenslang quälen und im Spital sterben, als von alten Herren abhängig zu sein.

Stine besitzt Genügsamkeit und findet in kleinen Dingen Zufriedenheit. Sie sagt, sie sei „so gut dran wie gewöhnliche Menschen, die Gott schon danken, wenn ihnen nichts passiert“. Ihrer körperlichen Schwäche steht eine geistige und moralische Stärke gegenüber. Gerade deshalb kann sie Waldemars Heiratsantrag aus begründeten Überlegungen ablehnen, obwohl sie ihn liebt. Sein Tod trifft sie jedoch körperlich und seelisch schwer.

Waldemar Haldern ist ein kränklicher, seelisch verwundeter junger Graf. Nach dem Tod seiner Mutter wurde er von einer ablehnenden Stiefmutter und einem nachgiebigen Vater vernachlässigt. Auch Hauslehrer, Regiment und Kameraden vermittelten ihm keine Liebe und Menschlichkeit. Im Alter von 19 Jahren wurde er als Dragoner im Deutsch-Französischen Krieg schwer verwundet; von dieser Verletzung erholte er sich nie vollständig. Waldemar neigt zum Romantisieren und stellt sich ein einfaches Leben mit Stine idealisiert vor, ohne dessen Schwierigkeiten ausreichend zu bedenken. Sein Selbstmord bildet den tragischen Höhepunkt seiner schwachen und träumerischen Persönlichkeit. Aus Angst vor der Erinnerung an seine Kriegsverletzung tötet er sich nicht mit dem Revolver, obwohl dies für ihn „standesgemäßer und haldernscher“ wäre.

Pauline Pittelkow verbindet übermäßiges Temperament, eine raue und direkte Berliner Redensart und ausgeprägte Selbstdarstellung mit echter Herzensgüte. Sie ist noch immer schön, eitel und liebt es, Männer zu beeindrucken und anschließend auszulachen. Ihre Wohnung ist mit geschmacklosem oder nur äußerlich repräsentativem „Kram“ und scheinbar wertvollen Büchern ausgestattet. Zugleich pflegte sie ihren kranken Ehemann bis zu seinem Tod auf Kosten ihres letzten Notgroschens. Sie liebt Stine und versucht, sie vor der zerstörerischen Beziehung mit Waldemar zu schützen.

Graf Sarastro verkörpert die adlige Arroganz und die Geringschätzung des Kleinbürgertums. Er hält Pauline in Abhängigkeit, nutzt ihre Lage aus und behandelt die Frauen als Spielzeug seiner Unterhaltung. Seine Sprache ist anzüglich und zynisch. Gleichzeitig ist er widersprüchlich und unberechenbar: In einem früheren Fall unterstützte er die Heirat eines Adligen mit einer Balletteuse, lehnt Waldemars Verbindung mit Stine aber ab. Damit zeigt Fontane den Gegensatz zwischen liberalen Äußerungen und standesgebundenem Handeln.

Realismus, Hintergrund und Fontanes Bewertung

Stine enthält viele realistische Elemente, setzt den Realismus aber nicht konsequent fort. Fontane kritisiert die brüchigen Normen und die tödliche Enge des Adels deutlicher als in Cécile und Irrungen, Wirrungen. Zugleich ist Waldemars Lebensgeschichte stark überhöht: Stiefmutter, Vater, Hauslehrer, Regiment, Verwundung und fehlende Liebe ergeben eine ungewöhnlich dichte Folge von Unglück. Seine Träume vom einfachen Leben in Amerika und sein tragischer Freitod verleihen der Handlung romantisierende Züge. Fontane fasste diese Mischung selbst als Verbindung von „Romantischem und Realistischem“ auf.

Anders als bei manchen anderen Werken Fontanes sind keine eindeutig lebensechten Vorbilder für Stine oder Waldemar bekannt. Ein möglicher realer Bezug ergibt sich aus der Erwähnung des Königsmarckschen Palais’ im zwölften Kapitel. Fontane kannte den Salon der Familie von Putlitz und wusste, dass Stephan Gans zu Putlitz sich im Sommer 1883 nach einem Reitunfall kurz vor seiner Hochzeit das Leben genommen hatte. Die Familie stellte den Tod nach außen als unglücklich verlaufenes Duell dar.

Mit Stine schloss Fontane das Kapitel seiner Berliner Novellenschreiberei über Mesalliancen, also standesungleiche Beziehungen, ab. Der Roman ist knapp und geradlinig gebaut; jedes Kapitel treibt die Handlung voran. Darin sahen Kritiker zugleich eine Schwäche, weil ausführliche Szenen zur Atmosphäre und genaueren Charakterzeichnung fehlen. Besonders Stine konnte im Vergleich zu Lene aus Irrungen, Wirrungen nicht bestehen. Dennoch sind Pauline und Graf Sarastro detailliert und lebensnah gestaltet. Fontane erreichte mit Stine ein wahrscheinliches Bild einer Kleinbürgerlichen sowie eine besonders deutliche Darstellung des herablassenden und widersprüchlichen Adels.

Eine Ausgabe erschien 2000 in der Großen Brandenburger Ausgabe, herausgegeben von Christine Hehle. Der Roman wurde dreimal verfilmt: 1945 als Das alte Lied unter der Regie von Fritz Peter Buch, 1967 als Stine für BRD/ZDF unter Wilm ten Haaf und 1979 als Stine für das Fernsehen der DDR unter Thomas Langhoff.

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