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Irrungen, Wirrungen
Irrungen, Wirrungen ist ein Roman von Theodor Fontane, der zunächst im Jahr 1887 in der Vossischen Zeitung und anschließend 1888 in Buchform erschien.
Inhalt5 Abschnitte
Roman und zentraler Konflikt
Theodor Fontanes Roman „Irrungen, Wirrungen“ erschien 1887 zunächst als Fortsetzungsroman in der Vossischen Zeitung und 1888 als Buch. Im Mittelpunkt steht die Liebe zwischen dem adligen Offizier Baron Botho von Rienäcker und der kleinbürgerlichen Schneidermamsell Lene (Magdalene) Nimptsch. Ihre Beziehung scheitert nicht an fehlenden Gefühlen, sondern an Standesgrenzen, finanziellen Zwängen und gesellschaftlichen Erwartungen.
Der Roman zeigt, dass die Figuren die bestehende Ordnung nicht offen bekämpfen. Beide entscheiden sich schließlich für eine Heirat „aus Vernunftgründen“ mit anderen Partnern. Der Grundgedanke wird in dem Satz formuliert: „Die Sitte gilt und muß gelten, aber daß sie’s muß, ist mitunter hart.“ Damit wird deutlich: Gesellschaftliche Regeln erscheinen als verbindlich, auch wenn sie persönliches Glück zerstören können.
Handlung
Die Handlung spielt in der zweiten Hälfte der 1870er Jahre in Berlin. Lene ist Waise und lebt bei ihrer alten Pflegemutter Nimptsch in einem kleinen Haus auf dem Gelände einer Gärtnerei nahe dem Zoologischen Garten. Bei einer Bootspartie begegnet sie Botho. Beide verlieben sich, wissen aber von Anfang an, dass eine Heirat wegen ihres unterschiedlichen Standes ausgeschlossen ist. Während Botho auf eine Fortsetzung der Beziehung hofft, sieht Lene realistischer, dass die Liebe keine Zukunft hat. Dennoch will sie das gemeinsame Glück genießen, solange es möglich ist.
Eine Landpartie nach Hankels Ablage bildet den Höhepunkt ihrer Beziehung. Lene und Botho verbringen dort einen Tag und eine Nacht zusammen. Als am folgenden Tag drei Regimentskameraden Bothos mit ihren jeweiligen „Verhältnissen“ erscheinen, wird die Situation beschämend: Die Gesellschaft behandelt Lenes aufrichtige Liebe zu Botho wie die Beziehungen der Offiziere zu den sie begleitenden Huren.
Botho erhält anschließend einen Brief seiner Mutter. Die Familie ist finanziell bedrängt; er soll deshalb seine wohlhabende Cousine Käthe von Sellenthin heiraten. Botho trennt sich von Lene und ordnet sich dem Herkommen unter: „dass das Herkommen unser Tun bestimmt. Wer ihm gehorcht, kann zugrunde gehn, aber er geht besser zugrunde als der, der ihm widerspricht.“ Lene akzeptiert seine Entscheidung. Botho heiratet Käthe und führt mit ihr eine konventionelle, wenig leidenschaftliche, aber erträgliche Ehe. Beide ehemaligen Liebenden können einander jedoch nicht vergessen.
Nach einer zufälligen Begegnung mit Botho und Käthe zieht Lene in ein anderes Stadtviertel. Dort lernt sie den älteren Fabrikmeister und Laienprediger Gideon Franke kennen. Sie berichtet ihm ehrlich von ihrer Vergangenheit; Gideon ist bereit, sie dennoch zu heiraten. Er besucht Botho, um über dessen Beziehung zu Lene zu sprechen. Botho verbrennt danach Lenes Briefe und einen mit ihrem Haar zusammengebundenen Blumenstrauß, bleibt innerlich aber gebunden: „Alles Asche. Und doch gebunden.“ Als Käthe die Hochzeitsanzeige liest und sich über Lenes und Gideons Namen lustig macht, antwortet Botho: „Gideon ist besser als Botho.“
Aufbau, Leitmotive und Namen
Der Roman umfasst sechsundzwanzig kurze Kapitel. Kapitel 1 bis 16 konzentrieren sich auf Lene und Botho, Kapitel 17 bis 26 auf Käthes und Bothos Ehe. Das erste Kapitel enthält bereits Hinweise auf den weiteren Verlauf, etwa Abschied, Täuschung und die Hoffnung auf Dauer. Der Übergang zum zweiten Teil liegt in den Kapiteln 13 bis 16: Das vermeintlich idyllische Verhältnis endet, Botho trennt sich von Lene und heiratet Käthe.
Wichtige Leitmotive sind Hinweise auf Trennung und auf bleibende Verbundenheit durch Erinnerung. Daneben gehören Redensarten, Bothos wechselnde Nähe zum Volk und aristokratische Distanz, Käthes häufige Bezeichnung von Dingen als „komisch“, Aberglauben sowie Blumen- und Farbsymbolik zur Gestaltung. Der Roman ist handlungsarm und als „kleiner Roman“ angelegt, besitzt aber eine dichte, sorgfältig konstruierte Struktur.
Die Namen geben zusätzliche Hinweise auf Figuren und Konflikte. „Rienäcker“ verweist auf Bothos Vermögensnot: Die Familiengüter bestehen nicht aus nutzbaren Äckern, sondern aus Ranunkelwiesen und einem nutzlosen Maränensee; „rien“ bedeutet auf Französisch „nichts“. Botho ist etymologisch ein Bote und überbringt Lene die schlechte Nachricht der Trennung. Gideon ist ein biblischer Name; Gideon Franke wird mit Freiheit verbunden, weil er die nicht mehr jungfräuliche Lene heiratet. Der Schluss „Gideon ist besser als Botho“ kann sich sowohl auf den Namen als auch auf Gideons Mut und Bothos Feigheit beziehen.
Lene wird als selbstständige, starke und Botho ebenbürtige Figur dargestellt. Ihre Vorstellung als „Mademoiselle Agnès Sorel“ setzt sie jedoch für die anwesenden Offiziere einer Mätresse gleich. Lene erkennt die literarische Anspielung wegen ihres einfachen Bildungsniveaus nicht. Käthe ist Lenes Gegenfigur, entspricht mit ihrem Lebenslauf den Standesnormen und beherrscht gesellschaftliche Konventionen, wird aber zugleich als humorvoll und selbstsicher beschrieben.
Liebe, Sexualität und Gesellschaft
Der Roman beschreibt ein breites Spektrum von Geschlechterverhältnissen: Vernunftehen, standesübergreifende Liebesbeziehungen, Beziehungen zu „Mätressen“ und wechselnde sexuelle Beziehungen innerhalb und außerhalb von Bordellen. Sexualität ist gesellschaftlich vorhanden, wird aber häufig nur angedeutet. So werden Bothos drei Kameraden in Hankels Ablage von Huren begleitet; dass Botho rasch versteht, „welche Parole heute galt“, deutet auf die Alltäglichkeit solcher Eskapaden hin.
Die Gesellschaft akzeptiert Beziehungen zwischen Männern der Oberschicht und Frauen aus unteren Schichten eher als unverbindliche Verhältnisse, nicht aber als gleichberechtigte Liebe oder Ehe. Deshalb wird Lene trotz ihrer Liebe zu Botho von den anderen Frauen wie eine Mätresse behandelt. Auch die Möglichkeit unehelicher Kinder und die Bemerkung, Lene sei „vielleicht (…) eine Prinzessin oder so was“, verweisen auf Folgen dieser Sexualmoral.
Botho und Lene kehren ohne großen Widerstand in ihre jeweiligen sozialen Schichten zurück. Ihre späteren Ehen sind gesellschaftlich akzeptiert, aber zunächst nicht von Leidenschaft geprägt. Gideon nimmt Lenes Vergangenheit bewusst an. Vor der Kirche kommentieren Arbeiterinnen jedoch abwertend, dass Lene keinen Hochzeitskranz als Zeichen der Jungfräulichkeit trägt, und bezweifeln wegen des großen Altersunterschieds eine lebendige Ehe.
Deutung und zeitgenössische Wirkung
In Deutungen gilt der Roman als Darstellung von Geschlechterbeziehungen unter dem Druck restriktiver sozialer Strukturen. Die Figuren sind dabei ambivalent: Sie unterwerfen sich gesellschaftlichen Regeln, zeigen aber zugleich begrenzten Wunsch nach Freiheit und persönlicher Erfüllung. Fontane schildert keine außergewöhnlichen Einzelfälle, sondern alltägliche Verhältnisse und konventionelle Auswege.
Als „Berliner Roman“ zeigt das Werk nicht nur Dialekt und Lokalkolorit, sondern auch Berlin als rasch wachsende Metropole des Deutschen Reiches. Die Industrialisierung verschärfte soziale Gegensätze und differenzierte gesellschaftliche Normen. In einer stärker individuellen Lesart steht nicht eine allgemeine Lösung, sondern die Frage nach dem Glück im Mittelpunkt; Fontane decke einen Zustand „höchster Tragik“ auf. Überzeitlich lässt sich der Konflikt als Gegensatz zwischen Gesellschaft und Menschlichkeit verstehen.
Der Vorabdruck von 1887 löste heftige Ablehnung aus. Leser empörten sich über die unbefangene Darstellung einer Liebesbeziehung zwischen einem Adligen und einer Frau aus niedrigem Stand. Besonders skandalös erschien, dass Fontane die Beziehung nicht moralisch verurteilte, Lene als gleichwertig und charakterlich überlegen zeigte und damit die herrschende Moral sowie die Empfindlichkeit des Adels gegenüber einer „Mesalliance“ berührte.
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