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Steve Reich
Seine Inspirationen entstammen sowohl ursprünglicher afrikanischer Trommelmusik oder balinesischer Gamelan-Musik, als Ausdruck nicht-westlicher Volksmusik …
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Einordnung und Bedeutung
Steve Reich, eigentlich Stephen Michael Reich, wurde am 3. Oktober 1936 in New York geboren. Er ist ein US-amerikanischer Komponist, Pianist und Schlagzeuger und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der American Minimal Music. Zusammen mit Philip Glass, Terry Riley und La Monte Young zählt er zu den prägenden Figuren dieser Richtung, auch wenn er sich in späteren Werken vom rein minimalistischen Stil entfernte.
Sein Werk umfasst Vokal- und Orchesterwerke, Kammermusik, Quartette, multimediale Performances, Solostücke und Kompositionen für Ensembles. Typisch sind Wiederholung, klare rhythmische Prozesse, Phasenverschiebung und der Einsatz von Tonbandaufnahmen. Phasenverschiebung bedeutet, dass gleiche musikalische Muster gleichzeitig erklingen, sich aber allmählich zeitlich gegeneinander verschieben. Dadurch entstehen neue rhythmische und klangliche Muster.
Reichs Musik verbindet Einflüsse aus afrikanischer Trommelmusik, balinesischer Gamelan-Musik, elektronischer Musik, Barock, Renaissance, Mittelalter, Jazz, Psychedelic Rock und Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er bezog sich ausdrücklich nicht auf Klassik, Romantik oder serielle Musik als zentrale Vorbilder. Seine Musik wurde von Medien sehr hoch bewertet: The Village Voice nannte ihn den „größten lebenden Komponisten Amerikas“, The New Yorker den „originellsten musikalischen Denker unserer Zeit“, und für die New York Times gehört er „zu den großen Komponisten des Jahrhunderts“.
Leben und Ausbildung
Reich wurde in eine deutsch-jüdische Familie geboren. Seine Mutter war die Sängerin, Broadway-Texterin und Dichterin June Carroll, sein Vater der Anwalt Leonard J. Reich. Die Eltern trennten sich 1937. Reich lebte beim Vater in New York, während seine Mutter nach Los Angeles zog. Zwischen 1939 und 1942 reiste er häufig mit seiner Gouvernante per Zug zwischen Ost- und Westküste. Diese Kindheitserfahrung wurde später wichtig für Different Trains (1988), in dem Reich seine amerikanischen Zugreisen mit den Vernichtungszügen der Nationalsozialisten in Europa kontrastierte.
Bis etwa zu seinem 14. Lebensjahr kannte Reich vor allem Musik der klassisch-romantischen Periode von 1750 bis 1900. Er erhielt zwischen etwa 1943 und 1946 Klavierunterricht, brach ihn aber mit zehn Jahren ab. Um 1950 beeindruckten ihn Johann Sebastian Bach, Strawinskis Le sacre du printemps und Jazz von Charlie Parker, Miles Davis und Kenny Clarke. Im selben Jahr begann er Schlagzeugunterricht bei Roland Kohloff. 1953 beendete er die High School und gründete ein Bebop-Quintett, in dem er Schlagzeug spielte.
Mit 16 Jahren begann Reich an der Cornell University Philosophie zu studieren. 1957 schloss er das Studium mit einer Bachelor-Arbeit über das Spätwerk Ludwig Wittgensteins ab. Zitate von Wittgenstein verwendete er später in Proverb (1995) und You Are (Variations) (2006). Danach wandte er sich ganz der Musik zu. Von 1957 bis 1958 nahm er privaten Unterricht bei Hall Overton und studierte anschließend Komposition an der Juilliard School bei Vincent Persichetti und William Bergsma. Zu seinen Mitschülern gehörte Philip Glass.
Ab 1961 studierte Reich am Mills College in Oakland weiter, unter anderem bei Darius Milhaud und Luciano Berio. Er experimentierte mit Zwölftontechnik, interessierte sich daran aber besonders für rhythmische statt melodische Aspekte. 1963 schloss er mit dem Master of Arts ab und verließ die akademische Welt. 1966 gründete er in New York das Ensemble Steve Reich and Musicians. Da er von seiner Musik zunächst nicht leben konnte, arbeitete er unter anderem als Taxifahrer und bei der Post.
Einflüsse und kompositorische Grundideen
Reichs Musik ist geprägt durch repetitive Ästhetik, rhythmische Komplexität und hörbare Prozesse. Repetitiv bedeutet, dass kleine musikalische Einheiten wiederholt werden. Ein Pattern ist eine kurze Melodie- oder Rhythmuseinheit. Bei Reich verändern sich solche Patterns oft langsam, sodass der musikalische Prozess für das Publikum wahrnehmbar bleibt.
Zu seinen wichtigen Techniken gehören statische Harmonie, Wiederholung, additive Elemente, Phasenverschiebung, Kanontechnik, Tonbandaufnahmen, lineare Prozesse, Variationen sowie komplexe rhythmische Strukturen. Additive Elemente sind nach und nach hinzugefügte Töne oder Rhythmen. Kanontechnik bedeutet, dass gleiche oder ähnliche musikalische Linien zeitversetzt einsetzen.
Reich formulierte seine Ästhetik in dem Essay Music as a Gradual Process. Er schrieb: „Mich interessieren wahrnehmbare Prozesse […] Ich möchte den Prozess die ganze Zeit hören können, solange die Musik erklingt.“ Damit grenzte er sich von Musik ab, deren Struktur für das Publikum nicht unmittelbar hörbar ist.
Wichtig sind auch nicht-westliche Einflüsse. 1970 studierte Reich in Accra an der Universität von Ghana fünf Wochen lang Percussion bei Gideon Alorworye und lernte Polyrhythmen kennen. Polyrhythmus bedeutet, dass mehrere unterschiedliche rhythmische Schichten gleichzeitig erklingen. 1973 und 1974 studierte er balinesischen Gamelan. Von 1976 bis 1977 beschäftigte er sich in New York und Jerusalem mit traditionellem Gesang hebräischer Schriften. Diese Studien wirkten sich auf Werke wie Drumming und Tehillim aus.
Wichtige Werke und Entwicklung
Reichs aktive Schaffenszeit begann um 1958 mit elektronischer Musik und eigenen Experimenten. In den 1960er Jahren arbeitete er mit Tonbandmaschinen und kurzen Tonfragmenten, die heute als Samples bezeichnet werden könnten. Frühe Beispiele sind It’s Gonna Rain (1965), Melodica und Come Out. In It’s Gonna Rain verwendete Reich die Stimme des Predigers Brother Walter und entwickelte daraus ein rhythmisches Muster mit kanonischer Struktur.
1967 übertrug Reich die Phasentechnik auf Instrumentalmusik. Piano Phase, ein etwa 20-minütiges Schlüsselwerk für zwei Pianisten, besteht aus Permutationen der ersten sechs Töne der A-Dur-Tonleiter. Beide Pianisten spielen dasselbe wiederholte Pattern, doch einer verändert das Tempo leicht, sodass sich die Stimmen verschieben und später wieder zusammenkommen.
Der Durchbruch gelang Reich mit Drumming (1970–1971), einem etwa 85-minütigen Werk, das stark von seinen Ghana-Studien beeinflusst ist. Es besteht aus vier Sätzen mit unterschiedlichen Schlaginstrumenten: Bongos, Marimbas, Glockenspielen und schließlich allen Instrumenten zusammen. Drumming machte Reich schlagartig bekannt und wurde als wichtiges Werk des Minimalismus verstanden.
In den 1970er Jahren entstanden außerdem Clapping Music (1972), Music for Pieces of Wood (1973), Music for Mallet Instruments, Voices and Organ (1973), Six Pianos (1973) und Music for 18 Musicians (1974–1976). Music for 18 Musicians wurde 1976 in New York uraufgeführt und 1978 als Tonträger veröffentlicht. Mit diesem Werk übertrug Reich seine Verfahren auf ein größeres Ensemble und schuf komplexe rhythmische Strukturen.
In den 1980er Jahren wurden historische Themen und Reichs jüdisches Erbe wichtiger. Tehillim (1981), hebräisch für Psalmen, war das erste Werk, das ausdrücklich auf seinen jüdischen Hintergrund zurückgriff. Electric Counterpoint (1987) entstand mit dem Gitarristen Pat Metheny. Different Trains (1988) für Tonband und Streichquartett zählt zu Reichs bekanntesten Werken. Darin verbindet er Stimmen von Holocaust-Überlebenden, Zuggeräusche sowie Stimmen eines Schaffners und seiner Kinderfrau.
In den 1990er Jahren entstanden unter anderem The Cave, Typing Music, City Life (1995), Nagoya Marimbas (1995) und Proverb (1995). In Proverb verwendet Reich einen Text von Ludwig Wittgenstein und nähert sich klanglich mittelalterlicher Polyphonie. In den 2000er Jahren folgten Werke wie Three Tales, Cello Counterpoint, You Are (Variations), Daniel Variations, Double Sextet (2007), 2×5 (2008) und WTC 9/11 (2009–2010). Double Sextet erhielt 2009 den Pulitzer Prize for Music. In den 2010er Jahren schrieb Reich vor allem Instrumentalwerke wie Radio Rewrite (2012), Quartet (2013), Pulse (2015), Runner (2016), Music for Ensemble and Orchestra (2018) und Reich/Richter (2019).
Rezeption, Wirkung und Auszeichnungen
Reichs Musik wird häufig als Zeitgeschichte verstanden, weil sie zeitgenössisches Leben, Technik, Ängste und Erfahrungen verarbeitet. Technisch gelten seine Verfahren als frühe Modelle für das, was später mit Loops und Sampling verbunden wurde. Zwei Merkmale sind besonders wichtig: mantraartige Wiederholungen kleiner musikalischer Teile und Phase-Shifting, also Phasenverschiebung zwischen Stimmen.
Reichs Musik beeinflusste viele Komponisten und Musiker, darunter Michael Nyman, David Lang, Philip Glass, Lou Reed, Brian Eno, John Cale und Peter Gabriel. Brian Eno hörte 1974 ein Konzert von Reich und übernahm später Phasenverschiebungen in eigene Arbeiten, unter anderem in Richtung Ambient Music. Radio Rewrite (2013), das auf Material von Radiohead Bezug nimmt, zeigt Reichs Verbindung zur Popmusik.
Seine Werke wurden von wichtigen Orchestern und Ensembles weltweit aufgeführt, darunter London Symphony Orchestra, San Francisco Symphony Orchestra, Boston Symphony Orchestra, New Yorker Philharmoniker, Ensemble Modern, Ensemble Intercontemporain, London Sinfonietta und MDR-Sinfonieorchester. Auch Choreographinnen und Choreographen verwendeten seine Musik, etwa Anne Teresa de Keersmaeker, Jirí Kylían, Jerome Robbins und Laura Dean.
Reich erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Dazu gehören ein Grammy für Different Trains (1989), ein Grammy für Music for 18 Musicians (1999), der Praemium Imperiale in der Sparte Musik (2006), der Polar-Musikpreis (2007), der Pulitzer-Preis für Double Sextet (2009), die Gold Medal in Music der American Academy of Arts and Letters (2012), der BBVA Foundation Frontiers of Knowledge Award in der Kategorie Zeitgenössische Musik (2013), der Goldene Löwe der Biennale von Venedig (2014) und das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst (2016). Seine Werke erscheinen beim Verlag Boosey & Hawkes.