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Serielle Musik

musique sérielle, 1947 eingeführt von René Leibowitz; engl. serial music) ist ein Genre der Neuen Musik, das sich ab etwa 1948 entwickelte.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Kompositionsweise
  2. 2. Voraussetzungen und frühe Werke
  3. 3. Formen und Zweck der Regeln
  4. 4. Einwände und Gegenargumente
  5. 5. Weiterentwicklung und wichtige Beispiele
  6. 6. Abgrenzung verwandter Begriffe

Grundidee und Kompositionsweise

Serielle Musik, auch Serialismus oder Serialität genannt, ist ein Genre der Neuen Musik, das sich ab etwa 1948 entwickelte. Sie führt die Zwölftontechnik Arnold Schönbergs weiter und folgt strengen, vorab festgelegten Regeln.

Das zentrale Verfahren besteht darin, möglichst viele Eigenschaften der Musik durch Zahlen- oder Proportionsreihen zu ordnen. Solche Eigenschaften heißen musikalische Parameter. Dazu gehören insbesondere Tonhöhe, Tondauer, Lautstärke und Klangfarbe; bei Klaviermusik können auch Artikulation und Spielart zur Klangfarbe gerechnet werden. Die Werte dieser Parameter werden quantifiziert, also in bestimmbaren Abstufungen erfasst, und reihenmäßig organisiert.

Anders als in der Zwölftonmusik der Zweiten Wiener Schule wird damit nicht nur der Verlauf der Tonhöhen festgelegt. Der umfassendere Ordnungsanspruch soll möglichst klare Musik schaffen, die frei von Redundanz, Unbestimmtheit und der Beliebigkeit des persönlichen Geschmacks ist. Dennoch bestimmen die Regeln ein Werk bei den bedeutenden Vertretern des Serialismus – mit sehr wenigen Ausnahmen – nicht vollständig. Für musikalische Erfindung und Gestaltung bleiben Freiräume.

Voraussetzungen und frühe Werke

Die historischen Voraussetzungen schufen Arnold Schönberg und Anton Webern als Vertreter der Zweiten Wiener Schule. Sie ordneten bereits Tonhöhen und Intervallstrukturen nach eigenen Regeln neu. Bei Schönbergs Zwölftontechnik ist jedoch hauptsächlich der Tonhöhenverlauf als Reihe festgelegt, während der Serialismus mehrere musikalische Parameter gleichzeitig systematisch ordnet.

Als erstes Werk, das den Regeln der seriellen Musik nahekommt, gilt Olivier Messiaens Klavierstück „Mode de valeurs et d’intensités“. Darin organisierte Messiaen Tonhöhen, Tondauern, Tonstärken und Artikulation mithilfe reihenähnlicher Modi. Diese ließen allerdings noch mehr kompositorische Freiheit als spätere serielle Verfahren. Nachfolgende Generationen bezogen sich gewöhnlich auf dieses Werk. Messiaen erklärte jedoch, er habe dieselben Techniken bereits einige Wochen zuvor im Klavierwerk „Cantéyodjayâ“ verwendet.

Formen und Zweck der Regeln

Zu den besonderen Ausprägungen der seriellen Musik gehören punktuelle Musik und Gruppenkomposition sowie – mit Einschränkungen – statistische Musik. Auch Molekulare Musik und Stochastische Musik berufen sich auf den Serialismus.

Die Konstruktionsprinzipien müssen beim Hören nicht im Einzelnen erkannt oder nachvollzogen werden. Die Vororganisation erfüllt vielmehr eine ähnliche Aufgabe wie Tonsatzlehren früherer Zeiten: Sie soll bestimmte musikalische Konstellationen vermeiden, die innerhalb des jeweiligen Stils als falsch gelten. In der Klassik betraf dies beispielsweise Quintparallelen, bei Schönberg das Oktavverbot und in der seriellen Musik tonale Strukturen oder regelmäßige Rhythmen. Der Sinn eines seriellen Werkes ist daher nicht mit seinem Herstellungsverfahren gleichzusetzen – ebenso wenig wie der Sinn eines Bach-Chorals allein aus den Regeln der Vierstimmigkeit besteht.

Einwände und Gegenargumente

Ein Einwand lautet, das menschliche Kurzzeitgedächtnis könne neue Informationen nur etwa 20 Sekunden behalten und deshalb die komplexen Strukturen nicht erfassen. Der Artikel hält dagegen, dass durchschnittliche Hörer auch die neun Themen der drei Themengruppen in der Exposition des Hauptsatzes einer Bruckner-Symphonie weder vollständig erkennen noch behalten können. Zudem seien Materialebene und Gestaltebene nicht dasselbe: Die zugrunde liegende Ordnung muss nicht bewusst erkannt werden, damit eine musikalische Gestalt wahrgenommen werden kann.

Ein weiterer Einwand betrifft die begrenzte Genauigkeit von Instrumental- und Singstimmen. Danach könnten die präzisen Vorgaben der Komponisten nicht ausreichend genau wiedergegeben werden. Dem wird entgegengehalten, dass zunächst unüberwindbar erscheinende Schwierigkeiten häufig von der nächsten Generation gelöst werden. Als Vergleich dienen Liszts Klavieretüden: Ihre einst als „übermenschlich“ geltenden Anforderungen sind inzwischen Prüfungsaufgaben gewöhnlicher Konservatoriums-Abschlüsse.

Auch die Bezeichnung als unmusikalische „Papiermusik“, die lediglich aus Regeln und Zahlentabellen entstehe, wird zurückgewiesen. Die Regeln legen bedeutende serielle Werke normalerweise nicht vollständig fest, sondern lassen den Komponisten Gestaltungsspielraum.

Weiterentwicklung und wichtige Beispiele

Die immer stärkere Durchformung des musikalischen Materials führte zur elektronischen Musik. Sie ist nicht mehr den Beschränkungen traditioneller Instrumente unterworfen und ermöglicht dadurch eine noch genauere Kontrolle musikalischer Eigenschaften.

Als Schlüsselwerke der seriellen Kompositionstechnik gelten Pierre Boulez’ „Structures“ für zwei Klaviere, Karlheinz Stockhausens „Kontra-Punkte“ für Ensemble sowie dessen „Gruppen“ für drei Orchester. Zu den wichtigsten Vertretern zählen Karlheinz Stockhausen, Karel Goeyvaerts, Luigi Nono, Pierre Boulez, Luciano Berio und Gottfried Michael Koenig.

Abgrenzung verwandter Begriffe

Im Englischen kann „serial music“ die Zwölftontechnik im Sinne Schönbergs bezeichnen. Für die umfassende Organisation mehrerer musikalischer Parameter, die im Deutschen serielle Musik heißt, wird daher häufig der Ausdruck „total serialism“ verwendet.

Im Deutschen wird „seriell“ außerdem gelegentlich fälschlich auf repetitive Kompositionstechniken bezogen, bei denen musikalische Elemente wiederholt werden, etwa in der Minimal Music. Diese Verwechslung beruht vermutlich auf einer falschen Analogie zur seriellen Kunst und ihren Techniken.

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