Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Schlagzeug

Das Schlagzeug (englisch: drumset, drumkit, drums) besteht aus einer Kombination verschiedener Schlaginstrumente zur rhythmischen Klangerzeugung.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Aufbau und Grundidee
  2. 2. Trommeln, Felle und Kessel
  3. 3. Becken und Spielmittel
  4. 4. Elektronisches Schlagzeug und Entwicklung
  5. 5. Rhythmus, Notation und Lernen
  6. 6. Gesundheitsrisiken

Aufbau und Grundidee

Ein Schlagzeug (englisch drumset, drumkit oder drums) ist eine Kombination verschiedener Schlaginstrumente zur rhythmischen Klangerzeugung. Es vereint Membranophone, also Fellklinger wie Trommeln, und Idiophone, also Selbstklinger wie Becken oder Cowbell. Seine Zusammenstellung entwickelte sich je nach Musikstil und ist heute weitgehend standardisiert, bleibt aber individuell veränderbar.

Ein Standardset enthält die Kleine Trommel (Snare Drum), die Große Trommel (Bass Drum), meist mehrere Hänge- und Stand-Tomtoms, Hi-Hat und weitere Becken; hinzu kommen teilweise Kleinperkussion wie Holzblock, Kuhglocke oder Schellenkranz. Stative, Halterungen und weitere Befestigungen ermöglichen eine zur Spielweise passende Anordnung. Größen von Trommeln und Becken werden in Zoll angegeben: 1 Zoll = 2,54 cm.

Gängige Größen sind eine Große Trommel von 22 Zoll (16 bis 30 Zoll), eine Kleine Trommel von 14 Zoll (6 bis 16 Zoll), Toms von 10, 12 und 14 oder 12, 13 und 16 Zoll (6 bis 18 Zoll), eine Hi-Hat von 14 Zoll (8 bis 16 Zoll), ein Ride-Becken von 20 Zoll (18 bis 24 Zoll), ein Crash-Becken von 16 Zoll (13 bis 24 Zoll), ein Splash-Becken von 10 Zoll (6 bis 12 Zoll) und ein China-Becken von 18 Zoll (8 bis 26 Zoll).

Trommeln, Felle und Kessel

Die Kleine Trommel steht mittig vor dem Spieler und ist das Hauptinstrument des Schlagzeugs. Sie hat meist einen Holz- oder Metallkessel und ist oben mit einem Schlagfell, unten mit einem dünneren Resonanzfell bespannt. Parallel gespannte Drähte am Resonanzfell, der Schnarr- oder Snareteppich, geben ihr den typischen Schnarrklang. Eine Schnarrabhebung kann ihn vom Fell lösen; auch seine Spannung ist einstellbar. Häufig sind 14 Zoll Durchmesser sowie 5,5 oder 6,5 Zoll Kesseltiefe. Piccolotrommeln mit 8 oder 10 Zoll können als zusätzliche Side-Snare dienen.

Die Große Trommel ist das zweite Hauptinstrument. Ihr meist beidseitig bespannter Holzkessel liegt seitlich auf einklappbaren Beinen und wird mit einer Fußmaschine gespielt. Ein Doppelpedal erlaubt das Spiel mit beiden Füßen auf einer Trommel und ist eine Alternative zu zwei Großen Trommeln (Doublebass). Löcher im vorderen Resonanzfell vermindern Nachhall und erlauben eine Mikrofonabnahme im Inneren; Kissen oder Decken können zusätzlich dämpfen. Moderne Bass Drums haben 16 bis 26 Zoll Felldurchmesser. Eine Bass-Drum-Rosette dient zur Befestigung von Becken und Toms; ungebohrte Bass Drums können freier schwingen.

Tomtoms sind beidseitig bespannte Trommeln mit 6 bis 18 Zoll Durchmesser. Hängetoms benötigen Stativ oder Bass-Drum-Halterung, Standtoms stehen auf eigenen Kesselbeinen und sind oft tiefer. Freischwingsysteme wie RIMS sollen das Klangpotenzial erhalten. Rototoms besitzen keinen Kessel und kein Resonanzfell; durch Drehen ihres Rahmens lässt sich die Fellspannung und damit ein Glissando verändern. Concert-Toms haben kein Resonanzfell. Standardsets enthalten meist zwei Hängetoms von 10 bis 13 Zoll und ein Standtom von 14 bis 16 Zoll.

Felle bestehen heute gewöhnlich aus ein- oder zweilagiger Kunststofffolie und werden mit Spannreifen und je vier bis zwölf Spannschrauben gespannt. Die Spannung bestimmt die Tonhöhe. Schlagfell heißt das obere bespielte, Resonanzfell das untere Fell. Aufgeraute, „coated“ Felle klingen wärmer und erzeugen beim Wischen mit Besen Rauschen; durchsichtige heißen „clear“. Mehrlagige Felle sind stabiler sowie meist tiefer und gedämpfter als einlagige. „Dry snare“-Felle mit sehr kleinen Löchern machen die Kleine Trommel trockener.

Kessel von Bass Drum und Toms bestehen meist aus Holz: Ahorn liefert einen warmen, ausgewogenen Klang mit starken Tiefen, Birke betont Höhen, Mahagoni kräftige Tiefen bei reduzierten Höhen. Auch andere Hölzer, Holzgemische und Kunststoffe kommen vor. Die Gratung ist die Kante, auf der das Fell aufliegt; Qualität und Form beeinflussen die Klangübertragung. Dünne, spitze Kanten haben sich gegenüber flachen oder runden Gratungen durchgesetzt.

Becken und Spielmittel

Die Hi-Hat besteht aus zwei horizontal auf einem Pedalständer montierten Becken. Im Standardaufbau öffnet und schließt der linke Fuß sie. Geschlossen mit dem Pedal klingt sie vergleichsweise leise und ähnlich einer Cabasa; mit Stock ist sie geschlossen fein, halboffen rauer und offen laut wie ein Crash-Becken. Hi-Hat und Ride-Becken liefern meist einen durchgehenden Puls oder feste rhythmische Figuren, sogenannte patterns.

Das Ride-Becken misst meist 16 bis 24 Zoll. Sein definierter Anschlag („ping“) liegt über einem Grundrauschen („wash“). Die Kuppe, auch bell oder cup, klingt hell und glockenartig; am Rand steigen die Obertöne. Sizzle-Rides besitzen Nieten für stärkeres Rauschen, Flat-Rides haben keine Kuppe und daher weniger Obertöne. Crash-Becken sind meist dünner und mit etwa 13 bis 20 Zoll kleiner als Ride-Becken. Ihr geräuschhafter Klang mit hohem Anteil an „weißem Rauschen“ dient Akzenten und Crescendi.

China-Becken haben meist einen hochgebogenen Rand und eine zylindrische oder kegelförmige Kuppe. Sie sind meist 14 bis 24 Zoll groß, klingen crashähnlich, aber kürzer sowie „schmutziger“ oder „roher“, und dienen explosiven Akzenten oder Staccato-Figuren. Im Metal können sie Hi-Hat oder Ride ersetzen. Splash-Becken sind 6 bis 12 Zoll groß, sprechen rasch an, klingen hell und kurz und setzen kurze Akzente. Effekt-Becken erweitern die Klänge, etwa Cups oder Bells mit Ride-Glockenklang und Stacks aus direkt übereinandergelegten Becken für kurze „dreckige“ Klänge.

Becken bestehen meist aus Messing oder Bronzelegierungen. Der Zinn-Gehalt reicht von 8 % bis 20 % bei Glocken-Bronze. Trommeln und Becken werden meist mit zwei Trommelstöcken gespielt, die oft aus Hickory bestehen; es gibt auch Kunststoff- und Carbon-Sticks. Besen, Rods aus gebündelten Stöckchen sowie Filz- oder Flanellkopfschlägel ermöglichen andere Klangwirkungen. Unter Hardware fallen Fußmaschine, Beckenständer, Stative, Halterungen sowie fest mit dem Kessel verbundene Teile wie Spannböckchen, Snare-Abhebung und Bass-Drum-Füße.

Elektronisches Schlagzeug und Entwicklung

Beim elektronischen Schlagzeug, kurz E-Drums, löst der Schlagimpuls einen Trigger aus. Elektronische Tonabnehmer an den bespielten Komponenten leiten ihn an einen meist digitalen Soundprozessor weiter; der Klang wird über Lautsprecher oder Kopfhörer ausgegeben. Er hängt von Prozessor und Soundvorlagen („Samples“) ab und kann einem akustischen Schlagzeug nahekommen, bildet aber noch nicht alle spielerischen Feinheiten ab. E-Drums haben fast keinen Eigenklang ohne Verstärkung. Sie eignen sich deshalb zum Üben mit Kopfhörern, für Zimmerlautstärke und für Musicalproduktionen mit sehr geringer Bühnenlautstärke. Ein Set kann Klänge verschiedener Schlagzeug- und Perkussionsinstrumente erzeugen. Es ist nicht mit einem Drumcomputer gleichzusetzen, der Klänge ohne Interaktion eines Schlagzeugers nachahmt.

Wichtige Schritte der Entwicklung waren das erste Bass-Drum-Pedal von George R. Olney aus dem Jahr 1887, das erste Serienprodukt von William F. Ludwig 1899 und das erste komplette, von Ludwig & Ludwig Drum Company 1918 verkaufte Schlagzeug. Bis in die 1960er-Jahre stammten Spitzenprodukte vor allem aus den USA, Großbritannien und Deutschland. Ab den 1960er-Jahren konkurrierten preiswertere Produkte aus Japan, später Taiwan und Südkorea; seit den 1970er-Jahren boten Japan und Taiwan auch hochwertige Produkte an. Seit 2011 gibt es mit dem Schlagzeugmuseum Ludwigsburg das einzige Museum dieser Art in Deutschland.

Rhythmus, Notation und Lernen

In einer Band erzeugt das Schlagzeug vor allem den Grundrhythmus. Zusammen mit Bass und Keyboard bildet es die Rhythmusgruppe und den tragenden Groove. Typisch ist eine wiederholte Schlagfolge aus dem tiefen Klang der Bass-Drum, dem hohen Klang der Kleinen Trommel und dem metallischen Puls von Hi-Hat oder Ride-Becken. Fills, Wirbel, Rudiments und Effekt- oder Crash-Becken verzieren und betonen Stellen; beim Schlagzeugsolo treten die anderen Instrumente in den Hintergrund.

Schlagzeugnoten verwenden einen neutralen Notenschlüssel, weil viele Instrumente keine bestimmte Tonhöhe haben. Eine verbindliche Notation gibt es nicht; daher erklärt ein drum key am Anfang die verwendeten Zeichen. Becken und Hi-Hat erhalten meist x-förmige, Trommeln runde Notenköpfe. Instrumente mit Fußspiel stehen gewöhnlich weiter unten im System, mit Handspiel weiter oben; die Hi-Hat ist eine Ausnahme, weil sie mit Fuß und Händen gespielt werden kann. Pausen werden für eine gute Lesbarkeit je nach Einzelfall gesetzt.

Das Spielen verlangt Hand-Fuß-Koordination: Figuren auf Snare und Toms werden mit Grooves aus Hi-Hat, Snare und Bass-Drum verbunden. Beim Lernen eines Stücks hört man zunächst Taktart und Form heraus, entwickelt dann eine passende Begleitung und spielt sie mit anderen Instrumenten. Unterricht kann Notation, Musiklehre und Körperhaltung vermitteln. Schlagzeugunterricht ist an Musikschulen oder bei privaten Lehrern möglich; ein Studium bieten staatliche Hochschulen und private Institute wie Drummers Focus. In der Musikpädagogik kann das Instrument Takt und Rhythmus vermitteln. Schnelle Erfolgserlebnisse fördern häufig die Motivation, während spätere Inhalte deutlich komplexer werden.

Gesundheitsrisiken

Schlagzeugspielen kann hohe Schalldruckpegel erzeugen und erhöht damit das Risiko für Hörverlust und Tinnitus. Besonders belastend ist impulshaltiger Schall. Durchschnittlich entstehen 90 bis 110 Dezibel (dB), bis zu 120 dB sind möglich. Gehörschäden wie Hörverlust oder Tinnitus lassen sich bisher nicht zufriedenstellend behandeln.

In entsprechenden Arbeitsumgebungen ist ab 85 dB Gehörschutz vorgeschrieben. Schlagzeuger können Ohrstöpsel oder spezielle In-Ear-Monitoring-Systeme verwenden, regelmäßige Pausen einlegen und den Schalldruckpegel kontrollieren sowie gegebenenfalls senken. Zusätzlich bestehen erhebliche Risiken für Gelenk-, Sehnen- und Wirbelsäulenerkrankungen.

Lernvideos zu Schlagzeug

Weiterlesen

Schlaginstrument Man unterscheidet Schlaginstrumente mit definierbarer Tonhöhe wie zum Beispiel Pauke, Tabla, Glocke und Buckelgong und solche, die ein weniger definierbares … Liste der Schlaginstrumente Liste der Schlaginstrumente · 1 Becken, Zimbeln · 2 Glocken · 3 Gongs · 4 Rasseln · 5 Schlagstabspiele, Schlagröhrenspiele · 6 Schrapinstrumente · 7 Trommeln · 8 … Perkussion (Musik) Instrumente (Auswahl) · Axatse · Bodhrán · Bongos · Cabasa · Cajón · Conga · Chimes · Davul … Rhythmus (Musik) Der Grundschlag unterteilt in der Musik die dahinfließende Zeit durch gleichmäßige (akustische) Impulse, den Grundschlag oder auch Puls. Der Grundschlag … Notation (Musik) Als Notation bezeichnet man in der Musik das grafische Festhalten von musikalischen Parametern wie Tonhöhe, -dauer und -lautstärke in einer dazu … Popmusik Popmusik (englisch pop music), kurz Pop, ist ein Genre der populären Musik, das Mitte der 1950er-Jahre in den USA und im Vereinigten Königreich entstand. Jazz Der Jazz wird im Hinblick auf seine künstlerische Bedeutung häufig als amerikanisches Pendant zur klassischen europäischen Musik verstanden. Darüber hinaus hat … Fusion (Musik) Fusion, auch Jazzrock oder Jazzfusion genannt, ist ein Musikstil, der sich seit Beginn der 1960er Jahre ausbildete und in dem sich die Raffinesse des Jazz … Dynamik (Musik) Häufig sind musikalische Akzente in Form von speziellen Zeichen; hierbei am geläufigsten sind > für marcato („akzentuiert“, „betont“) und ^ für martellato … Staccato Das Staccato („getrennt“, von italienisch staccare „abtrennen“) ist eine musikalische Artikulationsform, bei der aufeinanderfolgende Töne klar voneinander … Legierung Eine Legierung (von lateinisch ligare ‚binden, vereinen') ist in der Metallurgie ein makroskopisch homogener metallischer Werkstoff aus mindestens zwei … Messing Messing ist eine Kupferlegierung mit Massenanteilen von mindestens 50 % Kupfer und bis zu etwa 40 % Zink. Weitere Metalle können in geringeren Anteilen …