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Stenografie
Ein in Kurzschrift verfasstes Schriftstück heißt Stenogramm. Eine Person, die diese Schrift als Schreiber oder Protokollant bei Verhandlungen und dergleichen …
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Wesen und Aufbau der Kurzschrift
Stenografie oder Stenographie (kurz: Steno) ist eine Abbreviaturschrift: Sie verwendet einfache Zeichen, um schneller als mit gewöhnlicher Langschrift zu schreiben. Dadurch kann gesprochene Sprache in normalem Tempo mitgeschrieben werden; auch eigene Gedanken lassen sich schneller notieren. Ein kurzschriftlich geschriebenes Dokument heißt Stenogramm, die schreibende oder protokollierende Person Stenograf.
Moderne Systeme sind grundsätzlich Buchstabenschriften, verbinden dies aber mit Elementen von Silbenschriften und mit Zeichen für ganze Wörter, den Kürzeln. Die Schreibgeschwindigkeit entsteht durch grafische und sprachliche Verdichtung: Häufige Laute, Silben und Wörter werden symbolisch dargestellt oder verkürzt. Weil sich Silbenstruktur und Häufigkeit von Lauten je nach Sprache unterscheiden, braucht jede Sprache passende Systeme. Im Englischen gehören etwa die Pitman-Kurzschrift von Isaac Pitman und das System von John Robert Gregg dazu.
Es gibt geometrische und kursive Systeme. Geometrische Systeme bilden Zeichen aus Punkt, Gerade, Kreis, Ellipse und Teilen davon. Kursive Systeme leiten ihre Zeichen aus Teilen der gewöhnlichen Schreibschrift ab; ihre Züge folgen dadurch meist leichter der Schreibrichtung.
Entwicklung und wichtige Systeme
Stenografische Zeichen waren bereits in der Antike bekannt. Marcus Tullius Tiro schuf im ersten vorchristlichen Jahrhundert die Tironischen Noten, die im Römischen Weltreich verbreitet waren und bis ins Mittelalter in Klosterhandschriften und Kanzleiakten vorkommen. Die neuere Stenografie entwickelte sich besonders in England: Timothy Brights „Characterie“ von 1588 gilt als erstes Kurzschriftsystem der Neuzeit. Samuel Taylors geometrisches System von 1786 beeinflusste später französische, italienische und spanische Systeme. Pitman führte 1837 eine vollständige Vokalbezeichnung und eine lautgemäße, phonetische Rechtschreibung ein.
Für die deutsche Sprache veröffentlichte Charles Aloysius Ramsay 1678 mit „Tacheographia“ das erste Lehrbuch. Entscheidend wurde Franz Xaver Gabelsberger: Seine 1834 erschienene „Anleitung zur Deutschen Redezeichenkunst“ begründete die aus Schreibschrift abgeleitete kursive deutsche Stenografie. Das Gabelsberger-System beeinflusste auch Nord- und Osteuropa sowie teilweise Italien. Neben Gabelsberger waren unter anderem Wilhelm Stolze, Ferdinand Schrey, Heinrich Roller und Karl Faulmann bedeutend. Insgesamt werden 800 bis 900 deutsche Kurzschriftsysteme geschätzt.
1924 wurde nach langen Verhandlungen die Deutsche Einheitskurzschrift (DEK) verabschiedet und amtlich anerkannt. Sie beruht hauptsächlich auf Gabelsberger und Stolze-Schrey sowie auf Faulmanns Vokalisation. Ihre drei aufeinander aufbauenden Stufen sind Verkehrsschrift, Eilschrift und Redeschrift; mit jeder Stufe steigt der Grad der Abstraktion. Reformen erfolgten 1936 und 1968, in der DDR 1970. Die DEK 1968, die „Wiener Urkunde“, ist heute das Standardsystem in Deutschland und Österreich. In der deutschsprachigen Schweiz und im Tessin wird Stolze-Schrey bevorzugt, in der französischsprachigen Schweiz Émile Duployé und Aimé-Paris.
Einsatzbereiche heute und früher
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nutzte vor allem eine kleine schreibkundige Elite Kurzschrift, darunter Gelehrte, Herrscher sowie Kanzlisten und Schreiber in Kirche, Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Da sie häufig Wahlfach am Gymnasium war, beherrschten bis zum frühen 20. Jahrhundert viele Akademiker Stenografie als Arbeits- und Konzeptschrift. Der Nachlass Edmund Husserls umfasst etwa 40.000 im System Gabelsberger geschriebene Manuskriptblätter, die für die Druckausgabe transkribiert wurden.
Im 20. Jahrhundert war Kurzschrift unter anderem bei Stabsoffizieren und in der Justizausbildung verbreitet. Mit der Industrialisierung wurde sie als Diktatschrift für Stenotypistinnen und Sekretärinnen wichtig: Diktate wurden aufgenommen und anschließend mit Schreibmaschine oder Fernschreiber übertragen. Diktiergeräte, Personal Computer und Textverarbeitungsprogramme verringerten diese Bedeutung, weil Briefe zunehmend direkt geschrieben werden.
Heute dient Steno vor allem als persönliche Notiz- und Konzeptschrift, etwa bei Besprechungen, Konferenzen, Verhandlungen, Seminaren, Vorträgen, Präsentationen und Telefonnotizen. Pressestenografen und Gerichtsstenografen gibt es kaum mehr; in den meisten deutschen Landtagen und im Deutschen Bundestag arbeiten jedoch Parlamentsstenografen im Plenar- und Ausschussdienst. Sie erreichen bis zu 500 Silben pro Minute. Stenografie wird außerdem als Hobby betrieben, etwa bei regionalen und internationalen Wettschreiben. Unterricht als Pflichtfach wurde seit den 1990er Jahren an Realschulen und Berufsschulen in Deutschland schrittweise eingestellt; lernen kann man sie weiterhin an Volkshochschulen, in Vereinen oder im Selbststudium.
Neben Handstenografie gibt es Maschinenstenografie, beispielsweise in Frankreich, Italien und den Vereinigten Staaten. Ihr System unterscheidet sich völlig von der DEK, kann Texte aber in Echtzeit digitalisieren und wiedergeben, etwa für Live-Untertitel im Fernsehen. In den Vereinigten Staaten wird sie traditionell auch bei Gerichtsverhandlungen eingesetzt.
Geschwindigkeit und Schriftstufen
Die Leistung wird in Silben pro Minute gemessen. Mit normaler Schreibschrift lassen sich 30 bis 40 Silben pro Minute festhalten. Die Verkehrsschrift, die erste DEK-Stufe, ermöglicht etwa 120 Silben pro Minute und ist damit ungefähr dreimal so schnell. Eilschrift, die zweite Stufe, erreicht durch weitere Kürzel und Abkürzungsverfahren etwa 240 Silben pro Minute. Mit Redeschrift sind durch sprachliche und grafische Kürzungen rund 480 Silben pro Minute möglich. Nachrichten werden zum Vergleich mit 260 bis 340 Silben pro Minute verlesen.
Die Verkehrsschrift eignet sich als schnellere persönliche Notizschrift. Eilschrift diente als Diktatschrift; Diktate werden mit höchstens 180 Silben pro Minute gesprochen. Sie wird weiterhin gebraucht, um Redeschrift zu verstehen und die Verkehrsschrift zu verbessern, und kann zum Beispiel für Journalisten nützlich sein. Die Redeschrift dient der Aufzeichnung von Verhandlungen. In Deutschland arbeiten etwa 200 Parlaments- und Verhandlungsstenographen. Professionelle Stenografen sollen mehr als 260 Silben pro Minute schreiben können, um schnellen Diskussionen zu folgen.
Für wörtliche oder auszugsweise Mitschriften in Lehrveranstaltungen, Vorlesungen und Kongressen gilt Stenografie als besonders leistungsfähig. Dies gilt laut Artikel auch für Parlamentsdebatten, Konferenzen und Gerichtsverhandlungen, verglichen mit Tonaufzeichnung oder PC-Texteingabe über die Tastatur.
Zeichen, Kürzel und Kürzungsregeln
Am Anfang eines Systems steht der Zeichenvorrat. In Kurzschrift können kleinste Unterschiede Bedeutung tragen: Ein Abstrich kann je nach oberem oder unterem Ansatz sowie Rundung oder spitzem Winkel vier verschiedene Zeichen bedeuten. Auch mindestens zwei, oft drei Verbindungslängen und die Unterscheidung zwischen dünnen und verstärkten Strichen können Zeichen unterscheiden.
In der DEK stehen Abstriche für Konsonanten und Konsonantengruppen; dies heißt buchstäbliche Schreibung. Vokale und Diphthonge werden sinnbildlich dargestellt, nämlich durch Hoch-, Neben- oder Tiefstellung, kurze oder weite Verbindung sowie unverstärkte oder verstärkte Schreibung des folgenden Konsonanten. Daraus ergeben sich zwölf Darstellungsweisen für Vokale und Diphthonge. Häufige Buchstabenverbindungen haben eigene Zeichen, etwa qu, ch, sch, pf, schr, pr, pfr, tr, dr, mp und mpf. Für t gibt es ein Abstrich- und ein Aufstrich-t.
Kürzel sind unregelmäßige Sonderzeichen für sehr häufige oder unhandliche Wörter, zum Beispiel „der“, „die“, „das“, „und“, „ist“ und „sind“. Kürzungen sind dagegen systematische Weglass-Regeln. Verkehrsschrift lässt beispielsweise einzelne Buchstaben, Mitlautverdopplungen außer ll, rr und ss, Vokalverdopplung, Dehnungs-h sowie die Unterscheidung von i und ie weg. In der Eilschrift können unbetonte Nicht-Stammsilben entfallen: „Wasser“ wird „Wass“, „Teufel“ „Teuf“ und „Rahmen“ „Rahm“. Die Redeschrift kürzt auch Stammsilben, etwa „ziehen“ zu „ieh“, „schreiben“ zu „eib“ und „deutsch“ zu „sch“. In hoher Praxis können ganze Wörter oder Gruppen verkürzt werden: „sogenannt“ wird „soge“, „sozusagen“ „so zu“ und „und so weiter“ „undso“ statt „usw.“.