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Stellvertreterkrieg

Dem Duden zufolge ist ein Stellvertreterkrieg „eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen kleineren Staaten, die zur Einflusssphäre jeweils verschiedener …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Definition und Bedeutung
  2. 2. Merkmale und Formen der Unterstützung
  3. 3. Beispiele aus dem Kalten Krieg
  4. 4. Neuere Konflikte im Nahen Osten
  5. 5. Umstrittene Einordnung des Ukrainekriegs

Definition und Bedeutung

Ein Stellvertreterkrieg ist nach dem Duden „eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen kleineren Staaten, die zur Einflusssphäre jeweils verschiedener Großmächte gehören und gleichsam stellvertretend für diese die Auseinandersetzung führen.“ Gemeint ist also ein Krieg, in dem äußere Mächte ihre politischen, militärischen oder ideologischen Interessen nicht unmittelbar gegeneinander, sondern mithilfe anderer Kriegsparteien verfolgen. Eine allgemein akzeptierte, eindeutig abgrenzbare Definition gibt es laut der Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff und dem Historiker Norman Naimark jedoch nicht.

Ursprünglich bezeichnete der Begriff vor allem Konflikte des Kalten Krieges: Die USA und ihre Verbündeten sowie die Sowjetunion und der Ostblock trugen ihre Interessengegensätze militärisch in Drittstaaten aus. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde die Bezeichnung auch auf Konflikte anderer Großmächte vor und nach dem Kalten Krieg übertragen.

Die Wahl des Begriffs kann selbst politisch sein. Die Osteuropa-Historikerin Anna Veronika Wendland betont, dass Bezeichnungen wie „Stellvertreterkrieg“, „Angriffskrieg“, „Spezialoperation“ oder „eskalierter Bürgerkrieg“ auch die Position der Sprechenden erkennen lassen. Sie können Zusammenhänge verständlich machen, diese aber ebenso verschleiern, verzerren oder mythisieren.

Merkmale und Formen der Unterstützung

Bei einem Stellvertreterkrieg wird meist ein bereits bestehender Konflikt, Bürgerkrieg oder Krieg in einem Drittstaat von Großmächten für eigene Ziele genutzt und gegebenenfalls zu einem größeren militärischen Konflikt ausgeweitet. Das wichtigste Ziel der beteiligten Großmächte ist, ihre Interessensphäre zu erhalten oder auf Kosten anderer Mächte zu erweitern.

Die örtlichen Kriegsparteien erhalten Unterstützung, damit die jeweils geförderte Seite gewinnt. Diese Hilfe kann militärisch, logistisch, finanziell oder anderer Art sein. Ein Sieg soll den Einfluss der unterstützenden Macht festigen oder vergrößern.

Dabei werden zwei Formen unterschieden:

  • Bei indirekten Maßnahmen unterstützen äußere Mächte ihre Stellvertreter beispielsweise mit Geld, Waffen, Ausbildung oder Militärberatern.
  • Bei direkten Maßnahmen greifen Soldaten mindestens einer beteiligten Großmacht offiziell militärisch ein.

Großmächte nutzen Stellvertreterkriege vor allem, weil sie eine direkte Konfrontation vermeiden wollen. Im Kalten Krieg hätte ein unmittelbarer Krieg zwischen den USA und der UdSSR fast zwangsläufig zu einem Atomkrieg führen können. Stellvertreterkriege ermöglichten dagegen eine begrenztere konventionelle Kriegführung. Zudem leidet hauptsächlich die Bevölkerung des Drittstaates. Für die beteiligten Großmächte lässt sich die eigene Beteiligung deshalb gegenüber der Bevölkerung leichter rechtfertigen oder geheim halten.

Beispiele aus dem Kalten Krieg

Zahlreiche Konflikte werden als Stellvertreterkriege eingeordnet. Im Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 unterstützten das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien die Putschisten unter Francisco Franco. Die Sowjetunion lieferte der Spanischen Republik Waffen und entsandte Militärberater. Nach dem Sieg der Putschisten entstand die Franco-Diktatur; Spanien trat dem Antikominternpakt bei.

Im Chinesischen Bürgerkrieg unterstützten die USA nach dem Zweiten Weltkrieg die Nationalisten unter Chiang Kai-shek, die Sowjetunion dagegen die Kommunisten unter Mao Zedong. Der Krieg endete 1949 mit dem Sieg der Kommunisten, der Gründung der Volksrepublik China und der Flucht der Nationalisten nach Taiwan. Der daraus hervorgegangene Taiwan-Konflikt dauert an.

Im Koreakrieg von 1950 bis 1953 unterstützte die UdSSR Nordkorea unter anderem mit Waffen, Ausbildung, Beratern und russischen Piloten. China setzte als „Freiwilligenarmeen“ bezeichnete Truppen ein. Auf der Gegenseite kämpften US-Truppen unter dem Kommando der Vereinten Nationen. Das Ergebnis war die Festigung der Teilung Koreas. Bis heute besteht kein Friedensvertrag, sondern nur ein Waffenstillstandsabkommen beziehungsweise eine Absichtserklärung zur Aufnahme von Verhandlungen aus dem Jahr 2007.

Im Vietnamkrieg von 1955 bis 1975 versorgten die Sowjetunion und China Nordvietnam mit Waffen und Ausrüstung. Die USA kämpften von 1965 bis 1973 selbst an der Seite Südvietnams. Der Sieg der Kommunisten führte zur Vereinigung Vietnams als sozialistischer Staat.

Weitere Beispiele zeigen unterschiedliche Beteiligungsformen: Im Jom-Kippur-Krieg 1973 wurden Ägypten und Syrien von der Sowjetunion aufgerüstet, während Israel Waffen und politische Unterstützung aus den USA erhielt; offiziell trat keine der beiden Supermächte in den Krieg ein. Im angolanischen Bürgerkrieg von 1975 bis 2002 unterstützten die USA und Südafrika die UNITA, die UdSSR und Kuba die MPLA. Kuba und Südafrika entsandten eigenes Militär. Im Ogadenkrieg 1977 bis 1978 halfen die Sowjetunion und Kuba Äthiopien, eine Invasion des von den USA unterstützten Somalia abzuwehren. Im Afghanistankrieg von 1979 bis 1989 kämpften sowjetische Truppen für die kommunistische Regierung, während vor allem die USA, Pakistan, Saudi-Arabien und China die Mudschahedin unterstützten. Nach einem langen und verlustreichen Guerillakrieg zog sich die Sowjetunion zurück.

Neuere Konflikte im Nahen Osten

Der syrische Bürgerkrieg begann 2011 im Zusammenhang mit dem Arabischen Frühling als Protest gegen die Machthaber und entwickelte sich zu einem Konflikt mit zahlreichen inneren und äußeren Beteiligten. Die Regierung unter Baschar al-Assad wurde von Russland und Iran unterstützt; die USA, die Türkei und Saudi-Arabien förderten verschiedene Rebellengruppen. Dabei überlagerten sich mehrere Konfliktlinien: die unterschiedlichen Vorstellungen der USA und ihrer europäischen Verbündeten sowie Russlands, Irans und Chinas über die internationale Ordnung und den Umsturz autoritärer Regime sowie der Wettbewerb zwischen Iran und Saudi-Arabien um regionale Vorherrschaft.

Im Bürgerkrieg im Jemen beziehungsweise im Huthi-Konflikt kämpfen schiitische Huthi-Rebellen gegen die Regierung des größtenteils sunnitischen Landes. Seit 2015 wird die Regierung vor allem durch das ebenfalls sunnitische Saudi-Arabien militärisch unterstützt. Die Huthi werden mutmaßlich vom schiitischen Iran unterstützt. Deshalb gelten dieser Konflikt und die anschließende Militärintervention als Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und Iran.

Umstrittene Einordnung des Ukrainekriegs

Ob der russische Überfall auf die Ukraine als Stellvertreterkrieg zwischen Russland und den USA beziehungsweise dem Westen gelten kann, ist umstritten. Für diese Einordnung wird angeführt, dass westliche Staaten die Ukraine massiv logistisch, militärisch und finanziell unterstützen. Dies entspricht besonders der russischen Darstellung. Auch der ukrainische Botschafter in Deutschland, Oleksij Makejew, erklärte am 15. Januar 2023, die Ukraine führe den Krieg stellvertretend für ihre Verbündeten, da Russland nicht nur gegen die Ukraine, sondern gegen Europa und die demokratische Welt kämpfe.

Gegen die Einordnung spricht, dass Russland die Ukraine direkt angegriffen hat. Danach handelt es sich um einen völkerrechtlich verbotenen Angriffskrieg, nicht um das Eingreifen zweier Großmächte in einen bereits bestehenden Konflikt. Nicole Deitelhoff betont, Russland habe den Krieg begonnen, um eigene russische Ziele durchzusetzen. Thomas Jäger definiert einen Stellvertreterkrieg als Krieg, den zwei große Staaten nicht direkt führen wollen und deshalb zwei kleinere Staaten gegeneinander führen lassen. Nach dieser Definition passt der ungleiche Krieg zwischen Russland und der Ukraine nicht. Anna Veronika Wendland hält „völkisch begründete[r] Landnahmekrieg“ für zutreffender und bezeichnet die Stellvertreterkriegsthese als Bestandteil der russischen Sichtweise und Propaganda. Sie weist zugleich auf ein ambivalentes Verhalten des Westens hin, zu dem Waffen- und Wirtschaftshilfe sowie das Assoziierungsabkommen mit der EU von 2014/2016 gehörten.

Johannes Varwick sieht dagegen „Züge eines Stellvertreterkrieges“. Nach seiner weiteren Definition genügt es, wenn mindestens eine Kriegspartei eng mit einer äußeren Gruppierung verbunden ist und auch in deren Interesse kämpft. Er argumentiert, Dauer und Intensität des ukrainischen Widerstands würden wesentlich durch westliche Unterstützung bestimmt. Michael Wyss hält bereits die Bereitstellung von Ausbildung, Waffen, Geld oder Ersatzkräften durch einen äußeren Sponsor für ausreichend; auch Informationsaustausch, Einsatzplanung oder die Anforderung von Luftangriffen und indirektem Feuer können dazugehören.

Christian Th. Müller versteht die Einordnung als Frage der Sichtweise der beteiligten Akteure. Stellvertreterkriege könnten zu einer „self-fulfilling prophecy“, also einer selbsterfüllenden Prophezeiung, werden. In diesem Sinn könne der Ukrainekrieg als Stellvertreterkrieg gelten, weil Vertreter beider Seiten ihn inzwischen so betrachten. Die gegensätzlichen Bewertungen zeigen, wie stark das Ergebnis von der verwendeten Definition und der politischen Perspektive abhängt.

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