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Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996

Die Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 ist eine Rechtschreibreform mit dem erklärten primären Ziel der Vereinfachung der Rechtschreibung im …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Ziel
  2. 2. Entstehung und Einführung bis 1998
  3. 3. Konflikt und Überarbeitung 2004 bis 2011
  4. 4. Geltung und praktische Anwendung
  5. 5. Akzeptanz und anhaltende Kritik

Gegenstand und Ziel

Die Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996, auch Neue deutsche Rechtschreibung genannt, sollte die im deutschsprachigen Raum geltende Orthographie vereinfachen. Ausgangspunkt war die einheitliche Regelung der Orthographischen Konferenz von 1901 in Berlin. Nach der Abschlusserklärung des ersten Wiener Gesprächs von 1986 sollten besonders Regeln vereinfacht werden, die im Lauf der Zeit kompliziert geworden waren.

Die Reform war von Anfang an umstritten: Kritisiert wurden sowohl einzelne neue Schreibweisen als auch die Art ihrer Durchsetzung. Die inhaltlichen Neuerungen selbst behandelt der Artikel nicht ausführlich; im Mittelpunkt stehen Entstehung, Überarbeitungen, rechtliche Geltung, praktische Anwendung und öffentliche Debatten.

Entstehung und Einführung bis 1998

1980 gründeten 80 Germanisten aus Bundesrepublik Deutschland, DDR, Österreich und Schweiz den „Internationalen Arbeitskreis für Orthographie“. Er sollte die Erforschung der deutschen Orthografie koordinieren. Nach einem ersten Vorschlag von 1985 und Wiener Gesprächen 1986 sowie 1990 erhielt 1987 das Institut für Deutsche Sprache in Mannheim gemeinsam mit der Gesellschaft für deutsche Sprache den Auftrag, ein Regelwerk zu entwerfen. Ein Vorschlag von 1988 mit sehr weitreichenden Formen wie „Bot“ statt „Boot“ und „Keiser“ statt „Kaiser“ wurde öffentlich und von der Kultusministerkonferenz (KMK) zurückgewiesen.

1992 veröffentlichte der Arbeitskreis den Vorschlag „Deutsche Rechtschreibung – Vorschläge zu ihrer Neuregelung“. Nach Stellungnahmen von 43 Verbänden und Anhörungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurde die Forderung nach gemäßigter Kleinschreibung zurückgezogen; auch die Unterscheidung von „das/daß“ blieb zunächst bestehen. Die Wiener Orthographiekonferenz vom 22. bis 24. November 1994 empfahl das Ergebnis den politischen Stellen zur Annahme.

Die deutsche KMK beschloss 1995 die Einführung spätestens zum 1. August 1998, zunächst mit Übergangsphase bis 31. Juli 2005. Am 1. Juli 1996 verpflichteten sich die Länder Deutschlands, Österreich, die Schweiz, Liechtenstein und weitere Staaten mit deutschsprachigen Bevölkerungsteilen in der Wiener Absichtserklärung zur Einführung bis 1. August 1998. Manche Bundesländer unterrichteten bereits ab 1996/97 nach den neuen Regeln. Neue Wörterbücher und Schulbücher führten zugleich zu einem starken Absatz für Verlage.

Konflikt und Überarbeitung 2004 bis 2011

Nachdem die Reform 1996 öffentlich breiter bekannt geworden war, verlangten Gegner ihre Rücknahme. Hunderte Schriftsteller und Wissenschaftler unterzeichneten 1996 die Frankfurter Erklärung für einen Stopp. Das Bundesverfassungsgericht entschied am 14. Juli 1998, dass die Einführung durch Kultusministererlasse im Schulbereich rechtmäßig sei. 1997 entstand zur Nachbesserung die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung. In Schleswig-Holstein beschloss ein Volksentscheid am 27. September 1998 die Rückkehr zur herkömmlichen Schreibung; der Kieler Landtag hob das Volksgesetz am 17. September 1999 wieder auf.

Die Krise verschärfte sich 2004/05. Eine Resolution zur Rücknahme fand viele Unterzeichner, und Medien wie Axel Springer, Der Spiegel und zeitweise die Süddeutsche Zeitung kündigten eine Rückkehr zu traditionellen Schreibweisen an. Die KMK hielt zunächst am 1. August 2005 als verbindlichem Termin fest, erklärte aber Getrennt- und Zusammenschreibung, Zeichensetzung und Fremdwortschreibung für strittig. Der Rat für deutsche Rechtschreibung nahm am 17. Dezember 2004 seine Arbeit auf. Nordrhein-Westfalen und Bayern setzten die Einführung im Juli 2005 bis auf Weiteres aus; in den übrigen als unstrittig eingestuften Bereichen wurde weiter unterrichtet.

Der Rat empfahl am 27. Februar 2006 weitere Änderungen. Sie betrafen vor allem Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung sowie Worttrennung. Beispielsweise wurde bei idiomatisierten Verbindungen wieder „der Runde Tisch“ und „das Schwarze Brett“ erlaubt; „eislaufen“ wurde wiederhergestellt. Einzelne Vokalbuchstaben durften am Zeilenende nicht mehr wie in „E-sel“ oder „Klei-e“ abgetrennt werden. Die KMK stimmte am 2. März 2006 zu. Die dritte Fassung galt bundesweit in Schulen ab 1. August 2006, zunächst mit einjähriger Übergangsfrist. Österreich schloss sich an; die Schweiz führte sie ebenfalls mit Übergangsfrist bis Ende Juli 2009 ein.

Seit einer Statutenänderung Anfang 2011 darf der Rat kleinere Änderungen im amtlichen Wörterverzeichnis selbst vornehmen, nicht aber Regeländerungen. Die Fassung von 2011 änderte gegenüber 2006 nur 20 Wörter: Einige Varianten entfielen, andere wurden zugelassen. 2018 hieß es aus dem Rat, die Regeln seien insgesamt angenommen und die Aufregung habe sich weitgehend beruhigt. Die Einschätzungen zur Vereinfachung blieben unterschiedlich: Eine Schulbuch-Verlegerin sah weniger Ausnahmen, die FAZ bewertete das Vereinfachungsziel als misslungen.

Geltung und praktische Anwendung

Das Amtliche Regelwerk und Wörterverzeichnis ist seit dem 1. Juli 2024 für Schulen, Unterricht und öffentliche Verwaltungen verbindlich. Zugestimmt haben die zuständigen staatlichen Stellen Deutschlands, Österreichs, der Schweiz, der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol, der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens und Liechtensteins. In Deutschland beruht die Anwendung auf KMK-Beschlüssen sowie Erlassen und Rundschreiben der Länder. Bundesverwaltungen übernahmen die Regelung zum 1. August 1999. Außerhalb des Schulbereichs bestand weder vor noch nach der Reform eine allgemeine rechtliche Verbindlichkeit; das bestätigte das Bundesverfassungsgericht.

In Österreich gilt die Regelung für Institutionen, für deren Rechtschreibung der Staat zuständig ist, insbesondere Schule und Verwaltung; in Zweifelsfällen gilt das Österreichische Wörterbuch. Luxemburg machte die reformierten Regeln 2005 für Schulen verbindlich, Südtirol am 1. August 2005 für Schulen und Verwaltungen, die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens am 1. September 2006. Auch in Liechtenstein, Südtirol, Belgien und Namibia wird die Reformschreibung überwiegend gelehrt.

Eigennamen und geographische Namen sind aus dem Regelwerk ausgeklammert. Der Ständige Ausschuss für geographische Namen empfahl am 17. September 1999, die Regeln bei geographischen Namen anzuwenden, jedoch nicht zwingend bestehende Namen zu ändern. Diese Empfehlung war 2008 nur gering umgesetzt.

Zeitungen, Nachrichtenagenturen, Verlage und Unternehmen verwenden meist Hausorthographien: verbindliche eigene Schreibregeln, die sich am amtlichen Regelwerk orientieren, bei zulässigen Varianten aber eine Auswahl treffen können. Die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen vereinbarten ab 1. August 2007 eine einheitliche Auswahl, etwa „kennenlernen“ statt „kennen lernen“ und „Delfin“ statt „Delphin“. Buchverlage folgen bei Schul-, Kinder-, Jugend- und Sachbüchern überwiegend der Reform; bei Romanen und Übersetzungen oft den Wünschen der Autoren. Klassische Literatur wird häufig in herkömmlicher Schreibung gedruckt. Laut Handelsblatt-Umfrage vom Oktober 2004 hatten 70 % der deutschen Großunternehmen umgestellt, weitere 8 % planten dies; 71 % lehnten vor allem aus Kostengründen eine Rückkehr ab.

Akzeptanz und anhaltende Kritik

Die Akzeptanzumfragen zeigen über Jahre eine überwiegend ablehnende Haltung, wobei die Werte je nach Erhebung verschieden waren. Laut Institut für Demoskopie Allensbach waren 1997 10 % der Deutschen ab 16 Jahren für die Reform, 70 % dagegen und 20 % gleichgültig. 2002 waren 56 % dagegen und 10 % dafür; 2004 hielten nach einer Panorama-Studie 77 % die Reform für nicht sinnvoll, 21 % bewerteten sie positiv. Im Juli 2005 waren nach Allensbach 8 % dafür und 61 % dagegen. 2008 lehnten 55 % die Reform ab, 31 % war sie egal und 9 % waren dafür; 79 % stimmten der Aussage zu, man wisse dadurch bei vielen Wörtern nicht mehr, wie sie richtig geschrieben werden.

Dem standen Angaben der Zwischenstaatlichen Kommission von 2001 gegenüber: Die reformierte Schreibung sei damals in 66 % privater Leserbriefe, 80 % neu erschienener Bücher und 96 % der Zeitungen verwendet worden. In Österreich sprachen sich nach einer Gallup-Umfrage von August 2004 62 % für die Rückkehr zur herkömmlichen Rechtschreibung aus. In der Schweiz nutzten viele Medien eigene Hausorthographien; die Schweizerische Depeschenagentur und die Neue Zürcher Zeitung orientierten sich später teilweise stärker an traditionellen Schweizer Schreibweisen.

Reformgegner organisierten Erklärungen, Resolutionen und Appelle. 1998 forderten rund 600 Professoren der Sprach- und Literaturwissenschaft die Rücknahme. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung legte 2003 einen Kompromissvorschlag zur „Reform der Reform“ vor. Der Frankfurter Appell von 2004 verlangte die Wiederherstellung der bisherigen einheitlichen Orthographie und wurde von über 250 Persönlichkeiten unterzeichnet. Kritiker aus Politik, Wissenschaft, Verlagen und Literatur wandten sich besonders gegen staatliche Eingriffe, widersprüchliche Regeln und die Auflösung vertrauter Wortbilder. Trotz dieser Kritik wurde das Regelwerk in Schulen und öffentlichen Stellen umgesetzt und später mehrfach angepasst.

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