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St. Matthäus (Melle)

Matthäus ist die römisch-katholische Hauptkirche des Grönegaus, gelegen in der Innenstadt von Melle. Sie ist die im Mittelalter (um 800) gegründete Urpfarrei …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung, Lage und Baugestalt
  2. 2. Historische Entwicklung
  3. 3. Kunstwerke der Alten Kirche
  4. 4. Orgeln, Glocken und Turmuhr
  5. 5. Neue Kirche und heutige Gemeinde

Bedeutung, Lage und Baugestalt

St. Matthäus ist die römisch-katholische Hauptkirche des Grönegaus und liegt in der Innenstadt von Melle, unmittelbar beim Rathaus und der evangelisch-lutherischen St.-Petri-Kirche. Die um 800 gegründete Gemeinde gilt als Urpfarrei des Dekanats Grönenberg im südöstlichen Teil des Bistums Osnabrück. Das mittelalterliche Gotteshaus gehört neben dem Wohnturm von Schloss Gesmold zu den ältesten Bauzeugnissen der Region und gilt als herausragendes Beispiel niederdeutscher Architektur um 1200.

Die Anlage besteht heute aus zwei verbundenen Teilen. Die Alte Kirche besitzt eine vollständig erhaltene Außenmauer aus grünlichem Schilfsandstein des Wiehengebirges. Eine schriftlich überlieferte Jahreszahl im Gewölbe nennt 1213. Im Jahr 1375 wurden der Chorraum und ein Seitenschiff ergänzt. Besonders auffällig ist das südliche Schöne oder Brautportal mit dreifach abgestuftem Eingang, Säulen und naturalistischem Blattschmuck.

Die 1974 geweihte Neue Kirche schließt an die südliche Außenwand des mittelalterlichen Baus an. Ihr überwiegend quadratischer Innenraum bietet etwa 800 Sitzplätze und wird von einem zeltförmigen Faltdach überspannt. Die Architektur bezieht sich auf das biblische Bild vom „Zelt Gottes unter den Menschen“ (Offb. 21,3). Heute dient die Neue Kirche vor allem Sonn- und Festtagsgottesdiensten sowie großen Konzerten; die Alte Kirche wird für Taufen, Trauungen und Werktagsgottesdienste genutzt.

Historische Entwicklung

Nach der Gründung des Bistums Osnabrück um 780 entstanden zwischen Friesland und dem Teutoburger Wald zehn Gau- oder Taufkirchen. Für den Graingau war dies die Kirche in Melle, die auf einem bischöflichen Meierhof im Elseflusstal errichtet wurde. Aus solchen frühen Zentren entwickelten sich die 22 Urpfarreien des alten Bistums. Die älteste erhaltene urkundliche Erwähnung stammt von 1169 und bezeichnet die Kirche als „Parochia Menele“.

Das ursprüngliche Patrozinium, also die Widmung an einen Schutzheiligen, galt vermutlich dem heiligen Petrus. Darauf deutet ein Petruskopf aus dem 11. Jahrhundert hin, der heute im Diözesanmuseum Osnabrück aufbewahrt wird. Wahrscheinlich im 12. Jahrhundert wurde der Apostel Matthäus Kirchenpatron.

Mit einer 1461 gestifteten Vikarie erhielt die Pfarrei neben dem Pfarrer einen zweiten Geistlichen. Nach Einführung der Reformation in Melle am 1. August 1545 nutzten Katholiken und Protestanten St. Matthäus gemeinsam als Simultankirche. Diese gemeinsame Nutzung endete 1651 mit dem Bau der evangelischen Petrikirche. Durch den Recessus Mellensis wurde das Kirchenvermögen geteilt; St. Matthäus, ihre Wertgegenstände sowie die Häuser von Vikar und Küster blieben bei der katholischen Gemeinde.

Beim großen Stadtbrand am 10. Mai 1720, dem zwei Drittel der Häuser Melles zum Opfer fielen, wurden Dachstuhl, Glocken und Uhrwerk zerstört. Das massive Gewölbe schützte jedoch den Innenraum, sodass die Kirche weiter genutzt werden konnte. Der Wiederaufbau war 1722 abgeschlossen.

Wegen des starken Gemeindewachstums entstanden seit dem 19. Jahrhundert mehrere Erweiterungspläne. Nach einer zehnjährigen Planungsphase begannen die Architekten Hans Ostermann und Bernt Droste im Frühjahr 1973 mit dem modernen Anbau. Die Grundsteinlegung erfolgte am 4. Oktober 1973, die Weihe am 19. Oktober 1974 durch Bischof Helmut Hermann Wittler und Dechant Klaus Plate. Der Neubau entsprach mit seinem um den Altar versammelten Gemeinderaum den liturgischen Anforderungen des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Kunstwerke der Alten Kirche

Die Ausstattung der Alten Kirche verbindet Werke aus Mittelalter, Barock, Klassizismus und Neuzeit. Von mehreren früheren Altären ist besonders das 1681 gestiftete barocke Gemälde mit dem Martyrium des heiligen Matthäus erhalten. Es wurde vermutlich von Andrea Alovisii gemalt und hängt heute an der Nordwand des Chores. Georg Gerhard Wessel schuf 1810 einen Hochaltar sowie einen Marien- und einen Josefsaltar im Louis-Seize-Stil. Der Hochaltar wurde 1871 durch einen neugotischen Altar ersetzt. Ludwig Nolde fertigte 1932 einen weiteren Altar mit vier Lindenholzreliefs zu Geburt Christi, Ölberg, Auferstehung und Weltgericht. Nach dem Abbruch des Altars 1975 kamen die Reliefs an die Südwand; nach einer Beschädigung 2010 wurden sie 2011 restauriert. Am Standort der früheren Hochaltäre steht heute eine steinerne Sakramentsstele.

Das gotische Triumphkreuz aus dem 13. Jahrhundert gehört zu den wenigen Monumentalkreuzen des Bistums Osnabrück. An seinen Balkenenden erscheinen die Symbole der Evangelisten: Mensch für Matthäus, Löwe für Markus, Stier für Lukas und Adler für Johannes. Weitere bedeutende Werke sind ein Eichenholzkreuz aus dem 18. Jahrhundert, das vermutlich aus der Osnabrücker Dominikanerkirche stammt, der spätbarocke „Schmerzensmann“ und ein Kreuzweg aus 14 Stationen von 1893.

Eine spätgotische Madonna und eine Bischofsfigur entstanden vermutlich um 1470. Die Bischofsfigur wird unterschiedlich gedeutet: Sie könnte den heiligen Wiho, den heiligen Blasius oder den heiligen Nikolaus darstellen. Der Taufbrunnen besitzt einen dorischen Fuß aus der Zeit um 1800 und einen Deckel vom Ende des 19. Jahrhunderts mit der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer. Wessel schuf um 1800 außerdem die Figuren der vier Evangelisten und die reich verzierte Kanzel mit Taube als Symbol des Heiligen Geistes sowie dem Guten Hirten auf dem Schalldeckel.

Das spätgotische Chorgestühl um 1500 bewahrt originale Wangen und Sitze. Seine aufklappbaren Sitzbretter besitzen Miserikordien, also kleine Stehhilfen. Eine seltene eichene Stollentruhe aus dem 17. Jahrhundert nahm bis 1920 Kollekten und Spenden auf. Die Weihnachtskrippe mit 22 bis zu 80 Zentimeter großen Figuren wurde 1888 gestiftet; ein Rechnungsbuch erwähnt allerdings schon 1684 den Aufbau einer Krippe. Zu den erhaltenen liturgischen Geräten gehören unter anderem die 1676 von Friedrich von Nehem gestiftete Monstranz, Kelche, ein Ziborium, Leuchter und eine silberne Ewiglichtampel.

Orgeln, Glocken und Turmuhr

Die historische Klausing-Orgel der Alten Kirche wurde 1713 von Johann Berenhard Klausing oder seinem Vater Hinrich Klausing für die Osnabrücker Dominikanerkirche gebaut. Ursprünglich besaß sie 17 Register auf zwei Manualen ohne Pedal. Nach Aufhebung des Klosters kam sie 1819 nach Melle. Caspar Melchior Kersting erweiterte sie 1861 auf 26 Stimmen; weitere Arbeiten erfolgten 1964 und 1979 durch Franz Breil. 2009 restaurierte die Firma Ahrend das weitgehend erhaltene Werk. Die Orgel ist auf a¹ = 465 Hz bei 18 °C gestimmt und verwendet die Norder Stimmung mit 1/5 syntonischem Komma.

Für die Neue Kirche baute Franz Breil 1977 eine Orgel mit 30 Registern und 2450 Pfeifen auf zwei Manualen und Pedal. Das zweite Manual ist schwellbar. Die Spieltraktur, also die Verbindung zwischen Tasten und Tonventilen, arbeitet mechanisch; die Registertraktur wird elektromagnetisch gesteuert.

Glocken sind seit 1589 schriftlich belegt. Nach mehreren Umgüssen zerstörte der Stadtbrand von 1720 das damalige Geläut. 1727 waren drei neue Glocken von 4000, 2800 und 1500 Pfund fertiggestellt. Die mittlere wurde 1792, die große 1842 und die kleinste 1843 erneuert. Im Ersten Weltkrieg wurden die beiden größten Glocken beschlagnahmt; 1925 ersetzte man sie durch zwei neue. Im Zweiten Weltkrieg wurden wiederum die beiden größten eingezogen. Die große Glocke fand man 1946 auf dem Hamburger Glockenfriedhof wieder. Die mittlere wurde 1957 neu gegossen; sie wiegt 1515 kg und trägt die Inschrift „Königin des Friedens, bitte für uns.“

Eine Turmuhr bestand vermutlich seit Beginn des 17. Jahrhunderts. Weil sie lange die einzige öffentliche Uhr Melles war, musste nach dem Recessus Mellensis von 1671 die gesamte Bürgerschaft für ihren Unterhalt aufkommen. Über diese Pflicht entstanden später langwierige Streitigkeiten zwischen Stadt und Kirchengemeinde. 1961 wurde die Regelung einvernehmlich aufgehoben. Seit 2006 ersetzt eine elektronische Funkuhr das mechanische Werk; Zifferblätter und Zeiger blieben erhalten.

Neue Kirche und heutige Gemeinde

In der Neuen Kirche gruppieren sich fünf Bankblöcke um einen halbkreisförmigen Altarraum. Walter Mellmann aus Osnabrück gestaltete den Zelebrationsaltar, die Sakramentsstele und weitere liturgische Elemente. Altar und Stele bestehen aus italienischem Travertin. In der Stele befindet sich der Tabernakel, dessen Tür den brennenden Dornbusch zeigt. Eine zwei Meter hohe Säule mit dem Ewigen Licht verweist auf die Gegenwart Christi. Über dem Altar hängt ein fünfgliedriges Bronzekreuz mit Geburt, Kreuzigung, Auferstehung, Himmelfahrt und Christus in der Ewigkeit. Der Ambo, der Ort der Schriftlesungen und Predigt, trägt eine Taube als Zeichen des Heiligen Geistes.

Manfred Espeter schuf die ornamentale Buntverglasung. Große dreieckige Fensterflächen greifen die Form des Zeltdachs auf und gehen nach unten in Rechtecke über. Sichtbar sind unter anderem Strahlen, Wolken, Tropfen, Kristalle und als einziges wiederkehrendes Motiv das Blatt. Die Fenster erzählen bewusst keine festgelegte Geschichte. Verarbeitet wurde mundgeblasenes Echt-Antikglas, teils mit mehreren Glasschichten, sowie Glaskugeln und Zylinder, die das Tageslicht bündeln und reflektieren. Im Gegensatz dazu zeigen die Fenster der Alten Kirche klar erkennbare biblische Motive wie Arche, Dornbusch, Gesetzestafeln und das apokalyptische Lamm.

Die kirchliche Organisation veränderte sich mehrfach. Seit 1461 gab es neben dem Pfarrer einen Vikar; 1953 kam eine dritte Priesterstelle hinzu. Wegen Priestermangels wurde die Vikarsstelle seit Ende der 1980er Jahre nicht wieder besetzt. Seit 1965 gehört Sondermühlen und seit 1990 Buer zum Seelsorgebereich St. Matthäus. Im November 2010 kamen Riemsloh und Schiplage-St. Annen hinzu; die Einheit heißt Pfarreiengemeinschaft Melle-Ost. In der Seelsorge wirkten früher Thuiner Franziskanerinnen mit, seit den 1980er Jahren außerdem Gemeindereferenten, Pastoralreferenten und Diakone. Das Amt des Kirchenmusikers war historisch häufig mit dem Küsterdienst oder dem Lehrerberuf verbunden.

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