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Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel
Zur Hindu-Gemeinde in Nordrhein-Westfalen zählen über 3000 Menschen. Etwa 45.000 tamilische Hindus leben insgesamt in der Bundesrepublik Deutschland.
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Der Tempel und seine Funktion
Der Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel steht in Hamm (Westfalen) und ist der Göttin Kamakshi, tamilisch Kamadchi, gewidmet. Bei seiner Fertigstellung und Einweihung am 7. Juli 2002 war er der größte Dravida-Tempel Europas. Nach dem im nordindischen Nagara-Stil errichteten Neasden-Tempel in London war er der zweitgrößte hinduistische Tempel Europas.
Der Tempel gilt als wichtigstes Zentrum der Hinduistischen Gemeinde in Deutschland. Diese erfüllt die Voraussetzungen einer Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR), die den Tempel und weitere Einrichtungen unterhält und verwaltet. Seit dem 1. März 2017 besitzt sie den Status einer öffentlich-rechtlichen Religionsgesellschaft und kann deshalb Kultussteuer von gläubigen Hindus erheben.
Der Tempel dient nicht nur religiösen Zwecken. Er ist ein Ort, an dem tamilische Hindus ihre Religion, Sprache und Traditionen bewahren, sich in Deutschland heimisch fühlen und Unterstützung bei der Auseinandersetzung mit der Aufnahmegesellschaft finden. In Nordrhein-Westfalen gehören über 3000 Menschen zur Hindu-Gemeinde; insgesamt leben etwa 45.000 tamilische Hindus in Deutschland.
Religionswissenschaftlich wird der Tempel als „Zentrum hinduistischer Frömmigkeit“ sowie als Zentrum des Hinduismus in der Diaspora bezeichnet. Verschiedene Strömungen treffen dort zusammen: die sri-lankische Agama-Tradition der Shivasiddhantas, südindische Shankara- und Smarta-Traditionen, tamilische Volkskulte sowie gelegentlich tantrische Rituale der Srividya-Tradition. Brahmanisch-sanskritisierte Rituale und tamilische Bräuche bestehen dabei nebeneinander, ohne vollständig miteinander verschmolzen zu werden. Der Tempel ermöglicht sowohl tamilischen Sri-Lankesen als auch Indern, ihre Religion in Deutschland auszuüben. Zugleich steht er Besuchern offen, die sich über Hinduismus, Religion, Kultur, Traditionen und hinduistische Gottheiten informieren möchten.
Entstehung und Entwicklung
Die Geschichte des Tempels begann 1989 mit einem kleinen Andachtsraum im Keller der Mietwohnung des tamilischen Priesters Siva Sri Arumugam Paskarakurukkal im Westen von Hamm. Paskarakurukkal war vier Jahre zuvor als Bürgerkriegsflüchtling aus Sri Lanka nach Deutschland gekommen und zunächst im Flüchtlingslager Unna-Massen untergebracht worden. Heute ist er unter anderem Manager, Ritualexperte, spiritueller Führer und Vorstand des Tempels.
Der Keller entsprach nicht den gesetzlichen Sicherheitsanforderungen. 1992 zog die Gemeinde deshalb in die Räume einer alten Heißmangel-Wäscherei um. Bis 1996 fand dort unter behördlichen Auflagen das jährliche Tempelfest mit der öffentlichen Ausfahrt der Göttin statt. Wegen wachsender Teilnehmerzahlen, Beschwerden von Anwohnern und einer streitvollen Bürgerversammlung Anfang 1997 wurde ein Umzug aus dem Wohngebiet notwendig. Der Rat der Stadt Hamm erkannte zugleich die Bedeutung des Tempels für das kulturelle Leben der Stadt an.
Ab März 1997 entstand in einem Gewerbegebiet im Stadtbezirk Hamm-Uentrop ein kleiner Behelfstempel. Er lag etwa 300 m vom Datteln-Hamm-Kanal entfernt, der für die rituellen Waschungen wichtig ist. Ab 2000 wurde auf einem gegenüberliegenden Grundstück der heutige große Hallentempel errichtet. Die wissenschaftliche Entwicklung des Projekts wurde von 2000 bis 2003 durch den Religionswissenschaftler Martin Baumann im Rahmen eines DFG-Forschungsprojekts begleitet.
Bei der Einweihung im Juli 2002 feierten rund 3000 Hindus dreizehn Stunden lang. Vierzehn Priester waren aus verschiedenen Teilen der Welt angereist, um den Tempel und die Göttin zu segnen und mit Shakti, der göttlichen Kraft, zu erfüllen. Die aufwendigen Weihe- und Eröffnungsrituale dauerten 45 Tage und umfassten vor allem rituelle Waschungen und Feueropfer. Seitdem wurde der Tempel durch zahlreiche Medienberichte europaweit bekannt.
Am 6. Februar 2022 wurde ein Kulturzentrum der Gemeinde eingeweiht. Es umfasst einen großen Saal für Hochzeiten und Feiern, einen Speisesaal mit angeschlossener Küche, eine Bibliothek, eine Sammlung sowie mehrere Meditations- und Besprechungsräume. Das Zentrum soll den interreligiösen Dialog fördern. Priester Paskaran plant dort außerdem, über den Hinduismus zu lehren und Fragen von Interessierten zu beantworten.
Bau, Ausstattung und Darstellung der Göttin
Der Hammer Architekt Heinz-Rainer Eichhorst entwarf den Tempel nach dem Vorbild des Kanchi-Kamakshi-Tempels im südindischen Kanchipuram in Tamil Nadu. Der dortige Priester segnete das Vorhaben; deshalb wird der Bau auch als Ablegertempel des Muttertempels verstanden. Beide Tempel stehen in der Tradition des südindischen Heiligen, Wandermönchs und Philosophen Adi Shankara, der die nonduale Lehre des Advaita-Vedanta entwickelte. Die Baukosten betrugen etwa 1,5 bis 1,7 Millionen Euro und wurden durch Spenden und Darlehen finanziert.
Die Grundsteinlegung für das Gebäude mit einer Grundfläche von 27 × 27 m, also 729 m², erfolgte im März 2000. Der Umfang beträgt 108 m. Für die zahlreichen Skulpturen und Verzierungen wurden mehrere Tempelbauer aus Indien beschäftigt. Außen bestimmen rot-weiße Längsstreifen das Erscheinungsbild. Der Portal-Gopuram, ein monumentaler Eingangsturm, ist 17 m hoch. Gegenüber steht ein kleinerer Tempelturm, das Vimana. Zum Tempel gehört außerdem ein Hochzeitsraum, in dem mehrmals im Monat hinduistische Trauungen stattfinden.
Im Gebäude befinden sich neben der großen Granitstatue der Göttin über 200 weitere Figuren hinduistischer Gottheiten. Eigene Altäre gibt es unter anderem für Ganesha und Murugan, die Söhne Shivas. Alle Schreine sind weiß gekachelt und enthalten eine hängende Öllampe, einen goldenen Bogen mit Löwenkopf sowie einen Hocker vor dem Schrein. 2014 wurden die Gopurams im typischen südindischen Stil farbig bemalt.
Der Name Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel bezeichnet einen Tempel der Göttin Kamakshi. „Sri“ ist eine respektvolle Anrede, „Ampal“ bedeutet auf Tamilisch „Göttin“. Kamakshi ist die tamilische Form des Sanskritnamens Kāmākṣī. Die Tempelgemeinde verwendet auf Tamilisch die Bezeichnung ஸ்ரீ காமாக்ஷி அம்பாள் ஆலயம்.
Die Hauptstatue im Tempelinneren besteht aus schwarzem Granit und stammt direkt aus Kanchipuram. Eine weitere Statue wurde eigens für die Tempelprozession angefertigt. Kamakshi wird vierarmig im Lotussitz auf einer Lotusblüte dargestellt. Sie hält einen Elefantentreiberstock, ein Band, einen Bogen aus Zuckerrohr und fünf Blumenpfeile; auf den Pfeilen sitzt ein grüner Papagei. Unter ihrem Sitz befindet sich das dreidimensionale Sri-Chakra, ein abstraktes tantrisches Diagramm, auch Yantra genannt. Diese abstrakte Darstellung gilt für die Verehrung als wichtiger als die menschliche Gestalt der Göttin. Kamakshi trägt einen roten Sari, eine hohe mondähnliche Krone, Blumen, Goldschmuck, Perlen, Edelsteine und mehrere Girlanden.
Tempelfest und religiöse Rituale
Im Tempel findet regelmäßig dreimal täglich eine Puja statt. Eine Puja ist ein hinduistischer Gottesdienst beziehungsweise eine Verehrung der Gottheit. Außerdem werden hinduistische Hochzeiten, zahlreiche tamilische Jahresfeste und besondere Rituale gefeiert.
Besonders bekannt ist das jährliche, meist im Mai oder Juni stattfindende Tempelfest. Es dauert 14 Tage. Höhepunkt ist eine Prozession, bei der die Statue der Göttin Kamakshi auf einem bunt geschmückten Wagen um den Tempel gefahren wird. Dabei soll die Göttin ihre neue Umgebung kennenlernen und zugleich die Stadt sowie ihre Bewohner segnen. Die Prozession soll außerdem Fehler und Vergehen des vergangenen Jahres ausgleichen. Der gegenseitige Austausch von Blicken zwischen Gläubigen und Gottheit, Darshana genannt, ist dabei besonders wichtig. Das Fest besuchen über 15.000 Gläubige und Besucher.
Während der Prozession treten Kavadi-Tänzer auf. Sie tanzen ekstatisch zu Trommelschlägen, tragen Pfauenfedern und Holzbügel, an denen Milchtöpfe hängen. Einige Gläubige vollziehen Kasteiungen: Sie stecken sich Spieße oder Haken in Nägel, Mund, Wangen und Rücken oder hängen sich an massiven Eisenhaken auf. Dieses sogenannte Hakenschwingen soll Dankbarkeit, Nähe und Liebe zur Göttin ausdrücken. Die Gläubigen verstehen sich dabei unter dem besonderen Schutz der Göttin. Auch Gottesbesessenheit, Ekstase und Trance spielen eine wichtige Rolle.
Andere Gläubige rollen aufgrund eines Gelübdes ihren Körper rund um den Tempel. Frauen tragen Feuertöpfe oder Kampfertöpfe auf dem Kopf. Kokosnüsse werden auf dem Boden zerschlagen. Dieses Ritual gilt als Ersatz für männliche Tieropfer, die in Südindien, besonders im tamilischen Raum, vorkommen, im Tempel von Hamm jedoch nicht erlaubt sind.
Am Ende der Prozession wird das Götterbild in den Datteln-Hamm-Kanal gebracht und dort rituell gereinigt, bevor es in den Tempel zurückkehrt. Der Kanal übernimmt damit symbolisch die Funktion eines heiligen Flusses. In Vollmondnächten und bei tamilischen Jahresfeiern findet außerdem gelegentlich die tantrische Verehrung des Sri-Chakra-Symbols statt, das sich auch unter dem Sitz der Göttin auf dem Tempelwagen befindet.
Standort, Besonderheiten und Besuch
Für den Standort im Industriegebiet von Hamm gab es mehrere Gründe. Die tamilische Flüchtlingsgemeinschaft wuchs, und im Gewerbegebiet war ein großer Bau vergleichsweise kostengünstig. Außerhalb des Stadtzentrums ließen sich frühere Streitigkeiten und Auseinandersetzungen mit Anwohnern weitgehend vermeiden. Entscheidend war außerdem die Nähe zum Datteln-Hamm-Kanal, der für die rituelle Reinigung der Göttin benötigt wird und symbolisch einem heiligen Fluss wie dem Ganges entspricht. Der Standort hängt auch mit dem Lebensweg des Priesters Paskaran zusammen, der sich nach seiner Flucht aus Sri Lanka in Hamm niederließ. Hinzu kamen die zentrale Verkehrsanbindung und ein großer Parkplatz.
Der Tempel war 1989 einer der ersten Hindu-Tempel Deutschlands; damals gab es nur vier weitere. Er war außerdem der erste hinduistisch-tamilische Tempel Deutschlands, in dem eine Prozession stattfand. Deutschlandweit werden dort die meisten Gelübde, sogenannte Vratas, abgegeben.
Seit der Einweihung 2002 zieht das Tempelfest zunehmend Touristen an. 2006 wurden etwa 20.000 Besucher gezählt, darunter ungefähr ein Viertel Schaulustige. 2007 kamen etwa 30.000 Gläubige und Besucher. Der Tempel und die täglichen Pujas ziehen ungefähr 300 Besucher pro Tag an; der Architekt Heinz-Rainer Eichhorst bietet täglich Führungen an. Bei den Weihefeierlichkeiten durften Gläubige die Göttin rituell waschen, mit Öl übergießen und berühren. Die Priester bestiegen den Gopuram und überschütteten ihn mit Wasser.
Für Besucher gelten religiöse Reinheitsregeln. Hunde und Katzen dürfen nicht mitgebracht werden. Fleisch, Alkohol und Zigaretten sind verboten, Schuhe dürfen nicht getragen werden. Frauen werden gebeten, den Tempel während der Menstruation nicht zu betreten. Während der Pujas soll nicht fotografiert oder gefilmt werden. Das Sanktuarium mit der zentralen Statue ist Besuchern nicht zugänglich; nur die Priester dürfen es betreten und die Statue berühren.