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Ernst Haeckel
Als Professor für Zoologie prägte er einige heute geläufige Begriffe der Biologie wie Stamm, Phylogenie, Ontogenie und Ökologie. Darüber hinaus erarbeitete …
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Bedeutung und Lebensweg
Ernst Heinrich Haeckel (16. Februar 1834 in Potsdam – 9. August 1919 in Jena) war deutscher Zoologe, Philosoph, Zeichner, Freidenker und Hochschullehrer. Er machte die Evolutionstheorie von Charles Darwin in Deutschland durch Vorträge und populärwissenschaftliche Bücher bekannt und entwickelte sie zu einer eigenen Abstammungslehre weiter. Als Biologe prägte er Begriffe wie „Stamm“, „Phylogenie“ (Stammesgeschichte), „Ontogenie“ (individuelle Entwicklung) und „Ökologie“.
Haeckel studierte zunächst Medizin in Berlin, Würzburg und Wien. Besonders Rudolf Virchows Zellularpathologie beeinflusste ihn: Körperliche Funktionen sollten durch die Wechselwirkung von Zellen erklärbar sein, ohne eine immaterielle Lebenskraft anzunehmen. Nach einer kurzen Arztpraxis wandte Haeckel sich endgültig den Naturwissenschaften zu.
Auf einer Italienreise sammelte er ab 1859 zahlreiche Radiolarien, einzellige Meeresorganismen. 1861 habilitierte er sich in Jena, wurde 1862 außerordentlicher und 1865 ordentlicher Professor für Zoologie. Schon 1862/63 hielt er dort eine Vorlesung über Darwins Entwicklungstheorie. Haeckel reiste vielfach zu Forschungszwecken, unter anderem nach Norwegen, Ägypten, Ceylon und in andere tropische Gebiete. 1908 stiftete er das Phyletische Museum in Jena. Seine Lehrtätigkeit endete 1909.
Er war zweimal verheiratet: Seine erste Frau Anna Sethe starb 1864; 1867 heiratete er Agnes Huschke. Aus der zweiten Ehe gingen Walter, Elisabeth und Emma hervor. Nach einem Oberschenkelhalsbruch 1911 war Haeckel auf Krücken angewiesen. Er starb 1919 in seiner Jenaer Villa Medusa.
Forschung, Hauptwerke und Naturdarstellungen
Haeckels fachwissenschaftlicher Ruf beruhte vor allem auf meeresbiologischen Monographien über Radiolarien, Kalkschwämme, Medusen und Staatsquallen. Bei der Bearbeitung der Radiolarien der britischen Challenger-Expedition benannte er über 3500 neue Arten. Sein Teil des Challenger-Reports umfasst drei Bände mit 2750 Druckseiten und 140 Bildtafeln.
In der Generellen Morphologie der Organismen (1866) verband Haeckel verschiedene Bereiche der Biologie mit der Evolutionstheorie. Dort definierte er auch den Begriff „Ökologie“. Das Werk verknüpfte biologische Aussagen mit weltanschaulichen Überlegungen und bereitete seinen späteren Monismus vor.
Die Natürliche Schöpfungsgeschichte (1868) erklärte diese Gedanken für ein breites Publikum. Das Buch erreichte bis 1899 neun Auflagen und wurde in zwölf Sprachen übersetzt. Haeckel spekulierte darin über die Herkunft des Menschen: Er hielt südliches Asien, östliches Afrika oder einen hypothetischen, im Indischen Ozean versunkenen Kontinent („Lemuria“) für mögliche Entstehungsorte. Den angenommenen Urmenschen nannte er „Homo primigenius oder Pithecanthropus primigenius“.
In der Anthropogenie (1874) wandte Haeckel seine Methoden auf den Menschen an. Sie behandelt Ontogenese, etwa Entstehung aus der Eizelle, Befruchtung und Keimblätter, sowie Phylogenie. Seine Ahnenreihe führt in vier Stufen vom „Moner“ zur „Gastraea“, vom „Urwurm“ zum „Schädelthier“, vom „Urfisch“ zum „Amnionthier“ und vom „Ursäuger“ zum Affen. Außerdem behandelte er die Entwicklung von Haut, Nervensystem, Sinnesorganen, Bewegungs-, Darm-, Gefäß- und Urogenitalsystem.
Haeckel war zugleich ein bedeutender Zeichner. Seine Kunstformen der Natur (1899–1904) machten besonders Abbildungen von Planktonorganismen und Quallen berühmt. Die Darstellungen beeinflussten Kunst und Jugendstil, etwa René Binets Arbeiten für die Pariser Weltausstellung 1900.
Evolution und biogenetische Grundregel
Haeckel vertrat einen gemeinsamen Ursprung aller Organismen. Zur Darstellung ihrer Entwicklung verwendete er Stammbäume. Diese gelten heute als überholt; moderne Systematiken nutzen Kladogramme und Phylogramme.
Zentral war für Haeckel die Beziehung zwischen Ontogenese und Phylogenie. Daraus formulierte er die biogenetische Grundregel: „Die Ontogenese rekapituliert die Phylogenese.“ Gemeint ist, dass die individuelle Entwicklung eines Organismus seine Stammesgeschichte wiederhole. Haeckel sah darin einen Beleg für Evolution.
Die moderne Biologie akzeptiert diese Schlussfolgerung weitgehend nicht mehr. Gültig bleibt aber die Beobachtung, dass frühe Entwicklungsstadien nahe verwandter Organismen einander stärker ähneln als ihre späteren erwachsenen Formen. Gemeinsame Merkmale lassen sich dadurch erklären, dass neue Eigenschaften in der Evolution meist auf bereits vorhandenen Merkmalen aufbauen. Embryonen entwickeln sich jedoch nicht einfach als Wiederholung ihrer Vorfahren, sondern besitzen auch eigene Anpassungen; diese nannte man Caenogenesen.
Haeckel setzte sich dafür ein, Evolution im Unterricht zu behandeln. Dies führte in den 1870er und 1880er Jahren zu Konflikten, besonders mit Rudolf Virchow. Kirchliche Kreise widersetzten sich ebenfalls; Schriften Darwins und Haeckels wurden an höheren Schulen verboten. 1882 wurde der Biologieunterricht in den oberen Klassen Preußens gesetzlich abgeschafft.
Monismus, Ethik und Friedensideen
Haeckels Monismus war eine naturphilosophische Weltanschauung. Er verstand darunter die „Einheit von Materie und Geist“: Natur und Geist sollten keine getrennten Bereiche sein. Haeckel lehnte einen göttlichen Schöpfungsakt ab, war aber kein strenger Atheist. Er betrachtete die Natur, auch Kristalle, als beseelt und setzte Gott mit dem allgemeinen Naturgesetz gleich. Seine Position wird als Pantheismus beziehungsweise Panpsychismus bezeichnet.
In Die Welträtsel (1899), seinem auflagenstärksten Buch, verband Haeckel den Forschungsstand verschiedener Wissenschaften mit einer monistischen Deutung. Themen waren Mensch, Seele, Welt, Gott, Wissenschaft und Christentum. Die Welträtsel und Die Lebenswunder (1904) gingen damit über die Erklärung biologischer Tatsachen hinaus.
1906 gründete Haeckel in Jena den Deutschen Monistenbund und wurde dessen Ehrenpräsident. Seine monistische Ethik verlangte ein Gleichgewicht zwischen Eigenliebe und Nächstenliebe, Egoismus und Altruismus. Mitleid und Sympathie galten ihm als wichtige Voraussetzungen sozialen Zusammenlebens. Er hoffte auf weniger Krieg, Kirchenzwang und Duelle sowie auf bessere Jugenderziehung, Kunst, Wissenschaft und Technik.
Haeckel unterstützte zunächst pazifistische Initiativen und gründete 1913 mit Henriette Meyer die Friedensvereinigung L’Institut Franco-Allemand de la Réconciliation. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs verteidigte er jedoch Deutschlands Kriegsteilnahme, schrieb zunehmend nationalistisch und unterzeichnete 1914 den kriegsbejahenden Aufruf „An die Kulturwelt!“.
Eugenik, Euthanasie und Kritik
Haeckel übertrug Vorstellungen von Evolution und natürlicher Auslese teilweise auf menschliche Gesellschaften. Deshalb gilt er verschiedenen Historikern als wichtiger Wegbereiter von Eugenik, Rassenhygiene und Sozialdarwinismus. Eugenik bezeichnet Bestrebungen, menschliche Fortpflanzung nach als „erblich“ bewerteten Merkmalen zu steuern; Sozialdarwinismus überträgt biologische Auslesevorstellungen auf gesellschaftliche Verhältnisse.
In Die Lebenswunder (1904) befürwortete Haeckel die Tötung neugeborener behinderter Kinder nach dem Vorbild Spartas und stellte die künstliche Lebenserhaltung schwer kranker Menschen infrage. Er forderte außerdem die Tötung von Schwerkranken auf deren Wunsch sowie von Schwerbehinderten ohne Zustimmung. Deshalb wird er als Vordenker freiwilliger und unfreiwilliger „Euthanasie“ in Deutschland eingeordnet.
Die Bewertung seiner praktischen politischen Rolle ist umstritten. Haeckel warnte selbst davor, naturwissenschaftliche Theorien unmittelbar auf Politik zu übertragen. Historiker Peter Weingart, Jürgen Kroll und Kurt Bayertz bewerten sein Interesse an der spartanischen „Menschenzüchtung“ als theoretisch. Otto Speck vertritt dagegen die Auffassung, Haeckel habe 1911 eine eugenische Beratungsstelle eröffnet und konkrete Maßnahmen wie Eheberatung und Sterilisierungspolitik angestrebt.
Kritik richtet sich auch gegen Haeckels Embryonenzeichnungen: Ihm wurde bewusste Verfälschung und Wissenschaftsbetrug vorgeworfen, andere erklären die Darstellungen eher als zu starke Schematisierung. Die „Jenaer Erklärung“ von 2019 distanzierte sich deutlich von Haeckels Rassentheorien und betonte, dass „Rassen“ biologisch nicht begründet, sondern ein Produkt des Rassismus seien.
Politische Rezeption und Nachwirken
Haeckels Ideen wurden sehr unterschiedlich aufgenommen. Sozialdemokraten, Sozialisten und Anarchisten lasen und diskutierten ihn, beurteilten ihn aber keineswegs einheitlich. Lenin sah in Die Welträtsel einerseits eine Darstellung des Siegeszugs naturwissenschaftlichen Materialismus, kritisierte andererseits Haeckels politische und weltanschauliche Folgerungen.
Nationalsozialistische Autoren nutzten einzelne nationalistische, rassistische und eugenische Aussagen Haeckels. Zugleich erklärten andere NS-Vertreter seinen materialistischen Monismus für unvereinbar mit dem Nationalsozialismus. Daher gab es keine einheitliche, von der NSDAP festgelegte Bewertung. Die These, Haeckel sei ein direkter Vordenker des Nationalsozialismus, ist in der Forschung umstritten.
In der DDR wurde Haeckel dagegen vor allem als progressiver materialistischer Denker dargestellt, während problematische Teile seiner Positionen zurücktraten. Sein Erbe wirkte dort unter anderem im Phyletischen Museum, in Unterrichtsmaterialien und durch die 1981 gestiftete Ernst-Haeckel-Medaille fort.
Zu seinen Auszeichnungen gehören die Cothenius-Medaille der Leopoldina 1864 und die Darwin-Medaille der Royal Society 1900. Seine ehemalige Villa Medusa wurde 1920 als Ernst-Haeckel-Haus eröffnet. Straßen, Schulen und ein 1963 in Dienst gestelltes Fischereiforschungsschiff tragen seinen Namen.