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Sprachinsel

Unter Sprachinsel wird eine bzgl. des Hauptverbreitungsgebiets der Sprache verhältnismäßig kleine geschlossene Sprach- und Siedlungsgemeinschaft verstanden, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Entstehung, Erhaltung und Gefährdung
  3. 3. Deutsche Sprachinseln in Europa
  4. 4. Deutsche Sprachinseln in Übersee
  5. 5. Sprachinseln anderer Sprachen

Begriff und Bedeutung

Eine Sprachinsel ist eine im Verhältnis zum Hauptverbreitungsgebiet ihrer Sprache kleine, geschlossene Sprach- und Siedlungsgemeinschaft innerhalb eines größeren anderssprachigen Gebiets. Entscheidend ist nach der Definition des Artikels, dass die betreffende Sprache auch im Ursprungsland noch gesprochen wird. Eine Sprachinsel kann aus einem einzelnen Dorf, mehreren benachbarten Orten oder einer größeren, fast geschlossenen Sprachlandschaft bestehen. Gebiete, die unmittelbar an das Hauptsprachgebiet grenzen, werden teilweise genauer als Sprach-Halbinseln bezeichnet.

Sprachinseln zeigen, wie Migration, Siedlungsgeschichte, Religion, Politik und geografische Abgeschiedenheit die Verteilung von Sprachen prägen. Viele von ihnen sind heute gefährdet, nur noch bei älteren Menschen lebendig oder bereits erloschen.

Entstehung, Erhaltung und Gefährdung

Der Artikel nennt drei wesentliche Entstehungswege:

  • Eine kleine Sprachgruppe wandert in ein fremdes Sprachgebiet ein, etwa Katalanen nach Sardinien.
  • Eine dominante Sprachgruppe wandert zu, während die ursprüngliche Bevölkerung fast vollständig sprachlich assimiliert wird. Einzelne Gemeinschaften behalten jedoch ihre Sprache, wie die Sorben in Ostdeutschland.
  • Die Sprache stirbt in dem Gebiet zwischen einer Gemeinschaft und ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet aus. Dadurch wird die verbleibende Gemeinschaft isoliert; als Beispiel dient das Viöler Dänisch.

Die Überlebensfähigkeit hängt stark von der sozialen und geografischen Abgrenzung ab. Ein abgelegenes Gebirgstal oder eine Insel kann den Kontakt zur anderssprachigen Umgebung begrenzen. Auch politischer, kultureller, religiöser oder sprachlicher Druck kann den inneren Zusammenhalt stärken. Besonders Religion bewahrte in manchen Gemeinschaften neben dem Glauben auch Sprache und kulturelle Identität. Der Wegfall einer solchen Abgrenzung kann dagegen eine schnelle Auflösung begünstigen; als Beispiel nennt der Artikel Entwicklungen nach dem Ende der Sowjetunion.

Industrialisierung, Urbanisierung und Suburbanisierung gefährden Sprachinseln durch Abwanderung ihrer Sprecher und Zuzug anderssprachiger Menschen. Weitere Ursachen des Sprachwechsels sind eine allgemeine Schulpflicht mit Unterricht in einer anderen Sprache sowie die aktive Unterdrückung einer Minderheitensprache. Assimilation bedeutet dabei, dass eine Gemeinschaft Sprache und kulturelle Merkmale zunehmend an ihre Umgebung angleicht.

Deutsche Sprachinseln in Europa

Deutsche Sprachinseln entstanden vor allem durch Siedlungsbewegungen, die im Mittelalter begannen und erst Mitte des 19. Jahrhunderts endeten. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bestanden zahlreiche Gemeinschaften in Ost- und Ostmitteleuropa, vom einzelnen Dorf bis zu großen deutschsprachigen Landschaften wie Siebenbürgen. Sie lagen unter anderem in Polen, im Baltikum, in Belarus, der Ukraine, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Rumänien, Slowenien, Kroatien und dem heutigen Serbien. Weitere Siedlungen befanden sich im Kaukasus, bei Sankt Petersburg, im Ural und in Sibirien.

Im heutigen geschlossenen deutschen Sprachraum liegen zugleich anderssprachige Inseln. Dazu gehören das Sorbische in Brandenburg und Sachsen, das Saterfriesische im Saterland sowie burgenlandkroatische und burgenlandungarische Gemeinschaften in Österreich. Historische Beispiele sind das im 12. Jahrhundert erloschene Moselromanisch, das gegen Ende des 18. Jahrhunderts erloschene Polabisch im Wendland, das bis 1930 auf Wangerooge bestehende Wangerooger Friesisch und das bis 1936 in Viöl gesprochene Fjoldemål. Auch örtliche Soziolekte, die unter dem Sammelnamen Rotwelsch geführt werden, bildeten kleine Sprachgemeinschaften, sind heute jedoch fast vollständig ausgestorben.

Besonders vielfältig sind die deutschen Sprachinseln Norditaliens. Walserdeutsche Varietäten bestehen oder bestanden etwa in Gressoney, Issime, Rimella, Formazza und Macugnaga; in mehreren Orten sind sie erloschen oder nur noch unter älteren Menschen verbreitet. Zu den zimbrischen Gebieten zählen die Sieben und die Dreizehn Gemeinden sowie Lusern. Lusern ist die am besten erhaltene und aktivste zimbrische Sprachinsel; 90 % der Einwohner sprechen dort im Alltag Zimbrisch. In den Sieben Gemeinden besteht die Sprache nur noch als Nischensprache in Roana und Mezzaselva, in den Dreizehn Gemeinden in Giazza. Das Fersentalerische wird in Teilen des Fersentals gesprochen. Weitere deutsche Varietäten gibt oder gab es in Sappada, Timau und Sauris. Italiens historische Sprachminderheiten stehen unter dem Schutz des Gesetzes Nr. 482 vom 15. Dezember 1999.

Krieg, Vertreibung und Deportation ließen viele Gemeinschaften verschwinden. Die Bewohner deutscher Kolonien in Aserbaidschan und Georgien wurden 1941 deportiert. In Russland bestanden bis 1918 etwa 3.300 geschlossene, weitgehend konfessionell und ethnisch einheitliche deutsche Siedlungen; nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion ließ Stalin 1941 die meisten Russlanddeutschen in den asiatischen Teil der Sowjetunion deportieren. Deutsche Minderheiten leben weiterhin unter anderem im Altai, in den Gebieten Omsk, Nowosibirsk, Orenburg, Saratow und Samara sowie in Chakassien und Komi, doch viele Menschen wanderten nach Deutschland aus. Auch aus Kasachstan und Kirgisistan ist der größte Teil der Deutschen ausgewandert. In der Tschechoslowakei gingen Sprachinseln wie Iglau, Brünn und Budweis vor allem infolge der Vertreibung des größten Teils der deutschsprachigen Bevölkerung verloren.

Deutsche Sprachinseln in Übersee

In der Neuen Welt siedelten deutsche Auswanderer aus bestimmten Herkunftsgebieten häufig geschlossen zusammen. Dadurch entstanden besonders im Mittleren Westen der USA, im Westen Kanadas, in Südbrasilien und Südchile Sprachinseln mit unterschiedlichen deutschen Dialekten.

In Nordamerika beschleunigten der Erste und der Zweite Weltkrieg den Sprachwechsel. Viele Deutschsprachige wollten ihre Loyalität zur neuen Heimat zeigen und verzichteten deshalb auf Hochdeutsch oder deutsche Dialekte. Spätestens seit den 1940er Jahren wurde Deutsch weitgehend aus Öffentlichkeit und Familien verdrängt; zahlreiche Sprachinseln bestehen daher nur noch als Relikte. Lebendig blieben unter anderem religiös geprägte Gemeinschaften: Amische in Pennsylvania sprechen Pennsylvania Dutch, einen auf pfälzische Mundarten zurückgehenden Dialekt. Russlandmennoniten in Kansas sowie Mennonitengemeinschaften in Kanada, Mexiko und Belize verwenden Plautdietsch, einen niederdeutschen Dialekt.

Namibia besitzt mit derzeit etwa 30.000 Sprechern eine sehr gut erhaltene deutsche Sprachinsel. In Südafrika gibt es etwa 4.000 bis 5.000 Sprecher in ländlichen Sprachinseln und zusätzlich deutschsprachige Gemeinden in Städten. Paraguay zählt rund 60.000 Deutschsprachige, darunter 20.000 plautdietschsprachige Mennoniten im Chaco. In Chile leben etwa 20.000 deutsche Muttersprachler, besonders rund um den Llanquihue-See und Osorno. Brasilien hat über 550.000 Muttersprachler, vor allem in Santa Catarina und Rio Grande do Sul; dort werden unter anderem Riograndenser Hunsrückisch, Katharinensisch, niederdeutsche Dialekte und österreichisches Bairisch gesprochen. In Peru entstanden ab 1857 deutsche Sprachgemeinschaften um Pozuzo durch Siedler aus Tirol und dem Königreich Preußen; dort steht Deutsch neben Spanisch und indigenen Sprachen wie Quechua, Yanasha, Ashánika und Ashéninka.

Sprachinseln anderer Sprachen

Das Phänomen betrifft zahlreiche Sprachfamilien und Weltregionen. In Italien bestehen beispielsweise albanische Gemeinschaften in den Abruzzen, Molise, Kampanien, Apulien, Basilikata, Kalabrien und Sizilien; in Südgriechenland und auf Ägäisinseln wird Arvanitika beziehungsweise Arbëresh genannt. Katalanisch bildet in Alghero auf Sardinien eine Sprachinsel. Franko-Provenzalisch wird traditionell im Aostatal und einigen piemontesischen Tälern sowie in Faeto und Celle di San Vito gesprochen. Okzitanische Siedlungen gibt oder gab es unter anderem in Frankreich, Kalabrien, Hessen und Baden-Württemberg.

Arabische Sprachinseln liegen unter anderem im Iran, in der Türkei, Usbekistan und auf Zypern. Aramäische Varietäten werden oder wurden in Teilen des Irak, Irans, Syriens und der Türkei gesprochen. Dazu gehören Maalula, Bach'a und Dschubb-'Adin in Syrien sowie Orte des Tur Abdin in der Türkei, in denen Turoyo verwendet wird. Einige aramäische Gemeinschaften wurden in größere Städte umgesiedelt; andere, etwa Sanandadsch oder Mlahso und Ansha, sind erloschen. Aserbaidschanische Sprachgemeinschaften außerhalb des Hauptgebiets gibt es im Iran, in Russland sowie in den türkischen Provinzen Kars, Iğdır und Ardahan.

Weitere Beispiele sind litauische Sprachinseln in Belarus und Polen, die Berbersprache der Oase Siwa sowie finnische Varietäten außerhalb Finnlands. Zu Letzteren zählen Meänkieli am Torneälv, Kvenisch in Nordnorwegen und das fast ausgestorbene Waldfinnisch. Friesische Sprachinseln bestehen im Saterland, in Nordfriesland und auf Helgoland. Griechische Sprachinseln finden sich in Georgien, Russland, Süditalien und der Türkei. Das dort Romeyka genannte Pontische hat mindestens 5.000 Sprecher, hauptsächlich in mehreren Landkreisen der Provinz Trabzon.

Jiddische Sprachinseln erfuhren einen besonders tiefen Einschnitt durch die nationalsozialistische Vernichtungspolitik. Die großen geschlossenen Gemeinschaften der Schtetl in Ostmittel- und Osteuropa erloschen weitgehend. Seit dem Zweiten Weltkrieg wird Jiddisch einerseits von überwiegend älteren säkularen Juden, andererseits vor allem von chassidischen Gemeinschaften unter anderem in den USA, Kanada, Israel, Großbritannien und Belgien verwendet. Kiryas Joel im Bundesstaat New York entstand Ende der 1970er Jahre und zählt etwa 20.000 Einwohner, von denen ungefähr 90 % Jiddisch sprechen. Eine kleine Sprachinsel besteht außerdem in der Jüdischen Autonomen Oblast; dort erscheint zweimal wöchentlich die Zeitung „Birobidschaner Schtern“.

Zu den slawischen Beispielen gehören Sorbisch, Burgenlandkroatisch, Moliseslawisch, tschechische Gemeinschaften, Polnisch und Masurisch. Im Ruhrgebiet lebten vor 1910 etwa 300.000 bis 400.000 polnische und masurische Muttersprachler; Assimilationsdruck ließ diese Sprachinsel weitgehend verschwinden. Polabisch erlosch regional zwischen dem 14. Jahrhundert und 1756. Slowinzisch starb in Kluki ungefähr um den Zweiten Weltkrieg aus; seine Einordnung als kaschubische Dialektgruppe oder eigene slawische Sprache ist nicht einheitlich. Rumänische Sprachinseln umfassen Istrorumänisch, Aromunisch und Meglenorumänisch. Hinzu kommen unter anderem schwedische Gemeinschaften in Finnland, der Ukraine und Argentinien, spanischsprachige Isleños in Louisiana, niederländische Gemeinschaften in Kanada und kreolische Sprachen wie Palenquero in Kolumbien. Türkische Sprachinseln beziehungsweise Minderheitsgebiete nennt der Artikel unter anderem in Gagausien, Westthrakien und Adscharien sowie in deutsch-türkischen Gemeinden in Deutschland.

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