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Deutschböhmen und Deutschmährer
Deutschsprachige Siedler kolonisierten hauptsächlich im 12. und 13. Jahrhundert – im Zuge der deutschen Ostsiedlung aus Altbayern, Franken, Obersachsen, …
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Begriff und historische Einordnung
Deutschböhmen ist eine Sammelbezeichnung für die deutschsprachigen Bewohner Böhmens und teilweise auch aller böhmischen Länder sowie für ihre Siedlungsgebiete. In Mähren sprach man von Deutschmährern, in Österreichisch-Schlesien von Deutschschlesiern. Im 20. Jahrhundert setzte sich für diese Gruppen zunehmend der Begriff Sudetendeutsche durch, obwohl er nicht alle Betroffenen genau bezeichnete, weil viele Siedlungsgebiete nicht im Bereich der Sudeten lagen.
Deutschsprachige Siedler kamen vor allem im 12. und 13. Jahrhundert während der deutschen Ostsiedlung aus Altbayern, Franken, Obersachsen, Schlesien und Österreich in die Grenzgebiete Böhmens und Mährens. Später folgten weitere Zuwanderungen, etwa nach den Hussitenkriegen, Pestepidemien und dem Dreißigjährigen Krieg, als entvölkerte Landstriche neu besiedelt wurden. Auch Binnenwanderung innerhalb der Habsburgermonarchie brachte deutschsprachige oder später an die deutsche Kultur assimilierte Bewohner nach Böhmen, Mähren und Schlesien.
Bis zum Ende der Habsburgermonarchie wurden Deutschböhmen und Deutschmährer meist als Deutsche der österreichischen Reichshälfte wahrgenommen und sahen sich oft selbst so. Ein eigenständiges deutschböhmisches Bewusstsein war lange nicht bestimmend; viele verstanden sich eher als Böhmen, Mährer, Schlesier, Untertanen eines Herrschers oder Teil des Heiligen Römischen Reiches beziehungsweise später des deutschen Sprachraums.
Entwicklung bis 1918
Seit dem Mittelalter hatten deutsche Bewohner in den böhmischen Ländern wirtschaftliche, kulturelle und politische Bedeutung. Die 1348 gegründete Karls-Universität Prag war ab dem späten 18. Jahrhundert, nachdem Deutsch Latein als Unterrichtssprache ersetzt hatte, bis ins späte 19. Jahrhundert stark deutsch geprägt. Als wichtiges literarisches Beispiel wird Der Ackermann aus Böhmen aus dem 15. Jahrhundert von Johannes von Tepl genannt. In deutschböhmischen Gebieten war außerdem die Glaserzeugung ein verbreiteter Wirtschaftszweig.
Wichtige Einschnitte waren die Hussitenkriege, die Tätigkeit der Böhmischen Brüder, der Dreißigjährige Krieg und die Kriege Friedrichs II. gegen Österreich um Schlesien. Der Verlust eines Großteils Schlesiens schwächte das deutsche Element in den böhmischen Ländern. Zugleich begünstigten die Herrschaft der Habsburger von Wien aus und die politische Schwächung des alten böhmischen Adels nach der Schlacht am Weißen Berg die Dominanz der deutschen Sprache und Kultur. Dagegen entwickelte sich im 19. Jahrhundert wachsender Widerstand in der tschechischen Bevölkerung.
Nach 1848 strebte die tschechische Nationalbewegung die Gleichstellung von Deutschen und Tschechen an. Die Deutschen in Böhmen versuchten, besonders in mehrheitlich deutschsprachigen Regionen ihre politische und kulturelle Stellung zu sichern. 1867 verankerte die Dezemberverfassung die Gleichberechtigung der österreichischen Staatsbürger aller Nationalitäten. Dennoch blieb der Gegensatz ungelöst: Viele Tschechen wollten sich in Prag selbst regieren, während Deutschböhmen und Deutschmährer stärker auf Altösterreich setzten. Ausgleichsversuche waren unter anderem das Pfingstprogramm vom 20. Mai 1899, Vorschläge zur Einteilung Böhmens in deutsche und tschechische Zonen, der 1903 gegründete Deutsche Volksrat für Böhmen und der Mährische Ausgleich von 1905.
Siedlungsgebiete und Zahlen
Die deutschsprachigen Siedlungsgebiete lagen vor allem im Böhmerwaldgebiet, im Egerland, in Nordböhmen, Ostböhmen, Sudetenschlesien, Nordmähren und Südmähren. Daneben gab es deutsche Sprachinseln wie den Schönhengstgau und die Iglauer Sprachinsel sowie deutsche Minderheiten in überwiegend tschechischsprachigen Städten wie Prag oder Brünn.
Nach der Volkszählung von 1910 lebten in den böhmischen Ländern der Österreichisch-Ungarischen Monarchie etwa 3,5 Millionen Deutsche, also mehr als ein Drittel der Bevölkerung, bei sinkender Tendenz. Die Gesamtbevölkerung betrug knapp über zehn Millionen. Für Böhmen wurden 6.712.944 Einwohner gezählt, davon 2.467.724 mit deutscher, 4.241.918 mit tschechischer und 1.541 mit polnischer Umgangssprache. In Mähren waren es 2.604.857 Einwohner, davon 719.435 deutschsprachig, 1.868.971 tschechischsprachig und 14.924 polnischsprachig. In Schlesien waren es 741.456 Einwohner, davon 325.523 deutschsprachig, 180.348 tschechischsprachig und 235.224 polnischsprachig. Insgesamt ergaben sich 10.059.257 Einwohner, davon 3.512.682 mit deutscher, 6.291.237 mit tschechischer und 251.689 mit polnischer Umgangssprache.
Tschechoslowakei, Sudetenkrise und NS-Zeit
Am 28. Oktober 1918 proklamierte sich die Tschechoslowakei als selbständiger Staat. In überwiegend deutsch besiedelten Grenzgebieten lehnten viele Bewohner die Einbeziehung in den neuen Staat ab. Die Provinz Deutschböhmen, die Provinz Sudetenland sowie die Kreise Böhmerwaldgau und Deutschsüdmähren erklärten unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker ihren Anschluss an Deutschösterreich. Die Tschechoslowakei bestand dagegen auf den historischen Ländern der böhmischen Krone. Im November 1918 besetzten tschechische Truppen die Gebiete. Demonstrationen am 4. März 1919 wurden blutig aufgelöst. Der Vertrag von Saint-Germain vom 10. September 1919 bestätigte den Verbleib der deutsch bewohnten Gebiete bei der Tschechoslowakei.
In der Ersten Tschechoslowakischen Republik gab es unter der deutschsprachigen Bevölkerung verschiedene politische Richtungen. Als Negativismus bezeichnete man Strömungen, die den Staat boykottierten; als Aktivismus solche, die sich politisch beteiligten. Auf negativistischer Seite standen unter anderem die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei und die Deutsche Nationalpartei, auf aktivistischer Seite etwa der Bund der Landwirte, die Deutsche Christlich-Soziale Volkspartei, die Deutsche Demokratische Freiheitspartei und die Deutsche Sozialdemokratische Partei. Die Sudetendeutsche Heimatfront Konrad Henleins, später Sudetendeutsche Partei, näherte sich zunehmend der NSDAP an und wurde finanziell von ihr abhängig. Am 5. November 1937 äußerte Henlein den Wunsch nach „Einverleibung des sudetendeutschen Gebiets, ja des ganzen böhmisch-mährisch-schlesischen Raumes in das Reich“.
Am 29. September 1938 wurde im Münchner Abkommen ohne Beteiligung der Tschechoslowakei die Annexion der deutschsprachigen Gebiete durch das Deutsche Reich beschlossen. In den betroffenen Gebieten lebten 580.000 Tschechen; 150.000 bis 200.000 mussten ihre Wohnorte Richtung zentraler böhmischer und mährischer Landesteile verlassen. Nach der Eingliederung begann die Verfolgung von Juden, Sinti und Roma, anderen Minderheiten und Regimegegnern. Der am 30. Oktober 1938 gegründete Reichsgau Sudetenland umfasste unter Gauleiter Konrad Henlein 2,94 Millionen Einwohner in 3.167 Gemeinden. Weitere Gebiete wurden unter anderem dem Gau Bayerische Ostmark sowie den Reichsgauen Oberdonau und Niederdonau zugeschlagen. Am 15. März 1939 ließ Adolf Hitler die zentralen Gebiete Böhmens und Mährens besetzen; am 16. März 1939 wurden sie zum Protektorat Böhmen und Mähren erklärt.
Vertreibung und Gegenwart
Während und nach der Einnahme durch amerikanische und sowjetische Truppen flohen viele Sudetendeutsche. Zugleich kam es zu „spontanen Vertreibungen“ aus der ehemaligen Tschechoslowakei. Im Mai 1945 propagierte Edvard Beneš die Entfernung der Deutschen. Es folgten teilweise blutige „wilde Vertreibungen“, durch die bis zu 800.000 Menschen ihre Heimat verloren. Durch das Beneš-Dekret 108 wurde der gesamte deutsche Besitz konfisziert. 1946 wurden weitere etwa 2.256.000 Menschen enteignet und vertrieben.
Ein kleiner Teil der Deutschböhmen, Deutschmährer und deutschen Schlesier blieb als deutsche Minderheit in der Tschechischen Republik, oft weil sie für die Wirtschaft als notwendig galten. 2001 lebten dort noch 39.000 Menschen dieser Gruppe; ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug 0,4 %. Sie lebten besonders im Norden und Westen Böhmens. Die größte deutsche Minderheit gab es mit 9500 Personen in der nordböhmischen Aussiger Region. Den relativ größten Anteil erreichte die westböhmische Karlsbader Region mit fast 3 %, im Bezirk Sokolov 4,5 %. Dachorganisation ist die 1991 gegründete Landesversammlung der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik.
Viele Vertriebene und ihre Nachkommen leben in Deutschland, besonders in Bayern, Hessen und dem nördlichen Baden-Württemberg, aber auch in Sachsen-Anhalt, Thüringen, anderen Teilen Deutschlands, Österreich und weiteren Ländern. Einige gründeten Firmen, kulturelle Einrichtungen oder neue Orte wie Neutraubling, Neugablonz, Geretsried, Traunreut, Waldkraiburg oder Trutzhain. Manche sind in Organisationen wie der Sudetendeutschen Landsmannschaft, der Ackermann-Gemeinde, der Seliger-Gemeinde oder dem Adalbert-Stifter-Verein organisiert; der größte Teil ist jedoch weitgehend assimiliert.
Der Umgang mit dem Münchner Abkommen und den Beneš-Dekreten blieb lange belastend. Die Beneš-Dekrete wurden von tschechischer Seite trotz Forderungen der Vertriebenenverbände nicht für ungültig erklärt. Das Münchner Abkommen wurde im Normalisierungsvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Tschechoslowakei vom 11. Dezember 1973, ratifiziert 1974, als nichtig erklärt. Die Deutsch-Tschechische Erklärung vom 21. Januar 1997 hielt fest, dass zugefügtes Unrecht nicht ungeschehen gemacht, sondern allenfalls gemildert werden könne, und dass beide Seiten ihre Beziehungen nicht mit politischen und rechtlichen Fragen aus der Vergangenheit belasten wollten. In jüngerer Zeit wird eine Entspannung beschrieben, etwa durch Initiativen wie Antikomplex, das Collegium Bohemicum in Ústí nad Labem und verstärkte Kontakte zwischen Sudetendeutscher Landsmannschaft und Tschechien.
Mundarten und Erinnerungskultur
In den deutschen Gebieten der böhmischen Länder wurden Dialekte gesprochen, die den angrenzenden bairischen, ostfränkischen, thüringisch-obersächsischen und lausitzisch-schlesischen Dialektgebieten entsprachen. Bairisch war im Süden und Westen verbreitet, darunter Mittelbairisch entlang der Grenze zu Nieder- und Oberösterreich, im Böhmerwald und in mehreren Sprachinseln, sowie Nordbairisch entlang der Grenze zur Oberpfalz, im Egerland und in der Iglauer Sprachinsel. Ostfränkisch beziehungsweise Erzgebirgisch wurde zwischen Saaz und dem Erzgebirge sowie in Sprachenklaven gesprochen. Lausitzisch-Schlesisch kam in Nord- und Ostböhmen sowie Nordmähren vor. Thüringisch-Obersächsisch wurde abschnittsweise entlang der Grenze zu Sachsen und als Mischdialekt auch in der Iglauer Sprachinsel und in Prag gesprochen.
Die Dialekte wurden im Sudetendeutschen Wörterbuch erfasst und beschrieben. Ihre Sprachgeographie behandelt der Atlas der historischen deutschen Mundarten auf dem Gebiet der Tschechischen Republik. Weil es heute kein geschlossenes deutschböhmisches und deutschmährisches Siedlungsgebiet mehr gibt, sind einige Mundarten akut vom Aussterben bedroht, besonders schlesische Dialekte und Mundarten früherer Sprachinseln.
Das Sudetendeutsche Museum in München stellt die Geschichte der Deutschen in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien dar. Es zeigt die kulturelle, religiöse und wirtschaftliche Lebenswelt vor 1945, politische und soziale Entwicklungen bis Krieg und Vertreibung sowie den Neubeginn und die Integration danach. Die Dauerausstellung umfasst mehr als 1.000 Jahre Geschichte mit rund 900 Objekten auf 1.200 Quadratmetern Ausstellungsfläche.