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Sprachentwicklung
Die Sprachentwicklung kann in die Entwicklung der Sprache in der Stammesgeschichte der Lebewesen (Phylogenese) bis zur Entstehung der Menschen und in die …
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Begriff und Grundproblem
Sprachentwicklung bezeichnet die Entstehung und Veränderung von Sprache in zwei zusammenhängenden Bereichen: erstens in der Stammesgeschichte der Lebewesen, also der Phylogenese, und zweitens während der Evolution des Menschen, auch Homogenese oder kulturelle Sprachevolution genannt. Sie ist wichtig, weil Sprache ein zentrales Merkmal menschlicher Kultur, Zusammenarbeit und Wissensweitergabe ist.
Für die frühesten Phasen gibt es keine sicheren sprachlichen Dokumente. Die frühe Umgangssprache hinterließ keine unmittelbaren Spuren. Deshalb bleiben viele Aussagen hypothetisch, besonders für den vorsymbolischen, infrahumanen Bereich und für den Beginn menschlicher Sprache.
Vorformen der Kommunikation
Die biologische Rekonstruktion der menschlichen Sprache ist Aufgabe der Biolinguistik. In der Phylogenese wurde der Bereich des Lernbaren gegenüber dem genetisch Weitergegebenen größer. Vererbt wird dabei nicht das Ergebnis einzelner Lernprozesse, sondern die Fähigkeit zur Veränderbarkeit. Entscheidend ist daher nicht einfach, ob Verhalten durch natürliche Selektion oder kulturelles Lernen entsteht, sondern warum bestimmte Lernprozesse selbst aus der natürlichen Selektion hervorgegangen sind.
Bei höheren Primaten ist soziale Kommunikation bereits ausgeprägt, während Informationsvermittlung nur schwach entwickelt ist. Menschenaffen können mit Gesten in Ansätzen „über etwas“ kommunizieren, wenn nötige Voraussetzungen künstlich geschaffen werden. Ihre Lautkommunikation dient aber vor allem dem unmittelbaren emotionalen Ausdruck. Sie haben Schwierigkeiten, Laute eines bestimmten emotionalen Zustands zu äußern, wenn sie sich nicht in diesem Zustand befinden.
Primatenlaute sind graduell abgestuft. Zuhörende Primaten achten auf feine Abstufungen im emotionalen und körperlichen Zustand anderer. In Gefangenschaft geborenen Menschenaffen konnten in mehreren Fällen Gebärdensprachen und die Zeichensprache Yerkish beigebracht werden. Schimpansen können mit einfachen Werkzeugen umgehen; eine eigentliche Herstellung von Werkzeugen und deren Weitergabe und Verbesserung über Generationen hinweg scheint aber noch nicht möglich zu sein.
Genetische und anatomische Erklärungen
Eine genetische Hypothese knüpft an das FOXP2-Gen an, das für Spracherwerb und Lautäußerungen relevant ist und auch bei Vögeln, Primaten und Neandertalern vorkommt. Nach einer Theorie führte eine Mutation dieses Gens vor einigen 100.000 Jahren zur Entwicklung menschlicher Sprache. FOXP2 unterstützt das Längenwachstum und die Verästelung von Neuriten im sich entwickelnden Gehirn. Ist das Gen beschädigt, wie bei betroffenen Mitgliedern der KE Family, scheint die Bildung neuer neuronaler Verbindungen beeinträchtigt zu sein.
Dem steht ein anatomischer Ansatz gegenüber, besonders bei Philip Lieberman. Er betont, dass menschliches Sprechen auf anatomischen und feinmotorischen Fähigkeiten beruhe, die andere Primaten nicht besitzen. Untersucht wurde dabei unter anderem die besondere Kontrolle des Menschen über Zunge und Zungenbewegungen. Eine Theorie verband die Größe des Nervus hypoglossus, der Zungenbewegungen steuert, mit Sprache. David DeGusta und sein Team wiesen diese Theorie zurück, weil die hypoglossalen Nervenkanäle nicht-menschlicher Primaten und der Australopithecina im Bereich moderner Menschen lagen.
Ein weiterer anatomischer Punkt ist der abgesenkte Kehlkopf. Viele Forschende sehen ihn als möglichen Hinweis auf komplexe Sprache. Menschen besitzen dauerhaft einen abgesenkten Kehlkopf; temporär können das auch einige Tiere, und dauerhaft findet man es außer beim Menschen nur bei einigen Reharten. Lieberman betont außerdem, dass sich beim Menschen Kehldeckel und Gaumensegel nicht berühren, was Artikulation begünstigt habe. Diese These ist umstritten, weil die Umgestaltung des Sprachtrakts sehr lange gedauert haben müsste. Außerdem zeigen Wale und Vögel, dass das Erlernen lautgebundener Kommunikation durch Elterntiere nicht strikt an menschliche oder primatenspezifische Anatomie gebunden ist.
Sprache, Arbeit und Zeichen
Für die menschliche Sprachentwicklung sind soziale und kulturelle Faktoren zentral. Beim Übergang vom Tier zum Menschen wurden Fähigkeiten wichtig, die über genetische Programmierung hinausgehen: die Weitergabe und Weiterentwicklung von Steinwerkzeugen über Generationen, akkumulatives Auswahlvermögen und generatives sprachliches Verhalten. „Generativ“ bedeutet hier, dass sprachliche Mittel kreativ kombiniert werden können.
Die Herstellung von Steinwerkzeugen und anderen kulturellen Erzeugnissen setzt Verständigung voraus: synchronische Verständigung zwischen gleichzeitig lebenden Menschen und diachronische Verständigung über Generationen hinweg. Arbeit braucht kognitive Fähigkeiten und Formen kommunikativen Austauschs, die ohne Sprache nicht denkbar sind. Zugleich wirkt Arbeit dauerhaft auf die Entwicklung von Sprache zurück. Die Überlieferung von Werkzeugen und Techniken benötigt ein sprachliches Medium.
Ein Unterschied zwischen menschlicher Sprache und Tiersprachen besteht darin, dass Begriffe vielfältig und kreativ kombiniert werden können. Je komplexer und differenzierter Sprache wird, desto genauer kann die Umwelt wahrgenommen und verarbeitet werden. Zeichen spielen dabei eine Schlüsselrolle. Ein Zeichen kann sich als Denotat auf einen Gegenstand beziehen. Als Konnotat verweist es zusätzlich auf Empfindungen, Emotionen oder kulturelle Bedeutungen, die mit ihm verbunden sind. Interkulturelle Untersuchungen weisen darauf hin, dass Sprache alltägliche Wahrnehmung und gewöhnliches Erkennen der Wirklichkeit strukturiert.
Zeitpunkt und Neandertaler
Der genaue Ursprung der menschlichen Sprache ist unsicher. Statistische Methoden versuchen zu berechnen, wie viel Zeit nötig war, damit die heutige Komplexität und Vielfalt der Sprachen entstehen konnte. Eine Berechnung aus dem Jahr 1998 ergab, dass die erste Auseinanderentwicklung der Sprachen spätestens vor 100.000 Jahren stattgefunden haben müsse.
Eine Berechnung von 2012 nutzte die Zahl klar unterschiedlicher Laute, also Phoneme, in modernen Sprachen. Der Vergleich weltweiter Sprachen mit afrikanischen Sprachen sollte zeigen, wie lange afrikanische Sprachen existiert haben müssten, um ihre heutige Phonemzahl zu besitzen. Daraus wurde ein Alter von 350.000 bis 100.000 Jahren für afrikanische Sprachen berechnet. Atkinson errechnete 2011 mit derselben Methode einen Sprachursprung vor 80.000–160.000 Jahren in Südafrika. Diese Studien wurden kritisiert, weil die heutige Verteilung von Phonemen kein zweifelsfreier Hinweis auf das Alter einer Sprache ist.
Für Neandertaler zeigen DNA-Analysen keinen Unterschied in sprachrelevanten Gensequenzen gegenüber modernen Menschen. Besonders die Entwicklung der FOXP2-Region war vor der Trennung von Neandertalern und archaischem Homo sapiens abgeschlossen. Anhänger des genetischen Ansatzes schließen daraus auf Sprachfähigkeit der Neandertaler. Die anatomische Schule nach Lieberman bezweifelt dagegen, dass Neandertaler die Voraussetzungen für nicht-nasalierte Sprache hatten und die Vokale [i], [u] und [a] aussprechen konnten. Studien widersprachen dem teilweise: 2002 wurde ihnen trotz nicht abgesenkten Kehlkopfs ein ähnlicher Vokalraum wie modernen Menschen zugeschrieben; 2007 wurde gezeigt, dass sich Sprachfähigkeiten von Neugeborenen und Neandertalern kaum unterschieden hätten. Ab 2021 wurde außerdem auf ein besseres Hören im Bereich 4–5 kHz verwiesen, was eine stärker konsonantenzentrierte Sprache mit stimmlosen Plosiven wie [t] und Frikativen wie [f] möglich erscheinen lässt.
Vertreter der Ursprachentheorie sehen in den afrikanischen Khoisan-Sprachen den ältesten Sprachtyp des modernen Menschen, besonders wegen ihrer Klicklaute. Nach dieser Annahme trennten sich vor mindestens 60.000 Jahren andere Sprachen ab, die dieses Merkmal verloren.
Modelle der weiteren Entwicklung
Christian Lehmann nimmt an, dass vor etwa zwei Millionen Jahren die Laute menschlicher Vorfahren rein indexikalisch verwendet wurden: Sie begleiteten Gesten, waren holophrastisch, also ungegliedert wie ganze Äußerungseinheiten, und ähnelten in dieser Hinsicht Primatenkommunikation. Später wurden Gesten weniger nötig, während Laute stärker gegliedert und situationsunabhängiger wurden. Der archaische Homo sapiens habe erstmals einfache syntaktische Konstruktionen verwendet. Sprache wurde dadurch symbolisch-konventionell und arbiträr, also nicht mehr direkt durch Ähnlichkeit oder unmittelbaren Bezug bestimmt. Vor etwa 150.000 Jahren begann laut Lehmann die Morphologisierung phonologischer Alternationen und grammatischer Konstruktionen; vor 50.000 Jahren sei Sprache auch syntaktisch voll entwickelt gewesen. Schrift habe in den letzten mehr als 5000 Jahren die Situationsunabhängigkeit von Sprache weiter gesteigert.
Wilhelm von Humboldt entwickelte in den 1820er Jahren ein Dreistufenmodell historisch fassbarer Sprachen: isolierende Sprachen mit Wörtern, die vor allem durch feste Satzstellung verbunden sind, agglutinierende Sprachen mit bedeutungsverändernden Affixen und flektierende Sprachen, in denen grammatische Formen das Wort stark prägen. Wegen Problemen bei der Einordnung des Chinesischen und moderner indoeuropäischer Sprachen ergänzte Humboldt eine Entwicklungskurve mit einem Höhepunkt der Flexion und späterem Flexionsverlust. Die moderne Forschung stimmt weitgehend darin überein, dass flektierende Sprachen tatsächlich der jüngste morphologische Sprachtyp sind.
Andere Modelle beschreiben individuelle Sprachentwicklung in fünf Phasen: direkte Reiz-Reaktions-Interaktion mit der Umwelt; bewussterer Umgang mit Umwelt durch Werkzeuge; Entstehung von Merkmalen als Zeichen; Ablösung des Zeichens vom Gegenstand als Denotat; schließlich die Entstehung von Konnotaten, also Bedeutungen, die psychische oder kulturelle Aspekte ausdrücken können.
Die vergleichende Sprachforschung sieht eine Analogie zwischen biologischer Evolution und kultureller Sprachevolution. Beide verlaufen durch viele kleine Veränderungen und gelegentlich größere Umbrüche, etwa biologische Mutationen oder sprachliche Lautverschiebungen. Isolation kann zu Unterarten oder Einzelsprachen führen; Genfluss entspricht in der Analogie Sprachfluss. Frühere Arten und Sprachen können rekonstruiert und in Systeme eingeordnet werden. Weder Leben noch Sprachen entwickeln sich auf ein vorgegebenes Ziel hin.
Walter A. Koch nennt seinen Ansatz „Echogenese“. Er erwartet, dass Merkmale der phylogenetischen Sprachentwicklung in heutigen Sprachgenesen wiederkehren, etwa im Spracherwerb von Kindern, in Pidgin- und Kreolsprachen, beim erneuten Spracherwerb nach Sprachverlust, in Sprachtrainingsversuchen mit Primaten oder im historischen Sprachwandel. Dieser Ansatz versteht solche Wiederkehr nur als Tendenz.