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Soziologische Theorie
Soziologische Theorien entwerfen Konzepte, innerhalb derer sich soziale Vorgänge und Phänomene verstehen, deuten und erklären lassen.
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Gegenstand und wissenschaftlicher Anspruch
Soziologische Theorien entwerfen Konzepte, mit denen soziale Vorgänge und Phänomene verstanden, gedeutet und erklärt werden können. Sie bilden meist die wissenschaftliche Grundlage der Soziologie und gehören zur Allgemeinen Soziologie, weil sie nicht nur einzelne Aspekte untersuchen, sondern ein Gesamtbild gesellschaftlicher Ordnung ausarbeiten wollen.
Sie erklären menschliches Verhalten und soziale Strukturen aus mehreren sozialen Dimensionen, etwa Kultur, Geschlechterzusammenhängen, ökonomischen und politischen Verhältnissen sowie Machtgefügen. Dabei werden Zusammenschlüsse, Praktiken und soziale Phänomene nicht auf individuelles Verhalten reduziert. Wichtig sind vielmehr Strukturen, Beziehungsgeflechte, geschichtliche Zusammenhänge und gesellschaftliche Bedingungen. Damit unterscheiden sich soziologische von psychologischen Deutungen, die stärker beim einzelnen Menschen ansetzen.
Im Unterschied zu sozialphilosophischen Ansätzen wollen soziologische Theorien gesellschaftliche Phänomene nicht nur moralisch beurteilen, sondern sie analytisch-methodisch und mit empirischen Methoden erfassbar machen. Grundsätzlich konzeptualisieren sie etwa das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum, soziale Integration und Interaktion, Differenzierung, Wandel und Statik sozialer Phänomene sowie Handlungsmuster.
Zentrale Begriffe und Beispiel
Wichtige Begriffe sind sozialer Sinn, Akteure, Sozialstruktur, Funktion, soziale Bewegung, soziale Gruppe, Interaktion, soziale Beziehungen, soziale Differenzierung, Kommunikation, soziale Handlung, soziale Ordnung und soziale Systeme. Sie helfen, Gegenstände der Soziologie zu erfassen, und bestimmen oft zugleich den Blickwinkel einer Theorie.
Ein klassisches Beispiel ist Émile Durkheims Selbstmordstudie von 1897. Selbstmord erschien im Alltagsverständnis als rein individuelles Phänomen. Durkheim untersuchte jedoch Selbstmorde in unterschiedlichen Berufs- und Einkommensständen sowie konfessionellen Gruppen und berücksichtigte gesamtwirtschaftliche und jahreszeitliche Bedingungen. Er schloss daraus, dass gesellschaftliche Bedingungen sozialer Kontrolle und Integration erklären helfen, warum Selbstmordraten zwischen sozialen Gruppen unterschiedlich sind.
Theorien setzen unterschiedliche Schwerpunkte: Manche beginnen bei geschlechterspezifischen Dynamiken, andere bei geschichtlich gewachsenen Prozessen oder bei der sozioökonomischen Sphäre. Ihre Abgrenzung und Einteilung bleiben umstritten, auch wegen Überschneidungen mit anderen Disziplinen.
Entstehung und frühe Fragestellungen
Die systematische Entwicklung soziologischer Theorien begann mit der Formung der Soziologie vor allem im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts. Sie stand im Zusammenhang mit Industrialisierung, Säkularisierung, Urbanisierung, Rationalisierung politischer Herrschaft, der Entstehung von Nationalstaaten und der Aufklärung. Die frühen Theorien befassten sich daher besonders mit sozialer Differenzierung, politischer Ökonomie, Urbanisierung, Arbeitsteilung, Demokratisierung und neuen sozialpolitischen Ordnungen. Die Moderne und ihr sozialer Wandel wurden so zu einem wesentlichen Gegenstand der Soziologie.
Vorläufer fanden sich in politischer Philosophie, Geschichtswissenschaften, Nationalökonomie, Rechtswissenschaften und Staatswissenschaften. Als sehr frühe spezifische Auseinandersetzung mit sozialen Themen gelten Ibn Chaldūns Überlegungen zur sozialen Ordnung und zum sozialen Konflikt im 14. Jahrhundert. Vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zum frühen 20. Jahrhundert wurde die Soziologie, beeinflusst durch Aufklärung und Romantik, zu einer eigenständigen Disziplin. Ihre zunehmende Institutionalisierung ging mit intensiver Theoriearbeit einher.
Multiparadigmatizität
Für die Soziologie gibt es keine einzige allgemein anerkannte Grundlagentheorie. Sie besitzt weder eine einheitliche Fragestellung noch ein gemeinsames Paradigma und auch keine einfache Abfolge sich ablösender Paradigmen. Die verschiedenen Theoriepositionen und methodischen Auffassungen stehen jedoch nicht beziehungslos nebeneinander, sondern weisen vielfältige Verknüpfungen auf.
Umstritten ist, ob soziale Verhältnisse durch eine Gesamttheorie erklärt werden können. Die multiparadigmatische Sicht akzeptiert mehrere Zugänge: Jede Theorie erfasst nur bestimmte Dimensionen sozialer Verflechtungen; die komplexe soziale Wirklichkeit kann deshalb nicht durch eine einzige Theorie vollständig erklärt werden. Als mögliche Gründe werden das vergleichsweise späte Entstehen der Soziologie als Fach und die Komplexität von Gesellschaft und menschlichem Verhalten genannt.
Theorien können einander konkurrieren; keine Einzeltheorie kann die Gesamtgesellschaft vollständig erfassen. Anders als Naturgesetze liefern soziologische Theorien bislang keine Aussagen, die für alle Sozialsysteme zu jeder Zeit gelten und sichere Vorhersagen ermöglichen.
Einteilung und Vergleich von Theorien
Sozialtheorien fragen nach der grundlegenden Funktionsweise des Sozialen. Gesellschaftstheorien analysieren das Soziale in der Moderne. Weitere Einteilungen unterscheiden Mikro- und Makroebene: Die Mikroebene erklärt soziale Phänomene aus der Lebenswelt, etwa aus Familie, Geschlechteridentitäten, Rollen und Sozialisationsprozessen, und ist eher akteurszentriert. Makrotheorien gehen von strukturgebenden Systemen wie Politik, Wirtschaft, Religion und Recht aus. Außerdem lassen sich beobachtende, neutral angelegte Ansätze von kritischen, normativen Ansätzen unterscheiden.
Prominent ist auch die Unterscheidung zwischen Strukturtheorie und Handlungstheorie. Die strukturtheoretische Richtung, mit Émile Durkheim verbunden, fragt nach sozialen Strukturen und Gefügen. Die handlungstheoretische Richtung, mit Max Weber verbunden, untersucht das Handeln sozialer Akteure. Beide deuten soziale Phänomene als gesellschaftliche Erscheinungen und nicht psychologisch, etwa Webers Erklärung der Durchsetzung des Kapitalismus in der Protestantischen Ethik oder Durkheims Selbstmordstudie.
Auch Theorienvergleiche werden unterschiedlich durchgeführt. Beim eliminatorischen Vergleich werden Theorien kritisch gegeneinandergestellt, oft mit einem Gewinner und einer ausscheidenden Theorie. Der hermeneutische Vergleich sucht gemeinsame Nenner und Dialog. Der integrative Vergleich baut Teile einer Ursprungstheorie in eine neue Theorie ein; genannt werden Parsons Theoriekonstruktion der Klassiker und Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns. Beim Vergleich an einem Fall werden verschiedene Theorien auf ein konkretes soziales Phänomen angewandt. Ein themen- oder problembezogener Vergleich prüft Theorien anhand konkreter Fragen, etwa ihrer Auffassung von Staat, Markt und Politik.