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Sozialunternehmertum

Unter Sozialunternehmertum bzw. sozialem Unternehmertum oder Social Entrepreneurship versteht man eine unternehmerische Tätigkeit, die sich innovativ, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und Bedeutung
  2. 2. Merkmale und Formen
  3. 3. Abgrenzung und Finanzierung
  4. 4. Geschichtliche Entwicklung
  5. 5. Wirkung, Berichte und Skalierung
  6. 6. Förderung und Auszeichnungen

Kernidee und Bedeutung

Sozialunternehmertum, auch Social Entrepreneurship genannt, bezeichnet eine unternehmerische Tätigkeit, die soziale Probleme oder allgemein einen wesentlichen positiven Wandel der Gesellschaft lösen will. Dabei sollen innovative, pragmatische und langfristige Lösungen entstehen. Die angestrebten Ziele werden als metaökonomische Oberziele bezeichnet, also Ziele, die nicht in erster Linie auf Gewinn gerichtet sind.

Ein Social Entrepreneur oder Sozialunternehmer leitet eine solche Tätigkeit. Typische Arbeitsfelder sind Bildung, Umweltschutz, Arbeitsplatzschaffung für Menschen mit Behinderungen, Armutsbekämpfung oder Menschenrechte. Der Profitgedanke steht im Hintergrund. Deshalb arbeiten viele Sozialunternehmer in Non-Profit-Organisationen, leiten andere Rechtsformen oder unterstützen sie.

Der Begriff Social Economy wird manchmal als Oberbegriff für Organisationen des Dritten Sektors und marktwirtschaftliche Aktivitäten mit sozialen Zielen verwendet. Er schließt Sozialunternehmertum ein. In einigen Ländern können sich Sozialunternehmen registrieren lassen und dadurch einen besonderen Status erhalten; ihre steuerliche Behandlung ist international sehr unterschiedlich.

Ein verwandter Oberbegriff ist Sustainable Entrepreneurship oder Sustainability Entrepreneurship, kurz Sustainopreneurship. Er wurde etwa um das Jahr 2000 geprägt und umfasst sowohl Social Entrepreneurship als auch Eco-entrepreneurship. Typisch ist die Verbindung mehrerer nicht primär gewinnorientierter Ziele, etwa Beschäftigungsförderung, Bildung, Innovation, Umweltschutz oder in jüngerer Zeit Cultural Heritage, also die Erhaltung kultureller Denkmäler und Traditionen.

Merkmale und Formen

Ein Social Entrepreneur versucht idealerweise, eine bisher nicht oder nur unzureichend gelöste gesellschaftliche Aufgabe innovativ zu bewältigen und dabei sozialen Mehrwert zu schaffen. Die Gewinnerzielung steht nicht im Mittelpunkt, und Gewinne werden nicht zu großen Teilen an Investoren ausgeschüttet. Zugleich soll ein leistungsbasiertes Einkommen erzielt werden, also Einkommen aus erbrachten Leistungen und nicht nur aus Subventionen.

Weitere Merkmale sind: Der Gewinn eines beliebigen Geschäfts wird nicht einfach nur nachträglich für soziale Zwecke verwendet. Stattdessen wird für die soziale Aufgabe eine passende Organisation aufgebaut, die eine nachhaltige Entwicklung für die Gesellschaft anstrebt. Demokratische Werte und Menschenwürde sollen geachtet werden. Außerdem sollen weitere Personen zur Mitarbeit, zum Lernen und zur Verbesserung motiviert werden. Finanzielle und materielle Ressourcen sollen gewonnen werden, ohne abhängig von einzelnen großen Geldgebern zu werden.

Die Europäische Kommission definiert Sozialunternehmen als Unternehmen, bei denen ein soziales oder gesellschaftliches gemeinnütziges Ziel Sinn und Zweck der Geschäftstätigkeit ist. Ihre Gewinne werden größtenteils wieder investiert, um dieses Ziel zu erreichen, und ihre Organisationsstruktur oder Eigentumsverhältnisse spiegeln dieses Ziel wider, etwa durch Mitbestimmung, Mitarbeiterbeteiligung oder Ausrichtung auf soziale Gerechtigkeit.

Nach dem Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland ist das primäre Ziel die Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen. Dies geschieht durch die kontinuierliche Nutzung unternehmerischer Mittel und führt zu neuen und innovativen Lösungen. Steuernde und kontrollierende Mechanismen sollen sicherstellen, dass die gesellschaftlichen Ziele intern und extern gelebt werden.

Kennzeichnend ist, dass Sachziele, also Ziele der Leistungsproduktion wie Zielrichtung und Zielgruppe, wichtiger sind als Formalziele wie Kostendeckung oder Liquidität. Einige Sozialunternehmen erreichen Gewinne durch soziale Leistungen, etwa Beschäftigung von Arbeitslosen. Andere nutzen Gewinn als Mittel für zusätzliche soziale Zwecke. Wieder andere stehen in der Tradition von Genossenschaften und betonen Solidarität und kollektive Selbsthilfe.

Eine besondere Form ist Social Franchising. Dabei wird ein Geschäftskonzept verbreitet, aber nicht vor allem zur Markenbildung oder Kundengewinnung, sondern zur möglichst hohen gemeinnützigen Rendite und zur Befriedigung sozialer Bedürfnisse. Als Beispiel nennt der Artikel die Ladenkette CAP.

Abgrenzung und Finanzierung

Die Abgrenzung zwischen Social Entrepreneurship und Social Business ist nicht immer eindeutig. Social Business wird manchmal als besondere Form des Social Entrepreneurship verstanden. Häufig liegt Social Business aber bei traditionellen Wohlfahrtsverbänden und ihren Trägern, die soziale Leistungen abrechnen. Auf solche Organisationen trifft der Begriff Entrepreneurship oft weniger zu, weil sie durch laufende Zuwendungen oder leistungsbasierte Einkünfte von Sozialversicherungsträgern oder Sozialhilfeträgern ein geringeres Risiko tragen.

Ein pragmatischer Hinweis auf Sozialunternehmertum kann in Deutschland eine gemeinnützige Rechtsform sein, bei der Gewinnausschüttung ausgeschlossen ist und reine Gemeinwohlorientierung vorliegt. Dies ist aber nicht vollständig, weil auch Organisationen ohne Gemeinnützigkeitsstatus soziale oder ökologische Ziele verfolgen können. Unternehmen, die sozial motiviert sind, ihren Gewinn aber überwiegend an Investoren ausschütten, werden im Allgemeinen nicht als Social Entrepreneurship bezeichnet.

Ein weiteres Abgrenzungskriterium ist der Innovationsgehalt. Innovation kann Produkte, Dienstleistungen, Geschäftsmodelle oder Organisationsformen betreffen. Im Sozialsektor haben innovative Leistungen oft Präventionscharakter, verbinden mehrere Themenbereiche oder nutzen Freiwilligenengagement, um langfristige Kosten für öffentliche Hand oder Sozialversicherungssysteme zu senken und die Betreuungsqualität zu erhöhen. Marktnahe Ansätze setzen häufig auf Hilfe zur Selbsthilfe durch Kapital und Wissen oder auf besonders hohe ethische und ökologische Kriterien, etwa Fair Trade oder alternative Energien.

Wichtig ist außerdem earned income, also leistungsbasiertes Einkommen. Projekte, die ausschließlich auf Spenden oder Subventionen beruhen, fallen aus dieser Definition heraus. Viele soziale Projekte schaffen zwar Nutzen für Dritte, können diesen Wert aber nicht selbst abschöpfen; dies wird als value capturing problem bezeichnet. Oft fehlt der Zielgruppe die Zahlungskraft, oder Einsparungen entstehen bei der öffentlichen Hand, nicht beim Unternehmen. Dennoch sollen leistungsbasierte Einkünfte neben Spenden, Subventionen oder Freiwilligenarbeit eine zentrale Rolle spielen. Demokratisch-partizipative Strukturen werden ebenfalls häufig als Kriterium genannt.

Geschichtliche Entwicklung

Sozial engagierte Unternehmer gab es schon lange vor dem modernen Begriff. Der Artikel nennt Florence Nightingale, Gründerin der Florence-Nightingale-Stiftung und der Nightingale School of Nursing, Robert Owen als Begründer des Genossenschaftswesens in England und Vinoba Bhave als Gründer der indischen Landschenkungsbewegung. Auch Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Hermann Schulze-Delitzsch und Adolph Kolping handelten im 19. Jahrhundert nach heutigem Verständnis sozialunternehmerisch.

Der Begriff Social Entrepreneur wurde zuerst in den 1960er und 1970er Jahren in der englischsprachigen Literatur über sozialen Wandel verwendet. In den 1980er und 1990er Jahren verbreitete er sich im englischsprachigen Raum. Wichtige Namen sind Bill Drayton, Gründer der Organisation Ashoka, sowie Charles Leadbeater mit seinem Buch The Rise of the Social Entrepreneur von 1997. Michael Young war von den 1950er bis in die 1990er Jahre ein wichtiger Förderer sozialer Wirtschaftsbetriebe; nach ihm wurde die 2005 gegründete Young Foundation benannt.

In Deutschland wurde die Idee etwa seit 1998 bekannter, unter anderem durch die Gründung der Schwab Foundation durch das Weltwirtschaftsforum. In Entwicklungs- und Schwellenländern sowie in angelsächsischen Industriestaaten verbreitete sich Social Entrepreneurship schneller, weil soziale Sicherungssysteme dort oft weniger umfassend oder stärker privat organisiert sind. In Deutschland traf das Konzept auf einen ausgeprägten Wohlfahrtsstaat, dessen subventionierte Einrichtungen teilweise mit Social Entrepreneurs konkurrieren.

Um 2012 arbeitete jeweils etwa ein Drittel der deutschen Sozialunternehmen in den Bereichen Bildung, Kinderbetreuung und Sport beziehungsweise soziale Dienste und Gesundheit. Seit etwa 2005 entstanden in vielen Ländern Verbände von Sozialunternehmen. Seit 2017 sind in der Schweiz SENS mit 42 Mitgliedern im Stand 2021 und in Deutschland SEND e.V. mit rund 450 Mitgliedern im Stand 2020 aktiv; seit 2019 gibt es das Social Entrepreneurship Network Austria.

Wirkung, Berichte und Skalierung

Von Social Entrepreneurs wird häufig erwartet, dass sie ihren Erfolg und ihren social impact, also die positiven Wirkungen auf ihr Themenfeld, nachweisen. Dafür ist eine Wirkungsanalyse wichtig. Dabei unterscheidet man Output und Outcome: Output ist zum Beispiel die Anzahl arbeitsloser Jugendlicher, die geschult werden; Outcome ist die Anzahl der Jugendlichen, die tatsächlich einen Arbeitsplatz erhalten.

Ein zentrales Problem ist Attribution. Damit ist die Frage gemeint, ob ein Output wirklich zur Zielerreichung beigetragen hat und welche anderen Faktoren geholfen oder geschadet haben. Außerdem muss gefragt werden, ob die Wirkung auch ohne die Maßnahme eingetreten wäre. Dies lässt sich oft nur mit Kontrollgruppenstudien beantworten. Der Artikel betont, dass Methoden der Privatwirtschaft nicht einfach auf Social Entrepreneurship übertragen werden können, weil soziale Wirkung oft erst nach langer Zeit sichtbar wird und von vielen Einflüssen abhängt.

Als Ersatz oder Ergänzung werden Instrumente wie das Capacity Assessment Grid genutzt, das Leistungsfähigkeit anhand von Strukturmerkmalen, Fähigkeiten und Ressourcen betrachtet. Außerdem gibt es die Social Enterprise Scorecard, eine Anpassung der Balanced Score Card, die auch langfristige soziale Ziele berücksichtigt.

Für die Wirkungsberichterstattung gibt es noch keine verpflichtenden einheitlichen Standards. Ashoka entwickelte zusammen mit Partnern den Social Reporting Standard (SRS). Er bietet einen Rahmen, um die Wirkungskette von Programmen, Projekten und Organisationen zu dokumentieren und zu kommunizieren. Außerdem erfasst er Organisationsstruktur und Finanzen.

Ein weiteres wichtiges Thema ist Skalierbarkeit. Sozialunternehmen wollen positive soziale Effekte möglichst schnell verbreiten. Das kann durch eigenes Wachstum geschehen, aber auch indirekt durch Nachahmung, Open-Source-Politik, Franchising, Kooperationen mit Wohlfahrtsakteuren oder die Verbreitung von Ideen. Hemmnisse können starke lokale Verwurzelung, Fachkräftemangel, Konkurrenzdenken, mangelnde Kooperationsbereitschaft, Angst vor Autonomieverlust, Legitimationsprobleme, Qualitätsprobleme bei Franchisenehmern und Schwierigkeiten der Wachstumsfinanzierung sein.

Förderung und Auszeichnungen

Die Finanzierung von Sozialunternehmen ist oft schwierig. Einerseits sind finanzielle Renditechancen für Investoren wegen der Einkommensmodelle begrenzt. Andererseits kann die soziale Rendite für bestimmte Investoren attraktiv sein. Seit etwa 2003 gibt es in Deutschland Risikokapitalgeber für Sozialunternehmen, auch Social Venturing genannt. Neben privaten Stiftungen engagiert sich auch die KfW. Social-Venture-Capitalists erwarten keine oder nur geringe finanzielle Rendite, dafür aber soziale Rendite.

In Europa haben fast alle Sozialunternehmen einen öffentlichen Finanzierungsanteil. In den USA spielen Stiftungen zumindest in der Gründungsfinanzierung eine dominierende Rolle. In Deutschland fördern unter anderem die Siemens Stiftung, die Vodafone Stiftung und die Robert Bosch Stiftung Social Entrepreneurs ohne Rückzahlungsverpflichtung. Weltweit fließt etwa ein Prozent aller professionell gemanagten Investments in Social Entrepreneurship.

Weitere Förderakteure sind die Schwab Foundation for Social Entrepreneurship, die BonVenture Gruppe seit 2003, der Social Venture Fund, Leih-Schenkgemeinschaften über die GLS-Bank sowie Programme von SEND, Ashoka, ProjectTogether und Social Impact. Seit Herbst 2010 fördert die deutsche Bundesregierung soziales Unternehmertum im Rahmen der Nationalen Engagementstrategie. Seit dem 1. Januar 2012 gibt es ein gemeinsames Finanzierungsprogramm des Bundesfamilienministeriums und der KfW Bankengruppe.

Ausbildung und Professionalisierung erfolgen unter anderem über die seit 2008 jährlich stattfindende Entrepreneurship - Entrepreneurial Impact International Summer School der TU München, die 2011 bekanntgegebene Social Entrepreneurship Akademie und Programme der Schweizer Social Entrepreneurship Initiative & Foundation seit 2011. Länder mit vielen Aktivitäten und speziellen Ausbildungs- und Beratungseinrichtungen sind unter anderem Indien, Italien, Brasilien, Mexiko und die nordischen Länder. Als wegweisend nennt der Artikel die 1993 gegründete Tiimiakatemia an der Jyväskylä University of Applied Sciences.

Auszeichnungen sind unter anderem die seit 2011 vergebenen Seif Awards mit jeweils CHF 10.000, das Förderprogramm Act for Impact der Social Entrepreneurship Akademie mit 48.000 Euro Preisgeld, der internationale Preis Social Entrepreneur of the Year der Schwab Foundation und der Startsocial-Wettbewerb, der jährlich 100 soziale Organisationen auszeichnet.

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