Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Sozialstrukturanalyse
Sozialstrukturanalyse ist die empirisch-sozialwissenschaftliche Analyse der Sozialstruktur von Gesellschaften. Wichtige Themen sind der soziale Wandel, …
Inhalt6 Abschnitte
Gegenstand und Grundbegriffe
Sozialstrukturanalyse ist die empirisch-sozialwissenschaftliche Analyse der Sozialstruktur von Gesellschaften. Sie untersucht insbesondere sozialen Wandel, strukturierte soziale Ungleichheit, Lebensstile, soziale Milieus und Unterschiede zwischen Gesellschaften. Dafür verbindet sie qualitative und quantitative Methoden der empirischen Sozialforschung mit Theorien über die einzelnen Strukturelemente. Ein wichtiges Anwendungsgebiet ist die Politikberatung.
Gesellschaften werden nach soziologischen Merkmalen wie Geschlechterrolle, Stand, Klasse und Schicht sowie nach demografischen Merkmalen wie Alter, Geschlecht, höchstem Ausbildungsstand, Einkommensgruppen oder Stadt-/Landbevölkerung gegliedert. Zentrale Begriffe sind soziale Schichten, soziale Klassen, Milieus, Verwandtschafts- und Heiratsordnungen, Kasten und Stände.
Soziale Schichtung
Soziale Schichtung oder Stratifikation bezeichnet die hierarchische Gliederung einer Gesellschaft in Schichten. Der Schichtbegriff ist jünger als Klassen- und Standesbegriff. Theodor Geiger entwickelte 1932 Ansätze des Schichtenbegriffs für die Analyse des Deutschen Reiches, auch als Auseinandersetzung mit dem marxistischen Klassenbegriff.
Schichtenmodelle vereinfachen komplexe Gesellschaften anhand weniger Kriterien, damit sie untersucht, verglichen und erklärt werden können. Beispiele sind Helmut Schelskys „Nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ (1953), das „Dahrendorfhäuschen“ von Ralf Dahrendorf (1965), die „Bolte-Zwiebel“ von Karl Martin Bolte (1967) und Rainer Geißlers Modell (1967), das horizontale Merkmale für spezielle Ausländer-Schichten ergänzt.
Untersucht werden Machtbeziehungen zwischen Schichten, die Entstehung und Reproduktion hierarchischer Strukturen, ihr Wandel sowie Folgen der Schichtung für die handelnden Akteure.
Klassenmodelle
Bei Karl Marx sind Klassen durch die Stellung im Produktionsprozess bestimmt. In jedem historischen Produktionsverhältnis stehen sich zwei dominierende Klassen gegenüber: Besitzer und Nichtbesitzer der vorwiegenden Produktionsmittel. Im Kapitalismus sind dies Kapitalisten oder Bourgeoisie und Proletarier oder Arbeiterklasse. Wer nur Arbeitskraft verkaufen kann, hat nach Marx gegensätzliche Interessen zu denjenigen, die Produktionsmittel besitzen und Arbeitskräfte einstellen. Daraus entsteht der dauerhafte Klassenkampf zwischen „Lohnarbeit“ und „Kapital“.
Eine „Klasse an sich“ ist zunächst nur durch ihre Stellung im Produktionsprozess bestimmt. Werden sich ihre Mitglieder gemeinsamer Interessen bewusst und handeln gemeinsam, wird sie zur „Klasse für sich“: Sie entwickelt Klassenbewusstsein. Marx’ Klassenbegriff wurde ab den 1940er Jahren auch für Kritik am Realsozialismus des Ostblocks verwendet.
Max Weber definiert Klasse als die „Typische Chance […], welche aus Maß und Art der Verfügungsgewalt (oder des Fehlens solcher) über Güter und Leistungsqualifikationen und aus der gegebenen Art ihrer Verwertbarkeit für die Erzielung von Einkommen und Einkünften innerhalb einer gegebenen Wirtschaftsordnung folgt.“ Er unterscheidet Besitzklassen nach Besitz, Erwerbsklassen nach Erwerbschancen und soziale Klassen nach Chancen und Risiken des sozialen Auf- und Abstiegs.
Ralf Dahrendorf bestimmt Klassen 1956 über Besitz oder Nichtbesitz von Machtmitteln, auch Gewaltmitteln. Menschen haben aber mehrere soziale Rollen und können in einem Verhältnis Gegner, in einem anderen Verbündete sein. Das mindert Intensität und Gewaltsamkeit sozialer Konflikte.
Erik Wrights Schema von 2005 umfasst 12 Klassen. Die Klassen 1–3 sind Besitzer von Produktionsmitteln: Bourgeoisie beschäftigt typischerweise mehr als 10 Mitarbeitende und muss nicht selbst arbeiten; small employers beschäftigen typischerweise weniger als 10 Mitarbeitende, arbeiten aber selbst mit; petty bourgeoisie kann keine Mitarbeitenden einstellen und muss deshalb arbeiten. Die Klassen 4–12 sind Arbeitnehmer und werden nach Qualifikationsressourcen, also Bildungsabschlüssen, sowie organisatorischen Ressourcen, also Verfügungsgewalt über Material und Untergebene, unterschieden.
Goldthorpe, Milieu und Lebensstil
Das nach Robert Erikson und John Goldthorpe benannte Goldthorpe-Klassenschema ist mit Änderungen in Soziologie und besonders in der Marktforschung verbreitet. Es gliedert die Bevölkerung in sieben Klassen, teilweise mit weiteren Unterteilungen, anhand von Einkommensquellen und Stellung im Wirtschaftsprozess. Dazu gehören obere, mittlere und niedrige Ränge der Dienstklasse; nicht-manuelle Routinetätigkeiten; Selbständige mit 2–49 Mitarbeitenden; kleine Selbständige mit höchstens einer angestellten Person; selbständige Landwirte; Techniker und Aufsichtskräfte; Facharbeiter; un- und angelernte Arbeiter; Landarbeiter sowie Berufe ohne bürokratische Einbindung als Abspaltung von Klasse 3.
Das Schema ist für empirische Marktforschung leicht operationalisierbar, also in messbare Merkmale umsetzbar. Es gilt jedoch als unvollständig, weil die Spitzenklasse fehlt, etwa sehr reiche Selbständige („the super-rich“), Spitzenpolitiker, Kirchenoberhäupter sowie einflussreiche Vertreter von Medien und Wissenschaft. Je nach Fragestellung kann es ergänzt werden. Eine Aufspaltung der Dienstklasse in administrative Dienstklasse, soziale Dienste und Experten stellte bei Walter Müller Teile des Individualisierungstheorems zum Wahlverhalten in Frage.
Ein soziales Milieu ist nach Émile Durkheim die soziale Umgebung, in der ein Mensch aufwächst und lebt; er unterscheidet inneres und äußeres soziales Milieu. Rainer Lepsius unterschied für die Weimarer Republik liberal-protestantisches, sozialdemokratisches und katholisches sozialmoralisches Milieu.
Pierre Bourdieu ordnet Großbürgertum/Bourgeoisie, Kleinbürgertum und Arbeiterschaft im sozialen Raum an. Die vertikale Achse bildet ungefähr Herrschaftsverhältnisse ab. Horizontal unterscheiden sich Klassenfraktionen und Lebensstile, etwa Besitzbürgertum, neue Bourgeoisie und Bildungsbürgertum. Entscheidend ist die Struktur des Kapitals: ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital. Der Habitus, also eine durch die soziale Lage geprägte Denk-, Geschmacks- und Handlungsweise, beeinflusst Lebensstil und Abgrenzung zu anderen Gruppen.
Seit den 1980er Jahren wird zwischen sozialer Lage, Lebenszielen und Lebensstilen unterschieden. Milieus umfassen Gruppen mit ähnlichen Lebenszielen, Lebensstilen, Mentalitäten und Gesinnungen. Pluralisierung und Individualisierung lockern die Verbindung zwischen sozialer Lage und Milieu, obwohl Milieus weiterhin nach Status und Einkommen eingeordnet werden können.
Verwandtschaft, Kasten und Stände
Die Ethnosoziologie untersucht soziale Organisationsformen von weltweit 1300 ethnischen Gruppen und indigenen Völkern. Wichtige Begriffe sind Abstammungsregeln (Deszendenz), Heiratsregeln und eheliche Wohnsitzregeln (Residenz). Sozialstrukturen können durch Wildbeuter-Horden, Lineages als Abstammungsgruppen, Clans als mythische Abstammungsgruppen, Phratrien als Clan-Verbände oder Moieties als gesellschaftliche Erblinien geprägt sein. Solche Segmente können gleichartig und gleichrangig in segmentären Gesellschaften zusammenwirken, teils ohne Herrschaft. Moderne Staaten und Globalisierung erschweren häufig die Analyse ethnischer Gesellschaften.
Kasten sind besonders mit Indien verbunden und zeichnen sich durch starke, auch religiös verfestigte Starrheit aus. Die Zugehörigkeit wird durch Geburt bestimmt; Ein- oder Austritt sind theoretisch nicht möglich. Praktisch gibt es dennoch soziale Mobilität: Mitglieder können ausgeschlossen werden, und ein Mitglied sinkt in die Kaste eines niedrigeren Ehepartners ab, unabhängig vom Geschlecht. Sozialer Aufstieg durch Aufspaltung einer Kaste heißt sanscritization. Kastenwesen ist insbesondere in Indien, Sri Lanka, Nepal und auf Bali sowie bei kurdischen Jesiden verbreitet.
Die mittelalterliche und frühneuzeitliche europäische Gesellschaft war ständisch gegliedert. In Frankreich umfasste die Drei-Stände-Ordnung erstens Geistliche, zweitens den Adel und drittens Stadtbürger, gelegentlich freie Bauern. Unterhalb der Stände standen unterständische Gruppen wie halb- und unfreie Bauern, Gesinde, Fahrendes Volk, Verarmte und Minderheiten. Der Stand wurde grundsätzlich durch Geburt bestimmt; Vermögen oder Verdienst änderten ihn kaum. Ständische Macht erreichte in vielen europäischen Ländern vom 15. bis zum 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt.
Datenquellen in Deutschland
Sozialstrukturanalysen nutzen häufig Daten aus Bevölkerungsstruktur und Wirtschaftsstruktur. Diese Daten sind für Verbindungen zwischen Soziologie, Verwaltung und Wirtschaftswissenschaften wichtig, werden aber nach anderen Merkmalen, rechtlichen Voraussetzungen und Zwecken erhoben als Daten der soziologischen Analyse.
In Deutschland ist der seit 1975 erhobene Mikrozensus eine 1-prozentige Flächenstichprobe und die größte Repräsentativstatistik über Bevölkerung und Arbeitsmarkt. Der ALLBUS wird seit 1980 im Zweijahresabstand als Querschnittsbefragung erhoben und ermöglicht Zeitreihenanalysen detaillierter demografischer Merkmale. Das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) erhebt seit 1984 jährlich die Zusammensetzung der Haushalte in seiner Stichprobe.