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Empirische Sozialforschung
Empirische Sozialforschung bezeichnet die systematische Erhebung und Auswertung von Daten der Sozialwissenschaften über soziale Tatsachen durch Beobachtung, …
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Grundidee und Bedeutung
Empirische Sozialforschung bezeichnet die systematische Erhebung und Auswertung von Daten über soziale Tatsachen in den Sozialwissenschaften. Sie untersucht also gesellschaftliche Wirklichkeit nicht nur theoretisch, sondern mit überprüfbaren Daten. Solche Daten können durch Beobachtung, Befragung oder Interview, Experiment oder durch die Sammlung sogenannter prozessgenerierter Daten gewonnen werden. Prozessgenerierte Daten entstehen nicht eigens für eine Studie, sondern fallen in sozialen oder organisatorischen Abläufen an.
In der Soziologie gilt die empirische Sozialforschung neben der Allgemeinen Soziologie und den speziellen Soziologien, etwa Familien-, Organisations- oder Berufssoziologie, als dritter großer Bereich. Zugleich ist sie eine disziplinübergreifende Erfahrungswissenschaft: Sie stellt auch anderen Sozialwissenschaften Erhebungsverfahren und Methoden bereit. Beispiele sind die Politologie in der Wahlforschung, die Volks- und Betriebswirtschaftslehre in der Marktforschung, die Sozialpsychologie mit Experimenten sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte mit quantitativen Verfahren. Die Soziologie war an der Entwicklung dieser Methoden stark beteiligt, aber nicht allein.
Entwicklung
Die empirische Sozialforschung entwickelte sich im 19. und 20. Jahrhundert aus mehreren Vorgängerdisziplinen. Eine wichtige Grundlage war die Kameralistik, die statistische Methoden für die merkantilistische Staatsverwaltung entwickelt hatte. Im 19. Jahrhundert wurden besonders in Großbritannien Social Surveys durchgeführt. Sie dienten der Untersuchung von Integrationsproblemen und der Armutsbekämpfung.
In Deutschland führte der Verein für Socialpolitik im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zahlreiche Enqueten durch. Diese Erhebungen konzentrierten sich auf die „soziale Frage“ und sollten die Vorbereitung der Sozialgesetzgebung unterstützen.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts kamen starke Impulse aus den Vereinigten Staaten. Dazu gehörten Gemeindestudien wie Middletown von Robert S. Lynd und Helen M. Lynd, Betriebsuntersuchungen wie die Studien in den Hawthornewerken von Elton Mayo und seinen Mitarbeitern sowie die ethnographischen Methoden und differenzierten Erhebungsverfahren der Chicagoer Schule. Ethnographische Methoden untersuchen soziale Gruppen oder Milieus häufig durch genaue Beobachtung im Feld.
Ab den 1930er Jahren gewannen Meinungs- und Marktforschung stark an Bedeutung. In Europa, auch in der empirischen Wahlforschung, entfaltete sich die empirische Sozialforschung vor allem unter amerikanischem Einfluss erst nach dem Zweiten Weltkrieg vollständig. Der Artikel weist außerdem darauf hin, dass sie in der Soziologie im Nationalsozialismus bereits eine größere Rolle spielte.
Ziele empirischer Forschung
Empirische Sozialforschung kann verschiedene Ziele verfolgen. Erstens kann sie soziale Sachverhalte anhand systematisch gesammelter Daten beschreiben. Beispiele im Artikel sind Arbeitslosenquoten, Suizidraten, Kriminalitätsentwicklung und das Ausmaß der Fremdenfeindlichkeit. Auf dieser Grundlage können Arbeitshypothesen entwickelt werden. Eine Hypothese ist eine begründete Vermutung, die wissenschaftlich geprüft werden kann.
Zweitens können sozialwissenschaftliche Theorien und daraus abgeleitete Hypothesen durch empirische Daten überprüft werden. Dieses Vorgehen heißt deduktiv: Man geht von einer Theorie aus und prüft, ob die Daten zu ihr passen.
Drittens können Theorien und Hypothesen auf Grundlage empirischer Beobachtungen entwickelt oder verändert werden. Dieses Vorgehen heißt induktiv: Man beginnt bei Beobachtungen und gelangt daraus zu allgemeineren Annahmen.
Viertens kann empirische Sozialforschung Planungs- und Entscheidungsprozesse unterstützen, zum Beispiel in der Sozialpolitik. Wissenschaftliche Ergebnisse sollen dabei helfen, Wege zu finden, gesellschaftliche Probleme praktisch und politisch zu bewältigen.
Quantitative Verfahren
In den Sozialwissenschaften wird kontrovers diskutiert, ob qualitative oder quantitative Methoden geeigneter sind. Dieser Methodenstreit wurde besonders Ende der 1960er Jahre heftig geführt. Dabei spielten methodologische Fragen, soziologische Theoriefragen und manchmal auch politisch-weltanschauliche Fragen eine Rolle.
Quantitative Sozialforschung arbeitet vor allem mit standardisierten Daten. Standardisiert bedeutet, dass Informationen in einer festen, vergleichbaren Form erhoben werden, etwa in Umfragen, bei denen Befragte zwischen festen Antwortalternativen wählen. Solche Daten lassen sich besonders gut mit statistischen Methoden verarbeiten. Ergebnisse können nummerisch und in Diagrammen dargestellt werden. Wegen dieser Übersichtlichkeit erscheinen quantitative Ergebnisse häufig im Alltag, zum Beispiel in Zeitungen oder Werbung.
Als methodologische Grundlage der quantitativen empirischen Sozialforschung nennt der Artikel Strömungen der modernen Wissenschaftstheorie wie die Analytische Philosophie und den Kritischen Rationalismus von Karl Popper und Hans Albert. Ein wichtiger Grundsatz ist das Prinzip der Intersubjektivität: Forschung soll grundsätzlich unabhängig von der Subjektivität der Forscherin oder des Forschers nachvollziehbar sein.
Ziele quantitativer Forschung können die Beschreibung gesellschaftlicher Makrophänomene sein, also großer gesellschaftlicher Erscheinungen wie Geburtenraten oder Arbeitslosenquoten. Ein weiteres Ziel ist die Überprüfung von Hypothesen, die aus sozialwissenschaftlichen Theorien abgeleitet wurden.
Qualitative Verfahren
Qualitative Sozialforschung entwickelte sich seit den 1920er Jahren parallel zur quantitativen Sozialforschung. Sie arbeitet mit unstandardisierten Daten. Dazu gehören zum Beispiel offene Interviews, die eher einem normalen Gespräch ähneln als einer standardisierten Befragung. Auch Quellenkritik zählt im Rahmen der historischen Soziologie und der Ideengeschichte der Soziologie zu den qualitativen Verfahren.
Als Vorteile qualitativer Datenerhebung und kombinierter Techniken, die in den 1990er Jahren weiterentwickelt wurden, nennen Vertreterinnen und Vertreter der qualitativen Sozialforschung, dass sie Handlungsorientierungen, Relevanzsetzungen und Deutungsmuster der Akteure oft besser erfassen könnten als standardisierte Methoden. Gemeint ist: Qualitative Forschung versucht zu verstehen, wie Menschen ihre Lage deuten, was ihnen wichtig ist und woran sie ihr Handeln ausrichten. Beispiele für Verfahren sind teilnehmende Beobachtung, qualitatives Interview und Gruppendiskussion.
Zur qualitativen Sozialforschung gehören hermeneutische, interpretative und rekonstruktive Methoden. Hermeneutische Methoden zielen auf Verstehen und Auslegung; interpretative Methoden deuten Sinnzusammenhänge; rekonstruktive Methoden versuchen, soziale Strukturen oder Muster aus Daten nachzuzeichnen. Diese Begriffe werden häufig auch als Synonyme für qualitative Sozialforschung verwendet.
In der Regel geht es qualitativer Sozialforschung nicht darum, eine schon vor dem Kontakt mit dem empirischen Feld formulierte wissenschaftliche Hypothese zu prüfen. Stattdessen soll sie soziale Strukturen und Prozesse tiefergehend erkunden und soziale Sinnstrukturen sichtbar machen. Qualitative Forschung beginnt dabei mit einem individuellen Feldzugang. Dieser kann mit Einwilligung erfolgen, also als einfacher Zugang, oder das Feld während einer sensitiven Phase politisieren, was als schwieriger Zugang beschrieben wird.
Kritik und Spannungen
Ein wichtiger Kritikpunkt betrifft das Verhältnis von soziologischer Theorie und empirischer Sozialforschung. Der Artikel nennt als paradigmatisch die Diskussion dreier Soziologen: Paul Lazarsfeld, Theodor W. Adorno und Robert K. Merton. Lazarsfeld gilt als Begründer des „administrative research“, also einer stark an praktischen Verwaltungs-, Planungs- oder Auftraggeberinteressen orientierten Forschung. Adorno kritisierte empirische Forschung aus seiner philosophischen Position zunehmend. Merton versuchte mit dem Konzept der Theorien der mittleren Reichweite zwischen großen umfassenden Theorien und einer theoriefernen Sozialstatistik zu vermitteln.
C. Wright Mills kritisierte in The Sociological Imagination zwei entgegengesetzte Gefahren. Einerseits sah er in der Konzentration auf „administrative research“, auch wegen der Notwendigkeit der Projektfinanzierung, die Gefahr von Bürokratismus und technokratischer Unterordnung der Sozialwissenschaften. Andererseits kritisierte er eine von wirklichen gesellschaftlichen Problemen abgewandte „große Theorie“, der er vor allem einen ideologischen Nutzwert zuschrieb.