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Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft

Die Erkenntnisabsicht der Klassentheorie sieht Dahrendorf in der Erklärung des sozialen Strukturwandels, der sich „auf systemisch erzeugte Gruppenkonflikte …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und Grundidee
  2. 2. Marxsche Klassentheorie und ihre Kritik
  3. 3. Veränderte Industriegesellschaft
  4. 4. Klassen als Konfliktgruppen in Herrschaftsverbänden
  5. 5. Klassenkonflikt in Betrieb und Staat

Werk und Grundidee

Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft ist Ralf Dahrendorfs Habilitationsschrift, deren Erstausgabe 1957 erschien. Sie setzt sich mit der Marxschen Klassentheorie auseinander und entwickelt sie unter den Bedingungen veränderter Industriegesellschaften weiter. Dahrendorf wählt dabei einen eigenen theoretischen Weg zwischen Marxismus und Strukturfunktionalismus, einer Richtung, die vor allem die Stabilität und Integration von Gesellschaften betont.

Im Mittelpunkt steht eine Konflikt- und Herrschaftstheorie: Gesellschaften bestehen nicht nur aus Zusammenarbeit, sondern auch aus unterschiedlich verteilten legitimen Machtbefugnissen. Diese Verteilung erzeugt gegensätzliche Interessen, Konflikte und sozialen Wandel. Klassen werden deshalb nicht vor allem durch Eigentum, sondern durch Herrschaft und Unterordnung innerhalb sozialer Verbände erklärt.

Marxsche Klassentheorie und ihre Kritik

Nach Dahrendorf soll der Klassenbegriff bei Marx nicht hauptsächlich einen bestehenden Zustand beschreiben, sondern die „Entwicklungsgesetzlichkeit einer Gesellschaft“ erfassen. Das Zweiklassenmodell ist daher ein Element einer dynamischen Theorie, obwohl Marx auch weitere Klassen wie Grundbesitzer und Kleinbürgertum kannte.

Für Marx ist der Besitz oder Nichtbesitz von Produktionsmitteln der letzte Bestimmungsgrund der Klassenbildung. Daraus entstehen Klassenlagen mit gleichen Interessen, die „Klasse an sich“. Erst der organisierte politische Kampf von Klasse gegen Klasse, der Klassenkampf, macht daraus eine „Klasse für sich“. Marx verbindet Klassenkonflikte mit revolutionärem Strukturwandel: Konflikte zwischen antagonistischen, also gegensätzlichen, Interessengruppen sollen Gesellschaftsstrukturen verändern.

Dahrendorf übernimmt die Einsicht, dass soziale Konflikte gesellschaftlichen Wandel erklären können. Er kritisiert jedoch, dass Marx Klassen an Eigentum bindet und wirtschaftliche mit politischer Macht gleichsetzt. Marx nehme an, politische Herrschaft gehe unmittelbar aus Produktionsverhältnissen hervor und die Produktion habe einen absoluten Vorrang. Außerdem lehnt Dahrendorf geschichtsphilosophische Annahmen ab, etwa die festgelegte Abfolge von Gesellschaftsformationen bis zu einer klassenlosen Gesellschaft und die behauptete Universalität des Klassenkonflikts in der gesamten bisherigen Menschheitsgeschichte.

Veränderte Industriegesellschaft

Dahrendorf bevorzugt den Begriff „industrielle Gesellschaft“ gegenüber „Kapitalismus“. Ihr entscheidendes Merkmal ist die mechanisierte Güterproduktion in Fabriken und Betrieben. Kapitalismus ist für ihn nur eine bestimmte, in Europa und den USA vorherrschende Form industrieller Gesellschaft.

Als wichtige normative Wandlungen nennt er: die Entfaltung des ökonomischen Rationalismus, die Durchsetzung des Leistungsprinzips, die Verallgemeinerung staatsbürgerlicher Gleichheitsrechte und die Bildung von Formen der Stabilität (S. 38). Empirisch zeigen sich diese Veränderungen unter anderem in der Trennung von Eigentum und Kontrolle, einer stärker differenzierten Arbeiterschaft, dem Aufstieg eines „neuen Mittelstandes“ aus Angestellten und Beamten, wachsender sozialer Mobilität und der zunehmenden Bedeutung von Erziehungsinstitutionen.

Hinzu kommen juristische, politische und soziale Bürgerrechte sowie Verfahren zur Regelung des Gegensatzes zwischen „Kapital“ und „Arbeit“, etwa die Tarifautonomie. Dennoch bleiben für Dahrendorf zwei Strukturelemente bestehen: soziale Schichtung als „Status-Hierarchie“ und die ungleiche Verteilung von Autorität oder legitimer Machtbefugnis. Diese zeigt sich sowohl im Staat als auch im Industriebetrieb als einem zweiten großen „Herrschaftsverband“.

Klassen als Konfliktgruppen in Herrschaftsverbänden

Dahrendorf versteht Gesellschaft und kleinere soziale Einheiten als Herrschaftsverbände. Ein Herrschaftsverband wird durch Zwang zusammengehalten, ist instabil und ständigem Wandel ausgesetzt. Er enthält zwei polare Gruppen von Positionen beziehungsweise Rollen: positive Autoritätsrollen verfügen über legitime Macht und üben Herrschaft aus; negative Autoritätsrollen sind von dieser Macht ausgeschlossen und stehen in Unterordnung.

Diese Rollen bringen „objektive“ Interessen hervor. Die Gruppe mit Autorität hat ein Interesse daran, die bestehende Herrschaftsstruktur zu erhalten; die untergeordnete Gruppe hat ein Interesse an ihrer Veränderung oder Überwindung. Zunächst sind dies latente Interessen: Sie dienen als Annahme für die Analyse und sind noch keine bewussten Ziele. Werden sie bewusst, sind sie manifeste Interessen. Erst dieses Bewusstsein macht aus Quasi-Gruppen, also Gruppen von Personen in ähnlichen Rollenlagen, soziale Klassen.

Den tatsächlichen Klassenkonflikt tragen organisierte Interessengruppen aus. Sie können innerhalb von Staat, Wirtschaft, Partei oder Unternehmung entstehen. Klassen sind daher nicht auf eine einzige gesellschaftliche Gegnerschaft beschränkt: Es kann so viele miteinander konkurrierende, konflikthafte oder einander tolerierende herrschende Klassen geben wie Herrschaftsverbände. Die zentralen Begriffe der Theorie sind Strukturwandel, sozialer Konflikt, latente Interessen und Quasi-Gruppen, manifeste Interessen und Interessengruppen sowie Herrschaft und Herrschaftsverband.

Klassenkonflikt in Betrieb und Staat

Dahrendorf weist die Auffassung zurück, moderne Gesellschaften seien klassenlos. Soziale Klassen und Klassenkonflikt bestehen für ihn überall dort, wo Herrschaft in Verbänden unterschiedlich auf soziale Positionen verteilt ist. Beispiele für Herrschaftsverbände sind Staat, Industriebetrieb und Kirchen.

Im Industriebetrieb stehen sich die Quasi-Gruppe der Träger positiver Autoritätsrollen und die Quasi-Gruppe der Träger negativer Autoritätsrollen mit gegensätzlichen latenten Interessen gegenüber. Die Mehrzahl der Angestelltenrollen versteht Dahrendorf als differenzierte Leitungsrollen; sie gehören daher zusammen mit der Unternehmensleitung zur herrschenden Klasse im Betrieb. In entwickelten Industriegesellschaften haben sich die Quasi-Gruppen vielfach zu Interessengruppen organisiert, insbesondere zu Gewerkschaften und Unternehmerverbänden. Der industrielle Klassenkonflikt wurde dadurch in den vergangenen hundert Jahren gemildert und institutionalisiert, verschwindet aber nicht und wird auch nicht zum absoluten Kampf um alles oder nichts.

Im Staat bilden die Inhaber der Abgeordnetensitze der Regierungsparteien, der Ministerposten und der bürokratischen Ämter die herrschende Klasse. Wirtschaftliche und politische Herrschaftspositionen sind durch die Trennung von Wirtschaft und Politik getrennt: Politische Herrschaft liegt nicht automatisch bei „Kapitalisten und Managern“. Parteibildung und demokratische Wahlen geben der beherrschten politischen Klasse die Möglichkeit, das Personal der herrschenden Klasse zu verändern.

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