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Fairer Handel

Die sehr heterogene Fair-Trade-Bewegung konzentriert sich hauptsächlich auf Waren, die aus Entwicklungsländern in Industrieländer exportiert werden. Fairer …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Ziele
  2. 2. Zentrale Grundsätze
  3. 3. Entwicklung der Bewegung
  4. 4. Produkte, Siegel und Markt
  5. 5. Wirkungen und politische Unterstützung
  6. 6. Kritik und Zielkonflikte

Begriff und Ziele

Fairer Handel (englisch fair trade) ist ein kontrollierter Handel, bei dem Erzeuger einen von einer Fair-Trade-Organisation bestimmten Mindestpreis erhalten. Er soll auch bei niedrigen Weltmarktpreisen ein höheres und verlässlicheres Einkommen ermöglichen. Außerdem sollen langfristige, „partnerschaftliche“ Beziehungen zwischen Händlern und Erzeugern entstehen sowie Umwelt- und Sozialstandards eingehalten werden. Welche Preisbemessung gerecht ist, ist ein umstrittenes Thema der Wirtschaftsethik.

Die Bewegung betrifft vor allem Waren, die aus Entwicklungs- in Industrieländer exportiert werden. Dazu gehören landwirtschaftliche Produkte, traditionelles Handwerk und Industrieprodukte; inzwischen gibt es auch Ansätze für „faires Reisen“. Produkte werden in Naturkost- und Weltläden, Supermärkten und der Gastronomie verkauft. Nach Fairtrade International nahmen 2020 rund 1,9 Millionen landwirtschaftliche Betriebe an entsprechenden Programmen teil. Der neuere „Fair chain“-Gedanke fordert zusätzlich, Wertschöpfungsstufen in Schwellen- und Entwicklungsländer zu verlagern.

FINE definierte 2001 Fairen Handel als Handelspartnerschaft auf Grundlage von Dialog, Transparenz und Respekt, die mehr Gerechtigkeit im internationalen Handel sowie soziale Rechte benachteiligter Produzenten und Arbeiter, besonders im Süden, fördern soll. Ziel ist nachhaltige Entwicklung: Produzenten und Arbeiter sollen aus einer schwachen Stellung zu Sicherheit und Autarkie gelangen, in ihren Organisationen gestärkt werden und Einfluss auf gerechtere Handelsregeln gewinnen.

Zentrale Grundsätze

Zu den Grundsätzen gehören Chancen für wirtschaftlich benachteiligte oder vom Handelssystem ausgegrenzte Hersteller, faire Preise und sichere Arbeitsbedingungen. Der Preis soll zwischen den Handelspartnern vereinbart werden, Produktionskosten decken, die Existenz sichern sowie sozial gerechte und umweltverträgliche Produktion ermöglichen. Er soll nicht von Schwankungen der Weltmarktpreise abhängen. Häufig kommt eine Prämie hinzu, mit der Bauern oder Arbeiter gemeinsame Projekte finanzieren; bei Bedarf sind Vorfinanzierungen möglich.

Verboten sind Ausbeutung, Kinder- und Sklavenarbeit. Arbeitsplätze müssen sicher und gesundheitsverträglich sein, und Gewerkschaftsfreiheit muss bestehen. Frauen sollen für ihre Arbeit angemessen bezahlt und in ihren Organisationen gestärkt werden. Fairer Handel soll außerdem Know-how und Fähigkeiten aufbauen, damit Produzenten unabhängiger werden und sich am Markt behaupten können. Transparente Geschäftsführung und respektvolle Handelsbeziehungen sind ebenfalls vorgesehen.

Ökologische Landwirtschaft ist nicht zwingend vorgeschrieben, wird aber gefördert; bestimmte schädliche Pestizide sind verboten. Der Mehrpreis einer Fair-Trade-Marke soll im Unterschied zu Wohlfahrtsmarken den Produzenten selbst und nicht unbeteiligten Dritten zugutekommen. Überschneidungen bestehen mit dem Genossenschaftsgedanken und Mitarbeiterunternehmen.

Entwicklung der Bewegung

Frühe Organisationen waren Ten Thousand Villages, 1946 von nordamerikanischen Mennoniten und Brethren in Christ gegründet, sowie SERRV International, 1949 von der Church of the Brethren gegründet. Zunächst handelte es sich meist um Handwerk und um Wohltätigkeitsprojekte; der erste Fair-Trade-Shop eröffnete 1958 in den USA.

In Europa entstand die Bewegung in den 1960er Jahren. Unter dem Motto „Trade not aid“ („Handel statt Hilfe“), das die UNCTAD 1968 übernahm, sollte Handel statt Entwicklungshilfe im Mittelpunkt stehen. Die niederländische Stiftung S.O.S. wurde 1959 gegründet; 1969 eröffnete in Breukelen der erste Weltladen. 1973 wurde in den Niederlanden der erste fair gehandelte Kaffee verkauft; im selben Jahr begann der Verkauf von durch S.O.S. eingeführtem Kaffee in Deutschland durch die action 365.

In den 1980er Jahren stagnierten Handwerksverkäufe, weshalb landwirtschaftliche Güter wichtiger wurden: Kaffee und Tee, später unter anderem Kakao, Zucker, Reis, Gewürze und Nüsse. 1988 führte Solidaridad das Max-Havelaar-Gütesiegel ein. IFAT wurde 1989, die EFTA 1990 gegründet. Fair-Trade-Siegel ermöglichten den Verkauf außerhalb der Weltläden und ließen die Umsätze deutlich steigen. In Deutschland, Österreich und Italien wurde das Transfair-Siegel verwendet, in Großbritannien und Irland die Fairtrade Mark. TransFair International wurde am 12. Juni 1992 in Göttingen gegründet. 2002 vereinbarten 17 nationale Siegelorganisationen ein gemeinsames Logo.

Seit 2001 wurde der Ansatz unter anderem auf Tourismus, Computer und Smartphones ausgeweitet. Fairphone übertrug 2013 Fairtrade-Aspekte auf Smartphones; Shiftphone verfolgt einen ähnlichen Ansatz. FINE schätzte den Umsatz fair gehandelter Produkte auf etwa 260 Millionen Euro; für 2005 wurden 660 Millionen Euro geschätzt, eine Steigerung um 154 %.

Produkte, Siegel und Markt

Das FLO-Zertifizierungssystem umfasst Kaffee, (Eis-)Tee, Bananen, weiteres frisches und getrocknetes Obst, Säfte, Kakao und Schokolade, (Rohr-)Zucker, Honig, Nüsse, pflanzliches Öl, Reis, Gewürze, Baumwollprodukte und Wein. Weltläden verkaufen zusätzlich traditionelles Handwerk. Für handgefertigte Teppiche gibt es eigene Siegel wie Rugmark. Neuere, teils umstrittene Initiativen betreffen Bekleidung, Fußbälle, Computer, Erdöl und Diamanten. Auch regionale Produkte werden einbezogen, etwa die österreichische Bauerngenossenschaft A faire Milch (2006–2020) und Die faire Milch (ab 2010).

Labels machen Produkte erkennbar. Die Fairtrade Labelling Organizations International (FLO) zertifiziert Produkte und Produzenten und überprüft die Einhaltung der Kriterien; nationale Initiativen sind Transfair in Deutschland, Fairtrade Österreich und Max Havelaar in der Schweiz. Weitere Labels sind BanaFair für Bananen, Rugmark für indische Teppiche und das Flower Label Program (FLP). Das FLP kontrolliert bei Schnittblumen nur sozial- und umweltverträgliche Produktion, nicht die gesamte Handelskette. 2013 arbeiteten weltweit 1.210 Produzentenorganisationen nach Fairhandelsstandards.

Fairer Handel ist ohne Zwangsmaßnahmen, Subventionen oder Zoll-Initiativen mit freier Marktwirtschaft vereinbar, unterliegt aber denselben Zöllen und Beschränkungen wie anderer Handel. Er setzt voraus, dass Kunden höhere Preise akzeptieren. Der Marktanteil fair gehandelten Kaffees in Deutschland betrug 2017 4,1 %. Lidl verkaufte ab Herbst 2018 in 40 % seiner deutschen Filialen nur Fair-Trade-Bananen, nahm aber ab Sommer 2019 wegen Umsatzrückgängen wieder konventionelle Bananen auf; der Preisunterschied lag bei 10 bis 20 Cent je Kilogramm.

Wirkungen und politische Unterstützung

Zwei Auswertungen von 2008 und 2009 kamen zu dem Ergebnis, Fairer Handel leiste meist einen bedeutenden Entwicklungsbeitrag. Studien deuteten auf mehr wirtschaftliche Stabilität, besseren Kreditzugang, bessere Gesundheit, höheren Nahrungsmittelverbrauch und häufigeren Schulbesuch hin. Außerdem könne er Selbstvertrauen, Würde, soziales Kapital, Marktzugang, langlebige Institutionen und vielfältigere Produktion fördern. Die wirtschaftlichen Vorteile seien jedoch nicht immer groß genug für die Grundbedürfnisse und hingen stark von den Umständen ab. Bei stärker entwickelten Ländern seien eher institutionelle als wirtschaftliche Vorteile zu erwarten. Umweltwirkungen seien kaum erforscht, bei Geschlechtergerechtigkeit seien die Erfolge am geringsten. Fairer Handel allein könne komplexe Probleme nicht lösen und solle Teil einer differenzierten Entwicklungsstrategie sein; die Studienlage wird als unbefriedigend eingeschätzt.

Fallstudien berichteten unter anderem über stärkere Produzentenorganisationen in Costa Rica, besseren Zugang zu Krediten und Bildung bei lateinamerikanischen Kaffeeproduzenten sowie mögliche positive Preiseffekte in Bolivien auch für nicht zertifizierte Produzenten. Eine Studie von 2007 formulierte vier Hypothesen zu Armutsreduktion und Konfliktprävention, betonte aber, diese müssten in anderen Situationen weiter geprüft werden. Bei nicaraguanischen Bauern führte die Umstellung auf organischen Kaffee zwar zu höheren Preisen, wegen höherer Kosten und niedrigerer Erträge aber zu niedrigerem Einkommen.

Die Weltbank beurteilte nachhaltig produzierten Kaffee 2003 grundsätzlich positiv: Weniger landwirtschaftliche Chemikalien könnten Kosten und Gesundheitsrisiken senken; mehr ländliche Arbeit könne Beschäftigung schaffen. Das Europäische Parlament nahm am 6. Juli 2006 eine Resolution an, die die Europäische Kommission aufforderte, Fairen Handel zu fördern und Mindestkriterien zu empfehlen.

Kritik und Zielkonflikte

Kritisiert werden fehlende einheitliche, gesetzlich verbindliche Standards: Jede Organisation legt eigene Kriterien, Prüfverfahren und Prüfzyklen fest. Auch die Preiszusammensetzung ist für Verbraucher oft nicht nachvollziehbar. Von Aufpreisen profitiere nur teilweise die Erzeugerseite; weitere Anteile könnten beim Handel oder bei Verwaltungs- und Kontrollkosten liegen. Nach Bruce Wydick zahlte ein durchschnittlicher US-Kaffeekonsument 50 Cent mehr für eine Tasse Fairtrade-Kaffee, während der Kaffeebauer selbst im günstigsten Fall nur einen Drittel-Cent erhielt. Bei Costa Coffee betrug der Aufpreis 10 Pence, das zusätzliche Einkommen für Bauern aber nur einen halben Penny; Ende 2004 bot das Unternehmen Fair-Trade-Kaffee ohne Aufpreis an.

Weitere Kritik betrifft hohe Zertifizierungskosten, sinkende Löhne in der nicht-fairen Handelskette, fehlende Hilfe für die ärmsten Bauern und Länder sowie intransparente soziale Investitionen. Da Fairtrade nicht die gesamte Ware eines Bauern abnimmt, könne bessere Ware frei verkauft und nur quotierte Ware geringerer Qualität an Fairtrade geliefert werden. Festgesetzte Mindestpreise würden Marktmechanismen teilweise außer Kraft setzen; ein gerechter Preis sei nicht objektiv bestimmbar. Kritiker befürchten Willkür, Korruption und Ineffizienz sowie Anreize zur Überproduktion, besonders bei Kaffee. Paul Collier kritisierte zudem, kleine Familienbetriebe würden zur Fortsetzung armutsfördernder Produktion angeregt und moderne Agrartechnologien vernachlässigt. Umgekehrt wird die Bedeutung kleiner Familienbetriebe für Selbstbestimmung, Traditionen und Natur betont.

Der Begriff „Fairer Handel“ könne nahelegen, anderer Handel sei unfair. Manche fordern stattdessen offenere Märkte der Industrieländer für alle Produzenten aus Entwicklungsländern; Umwelt- und Sozialstandards werden teils als Diskriminierung oder verdeckter Protektionismus bewertet. Innerhalb der Bewegung ist umstritten, ob Massenmärkte und große Konzerne die ursprünglichen Ziele gefährden. Ökologisch wird etwa kritisiert, dass fair produzierte Pfefferminze aus Ägypten wegen Wasserbedarf und Transport problematisch sein könne, obwohl Pfefferminze auch in Deutschland und anderen deutschsprachigen Staaten wächst.

Lernvideos zu Fairer Handel

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