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Naturalistischer Fehlschluss
Als naturalistischer Fehlschluss (englisch naturalistic fallacy) wird der Versuch bezeichnet, die Eigenschaft „gut“ als eine bestimmte deskriptive, …
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Begriff und Kernproblem
Der naturalistische Fehlschluss bezeichnet den Versuch, die Eigenschaft „gut“ mit einer bestimmten deskriptiven, natürlichen oder metaphysischen Eigenschaft beziehungsweise Relation gleichzusetzen oder daraus abzuleiten. George Edward Moore beschrieb ihn 1903 in seinem Werk Principia ethica. Nach Moore betrifft der Fehlschluss sowohl die naturalistische Ethik als auch die meisten nicht-naturalistischen, insbesondere metaphysischen Ethiken. Er ist damit eine Form des Reduktionismus: Eine ethische Eigenschaft soll auf eine nicht-ethische Eigenschaft zurückgeführt werden.
Das Grundproblem besteht darin, dass aus einer Beschreibung dessen, was ist, nicht ohne zusätzliche Annahmen auf ein ethisches Gebot geschlossen werden kann. Diese Struktur wird auch als Sein-Sollen-Fehlschluss bezeichnet und steht in Verbindung mit Humes Gesetz. Moores Argument richtet sich gegen die Reduktion ethischer Prädikate auf natürliche oder metaphysische Prädikate – und auch gegen entsprechende Reduktionen in der umgekehrten Richtung.
Moores Argument und die offene Frage
Wertende oder präskriptive Aussagen sind Aussagen darüber, was gut, schlecht, geboten oder zu tun ist. Nach Moore lassen sie sich nicht allein aus natürlichen oder übernatürlichen Eigenschaften definieren. Ein korrekter Schluss auf eine wertende Aussage benötigt mindestens eine wertende Prämisse. In dieser Prämisse muss „gut“, „geboten“ oder ein vergleichbares Wertprädikat zumindest implizit vorkommen. Wird eine solche Prämisse verwendet, um eine naturalistische Ethik zu begründen, entsteht nach Moore eine petitio principii, also ein Zirkelschluss: Das ethische Ergebnis wird bereits in der Begründung vorausgesetzt.
Moore spricht genau genommen nicht von einer bestimmten Schlussweise, sondern von einem „fallacy“, also einem Irrtum. Ob die betreffende Schlussweise tatsächlich ein Fehlschluss oder logischer Irrtum ist, bleibt umstritten. Das hängt unter anderem davon ab, ob sich deskriptive, also beschreibende, und präskriptive, also wertende oder vorschreibende, Prädikate immer klar voneinander unterscheiden lassen.
Moore lehnt die Möglichkeit ab, das Gute so zu definieren, wie es naturalistische oder metaphysische Ethiken versuchen. Nach seiner metaethischen Position soll intuitiv entschieden werden können, welche Dinge gut oder schlecht sind. Darauf baut er eine intuitionistische Ethik auf. Sein Argument der offenen Frage lautet: Bei jedem Definitionsvorschlag kann weiterhin gefragt werden, ob die vorgeschlagene Eigenschaft wirklich gut ist und daher eine ethische Verpflichtung oder eine positive Wertzuschreibung begründet. Gerade diese weiterhin sinnvolle Frage soll zeigen, dass „gut“ nicht mit der vorgeschlagenen natürlichen oder metaphysischen Eigenschaft identisch ist.
Beispiele für problematische Gleichsetzungen
Moore nennt in den Principia ethica mehrere Beispiele. In der naturalistischen Ethik war der Vorschlag verbreitet, „gut“ mit „natürlich“ gleichzusetzen. Moore hält dies für falsch. Wenn „natürlich“ „normal“ oder „notwendig“ bedeutet, könne weder das Normale noch das Notwendige ernsthaft als immer gut oder als die einzigen guten Dinge gelten.
Auch die Gleichsetzung von „gut“ mit „angenehm“ (pleasant) oder „wünschenswert“ (desirable) betrachtet Moore als naturalistischen Fehlschluss. Diese Auffassung verbindet er mit den Hedonisten und mit John Stuart Mill. Moore weist darauf hin, dass „desirable“ nicht einfach „fähig, gewünscht zu werden“ bedeutet, so wie „visible“ „fähig, gesehen zu werden“ bedeutet. „Desirable“ bedeute vielmehr, dass etwas gewünscht werden soll oder es verdient, gewünscht zu werden. Damit enthalte der Ausdruck bereits eine normative Bedeutung. Die scheinbar natürliche Definition von „gut“ führe also eine wertende Aussage durch die Hintertür wieder ein.
Nach Moore tritt der Fehlschluss außerdem in metaphysischen Ethiken auf, etwa bei Spinoza, Kant und den Stoikern. Das Gute könne nicht allein dadurch definiert werden, dass man metaphysisch begründete Anweisungen befolgt. Dazu gehören beispielsweise der kategorische Imperativ oder Gebote einer übernatürlichen Autorität. Auch die Aussage „Dies soll sein“ könne nicht einfach mit „Dies ist befohlen“ gleichgesetzt werden.
Bartleys Begründung und Grenzen ethischer Ableitung
W. W. Bartley hält den naturalistischen Fehlschluss bereits deshalb für unzulässig, weil er die Möglichkeit einer Begründung voraussetzt. Er deutet das Münchhausen-Trilemma so, dass es keine absoluten Begründungen geben kann. Deshalb könne ein Sollen auch nicht endgültig oder hinreichend durch ein Sein begründet werden.
Nach Bartley sind nur Konsistenzprüfungen innerhalb der jeweiligen Aussagebereiche möglich. Man kann prüfen, ob das, was getan werden soll, mit anderen Dingen vereinbar ist, die ebenfalls getan werden sollen. Ebenso kann man ein Sollen im Verhältnis zum Sein kritisieren, indem man untersucht, ob das, was getan werden soll, überhaupt getan werden kann. Ethische Forderungen lassen sich aus empirischen Theorien daher logisch nicht herleiten, sondern nur falsifizieren. Bartley sieht darin eine Analogie zum Verhältnis zwischen empirischen Theorien und Beobachtungssätzen im kritischen Rationalismus.
Kritik am Konzept des Fehlschlusses
Die Enzyklopädie der Philosophie unterscheidet Kritiker des Konzepts in ontologische Ethiker, naturalistische Reduktionisten und interne Realisten. Vertreter des Naturrechts wenden gegen Moore ein, dass es keine Alternative zum Sein gebe. Wenn das Sollen nicht zwingend aus dem Sein hergeleitet werden könne, wäre nach dieser Kritik überhaupt keine Ethik möglich, weil das Nichts nichts begründen könne. Auch die Intuition sei ein Sein, reiche aber allein nicht für eine wissenschaftliche Begründung eines ethischen Systems aus. Nach dem Naturrecht ist das Gute das Seinsgerechte, also das, was dem unveränderlichen Wesen der Dinge entspricht.
John Searle spricht in seiner Sprechakttheorie vom „Fehlschluss des naturalistischen Fehlschlusses“. In sprachlichen Beschreibungen dessen, was ist, seien unvermeidlich normative Elemente enthalten. Was in die menschliche Sprache und damit in den Diskurs aufgenommen werde, sei dadurch bereits wertend verändert. Eine vollständig wertfreie Beschreibung objektiver Dinge sei daher nicht möglich; das Sollen sei in der Benennung des Seienden bereits implizit enthalten. Auch Hilary Putnams interner Realismus hält einen Übergang von Tatsachenaussagen zu Aussagen über Normen und Werte für möglich.
William K. Frankena kritisierte die Annahmen des Konzepts in einem Beitrag für die Zeitschrift Mind. Arthur Norman Prior griff diesen Ansatz in Logic and the Basis of Ethics auf und untersuchte die Geschichte der Sein-Sollen-Dichotomie. Nach Prior reicht Moores Formulierung nicht aus, um einen intelligenten Naturalismus zurückzuweisen. Insgesamt ist daher umstritten, ob der naturalistische Fehlschluss ein tatsächlicher logischer Fehler ist und ob die Trennung zwischen beschreibenden und wertenden Aussagen immer eindeutig möglich ist.