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Darwinismus

Der Begriff Darwinismus wurde im April 1860 von Thomas Henry Huxley populär gemacht, als er im Westminster Journal Darwins On the Origin of Species besprach.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und heutige Einordnung
  2. 2. Darwins Theorie im Verhältnis zu anderen Evolutionstheorien
  3. 3. Begriff im 19. Jahrhundert und Sozialdarwinismus
  4. 4. Universeller Darwinismus
  5. 5. Kritik und Gegenpositionen

Kernidee und heutige Einordnung

Darwinismus bezeichnet vor allem die Erklärung der Artentransformation, also der Evolution, durch Charles Darwin. Im Mittelpunkt steht die natürliche Auslese oder Selektion: Lebewesen unterscheiden sich in vererbbaren Merkmalen, und bestimmte Merkmale erhöhen unter bestimmten Umweltbedingungen die Chance, zu überleben und sich fortzupflanzen. Dadurch können sich Arten im Laufe der Generationen verändern.

Der Begriff wird außerdem für den universellen Darwinismus verwendet. Damit ist eine allgemeine Theorie von Evolutionsmechanismen gemeint, nach der Evolution überall dort stattfinden kann, wo es Variabilität und Selektionsdruck gibt, also nicht nur in der Biologie.

Heute wird die Bezeichnung Darwinismus von vielen Evolutionsbiologen abgelehnt. Ein Grund ist, dass sie oft abwertend gebraucht wird, besonders von Kreationisten. Ein weiterer Grund ist, dass es sich nicht um einen „-ismus“ im Sinn einer Ideologie handelt, sondern um ein von Charles Darwin und Alfred Russel Wallace erkanntes Naturprinzip. Populär gemacht wurde der Begriff im April 1860 von Thomas Henry Huxley in einer Besprechung von Darwins On the Origin of Species im Westminster Journal.

Darwins Theorie im Verhältnis zu anderen Evolutionstheorien

Die Evolution wurde bereits im 19. Jahrhundert als Tatsache akzeptiert. Verschiedene Theorien sollten erklären, wie die Entstehung, Entwicklung und Vielfalt der Lebewesen auf natürliche, also physikalisch-chemische Weise zustande kommen. Der Begriff Darwinismus dient dabei oft dazu, Darwins Origin of Species von anderen Evolutionstheorien abzugrenzen, zum Beispiel vom Lamarckismus.

Die Darwin’sche Theorie beruht auf drei Grundgedanken: Vererbung, Variabilität und natürliche Auslese. Vererbung bedeutet, dass Eigenschaften an Nachkommen weitergegeben werden. Variabilität bedeutet, dass Individuen einer Population unterschiedliche Merkmale besitzen. Natürliche Auslese bedeutet, dass Merkmale, die Überleben und Fortpflanzung begünstigen, häufiger weitergegeben werden können.

Darwinismus wird in diesem Zusammenhang manchmal besonders für den Selektionsgedanken verwendet, den Darwin und Wallace erstmals beschrieben. Dieser Gedanke unterscheidet Darwins Theorie von anderen, heute diskreditierten Evolutionstheorien wie Lamarckismus oder Mutationismus, die nur noch historische Bedeutung haben.

Später kamen weitere Evolutionsmechanismen hinzu, die Darwin selbst nicht einbezog, etwa Gendrift und Genfluss. Diese wurden in der modernen Synthese, auch synthetische Evolutionstheorie genannt, unter neuen Aspekten aufgenommen. Der Neodarwinismus, der auf August Weismann zurückgeht, gilt als Übergangsform zwischen Darwins Theorie und der synthetischen Evolutionstheorie: Die Vererbung über Chromosomen war darin schon enthalten, die Populationsgenetik aber noch nicht. Die Populationsgenetik wurde von Theodosius Dobzhansky begründet und in die Evolutionsbiologie integriert. Wegen dieser Weiterentwicklungen hat der Darwinismus im engen Sinn der Darwin-Wallace’schen Selektionstheorie heute vor allem historische Bedeutung.

Begriff im 19. Jahrhundert und Sozialdarwinismus

Nach dem Erscheinen von Darwins Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life im Jahr 1859 stand Darwinismus nicht nur für eine biologische Theorie. In den folgenden Jahrzehnten wurde der Begriff für eine breite Palette evolutionärer und damals teilweise revolutionärer Vorstellungen in Biologie, Philosophie und Gesellschaftswissenschaften verwendet.

Ein wichtiger Ansatz stammte vom Philosophen Herbert Spencer. Er prägte die Formel Survival of the Fittest, auf Deutsch etwa „Überleben des am besten Angepassten“. Diese Formel wurde später als Sinnbild des Darwinismus benutzt, obwohl Spencers Verständnis von Evolution eher dem von Lamarck als dem von Darwin entsprach.

Was heute Sozialdarwinismus genannt wird, war damals ebenfalls im Begriff Darwinismus enthalten. Damit ist die Anwendung von Darwins Vorstellungen vom Überlebenskampf auf die Gesellschaft gemeint, meist zugunsten anti-philanthropischer politischer Strömungen. Dabei wurden zentrale Begriffe häufig missverstanden: Die beste Anpassung wurde als Überlegenheit des Stärkeren gedeutet, und der Kampf ums Dasein als gewalttätiger Krieg ums Überleben.

Eine andere Deutung vertrat Francis Galton, Darwins Vetter. Er befürchtete, dass in einer Zivilisation die natürliche Selektion nicht mehr wirke und deshalb vermeintlich „überlegene Menschenrassen“ von vermeintlich „unterlegenen Rassen“ überflutet werden könnten. Daraus leitete er Gegenmaßnahmen ab, die zur Grundlage der Eugenik wurden.

Zu Darwins Lebzeiten gab es keine klare Definition des Wortes Darwinismus. Anhänger und Gegner von Darwins Theoriensystem verwendeten den Begriff in sehr unterschiedlichen Bedeutungen, solange diese in den größeren Zusammenhang passten.

Universeller Darwinismus

Der universelle Darwinismus, auch universale Selektionstheorie oder Darwinistische Metaphysik genannt, verallgemeinert den Darwinismus auf Bereiche außerhalb der Biologie. Besonders Richard Dawkins und Daniel Dennett formulierten diese Ausweitung. Die Grundidee lautet: Evolution kann in jedem System stattfinden, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.

Die erste Bedingung ist Reproduktion oder Vererbung. Es muss Einheiten geben, sogenannte Replikatoren, die Kopien von sich selbst herstellen oder andere Einheiten dazu bringen können, entsprechende Kopien zu erzeugen. Diese Kopien müssen wiederum reproduktionsfähig sein und Eigenschaften erben. Dabei können verschiedene Variationen rekombiniert werden.

Die zweite Bedingung ist Variation. In der Population der Einheiten muss es unterschiedliche Merkmale geben. Außerdem muss ein Mechanismus vorhanden sein, der neue Varianten erzeugt. Solche Varianten können zum Beispiel durch ungenaue Replikation entstehen.

Die dritte Bedingung ist Selektion. Vererbte Merkmale müssen langfristig die Reproduktionsfähigkeit der Einheiten beeinflussen. Das kann durch Überlebensfähigkeit geschehen, also natürliche Selektion, oder durch die Fähigkeit, Fortpflanzungspartner zu finden, also sexuelle Selektion. Selektionsursachen können zum Beispiel Ressourcenknappheit oder die Möglichkeit zur Kooperation sein.

Überlebt ein Replikant bis zur nächsten Reproduktionsstufe, beginnt der Prozess erneut. Überlebt er nicht, kann er seine Eigenschaften nicht an die nächste Generation weitergeben. In engeren Fassungen wird zusätzlich verlangt, dass Variation und Selektion auf verschiedene Ebenen wirken: Variation beim Genotyp, also der Erbanlage, und Selektion beim Phänotyp, also den sichtbaren oder wirksamen Merkmalen.

Der universelle Darwinismus sagt keine feste Zielrichtung der Entwicklung voraus. Komplexe Eigenschaften können entstehen, wenn sie die Reproduktion begünstigen. Eigenschaften können aber auch an Komplexität verlieren, wenn der Selektionsdruck nachlässt oder eine einfachere Eigenschaft vorteilhafter ist. Als bekannter möglicher Anwendungsbereich außerhalb der Biologie gilt das Mem, ein von Richard Dawkins in Das egoistische Gen (1976) eingeführtes Konzept zur Weitergabe und Veränderung von Ideen. Umstritten ist jedoch, ob Meme tatsächlich einen darwinischen Prozess bilden, weil es keine zwingenden Anzeichen dafür gibt, dass ihre Mutationen zufällig sind.

Kritik und Gegenpositionen

Der Darwinismus wurde aus verschiedenen Richtungen kritisiert. Rudolf Virchow kritisierte 1877 die schnelle öffentliche Verbreitung des Darwinismus. Er befürchtete, dieser könne in der Arbeiterschaft als „wissenschaftliche Bestätigung des Sozialismus“ verstanden werden. Darwin widersprach dieser Deutung scharf.

Karl Marx und Friedrich Engels lasen und schätzten Darwins Schriften früh, äußerten aber ebenfalls Kritik. Sie meinten, Darwin habe mit der Betonung von Selektionsdruck und survival of the fittest Verhaltensmuster der „bürgerliche[n] Gesellschaft“ sowie der Bevölkerungsthese nach Malthus auf die Natur übertragen. Engels griff diese Kritik später in der zu seinen Lebzeiten unveröffentlichten Dialektik der Natur wieder auf.

Oscar Hertwig wandte sich in Zur Abwehr des ethischen, des sozialen, des politischen Darwinismus von 1918 ausführlich gegen Strömungen, die gesellschaftliche Entwicklungen stark beeinflussten. Dabei bezog er sich vor allem auf die politische Ideologie, die heute Sozialdarwinismus genannt wird.

Auch Kreationisten und andere Gegner der Evolutionsbiologie verwenden Darwinismus häufig abwertend. Sie stellen Evolution dabei als „-ismus“, also als Lehre oder Glauben, dar, um daraus eine Gleichbehandlung mit Glaubensauffassungen wie Kreationismus oder Intelligent Design zu fordern. In ähnlichem Zusammenhang wird auch der abfällige Ausdruck Evolutionismus verwendet, der in der Ethnologie allerdings eine andere Bedeutung hat.

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