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Solidarische Ökonomie
Soziales Ziel: Die Gemeinschaft soll demokratisch und sozial geordnet werden. · Politisches Ziel: Mitbestimmung und Demokratie sollen erweitert werden.
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und Ziele
Solidarische Ökonomie oder Solidarische Wirtschaft ist eine Form des Wirtschaftens, bei der Geld als Bewertungs- und Zahlungsmittel ganz oder teilweise durch andere Prozesse oder Vereinbarungen ersetzt wird. Sie nutzt Elemente des Korporatismus und des Syndikalismus und wird in Wirtschaftswissenschaft, Soziologie und Politikwissenschaft untersucht.
Im Mittelpunkt stehen bedürfnisorientierte, soziale, demokratische und ökologische Ansätze. Solidarökonomische Projekte sollen grundsätzlich dem Menschen dienen. Häufig beruhen sie auf der Überzeugung, dass jeder Mensch Teil der Gesellschaft ist und mit seiner Arbeit zum gesellschaftlichen Fortschritt beiträgt.
Beispiele sind Open-Source-Softwareprojekte, alternative Bildungseinrichtungen, Tauschbörsen, Reparaturcafés, Umsonstläden, selbstverwaltete Betriebe, Genossenschaften, Community Land Trusts und Wohngemeinschaften. Der Artikel weist darauf hin, dass der Abschnitt zu Begriff und Zielen nicht ausreichend belegt ist.
Die Ziele liegen häufig in drei Bereichen: sozial, politisch und wirtschaftlich. Sozial geht es um eine demokratische und soziale Ordnung der Gemeinschaft, um die Überwindung von Materialismus und um die Wiedereingliederung des Individuums in das gesellschaftliche Leben. Politisch sollen Mitbestimmung und Demokratie erweitert werden; angestrebt wird eine Solidargemeinschaft mit Werten und Normen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Wirtschaftlich sollen Lebens- und Arbeitsbedingungen möglichst ohne Kreditaufnahme verbessert werden. Dazu gehören Nachhaltigkeit, die Erhaltung natürlicher Lebensgrundlagen, bedürfnisorientiertes Wirtschaften und gegebenenfalls die Behebung menschengemachter Schäden. Das wirtschaftliche Ziel überschneidet sich mit den sozialen und politischen Zielen.
Deutschland und Österreich
In Deutschland beziehen sich Vertreter der Solidarischen Ökonomie häufig auf den Genossenschaftsgedanken. Dieser hat ältere Vorformen in Einungen und Gilden des Mittelalters, wurde später von der Arbeiterbewegung aufgenommen und reichte auch in Gewerkschaftsbewegung und Anarchosyndikalismus hinein. Eine moderne Genossenschaftsbewegung entstand ab Mitte des 19. Jahrhunderts in England und auf dem europäischen Festland. Sie gilt als wichtiger Versuch, soziale Probleme zu lösen, die durch den Kapitalismus entstanden.
Im 20. Jahrhundert gab es Rückschläge, etwa die Zerschlagung von Gewerkschaften und Genossenschaften durch das NS-Regime sowie Affären in den 1980er Jahren um Neue Heimat und die Konsumgesellschaft „co op“. Zwischen 1968 und 1989 kam es zu einer Gründungswelle im Bereich „Alternativer Ökonomie“. Forschung und Lehre zur Solidarischen Ökonomie gibt es in Deutschland bisher an der Universität Kassel und der Universität Münster.
2007 begannen Wissenschaftler der Universität Kassel erstmals, unter dem Begriff „Solidarische Ökonomie“ alternative Wirtschaftsformen zu erheben. Sie beschrieben solche Projekte als kollektiv, solidarisch und hierarchiefrei organisierte Arbeit und als Strategie gegen soziale Ausgrenzung. Zur Abgrenzung nannten sie fünf Kriterien: Selbstverwaltung mit gemeinsamem Besitz und gemeinsamen Entscheidungsprozessen; Ökologie, also ökologische Ziele und sensibler Umgang mit Material, Energie, Wasser und Boden; Kooperation durch gemeinsames Nutzen von Gütern und den Aufbau solidarischer Netzwerke; Wirtschaftlichkeit als echtes Wirtschaftsunternehmen im Unterschied zu Wohltätigkeitsorganisationen; Gemeinwesenorientierung, also Einsatz für bessere Lebensbedingungen der Gemeinschaft.
2015 fand in Berlin der Kongress Solikon 2015 statt, vorbereitet von einem Bündnis aus über dreißig Organisationen. Zur Veranstaltung gehörten Exkursionen zu Projekten alternativen, ökologischen und kooperativen Wirtschaftens in Berlin und Brandenburg. Unter dem Motto „Wir können auch anders! Solidarische Ökonomie in der Praxis“ nahmen rund 1000 Menschen an Podiumsdiskussionen, Foren und Workshops an der TU Berlin teil. Themen waren unter anderem Gemeinwohl-Ökonomie, Commons, fairer Handel und Transition Towns. Die Wandelwoche wurde 2016 wiederholt und fand im September 2017 erneut statt.
In Österreich fand im Februar 2009 an der Universität für Bodenkultur Wien ein Kongress Solidarische Ökonomie mit über 1.000 Teilnehmern statt. Sichtbar wurden dort viele Initiativen wie Tauschbörsen, Umsonstläden, Foodcoops, Regionalwährungen, Gemeinschaftsgärten und solidarische Wohnprojekte wie Baugruppen. Es entstand ein Netzwerk von Tauschbörsen, das sich beim Treffen der österreichischen Tauschkreise austauscht. Mit za:rt, der Plattform für Zusammenarbeit regionaler Transaktionssysteme, wurde eine Clearingstelle für den Tausch zwischen verschiedenen Tauschkreisen gegründet. Regionalwährungen entstanden unter anderem in Vorarlberg, der Steiermark und in Niederösterreich im Waldviertel. In Wien gibt es mehrere Tauschbörsen, Gemeinschaftsgärten, Umsonstläden und FoodCoops. Ein weiterer Kongress fand im Februar 2013 am gleichen Ort statt. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist in Österreich stark vertreten; das Kanzleramt bezeichnet sie als „effektives Instrument zur Umsetzung der SDGs in Unternehmen und Gemeinden“. Jedes österreichische Bundesland hat eine Regionalgruppe.
Kanada und Québec
In Kanada wird Solidarische Ökonomie als Soziale Ökonomie bezeichnet. In der Provinz Québec wird die Zahl der Unternehmen, die sich an diesem Prinzip orientieren, gegenwärtig auf mehr als 7000 geschätzt.
In Québec wurde der Chantier de l’economie sociale gegründet. Er betont besonders die Bedeutung der Solidarökonomie für regionale Entwicklung. Weil solidarische Betriebe direkte Beziehungen zu ihrem Umfeld haben, sollen sie neue Bedürfnisse schneller erkennen und deuten können. 2007 vertrat der Chantier rund 6.200 solidarische Betriebe mit etwa 65.000 Beschäftigten.
Der Chantier pflegt Kontakte mit der brasilianischen Organisation Fórum. Charles Guindon vom Chantier nahm an der nationalen Konferenz in Brasília teil, wo an einem gemeinsamen Projekt weitergearbeitet wurde. Als Problem wird genannt, dass die kanadische Regierung für solche Projekte nur Geld bereitstelle, wenn sie der Entwicklungshilfe dienen.
Argentinien
In Argentinien gewann Solidarische Ökonomie nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch von 2001 besondere Bedeutung. Damals waren 20 % der Bevölkerung arbeitslos und über 50 % verarmt. Es kam zu Massendemonstrationen, Straßenblockaden, Streiks und landesweiten Fabrikbesetzungen.
Manche Betriebe waren zuvor von ihren Besitzern aufgegeben worden. Gründe waren wirtschaftliche Probleme in der Krise, beabsichtigte Insolvenzen, Investitionen des herausgezogenen Kapitals in andere Branchen, besonders den Agrarexport, oder die Ausreise von Fabrikeigentümern. Viele Arbeiter besetzten daraufhin Fabriken und nahmen die Produktion wieder auf. Teilweise wurden Übernahmen auch mit den früheren Besitzern ausgehandelt.
Da Management und große Teile der Verwaltung meist zusammen mit den Besitzern gingen, wurden diese Kosten eingespart. Die Fabriken wurden nicht mit dem Ziel der Gewinnmaximierung weitergeführt, sondern zur Existenzsicherung. Heute befinden sich mehr als 200 Fabriken in den Händen von Arbeitern und sichern die Existenz von mehr als 10.000 Mitarbeitern.
Als Rechtsform wählten die Betriebe meist Kooperativen. Sie verstehen sich als neue Generation der in Argentinien verbreiteten Kooperativen. Anders als in traditionellen Kooperativen ist die Betriebsversammlung das zentrale Entscheidungsorgan. Jedes Mitglied hat eine Stimme. Die Betriebsversammlung findet in der Regel mindestens einmal im Monat statt und entscheidet über alle Firmenangelegenheiten. Für das Alltagsgeschäft gibt es teilweise Untergruppen, etwa für Verkauf oder Verwaltung, aber die Betriebsversammlung bleibt letzte Entscheidungsinstanz und Informationsorgan.
Die Entwicklung war laut Artikel weniger erfolgreich als in Brasilien. In 52 % der Fälle sank das Arbeitsentgelt, die Arbeitszeiten blieben meist gleich. Auch die rechtliche Lage vieler Betriebe ist ungeklärt. In einigen Fällen konnten Räumungen oder Zwangsversteigerungen nicht verhindert werden. Manche Betriebe forderten deshalb Verstaatlichung, wollten aber ihre Selbstverwaltung behalten. Außerdem wurde ein Fonds gefordert, der Kooperativen Startkapital bereitstellt, damit Maschinen, Grund und Boden im Besitz der Unternehmung bleiben.
Brasilien
Auch in Brasilien wird Solidarökonomie praktisch umgesetzt. Während einer Wirtschaftskrise in den 1980er und 1990er Jahren gingen viele Unternehmen in Konkurs. Arbeiter kauften und sanierten solche Firmen, um ihre Arbeitsplätze zu erhalten. Viele dieser Fabriken sind heute solidarökonomische Betriebe. Ein Motto lautet: „Outra economia acontece“ („Eine andere Wirtschaft geschieht“).
Als wichtig für den Erfolg gelten Unterstützung durch Gewerkschaften und Regierung. 1996 setzte sich der gewerkschaftliche Dachverband Central Única dos Trabalhadores (CUT) für Kooperativen ein. Die ANTEAG, die Nationale Vereinigung der Arbeiter in selbstverwalteten Betrieben, und die 2003 gegründete SENAES, das nationale Sekretariat für Solidarökonomie, sind für die Gründung neuer Kooperativen und deren Zusammenschluss zuständig.
SENAES hat eine Schlüsselrolle. Das Sekretariat besitzt den Status einer Abteilung des Arbeitsministeriums und wird seit 2003 von dem Ökonomen Paul Singer geleitet. Es vertritt die Bewegung der Solidarökonomie gegenüber staatlichen und privaten Institutionen sowie internationalen Organisationen. Weitere Aufgaben sind die Verbreitung von Informationen über Solidarökonomie sowie politische und materielle Unterstützung von Kooperativen in ganz Brasilien.
Seit 2004 verfügt SENAES über ein eigenes Budget. Es wird unter anderem genutzt für Foren und Zentren für Kooperativen, gemeinsamen Verkauf von Produkten, Vermittlung von Handelspartnern, Treffen und Kursen, juristische Beratung, Organisation von Messen und Seminaren, Erstellung von Bilanzen und Statistiken, gesetzliche Regelungen wie die Anerkennung der Kooperative als Rechtsform sowie Richtlinien für Solidarökonomie und deren Beobachtung.
Unterstützung kommt von Regierungsorganen, Intellektuellen, Universitäten und Genossenschaften. Über 3.000 alternative Betriebe, über 500 Unterstützungsorganisationen, mehr als 80 Städte und die öffentlichen Verwaltungen von sechs Staaten organisieren sich über das Brasilianische Forum für Solidarische Ökonomie. Hochschulen fördern den Aufbau von Genossenschaften durch Innovationswerkstätten, etwa an der Universität von São Paulo unter Leitung von Paul Singer und Sylvia Leser de Mello. Ein weiterer Schwerpunkt von SENAES ist die Stärkung regionaler Wirtschaft, unterstützt von Kirchen, Gewerkschaften, Universitäten und Parteien.
Internationale Anerkennung
Auf Ebene der Vereinten Nationen wurde am 30. September 2013 in Genf die UN Inter-Agency Task Force on Social and Solidarity Economy (UNTFSSE) gegründet. Zu den Gründungsmitgliedern gehören unter anderem die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), das Weltentwicklungsprogramm (UNDP), das Forschungsinstitut für soziale Entwicklung (UNRISD) und weitere UN-Behörden.
Inzwischen gehören auch zivilgesellschaftliche Organisationen wie die International Co-operative Alliance (ICA) zu den Mitgliedern oder besitzen Beobachterstatus. Auf der 66. Generalversammlung der Vereinten Nationen im April 2023 erkannten die Mitgliedstaaten per Resolution die Rolle der solidarischen Ökonomie zur Erfüllung der Sustainable Development Goals (SDG) an. Zur Stärkung solidarischer Ökonomien sollten demnach finanzielle Anreize, Anpassungen von Beschaffungsprozessen und Curricula sowie die Erfassung solidarischen Wirtschaftens in nationalen Statistiken erfolgen.