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Simone Weil
Simone Adolphine Weil [ˌsiˈmɔn ˌadɔlˈfin ˈvɛj ] (* 3. Februar 1909 in Paris; † 24. August 1943 in Ashford, England) war eine französische Sozialrevolutionärin, …
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Person und Bedeutung
Simone Adolphine Weil (* 3. Februar 1909 in Paris; † 24. August 1943 in Ashford, England) war eine französische Sozialrevolutionärin, Philosophin, Mystikerin und Autorin. Sie verband gesellschaftliches und politisches Engagement mit philosophischem und später spirituellem Denken. Besonderes Gewicht hatte für sie die Erfahrung von Unterdrückung: Als eine der wenigen Philosophinnen ihrer Zeit arbeitete sie selbst in Industrie und Landwirtschaft, um die Lage der Arbeiterklasse konkret zu verstehen.
Ihr Denken verbindet griechische Philosophie und Dichtung, christliche Mystik sowie platonische, buddhistische und andere Traditionen. Sie suchte nach dem Absoluten und verstand die Welt als einen Bereich, in dem sich göttliche Wirklichkeit widerspiegeln kann. Zentrale Begriffe sind Aufmerksamkeit, Schwerkraft und Gnade, Erkenntnis als „Lektüre“ der Welt, Décréation und Metaxu. Ihre wichtigsten Schriften sind Unterdrückung und Freiheit sowie die 1947 posthum veröffentlichte Sammlung Schwerkraft und Gnade.
Ausbildung, Aktivismus und Arbeitserfahrung
Weil wuchs in Paris in einer großbürgerlichen jüdischen Familie auf. Sie galt schon als Kind als sprachbegabt, eigenwillig und rebellisch. 1925 erhielt sie mit 16 Jahren das baccalauréat de philosophie. Am Lycée Henri-IV wurde sie von Émile Chartier, genannt Alain, geprägt. Sie beschäftigte sich unter anderem mit Platon, Baruch de Spinoza, René Descartes, Immanuel Kant und Karl Marx. Von Beginn an verband sie Fragen nach Arbeit, Zeit und Gerechtigkeit mit sozialen Problemen. 1931 schloss sie ihr Philosophiestudium an der École normale supérieure bei Léon Brunschvicg ab.
Von 1931 bis 1934 engagierte sie sich im revolutionären Syndikalismus, einer Arbeiterbewegung, die ihren Kampf in Fabriken und außerhalb politischer Parteien führte. Als Philosophielehrerin in Le Puy teilte sie die Hälfte ihres Gehalts mit Arbeitslosen, gab Arbeiterbildungskurse, schrieb für linke Zeitschriften und beteiligte sich an Streiks und Demonstrationen. Nach Aufenthalten in Berlin kritisierte sie auch den Sowjetkommunismus. 1934 warnte sie vor einer Tendenz zur totalitären sozialen Organisation, in der der Staat sogar im Bereich des Denkens souverän entscheidet.
Ab Dezember 1934 arbeitete sie freiwillig als ungelernte Fabrikarbeiterin bei Alsthom, Carnaud und Renault. Die körperliche Belastung, der Lärm, Arbeitslosigkeit und Hunger prägten ihre Sicht der Fabrikarbeit. Sie beschrieb diese als eine Sklaverei, in der Menschen das Gefühl verlieren, Rechte zu haben; entscheidend sei nicht nur das Leiden, sondern die Demütigung. Daraus folgerte sie, dass die Würde des Menschen nicht allein auf Willenskraft beruhen kann.
Krieg, Spiritualität und Exil
Im Spanischen Bürgerkrieg unterstützte Weil vom 8. August bis 25. September 1936 als miliciana zunächst die internationale Miliz der POUM und danach die „Kolonne Durruti“. Weil sie mit einem Gewehr ungeeignet war, arbeitete sie in der Küche. Nach einer schweren Verbrennung durch kochendes Öl kam sie ins Lazarett und kehrte nach Frankreich zurück. Der Krieg und die Gewalt ernüchterten sie; sie beobachtete eine tiefe Trennung zwischen den Milizionären aus den Städten und der ländlichen Bevölkerung.
Obwohl sie säkular und agnostisch erzogen worden war, entwickelte sie sich ab 1935 stärker zum Christentum hin. Sie interessierte sich zugleich für griechische und ägyptische Mysterienkulte, Hinduismus und Mahayana-Buddhismus und sah in verschiedenen Traditionen Elemente echter Offenbarung. Als Schlüsselerlebnisse nannte sie Erfahrungen 1935 in Póvoa de Varzim, 1937 in Assisi und 1938 beim betenden Rezitieren von George Herberts Gedicht Love. Sie beschrieb dabei eine persönliche Gegenwart Christi. Dem Katholizismus näherte sie sich an, trat aber nicht in die Kirche ein: Die Kirchengeschichte mit Inquisition, Kreuzzügen und Religionskriegen lehnte sie ab und vermisste deren Einsatz für soziale und geistige Reformen.
Nach der deutschen Besetzung Frankreichs floh sie im Juli 1940 mit ihren Eltern nach Marseille und gelangte 1942 über die USA nach England. Dort arbeitete sie für Charles de Gaulles Befreiungskomitee, unter anderem an Überlegungen zu einer künftigen französischen Verfassung und im Kontakt zu Widerstandsgruppen. Sie befürchtete jedoch, der Gaullismus könne sich zu einer faschistischen politischen Partei entwickeln, und kündigte die Zusammenarbeit. 1943 wurde Tuberkulose diagnostiziert. Sie verweigerte eine besondere Ernährung und beschränkte ihre Nahrung auf das, was sie für die Rationen im besetzten Frankreich hielt; Magersucht und Erschöpfung wurden tödlich. Ob sie kurz vor dem Tod getauft wurde, bleibt wegen widersprüchlicher Aussagen unklar.
Aufmerksamkeit, Erkenntnis und Vermittlung
Aufmerksamkeit, französisch attention, ist Weils zentrales ethisches und spirituelles Konzept. Sie meint damit nicht bloß Konzentration, sondern eine offene, wartende Haltung. Das Denken soll von Vorurteilen, Erwartungen, Zukunftsorientierung und eigenen Deutungen frei werden. Es bleibt leer und empfänglich, damit ein Gegenstand „in seiner nackten Wahrheit“ aufgenommen werden kann. Aufmerksamkeit ist nach Weil eine große, aber negative Anstrengung: Man erzwingt kein Ergebnis, sondern weist Unzulängliches ab und hält das Denken bereit.
Auf ihrer höchsten Stufe ist Aufmerksamkeit mit Gebet gleichgesetzt. Wer betet, entleert sich selbst, richtet sich auf Gott aus und wird bereit, Gnade zu empfangen. Auch Nächstenliebe verlangt diese Haltung: Der andere soll nicht nach eigenen Vorstellungen beurteilt, sondern in seiner Wirklichkeit wahrgenommen werden. Weil hielt deshalb Übungen wie das Lösen einer geometrischen Aufgabe oder das Übersetzen eines fremdsprachlichen Textes für eine Schulung der Aufmerksamkeit; das wesentliche Ziel der Schulbildung sei nicht bloß Wissensvermittlung.
Erkenntnis ist für Weil ein stufenweiser Aufstieg und eine besondere Form der Lektüre. In den „Lectures superposées“ wird „die Notwendigkeit hinter der sinnlichen Wahrnehmung“, „die Ordnung hinter der Notwendigkeit“ und schließlich „Gott hinter der Ordnung“ gelesen. Das subjektive Urteil erzeugt zunächst Bedeutungen und Werte, die nicht die wahre Wirklichkeit sind. Durch Décréation, die Verringerung der Ego-Anteile oder die „völlige Entäußerung des Menschen vor Gott“, kann sich der Mensch von Begierde, Einbildung und Illusion lösen. Die Welt erscheint dann als ein auf Gott verweisendes Gesamtsymbolsystem, als „poésie surnaturelle“.
Metaxu, ein von Platon entlehnter Begriff, bezeichnet zugleich Trennung und Verbindung. Die Welt vermittelt zwischen Mensch und Gott, ohne unmittelbare Einsicht in Gott zu geben. Weils Bild dafür sind zwei Gefangene, die durch eine Wand getrennt sind, aber über Klopfen an diese Wand miteinander kommunizieren: „Jede Trennung ist eine Verbindung.“
Schwerkraft, Gnade und politische Ordnung
Schwerkraft und Gnade bilden für Weil die beiden Pole menschlicher Existenz. Schwerkraft steht für materielle Gebundenheit und natürliche Gesetze, die den Menschen nach unten ziehen. Zu ihr gehören Rache, Vergeltung, Selbstbehauptung und Wille zur Macht. Auch Status, Einfluss und Selbstbewusstsein können zu trügerischen Werten werden, an die Menschen ihr Herz hängen.
Gnade bezeichnet die entgegengesetzte, göttliche Bewegung der Befreiung. Sie kann nicht durch bloßen Willen hergestellt werden, sondern verlangt Zustimmung, Erwartung und Selbstentäußerung. Das „Ich“ ist für Weil das Einzige, was der Zufall einem Menschen nicht nehmen kann; gerade dieses „Ich“ müsse der Mensch Gott geben, also zerstören. Das Kreuz beschreibt sie als den Weg, auf dem die Seele in „blindem Tasten“ Zeit und Raum durchmisst und den sucht, den sie liebt.
Ihre politische Haltung folgt dem Ziel, Krieg und Unterdrückung des Individuums zu verhindern. Sie forderte Verantwortung jedes Menschen für andere und für die Gesellschaft und hielt politische Parteien grundsätzlich für schädlich, weil ein Etikett keine konkrete Haltung zu einzelnen Problemen erkennen lasse. Die Arbeiterklasse betrachtete sie als entwurzelt und von fremdem Geld abhängig. Weder Verstaatlichung noch Abschaffung des Privateigentums könnten ihre Lage lösen; Marxismus und ähnliche revolutionäre Konzepte kritisierte sie als utopisch oder als möglichen Arbeiterimperialismus. Stattdessen verlangte sie Verwurzelung durch bewusste Teilhabe an Tradition, Herkunft, Ort, Beruf und Umwelt. Arbeiter sollten Eigentümer eines Hauses, einer kleinen Scholle und einer Maschine sein; Zeitdruck sollte sinken, der Zusammenhang der Arbeit sichtbar werden und Technik den menschlichen Bedürfnissen dienen. Die Humanisierung der Arbeit müsse sich an menschlicher Würde orientieren, nicht an Kapitalismus oder Sozialismus.