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Geschichte der Juden in Frankreich

Zwischen 1942 und Juli 1944 wurden fast 76.000 Juden in Vernichtungslager deportiert; von ihnen überlebten nur etwa 2.500 (3,3 %). Das Lager Drancy bei Paris …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick
  2. 2. Antike und frühes Mittelalter
  3. 3. Blüte, Verfolgung und Vertreibung
  4. 4. Emanzipation und 19. Jahrhundert
  5. 5. Schoa und Nachkriegszeit
  6. 6. Gegenwart und Kultur

Überblick

Die Geschichte der Juden in Frankreich reicht etwa 2000 Jahre zurück. Frankreich war im Frühmittelalter ein wichtiges Zentrum jüdischen Lebens in Europa, doch dieses wurde durch Verfolgungen und Vertreibungen, besonders 1182, 1306 und 1394, immer wieder zerstört. Nach Jahrhunderten mit nur wenigen jüdischen Gemeinden wurde Frankreich nach der Französischen Revolution das erste Land Europas, das Juden die bürgerliche Gleichberechtigung gab.

Diese Gleichstellung bedeutete jedoch nicht das Ende des Antisemitismus. Im 19. Jahrhundert zeigte sich er besonders in der Dreyfus-Affäre, im 20. Jahrhundert in der Verfolgung während der deutschen Besatzung und des Vichy-Regimes. Zwischen 1942 und Juli 1944 wurden fast 76.000 Juden aus Frankreich in Vernichtungslager deportiert; nur etwa 2.500 überlebten. Seit den 1950er Jahren wuchs die jüdische Bevölkerung durch Einwanderung, vor allem aus Algerien, Tunesien und Marokko. Heute hat Frankreich die größte jüdische Gemeinde Europas, die zugleich durch antisemitische Gewalt und Terrorismus bedroht ist.

Antike und frühes Mittelalter

Die ältesten Hinweise auf Juden in Gallien stammen aus der Römerzeit. Der erste namentlich bekannte Jude war Herodes Archelaos, den Augustus im Jahr 6 n. Chr. nach Vienne ins Exil schickte. Archäologische Funde, etwa eine Öllampe mit siebenarmigem Leuchter aus Orgon und Inschriften aus Arles und Auch, belegen jüdisches Leben zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert.

Im Römischen Reich hatten Juden wechselnde Rechte. Kaiser Konstantin verpflichtete sie 321 zur finanziellen Last der Curia, wodurch öffentliche Ämter möglich waren. Später wurden sie von Staatsämtern ausgeschlossen, zugleich aber wurden Sabbat und Feiertage teilweise geschützt und Synagogen vor Zerstörung bewahrt. Ab dem Konzil von Vannes 465 begann die Kirche Juden stärker auszugrenzen.

In merowingischer und karolingischer Zeit traten Juden als Fernhändler und Geldverleiher auf. Unter Karl dem Großen war ihre rechtliche Stellung relativ gesichert; sie durften gegen Christen prozessieren und spielten im Exporthandel eine Rolle. Ein jüdischer Händler namens Isaak wurde 797 zusammen mit Gesandten zu Hārūn ar-Raschīd geschickt.

Blüte, Verfolgung und Vertreibung

Im 11. und 12. Jahrhundert entwickelte sich in Frankreich eine bedeutende jüdische Gelehrsamkeit. Besonders wichtig war Schlomo ben Jizchak, genannt Raschi (1040–1106), aus Troyes. Seine Kommentare zu Bibel und Talmud wurden zu Standardwerken und stärkten die einfache, wörtliche Auslegung religiöser Texte, den „Pschat“. In Südfrankreich entstanden Thora-Schulen, etwa in Narbonne; in der Provence wirkten Übersetzer der Familie Ibn Tibbon.

Gleichzeitig nahmen Verfolgungen zu. 1010 stellte der Bischof von Limoges Juden vor die Wahl zwischen Taufe und Exil. Gerüchte über angebliche jüdisch-muslimische Verschwörungen nach der Zerstörung der Grabeskirche in Jerusalem verschärften die Lage. Während der Kreuzzüge ab 1095 wurden Juden angegriffen, etwa in Rouen und 1096 während des Ritterkreuzzugs.

1182 ließ Philipp II. Juden verhaften, berauben und ausweisen; Immobilien wurden eingezogen, Synagogen in Kirchen umgewandelt. 1198 rief er sie aus finanziellen Gründen zurück und erlaubte ihnen Bank- und Pfandleihgeschäfte unter königlicher Kontrolle. Unter Ludwig IX. wurden jüdische Geldgeschäfte eingeschränkt, Talmudexemplare nach der Disputation von Paris 1240 verbrannt und 1269 das Tragen der „rouelle“, eines sichtbaren Zeichens, vorgeschrieben.

1306 vertrieb Philipp IV. die Juden erneut und eignete sich ihr Vermögen sowie ihre Forderungen an. Ludwig X. erlaubte 1315 eine auf zwölf Jahre befristete Rückkehr. 1394 verfügte Karl VI., dass kein Jude mehr in seinen Domänen leben solle. Damit endete das mittelalterliche jüdische Leben im Königreich Frankreich weitgehend, mit Ausnahmen in Sondergebieten wie Avignon und dem Comtat Venaissin.

Emanzipation und 19. Jahrhundert

Im 16. und 17. Jahrhundert siedelten sich wieder Juden in Frankreich an, darunter Marranen aus Spanien und Portugal in südwestfranzösischen Hafenstädten wie Bordeaux und Bayonne. Im 18. Jahrhundert veränderten Aufklärung und Toleranzgedanken die Lage. 1784 wurden die entwürdigende Kopfsteuer abgeschafft und die freie Platzwahl innerhalb Frankreichs erlaubt.

Während der Französischen Revolution wurde die Gleichberechtigung heftig diskutiert. Am 28. Januar 1790 wurden zunächst vor allem sephardische Juden im Süden als vollwertige Bürger anerkannt. Am 27. September 1791 wurde schließlich beschlossen, dass Juden in Frankreich die Rechte vollwertiger Bürger erhalten. Damit fielen frühere Wohnbeschränkungen; Juden konnten sich nun auch in großen Städten wie Paris, Lyon, Marseille und Toulouse niederlassen.

Napoleon berief 1808 einen Sanhedrin ein, eine jüdische Versammlung mit 71 Mitgliedern, und schuf mit dem Consistoire central israélite eine staatlich anerkannte Vertretung der Juden. Zugleich beschränkte das sogenannte „schändliche Dekret“ für zehn Jahre wirtschaftliche Tätigkeit und Bewegungsfreiheit in östlichen Provinzen.

Nach der Restauration blieb die Gleichstellung bestehen. 1831 wurde das Judentum rechtlich den Kirchen gleichgestellt, auch bei staatlicher Unterstützung. 1846 wurde mit dem Schwur More Judaico ein diskriminierender Gerichtseid abgeschafft. Trotzdem blieb Antisemitismus gesellschaftlich präsent. In der Dreyfus-Affäre wurde der jüdische Offizier Alfred Dreyfus 1894 fälschlich wegen Landesverrats zu lebenslanger Verbannung verurteilt. Die Affäre spaltete Frankreich und zeigte, dass antisemitische Einstellungen trotz rechtlicher Gleichstellung fortbestanden.

Schoa und Nachkriegszeit

Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die soziale Lage vieler französischer Juden verbessert. Viele Einwanderer kamen aus Osteuropa, und jüdische Franzosen waren in Kunst, Kultur und Politik sichtbar, darunter Léon Blum, der erste jüdische Premierminister Frankreichs. Zugleich erstarkte der Antisemitismus der extremen Rechten.

Nach der Niederlage Frankreichs 1940 entstand das Vichy-Regime unter Philippe Pétain. Am 27. September 1940 begann die deutsche Militärverwaltung mit antijüdischen Maßnahmen im besetzten Frankreich: Juden mussten sich melden, jüdische Geschäfte wurden gekennzeichnet, Rückkehr über die Demarkationslinie wurde verboten. Vichy erließ eigene antijüdische Gesetze, schloss Juden aus vielen Berufen und öffentlichen Ämtern aus und hob am 7. Oktober 1940 das Décret Crémieux auf, das Juden in Algerien seit 1870/71 staatsbürgerliche Gleichheit gegeben hatte.

Ab 1941 wurde Drancy bei Paris zum zentralen Sammellager. Das Vichy-Regime richtete ein General-Kommissariat zu jüdischen Fragen ein, betrieb antisemitische Propaganda, enteignete jüdisches Eigentum und unterstützte die Deportationen. Ab 27. März 1942 gingen Transporte von Drancy nach Auschwitz-Birkenau; nach der Razzia im Vélodrome d’Hiver am 16. und 17. Juli 1942 wurden auch Frauen und Kinder deportiert. Die französische Polizei führte viele Maßnahmen aus.

Gleichzeitig gab es jüdischen und nichtjüdischen Widerstand. Organisationen retteten Kinder, versteckten Verfolgte oder halfen bei Fluchten und gefälschten Papieren. Beispiele sind S.E.R.E., OPEJ, OSE, CRIF, Georges Garel und Adolfo Kaminsky. In Le Chambon-sur-Lignon versteckten Bewohner viele Juden. Die italienische Besatzungszone im Südosten bot bis 1943 zeitweise Schutz; nach der deutschen Übernahme begannen auch dort verschärfte Verfolgungen.

1939 lebten etwa 300.000 Juden in Frankreich, etwa ein Viertel wurde ermordet. Frankreich erkannte erst 1995 unter Staatspräsident Jacques Chirac offiziell die Verantwortung Frankreichs für die Durchführung der Verfolgungsmaßnahmen an. Nach 1945 kamen 80.000 Juden aus Mittel- und Osteuropa, später zwischen Mitte der 1950er und Mitte der 1960er Jahre geschätzt 300.000 sephardische Juden aus Algerien, Tunesien und Marokko. Diese Einwanderung veränderte das französische Judentum stark und belebte Gemeinden, Schulen, koschere Restaurants und religiöses Leben.

Gegenwart und Kultur

Im 21. Jahrhundert besitzt Frankreich wichtige jüdische Kulturinstitutionen. Die Maison de la Culture Yiddish bewahrt seit 2002 jiddische Kultur; die Medem-Bibliothek enthält über 30.000 Werke. In Paris zeigt das Musée d’art et d’histoire du Judaïsme jüdische Kunst und Geschichte, und 2005 wurde das Mémorial de la Shoah eröffnet. 2023 wurde Myriam Ackermann-Sommer als erste orthodoxe Rabbinerin Frankreichs ordiniert.

Zugleich stiegen antisemitische Vorfälle seit der 2. Intifada und den Anschlägen vom 11. September 2001 stark an. Die CNCDH registrierte 601 Zwischenfälle 2003 und 970 im Jahr 2004. Es kam zu schweren Gewalttaten: 2006 wurde Ilan Halimi entführt und zu Tode gefoltert; 2012 wurden in Toulouse vier Menschen vor einer jüdischen Schule ermordet; 2015 wurden bei einer Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris vier jüdische Franzosen getötet. Weitere Fälle waren die Morde an Sarah Halimi 2017 und Mireille Knoll 2018. Nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 nahm die Zahl antisemitischer Bedrohungen und Übergriffe schlagartig zu; 2024 wurden 1.570 antisemitische Straftaten registriert, fast viermal so viele wie 2022.

Jüdisches Leben beeinflusste die französische Kultur vor allem über Bibelrezeption, Literatur und Sprache. Seit der Renaissance wuchs das Interesse an Hebräisch und am Alten Testament. Zahlreiche Autoren griffen biblische Stoffe auf, darunter Jean Racine, Victor Hugo, Gustave Flaubert, André Gide und Jean Giraudoux. Im 20. Jahrhundert schrieben jüdische Autoren wie Élie Wiesel, Georges Perec, Alain Finkielkraut, André Glucksmann, Bernard-Henri Lévy und Patrick Modiano. Einige hebräische Wörter gelangten ins Französische, etwa „tohu-bohu“ für Chaos und „cabale“ für Verschwörung oder Intrige.

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