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Siddhartha (Hermann Hesse)

Siddhartha. Eine indische Dichtung ist eine Erzählung von Hermann Hesse, geschrieben in Montagnola in zwei Anläufen zwischen Dezember 1919 und Mai 1922, …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Kern des Werkes
  2. 2. Siddharthas Weg zur Erkenntnis
  3. 3. Religiöse und philosophische Bezüge
  4. 4. Veröffentlichung und Bearbeitungen

Kern des Werkes

Siddhartha. Eine indische Dichtung ist eine Erzählung von Hermann Hesse. Hesse schrieb sie in Montagnola zwischen Dezember 1919 und Mai 1922; erstmals erschien sie im Herbst 1922. Der Roman spielt im 6. Jahrhundert vor Christus in Indien und schildert den Lebens- und Erkenntnisweg des jungen Brahmanen Siddhartha.

Im Mittelpunkt steht die Suche nach dem Atman, dem All-Einen, das in jedem Menschen ist, und nach dem Nirwana. Siddhartha erkennt, dass religiöse Vorschriften, Gebete, Rituale und gelehrtes Wissen allein nicht aus dem Samsara führen. Samsara bezeichnet den Kreislauf von Leben und Tod sowie allen Handelns und Seins. Für Siddhartha kann Erleuchtung deshalb nicht einfach durch die Übernahme einer Lehre erreicht werden, sondern nur durch eigene Erfahrungen.

Der Roman ist als Entwicklungsweg aufgebaut: Siddhartha durchläuft nacheinander die Lebensformen des Brahmanen, des Samanas, des weltlich erfolgreichen Kaufmanns, des Vaters und schließlich des Fährmanns. Dabei wird immer wieder der Gegensatz zwischen geistigem Streben und weltlichem, sinnlichem Leben dargestellt. Der Suchende wird demjenigen gegenübergestellt, der stehen bleibt; zugleich verbindet das Werk geistige Suche mit der Bejahung des Lebens in der Welt.

Siddharthas Weg zur Erkenntnis

Als Brahmane lernt Siddhartha von seinem Vater und anderen Priestern die Veden, philosophische Gedanken, religiöse Gebote sowie Gebete und Rituale. Er beobachtet jedoch, dass selbst heilige Waschungen und Gebete zur Reinigung von Sünden die Priester nicht aus dem Samsara befreien. Deshalb verlässt er den bisherigen Weg. Sein Freund Govinda begleitet ihn.

Siddhartha wird zum Samana, also zu einem Asketen und Bettler. Nach einiger Zeit erkennt er, dass auch diese extreme Entsagung ihn seinem Ziel nicht näherbringt. Gemeinsam mit Govinda pilgert er zu Gotama, dem Buddha. Gotama hat Bodhi, also Erleuchtung, erlangt, und Siddhartha zweifelt nicht an der Richtigkeit seiner Lehre. Er glaubt jedoch, dass diese Lehre nur für Gotama selbst gültig ist: Man könne nicht durch eine übernommene Lehre Buddha werden, sondern müsse dieses Ziel durch eigene Erfahrungen erreichen. Govinda schließt sich Gotama an, während Siddhartha weiterzieht.

In einer großen Stadt lernt Siddhartha die Kurtisane Kamala kennen. Er bittet sie, ihn in der Kunst der Liebe zu unterrichten. Um ihre Dienste bezahlen zu können, wird er Kaufmann. Zunächst betrachtet er Geld, Erfolg und weltliche Wünsche als Eigenarten der „Kindermenschen“, wie er die dem Weltlichen ergebenen Menschen nennt. Allmählich wird er ihnen jedoch selbst immer ähnlicher: Aus Übermut entstehen Hochmut und Verstrickung in das Samsara. Ein Traum führt ihm seine Entfernung vom ursprünglichen Ziel vor Augen.

Siddhartha verlässt Kamala, ohne zu wissen, dass sie von ihm schwanger ist. Am Fluss, den er früher überquert hatte, glaubt er, tiefer als je zuvor im Samsara gefangen zu sein, und steht kurz davor, sich zu ertränken. Dann erkennt er, dass ein Selbstmord keine Befreiung bringen würde, sondern zu einer Wiedergeburt und damit zu weiterer Verstrickung führen müsste. Er meditiert und schläft ein. Neben ihm findet ihn Govinda, der ihn zunächst nicht erkennt. Siddhartha versteht nun deutlicher als früher, dass gelehrtes Wissen weniger wichtig ist als unmittelbar erfahrene Erkenntnis.

Am Fluss trifft Siddhartha den Fährmann Vasudeva und wird sein Gehilfe. Vasudeva, der selbst Erleuchtung gefunden hat, lehrt ihn, dem Rauschen des Flusses zuzuhören und von ihm zu lernen.

Später begegnet Siddhartha Kamala wieder. Sie ist auf dem Weg zu dem sterbenden Gotama und führt ihren gemeinsamen Sohn Siddhartha mit sich. Kamala wird am Fluss von einer Schlange gebissen und stirbt. Siddhartha nimmt seinen Sohn bei sich auf und versucht, ihm Bescheidenheit und Ruhe beizubringen. Damit begeht er jedoch denselben Fehler, den er früher seinem eigenen Vater vorgeworfen hatte: Er will den Sohn vor der Welt bewahren und ihm dadurch den eigenen Weg zur Erkenntnis ersparen. Der Sohn, der an das luxuriöse Stadtleben gewöhnt ist, flieht über den Fluss.

Siddhartha folgt ihm gegen Vasudevas Rat. Vor der Stadt erkennt er, dass seine Suche sinnlos ist und dass er seinen Sohn loslassen muss. Der Verlust beschäftigt ihn noch lange. Durch Vasudevas erneuten Hinweis auf den Fluss begreift er, dass dieser sich ständig verändert und doch immer derselbe Fluss bleibt. Darin erkennt Siddhartha sein eigenes Leben wieder: seine Kindheit, seine Jugend und sein Alter gehören zusammen. Nachdem Siddhartha und Vasudeva Erleuchtung gefunden haben, zieht sich Vasudeva in die Wälder zurück. Siddhartha führt die Arbeit als Fährmann fort.

Am Ende begegnen sich Siddhartha und Govinda noch einmal. Govinda ist weiterhin Suchender, während Siddhartha Vollendung erreicht hat. Zunächst kann Govinda Siddharthas Worte weder verstehen noch glauben. Für einen Moment erhält er jedoch Einsicht in die wahre Natur der Dinge; der Gegensatz zwischen dem Suchenden und dem Vollendeten hebt sich auf.

Religiöse und philosophische Bezüge

Die Erzählung verwendet eine indische Handlung und zahlreiche Namen mit Bezügen zum Hinduismus und Buddhismus. Siddhartha ist vom Namen Siddhartha Gautama, dem Namen des historischen Buddha, abgeleitet und bedeutet wörtlich „der, der sein Ziel erreicht hat“. Gotama ist Buddhas Name in Pali, der Sprache der ältesten überlieferten buddhistischen Texte. Vasudeva ist in der indischen Mythologie der Vater Krishnas und damit ein Avatara des Vishnu. Govinda ist ein Name Krishnas, unter anderem in der Bhagavad Gita. Kamala verweist auf Kama, den Gott der Liebe, und damit auf eines der menschlichen Ziele der hinduistischen Lehre, die Sexualität.

Die indische Gewandung ist nach Hesses eigener Aussage jedoch nur ein „Kleid“, also eine Verhüllung. Dem Sinngehalt nach steht das Werk näher bei Laozi als bei Buddha. Zugleich verarbeitet Hesse seine Auseinandersetzung mit dem Christentum, in dem er als Sohn eines Missionars erzogen wurde. Zwischen Buddhismus und Christentum sah er Übereinstimmungen: Im buddhistischen Mitgefühl erkannte er die christliche Liebe, in der Ahimsa-Lehre den Geist der Bergpredigt Jesu.

Im Werk verbinden sich urchristliche Gedanken, Ideen der Romantik, Buddhismus und andere asiatische Religionen. Der Kern des Romans lässt sich als Absage an die Weltflucht, Bejahung einer diesseitsbezogenen Spiritualität sowie Aufruf zu Liebesfähigkeit und Wirken in der Welt zusammenfassen. Die Erleuchtung wird nicht durch die Flucht aus der Welt erreicht, sondern durch die Erfahrungen in Askese, Liebe, Reichtum, Verlust, Elternschaft und Arbeit. Der Fluss steht dabei für eine Wirklichkeit, die sich ständig wandelt und zugleich eine Einheit bildet.

Veröffentlichung und Bearbeitungen

Vor der Buchausgabe wurden Teile der Erzählung veröffentlicht: Am 6./7. August 1920 erschien der Anfang in der Neuen Zürcher Zeitung unter dem Titel „Bei den Asketen“. „Gotama“ wurde am 15. Mai 1921 in den Basler Nachrichten veröffentlicht. Im September 1921 druckte Kurt Wolffs Zeitschrift Genius drei Kapitel unter dem Titel „Siddharthas Weltleben. Drei Kapitel aus einer unvollendeten Dichtung“ ab. Im Oktober 1922 erschien die Erstausgabe im S. Fischer Verlag mit einer Auflage von 6050 Exemplaren.

Weitere wichtige Ausgaben erschienen 1931 als Teil des Bandes Weg nach innen, 1950 beim Suhrkamp Verlag, 1967 als erste Taschenbuchausgabe beim Rowohlt Verlag und 1969 in der Bibliothek Suhrkamp. 1972 verfilmte Conrad Rooks die Erzählung unter dem Titel Siddhartha; Siddhartha wurde von Shashi Kapoor gespielt.

Zu den späteren Bearbeitungen gehören ein dreiteiliges Hörspiel unter der Regie von Leonhard Koppelmann, das 2016 vom Hessischen Rundfunk veröffentlicht wurde und 4 Std. 14 Min. dauert, sowie eine vollständige Lesung mit Ulrich Matthes aus dem Jahr 2002 mit einer Länge von 4 Std. 41 Min.

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