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Serbisch-Orthodoxe Kirche
Serbisch-Orthodoxe Kirche ; Oberhaupt, Patriarch Perić ; Mitglieder, 12.000.000 (Stand: 2022) ; Priester, 410.219 (Stand: 2020) ; Ordensleute, 300.000 (Stand: 2022).
Inhalt6 Abschnitte
Selbstverständnis, Leitung und Verbreitung
Die Serbisch-Orthodoxe Kirche (serbisch Српска православна црква/Srpska pravoslavna crkva, СПЦ/SPC) ist die autokephale orthodoxe Kirche Serbiens. Autokephal bedeutet, dass sie sich kirchenrechtlich selbst leitet. Gemeinsam mit den anderen orthodoxen Kirchen versteht sie sich als Teil der „einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche“.
Ihr Patriarchat hat seinen Sitz in Belgrad. Nach orthodoxem Kirchenrecht ist es für die orthodoxen Christen im Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens unabhängig von ihrer Volkszugehörigkeit zuständig. Es gilt damit offiziell als Landeskirche und nicht als Nationalkirche. Da die meisten Gläubigen Serben sind, die Kirche eine wichtige Rolle in der serbischen Geschichte spielte und weltweit eine große serbische Diaspora besteht, tritt sie teilweise dennoch als serbische Nationalkirche auf.
Oberhaupt ist Patriarch Porfirije Perić. Die Angaben des Artikels zu seinem Amtsbeginn sind widersprüchlich: Irinej soll bis zu seinem Tod im November 2020 Patriarch gewesen sein, Porfirije aber bereits seit dem 18. Februar 2020 dessen Nachfolger sein. Für 2022 nennt der Artikel 12.000.000 Mitglieder. An anderer Stelle ist von rund 80 Prozent der elf Millionen Serben weltweit die Rede. Auch die Zahlen zum Personal widersprechen sich: In den Basisdaten stehen 410.219 Priester für 2020 und 300.000 Ordensleute für 2022; der Abschnitt zur Gegenwart nennt dagegen etwa 2000 Priester sowie rund 230 Mönche und 1000 Nonnen.
Entstehung und kirchliche Selbstständigkeit
Seit dem Ende des 6. Jahrhunderts besiedelten heidnische slawische Gruppen die Balkanhalbinsel. Die Christianisierung der Serben dauerte mehrere Jahrhunderte. Um 860–870 missionierten Kyrill und Method im Gebiet der Morava. Der endgültige Übertritt zum Christentum erfolgte wahrscheinlich unter Mutimir, der ungefähr von 850 bis 891 herrschte. Nach politischen Wechseln gehörten die serbischen Gebiete seit 1018 zum byzantinischen Erzbistum Ohrid.
Das Schisma von 1054 zwischen westlicher und östlicher Kirche verlief als kirchlich-kulturelle Grenze durch die altserbischen Gebiete. Küstenregionen standen überwiegend unter römisch-katholischem Einfluss, das Binnenland unter dem orthodoxen Erzbistum Ohrid. Stefan Nemanja pflegte Beziehungen zu beiden Kirchen; sein Sohn Stefan wurde 1217 durch einen päpstlichen Legaten zum König gekrönt. Dauerhaft richtungsweisend wurde jedoch Nemanjas jüngster Sohn Rastko, der als Mönch den Namen Sava annahm und sich der Ostkirche sowie dem Athos-Mönchtum zuwandte.
Sava erhielt 1219 in Nikaia von Kaiser Theodor I. Laskaris und Patriarch Manuel I. Sarantinos die Erlaubnis zur Gründung eines autokephalen serbischen Erzbistums. Er wurde zum ersten Erzbischof geweiht und machte das Kloster Žiča zum Sitz. Außerdem errichtete er zehn Bistümer, ordnete das Kirchenrecht und die Klosterregeln neu und förderte die Ausbildung des Klerus. Der Ohrider Erzbischof Demetrios Chomatenos erklärte die Gründung für unkanonisch; Jerusalem, Alexandrien und Antiochien erkannten sie dagegen an. Nach der Plünderung Žičas 1253 wurde der Erzbischofssitz nach Peć verlegt. Kirche und Nemanjiden-Staat waren eng verbunden, unter anderem durch Klosterstiftungen wie Hilandar auf dem Athos.
Patriarchat von Peć und osmanische Zeit
Stefan Dušan erhob 1346 den Pećer Erzbischof Joanikije II. zum Patriarchen und ließ sich sieben Tage später zum „Kaiser der Serben und Griechen“ krönen. Dies geschah mit Zustimmung des Patriarchen von Tarnowo, des Erzbischofs von Ohrid und des Athos-Mönchtums, aber ohne Zustimmung Konstantinopels. Mehrere Bistümer wurden zu Metropolien erhoben; eine Metropolie ist ein größerer kirchlicher Verwaltungsbezirk. Die einzelnen Eparchien, also orthodoxen Diözesen, waren in Parochien oder Pfarreien gegliedert.
Das Gesetzbuch Stefan Dušans von 1349 und 1354 regelte die Wahl von Patriarch und Bischöfen. Die Kirche wurde zu einem bedeutenden Feudalherrn mit steuerbefreiten Gütern, Arbeitern und eigener Gerichtsbarkeit. Bischöfe erhoben Abgaben; einfache Priester lebten neben ihrer geistlichen Arbeit hauptsächlich vom Landbau. Kirchengerichte waren unter anderem für Angehörige der Kirchengüter zuständig. Vorschriften gegen Heidentum, Aberglauben und Hexerei stärkten die kirchliche Stellung.
Patriarch Kallixtos I. von Konstantinopel verhängte 1352 ein Anathema, also einen kirchlichen Bann, gegen Dušan und Joanikije II. Nach mehreren Annäherungsversuchen erkannte Patriarch Philotheos 1375 das serbische Patriarchat an und hob den Bann auf. Bedingung war, bei künftigen Expansionen die griechischen Bischöfe und Metropoliten nicht zu verdrängen.
Unter osmanischer Herrschaft blieb die Kirche eine wichtige Trägerin serbischer Kultur. Zunächst wurde sie Konstantinopel unterstellt, 1557 aber als Patriarchat von Peć wieder zugelassen. Es umfasste große Teile des Balkans sowie Ungarn und Siebenbürgen. Patriarchen vertraten die Serben gegenüber der Hohen Pforte; mehrere Bischöfe beteiligten sich an Aufständen gegen die Osmanen. 1766 wurde das Patriarchat erneut Konstantinopel unterstellt. Die autonomen Kirchenleitungen in der Vojvodina und in Montenegro führten seine Tradition weiter.
Vereinigung und Entwicklung seit 1920
Nach der Ansiedlung vieler Serben im Habsburgerreich entstand 1708 das orthodoxe Erzbistum Krušedol, dessen Sitz 1713 nach Karlovci verlegt wurde. Es gewann zunehmend an Bedeutung und wurde 1848 von den österreichischen Behörden zum autokephalen Patriarchat erhoben. Im 19. Jahrhundert bestanden daneben eigenständige serbisch-orthodoxe Leitungen in Belgrad, Montenegro, Bosnien-Herzegowina und Dalmatien.
Nach dem Ersten Weltkrieg und der Gründung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen konnten diese Kirchen vereinigt werden. Der ökumenische Patriarch bestätigte die Autokephalie; Dimitrije Pavlović wurde 1920 als erster Patriarch des erneuerten serbischen Patriarchats anerkannt.
Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Kirche schwere Verluste. Unter der Herrschaft der Ustascha in Kroatien wurden laut Artikel drei Bischöfe und 515 Priester ermordet. Patriarch Gavrilo Dožić stand ab 1941 unter Hausarrest und wurde 1944 als „Ehrenhäftling“ in das Konzentrationslager Dachau gebracht, jedoch wenig später entlassen. Im sozialistischen Jugoslawien waren die Beziehungen zur kommunistischen Führung angespannt; dennoch besaß die Kirche mehr Freiheiten als Kirchen in vielen Ostblockstaaten.
In der Gegenwart nennt der Artikel 40 Diözesen, gut 3600 Gemeinden, über 200 aktive Klöster und sechs theologische Fakultäten. Weitere Einrichtungen sind zwei theologische Hochschulen, ein Institut und eine geistliche Akademie. Die Kirche gehört dem Weltkirchenrat an; seit 1967 erscheint ihre Zeitung Pravoslavlje.
Eparchien und internationale Struktur
Das wichtigste Verwaltungsgebiet ist die Eparchie, die einem Bistum entspricht. In Serbien bestehen unter anderem das Erzbistum Belgrad und Karlovci sowie die Eparchien Bačka, Banat, Braničevo, Niš, Srem, Šumadija und Žiča. Im Kosovo besteht die Eparchie Raszien-Prizren, die sich weiterhin als zu Serbien gehörig betrachtet. Weitere Eparchien und Metropolien liegen in Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Kroatien, Slowenien, Deutschland, Ungarn, Tschechien, der Slowakei und Rumänien.
Die Diaspora wird durch großräumige Bistümer betreut, deren Sitze unter anderem in Stockholm, Paris, Campbellville-Milton, Mars, Third Lake, Alhambra, Sydney, Buenos Aires und Wien liegen. Die Eparchie Düsseldorf und ganz Deutschland betreut die Gläubigen in Deutschland. Für Österreich, die Schweiz, Italien und Malta ist Bischof Andrej Ćilerdžić mit Sitz in Wien zuständig. Zusätzlich bestehen Titularbistümer ohne gewöhnliches eigenes Diözesangebiet.
Seit dem 5. Juni 2022 ist die Mazedonisch-Orthodoxe Kirche – Erzbistum Ohrid autokephal. Teile spanischer und französischer orthodoxer Gemeinschaften erkannten 1988 beziehungsweise 2004 die Gemeinschaft mit der serbischen Kirche an und unterstehen formell ihrem westeuropäischen Bischof. Bedeutende Kirchengebäude finden sich weltweit; besonders hervorgehoben wird der Dom des Heiligen Sava in Belgrad. Er ist die größte Kirche des Balkans, bietet bis zu 12.000 Menschen Platz und trägt ein zwölf Meter hohes vergoldetes Kreuz.
Politische Rolle, Montenegro und Kosovo
Beim Zerfall Jugoslawiens in den 1990er Jahren näherte sich die Kirche der nationalistisch ausgerichteten serbischen Regierung an, während diese sie politisch zu nutzen versuchte. Der Artikel beschreibt eine Wiederbelebung religiös-nationaler Identität und des Phyletismus, also der Auffassung, eine Kirche solle vor allem einer bestimmten Nation dienen. In den Jugoslawienkriegen unterstützte die Kirche weitgehend die Idee eines „Großserbien“. Patriarch Pavle bezeichnete die Angriffe auf Bosnien und Kroatien als serbische „Verteidigungskriege“; Kämpfer, die muslimische bosnische Zivilisten ermordeten, wurden gesegnet. Nach eigener Darstellung blieb die Kirche ihrem christlichen Selbstverständnis treu. Wissenschaftler wie Ivan Videnović und Krsto Lazarević bewerten sie als wichtigen politischen Akteur und verbinden ihren erneuten Aufstieg mit dem serbischen Nationalismus seit den 1990er Jahren.
In Montenegro blieb die Kirche auch nach der Unabhängigkeit von 2006 tätig, verweigerte aber bis 2022 ihre Registrierung als juristische Person. Ein Ende 2020 beschlossenes Gesetz sah die Übertragung bestimmter kirchlicher Liegenschaften an den Staat vor, falls kein Besitz vor 1918 nachgewiesen werden konnte. 2022 schlossen Patriarch Porfirije und Ministerpräsident Dritan Abazović ein Abkommen über das Verhältnis von Staat und Kirche. Zugleich werden nationalistische und prorussische Äußerungen montenegrinischer Würdenträger sowie Kritik des Historikers Boban Batrićević daran behandelt.
Im Kosovo sind alte Kirchen und Klöster zentral für die religiöse und nationale Identität vieler Serben. Die Kirche unterstützt dort die serbische Minderheit und lehnt die 2008 erklärte Unabhängigkeit ab. Kirchliche Einrichtungen waren während des Kosovokrieges Angriffen kosovo-albanischer Nationalisten ausgesetzt. 2023 zogen sich serbische Bewaffnete nach einem Angriff in Banjska in das dortige Kloster zurück; bei dessen Rückeroberung wurden Waffen gefunden. Das bedeutende Kloster Dečani wird seit 1999 von internationalen Militärkräften geschützt. 2024 entschied die kosovarische Regierung nach jahrelangem Streit, ihm mehrere Hektar enteigneten Grundbesitz zurückzugeben.