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Lateinisches Kaiserreich

Das Lateinische Kaiserreich (offiziell Imperium Romaniae, deutsch Kaiserreich Romanien) ist das 1204 von Kreuzfahrern („Franken“) und Venezianern infolge …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Grundzüge des Reiches
  2. 2. Entstehung und politische Ordnung
  3. 3. Zerfall und Ende
  4. 4. Kaiser und Titularkaiser

Grundzüge des Reiches

Das Lateinische Kaiserreich, offiziell Imperium Romaniae beziehungsweise Kaiserreich Romanien, war ein von Kreuzfahrern („Franken“) und Venezianern nach dem Vierten Kreuzzug errichtetes Reich. Es bestand von 1204 bis 1261 und umfasste im Wesentlichen Konstantinopel sowie Teile Thrakiens, Bithyniens und Nordwest-Kleinasiens. Hauptstadt war Konstantinopel; Amtssprachen waren Latein und Altfranzösisch. Die Staats- und Regierungsform war eine Feudalmonarchie, deren Staats- und Regierungschef der Kaiser war.

Das Reich war als Lehnsverband organisiert. Seine territoriale Größe veränderte sich stark: 1204 betrug die Fläche ungefähr 179.000 km², 1209 etwa 206.000 km², 1228 nur noch etwa 47.000 km² und 1260 ungefähr 14.000 km². Formal unterstanden dem Kaiser außerdem das Königreich Thessaloniki, das Herzogtum Archipelagos und die lateinischen Fürstentümer auf dem Peloponnes.

Entstehung und politische Ordnung

Im März 1204, einen Monat vor der Einnahme Konstantinopels, vereinbarten Venezianer und Franken in der partitio terrarum imperii Romaniae die Aufteilung des Byzantinischen Reichs. Dazu gehörten die Plünderung Konstantinopels zur Begleichung fränkischer Schulden und die Einrichtung eines „lateinischen“ Reiches als Gegenstück zum „griechischen“, also byzantinischen Reich. Der Kaiser sollte von je sechs fränkischen und venezianischen Wahlmännern gewählt werden.

Nach der Eroberung Konstantinopels am 13. April 1204 trat die Vereinbarung in Kraft. Zum ersten Kaiser wurde unerwartet Balduin von Flandern gewählt, obwohl Bonifatius von Montferrat als Anführer des Kreuzzugs zunächst als aussichtsreicher galt. Balduin war ein erfahrener Heerführer, erhielt aber aus Rücksicht auf venezianische Interessen nicht genügend Mittel für den Aufbau einer starken Zentralmacht.

Die Macht im Reich lag vor allem bei Franzosen und Venezianern. Venedig errichtete in der Ägäis ein eigenes Kolonialreich. Die venezianische Kolonie am Goldenen Horn gewann die wirtschaftliche Vorherrschaft und entwickelte sich zu einem vom Kaiser beinahe unabhängigen „Staat im Staate“. Dadurch blieb die kaiserliche Herrschaft schwach.

Zerfall und Ende

Das neue Reich konnte das ehemalige byzantinische Gebiet nicht vollständig sichern. Effektive Kontrolle bestand vor allem auf dem Peloponnes und im Umland Konstantinopels. Zugleich entstanden byzantinische Nachfolgestaaten: das Kaiserreich Nikaia und das Despotat Epirus. Das Kaiserreich Trapezunt hatte sich bereits 1185 unabhängig gemacht, ebenso Zypern. In Thrakien fielen die Bulgaren ein; die byzantinisch-orthodoxe Bevölkerung begrüßte sie als Befreier.

Nikaia gewann in den folgenden Jahrzehnten zunehmend an Stärke. Zunächst sicherte es Kleinasien gegen die Seldschuken, anschließend eroberte es größere Teile des früheren byzantinischen Festlandbesitzes in Europa. Das Lateinische Kaiserreich schrumpfte dadurch auf die unmittelbare Umgebung Konstantinopels zusammen. Zusätzlich gerieten die Kaiser in finanzielle Schwierigkeiten, während Venedig die Staatsfinanzen faktisch kontrollierte und nur wenig Unterstützung leistete.

Konstantinopel verfiel zunehmend. Spannungen zwischen den katholischen Herrschern und der orthodoxen Bevölkerung verschärften sich, weil die lateinischen Fremdherrscher kaum Verständnis für die griechische Bevölkerung, ihre Mentalität und ihren orthodoxen Glauben zeigten. Sie erfüllten vor allem administrative Aufgaben und unternahmen wenig für das Allgemeinwohl, etwa für die Erhaltung der Bausubstanz oder die Beseitigung der Kriegsschäden von 1204. Dadurch vertiefte sich die Kluft zwischen dem griechisch-orthodoxen und dem römisch-katholischen Kulturkreis.

Im August 1261 nahm ein nikäisches Heer das fast unverteidigte Konstantinopel eher zufällig in einem Handstreich ein. Die Hauptstreitkräfte des Lateinischen Kaiserreichs befanden sich gerade auf einem Beutezug. Mit der Rückeroberung durch Michael VIII. Palaiologos endete das Lateinische Kaiserreich und das Byzantinische Reich wurde restauriert. Byzanz erreichte jedoch nicht mehr seine frühere Größe. Genua löste Venedig als wichtigster Verbündeter ab und unterstützte Byzanz im Vertrag von 1261 mit seiner Flotte. Lateinische und venezianische Besitzungen in der Ägäis und in Griechenland bestanden teilweise noch bis zum Fall Konstantinopels an die Türken 1453 fort.

Kaiser und Titularkaiser

Die regierenden Kaiser von 1204 bis 1261 gehörten zunächst dem Haus Flandern, später dem Haus Courtenay:

  • Balduin I. regierte 1204–1205/06; Regent war Heinrich von Flandern von 1205 bis 1206.
  • Heinrich regierte 1206–1216.
  • Peter aus dem Haus Courtenay regierte 1216–1217/19, trat das Amt aber nie tatsächlich an. Für ihn wirkten Conon de Béthune und Jolante von Flandern als Regenten.
  • Robert regierte 1219–1228. In seine Zeit fielen die Schlacht von Poimanenon und der Verlust Thessalonikis im Jahr 1224.
  • Balduin II. regierte 1228–1261. Johann von Brienne war von 1231 bis 1237 Mitkaiser; mehrere weitere Adlige übernahmen Regentschaften. In Balduins Regierungszeit fiel die Schlacht von Pelagonien 1259. Nach der Rückeroberung Konstantinopels 1261 endete seine Herrschaft.

Nach 1261 führten Angehörige der früheren Dynastien den Kaisertitel als Anspruch weiter, ohne das Reich zu beherrschen. Diese Titularkaiser waren Balduin II. (1261–1274), Philipp von Courtenay, auch Philipp I. (1274–1283), Katharina von Courtenay, auch Katharina I. (1283–1308), Karl von Valois (1302–1308), Katharina von Valois, auch Katharina II. (1308–1346), Philipp I. von Tarent, auch Philipp II. (1313–1332), Robert von Tarent, auch Robert II. (1346–1364), Philipp II. von Tarent, auch Philipp III. (1364–1373), und Jakob von Baux (1373–1383). Jakob von Baux vermachte seine Ansprüche an Ludwig I. von Anjou; Ludwig und seine Nachkommen führten den Kaisertitel jedoch nie.

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