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Selbstbetrachtungen
Eine deutlichere Abkehr Mark Aurels von der Rhetorik als Kasulke leitet Bernd Manuwald aus seiner Quelleninterpretation ab. Es sei auffällig, dass Mark …
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Werk und Entstehung
Die Selbstbetrachtungen (altgriechisch Τὰ εἰς ἑαυτόν, Ta eis heautón) sind persönliche, aphoristisch formulierte Aufzeichnungen des römischen Kaisers Mark Aurel. Sie gelten als letzte bedeutende Hinterlassenschaft der jüngeren Stoa und zählen zur Weltliteratur. Entstanden sind sie zwischen 170 und 180, vor allem in Feldlagern an der Nordgrenze des Römischen Reiches.
Mark Aurel schrieb auf Altgriechisch, genauer in der Koiné, obwohl er Römer war. Ob er eine Veröffentlichung plante, ist ungewiss; auch der überlieferte Titel stammt wahrscheinlich nicht von ihm. Die frühesten Überlieferungszeugnisse finden sich im Byzanz des 10. Jahrhunderts. Die Notizen dienten vor allem der eigenen Orientierung, Selbstvergewisserung und Lebenspraxis.
Schon früh wurde Mark Aurel durch Lehrer und Vorbilder philosophisch geprägt. Besonders wichtig waren der Stoiker Rusticus, der ihn zur Arbeit am eigenen Charakter und gegen bloßes Reden anhielt, sowie Apollonios aus Chalkis, von dem er unabhängiges Denken und die Leitung durch Vernunft lernte. Als Kaiser sah Mark Aurel sich in einer Doppelrolle: Er wollte politisch handeln, ohne durch Macht zum tyrannischen Herrscher zu werden. Seine Warnung an sich selbst lautet entsprechend: „Verkaisere nicht!“.
Stoische Lebensführung
Die Stoa war für Mark Aurel keine Theorie, die vor allem neue Lehren hervorbringen sollte, sondern eine Weise zu leben. Die jüngere Stoa, zu der Seneca, Musonius, Epiktet und Mark Aurel gerechnet werden, konzentrierte sich besonders auf Ethik, also auf richtiges Handeln, und auf soziale Verantwortung. Physik und Logik blieben Grundlagen, sollten aber zu einer praktischen Lebensführung beitragen.
Entscheidend ist, zwischen dem eigenen Einflussbereich und dem nicht verfügbaren Verlauf der Welt zu unterscheiden. Der Mensch soll vernünftig und gerecht handeln, auch wenn das gewünschte Ergebnis durch Widerstand oder Schicksal verhindert wird. Dann soll er nicht verzweifeln, sondern Gelassenheit üben und sich dem Unvermeidlichen fügen. Nicht Erfolg und Ergebnis einer Handlung sind das höchste Gut, sondern tugendhafte Absicht und vernünftige Vorprüfung.
Mark Aurel fordert keine utopische Politik. Schon der kleinste Fortschritt zählt. Der Herrscher soll Menschen überzeugen und das Gerechte durchsetzen; wird er daran gewaltsam gehindert, soll er die Behinderung zur Übung einer anderen Tugend nutzen. Ziel ist die Seelenruhe, die aus einem Leben in Übereinstimmung mit Vernunft und Schicksal entsteht.
Natur, Vernunft und innere Führung
Die wichtigste Richtschnur ist für Mark Aurel die „Allnatur“, die universale Natur. Mensch und Kosmos gehören zusammen und folgen denselben Prinzipien. Deshalb soll der Mensch seiner individuellen und der allgemeinen Natur folgen. Kosmologisches Wissen, also Wissen über Aufbau und Ordnung der Welt, ist für ihn Voraussetzung eines gelungenen Handelns: Wer nicht weiß, was der Kosmos ist und wozu er geschaffen wurde, weiß auch nicht recht, wer und wozu er selbst ist.
Wie der Kosmos ist auch der Mensch von Werden und Vergehen bestimmt. Der Tod gehört zu diesem fortlaufenden Wandel und soll daher nicht als schlechtes Ereignis bewertet werden. Das Göttliche zeigt sich vor allem als aktives Prinzip in der Natur; die Selbstbetrachtungen können deshalb als besonders konsequente pantheistische Vorstellung verstanden werden. Pantheistisch bedeutet hier: Das Göttliche wird in der gesamten Natur und Weltordnung gesehen.
Die innere Leitung übernimmt das Hegemonikon, der leitende Teil der Seele. Es ist die Quelle von Wissen und Urteil und soll Sinneseindrücke, Wünsche, Ängste und Leidenschaften prüfen. Äußere Dinge sind nicht unmittelbar gut oder schlecht; entscheidend ist das Urteil der Seele über sie. So kann Schmerz den Körper treffen, ohne die innere Ruhe zerstören zu müssen. Das Hegemonikon soll unnötige Gedanken und Handlungen vermeiden, sich selbst Richtung geben und als innere Zuflucht dienen.
Vernunft bedeutet bei Mark Aurel mehr als modernes logisches Denken. Der Logos, die Vernunft, zeigt sich zugleich in Natur, menschlicher Gemeinschaft und Einzelperson. Der Mensch soll Situationen methodisch prüfen, Begriffe klar bestimmen und erkennen, was für das Ganze und für die eigene Pflicht wichtig ist. Zugleich kennt Mark Aurel Grenzen des Wissens: Reicht die eigene Denkfähigkeit für eine Aufgabe nicht aus, soll man sie einem geeigneteren Menschen überlassen.
Gemeinschaft und Selbstgespräch
Weil alle Menschen an derselben Vernunft teilhaben, sind sie nach Mark Aurel von Natur aus politische und soziale Wesen. Der Kosmos ist gewissermaßen ein gemeinsamer Staat, dessen Bürger alle Menschen sind. Daraus folgt die Pflicht, dem Gemeinwohl zu dienen. Das Gute und Schlechte eines vernünftigen, politischen Lebewesens zeigt sich nicht in Passivität, sondern im Tätigsein.
Solidarität ist für Mark Aurel eine zentrale menschliche Eigenschaft. Menschen sind füreinander da: Man soll sie belehren oder dulden. Wer andere hasst und sich von ihnen abwendet, trennt sich zugleich von der Gemeinschaft. Eine Rückkehr in die Gemeinschaft ist möglich, wird aber bei wiederholter Absonderung schwieriger. Als Mittel für Gemeinschaft nennt Mark Aurel Belehrung, Liebe, Freundschaft und Wohlwollen.
Die Selbstansprache ist die besondere Form des Werkes. Mark Aurel spricht häufig ein „Du“ an, meint damit aber sich selbst. Dieser Selbstdialog ist ein Übungsprogramm: Er bereitet auf schwierige Begegnungen vor, hilft beim Einprägen stoischer Leitsätze, bei Selbstprüfung, Entscheidungen und Konzentration. Das Formulieren selbst war dabei vermutlich wichtiger als späteres Wiederlesen. Wiederholungen mit kleinen sprachlichen Veränderungen dienten dazu, sich je nach Lage neu auf die Grundsätze auszurichten.
Ein typisches Beispiel ist die morgendliche Vorbereitung auf unbedachte, undankbare oder unselige Mitmenschen. Mark Aurel will dadurch verhindern, dass fremdes Verhalten ihn selbst zu einem Laster verleitet. Die Selbstbetrachtungen beschreiben daher nicht nur philosophische Lebenskunst, sondern üben sie im Schreiben aus.
Form, Deutung und Wirkung
Die heute übliche Gliederung in 12 Bücher war bei der im 16. Jahrhundert entdeckten Abschrift noch nicht eindeutig vorgegeben. Das erste Buch nimmt eine Sonderstellung ein: Es ist das kürzeste, formal besonders einheitlich und nennt Vorbilder aus Mark Aurels Umfeld sowie deren Tugenden. Seine Abschnitte beginnen jeweils mit „Παρὰ...“ („Von...“). Am Ende dankt Mark Aurel den Göttern für die positiven Einflüsse auf seinen Werdegang.
Die übrigen Notizen reichen von sehr kurzen Sentenzen bis zu Gedankengängen von zwanzig bis sechzig Zeilen. Sie werden in der neueren Forschung oft als hypomnémata verstanden, also fortlaufend verfasste persönliche Notizen. Der Stil strebt Kürze, Klarheit und eine ungeschminkte Sicht auf das Wesentliche an. Metaphern und Vergleiche sind dabei Teil des Gedankens: Das Leben erscheint etwa als Schauspiel, Kriegsschauplatz, Wettkampf oder Schifffahrt. Sprachliche Verkleinerungen können den Wert der Adiaphora, der nach stoischer Lehre gleichgültigen Dinge, relativieren.
Die philosophische Originalität des Werks ist umstritten. Einerseits werden die Gedanken stark auf Lehrer wie Epiktet zurückgeführt; dessen drei Übungsbereiche betreffen Vorstellungen und Urteile, Handlungsantriebe und Handlungen sowie Begehren. Andererseits wird betont, dass Mark Aurel bekannte Elemente kunstvoll verbindet und den Selbstdialog zu einer eigenen Textform macht. Auch seine Erwägung „Vorsehung oder Atome“ wurde unterschiedlich bewertet: als Abweichung von der Stoa oder als Diskussion des Verhältnisses von Physik und Ethik.
Das Menschenbild wird ebenfalls verschieden beurteilt. Kritisiert wurde, dass die stoische Abwehr lähmender Trauer Gefühle zu wenig berücksichtige. Dem wird entgegengehalten, dass Mark Aurel auch positive Emotionen und soziale Bindungen betont. Seine Religiosität bleibt unorthodox und unpersönlich: Der Gottesbegriff schwankt zwischen Allnatur, Zeus und den Göttern; religiöse Erfahrungen schildert er nicht.
Seit der ersten gedruckten Ausgabe in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde das Werk stark geschätzt. Friedrich II. und Helmut Schmidt sahen in Mark Aurel ein Vorbild; Schmidt hob innere Gelassenheit und Pflichterfüllung hervor, bewertete das tatsächliche politische Handeln des Kaisers jedoch in mehreren Punkten kritisch.