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Sekundschritt
Als Sekundschritt bezeichnet man in der Musik das Fortschreiten einer Stimme im Tonabstand einer Sekunde. In der Regel ist der folgende Ton ein benachbarter Ton
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Bedeutung und Grundprinzip
Ein Sekundschritt ist das Fortschreiten einer Stimme um den Tonabstand einer Sekunde. Meist folgt ein benachbarter Ton der jeweiligen Tonleiter: Eine Stimme steigt oder fällt also schrittweise. Sekundschritte können jedoch auch zu leiterfremden Tönen führen. Sie sind besonders wichtig für traditionelles Liedgut, weil viele gesungene Melodien auf Tonleitern beruhen. Im harmonischen Satz haben sie außerdem Funktionen als Vorhalt, Durchgang oder Auflösung einer Dissonanz. Dadurch können sie in der Kunstmusik besondere Deutungsmöglichkeiten erhalten.
Sekundschritte in Tonleitern
Tonleitern der verschiedenen Tongeschlechter bestehen aus Folgen von Sekunden, also aus Ganz- und Halbtonschritten. Die Lage der Halbtonschritte bestimmt das Tongeschlecht, etwa Dur und Moll im tonalen System oder einen der Kirchen-Modi.
In der Dur-Tonleiter liegen die Halbtonschritte zwischen der 3. und 4. sowie zwischen der 7. Stufe, dem Leitton, und der 8. Stufe. Im klassischen abendländischen tonalen System füllen 12 Halbtonschritte eine Oktave; die absteigende chromatische Tonleiter enthält den passus duriusculus. Eine Oktave kann auch aus 6 Ganztonschritten bestehen. Tonsysteme anderer Musikkulturen unterteilen eine Oktave auch mit Drittel- oder Vierteltönen.
Das fis teilt die Oktave von c bis c in zwei gleiche Hälften von je 6 Halbton- oder 3 Ganztonschritten. Das Intervall heißt deshalb Tritonus. Die Abstände c–fis und fis–c werden funktional als verminderte Quint beziehungsweise übermäßige Quart bezeichnet, klingen aber gleich.
Tonleitern als prägendes Merkmal
Tonleitern können ein musikalisches Thema oder den Charakter eines Stückes bestimmen. Das Thema der Aria und aller 30 Variationen der Goldberg-Variationen BWV 988 von Johann Sebastian Bach besteht aus Teilen der G-Dur-Tonleiter; über diese acht Noten arbeitete Bach außerdem 14 Kanons BWV 1087 aus. Das zweite Thema des 1. Satzes von Ludwig van Beethovens Violinkonzert beginnt mit der 3. Stufe der aufsteigenden D-Dur-Tonleiter. In Camille Saint-Saëns’ Karneval der Tiere werden Eichhörnchen durch ausgedehnte auf- und absteigende Tonleiterläufe charakterisiert.
Bachs Choral Es ist genug aus der Kantate O Ewigkeit, du Donnerwort, BWV 60, beginnt mit einer aufsteigenden Tonleiter aus großen Sekunden, die den Tritonus durchschreitet. Im Schlusschor der Kantate Nach dir, Herr, verlanget mich, BWV 150, ist das als „Ciacona“ bezeichnete Chaconne-Thema eine aufsteigende pentatonische Tonleiter in h-moll. Der Chor Lasset uns nun gehen im dritten Teil des Weihnachtsoratoriums BWV 248 ist durch auf- und absteigende Tonleitern geprägt, die auch mehr als eine Oktave durchschreiten können.
Chromatik und passus duriusculus
Der passus duriusculus spielt besonders in der Barockmusik eine Rolle. Er ist eine chromatische Tonfolge und erscheint bei Johann Sebastian Bach häufig als Chaconne-Thema. Meist wird er um einen absteigenden Halbtonschritt erweitert und durchschreitet dann den Raum einer Quarte; Tonfolge, Rhythmus sowie Anfang und Ende können variiert werden. In der Vokalmusik steht er vor allem bei Lamento-Themen.
Bach verwendete ihn beispielsweise im ersten Chor der Kantate Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, BWV 12, den er zum Crucifixus der Messe in h-moll BWV 232 umarbeitete. In BWV 12 wird die reine Folge im Fagott vorgetragen; kleine Sekunden, Tritonus-Sprünge sowie Sekund- oder Septim-Distanzen prägen den Charakter. Im Crucifixus ist die Vorlage noch vorhanden, durch zahlreiche Änderungen aber praktisch neu komponiert; auffällig ist die Rhythmisierung des Chaconne-Themas durch Tonrepetitionen.
Der passus duriusculus erscheint auch als Motiv außerhalb von Chaconne-Themen, etwa als chromatisch absteigende Tonleiter im Schlusschor von BWV 63, als aufsteigende chromatische Linie im Umfang einer Dezime in BWV 91 sowie in Bachs Johannespassion BWV 245. In der Kunst der Fuge BWV 1080 entwickelt Bach aus dem chromatischen zweiten Teil des Themas Varianten chromatischer Motive. Bereits in der 4. Fuge erweitert er das Material um a, h, b, c; in der unvollendeten Tripelfuge ist b-a-c-h das dritte Thema.
Verzierungen und Seufzermotiv
Sekundschritte bilden Verzierungen der Barockzeit und Klassik, darunter Triller, Pralltriller und Mordent. Sekund-Vorhalte werden besonders in Schluss-Klauseln von Rezitativen eingesetzt. Je nach Tonart können sie Halb- oder Ganztonschritte sein; sie können auch nur aus Halbtonschritten bestehen und dann leiterfremd sein. Da diese Techniken im Barock als selbstverständlich galten, wurden sie oft nicht notiert. Zeitgenössische Kritiker warfen Johann Sebastian Bach vor, viele Verzierungen ausgeschrieben und damit die Freiheit der Interpreten eingeschränkt zu haben.
Das Seufzermotiv ist ein auf- oder absteigender Sekundschritt: Der erste Ton wird stark akzentuiert, die angebundene folgende Note dagegen unbetont und leiser gespielt. Häufig werden solche Zweiergruppen zu auf- oder absteigenden Ketten verbunden; der betonte Ton der nächsten Gruppe wiederholt dabei den unbetonten Ton der vorherigen. Ein Beispiel ist der Choral O Mensch bewein dein Sünde groß in der Matthäus-Passion BWV 244, den Bach zeitweilig als Eingangschor der Johannes-Passion BWV 245 verwendete. Auch in BWV 618, der Bass-Arie Ächzen und erbärmlich weinen aus BWV 13, der Sonate BWV 1014 und der Fuge fis-moll aus BWV 859 verwendet Bach das Motiv. In BWV 13 treten neben Seufzern in kleinen Sekunden auch Tritonus und übermäßige Sekund auf.