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Das Wohltemperierte Klavier

Diese sind chromatisch aufsteigend von C-Dur bis h-Moll angeordnet, wobei nach einer Durtonart die gleichnamige Molltonart erscheint (C-Dur/c-Moll, Cis-Dur/cis- …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Bedeutung
  2. 2. Titel, Instrument und Stimmung
  3. 3. Entstehung und Überlieferung
  4. 4. Musikalische Formen und Beispiele
  5. 5. Tonarten und Nachwirkung

Überblick und Bedeutung

Das Wohltemperierte Klavier (BWV 846–893) von Johann Sebastian Bach ist eine Sammlung von Präludien und Fugen für Tasteninstrumente. Bach stellte den ersten Teil 1722 und den zweiten 1740/42 fertig. Jeder Teil enthält 24 Satzpaare, also jeweils ein Präludium und eine Fuge in allen zwölf Dur- und zwölf Molltonarten. Insgesamt umfasst die Sammlung 96 Einzelstücke.

Die Tonarten sind chromatisch, also in Halbtonschritten, von C-Dur bis h-Moll angeordnet. Auf jede Durtonart folgt die gleichnamige Molltonart: C-Dur/c-Moll, Cis-Dur/cis-Moll und so weiter. Der erste Teil umfasst BWV 846–869, der zweite BWV 870–893.

Das Werk demonstriert, dass sich bei geeigneter Stimmung eines Tasteninstruments in sämtlichen Tonarten komponieren und spielen lässt. Zugleich ist es ein systematisches Lehrwerk für musikalische Anfänger und Fortgeschrittene. Durch seine Verbindung von pädagogischem Zweck, kontrapunktischer Kunst und vielfältigem musikalischem Ausdruck wurde es zu einem Meilenstein der europäischen Musikgeschichte.

Titel, Instrument und Stimmung

Bachs Langtitel von 1722 nennt als Zielgruppe die „Lehrbegierige Musicalische Jugend“ sowie bereits erfahrene Musiker. Das Werk sollte sowohl dem Lernen als auch dem „besonderem Zeitvertreib“ dienen. Diese pädagogische Zweckbestimmung passte zu Bachs Tätigkeit in der Ausbildung des musikalischen Nachwuchses und auch zu seiner damaligen Bewerbung um das Amt des Thomaskantors in Leipzig.

Mit „Clavier“ bezeichnete man zu Bachs Zeit allgemein Tasteninstrumente. Bach legte daher kein bestimmtes Instrument fest. Der größte Teil der Sammlung wurde offenbar für Clavichord oder Cembalo entworfen; heute wird sie auch auf dem modernen Klavier oder Flügel gespielt.

„Wohltemperiert“ bezeichnet eine Stimmung, bei der die Intervalle so verteilt werden, dass alle Tonarten verwendbar sind. In der älteren mitteltönigen Stimmung klangen Tonarten zunehmend verstimmt, je weiter sie von C-Dur entfernt waren; besonders problematisch war die sogenannte Wolfsquinte. Wohltemperierte Stimmungen entschärften dieses Problem auf Kosten vollkommen reiner Terzen. Andreas Werckmeister bezeichnete 1681 eine von ihm entwickelte Stimmung als wohltemperiert. Johann David Heinichen führte 1710 den Quintenzirkel ein, der die 24 Dur- und Molltonarten als zusammenhängendes tonales System darstellte.

Welche wohltemperierte Stimmung Bach genau verwendete, ist unbekannt. Sicher ist aber, dass sie nicht mit der heute üblichen gleichstufigen Stimmung identisch war. Bei der gleichstufigen Stimmung wird die Oktave in zwölf gleich große Halbtonschritte geteilt; dadurch sind die klanglichen Unterschiede zwischen den Tonarten geringer als bei Bachs Stimmung.

Die damals noch nicht allgemein gebräuchlichen Begriffe Dur und Moll umschrieb Bach im Titel durch ihre charakteristischen Terzen und Tonfolgen: Dur durch die große Terz, lateinisch tertia major, und „Ut Re Mi“, Moll durch die kleine Terz und „Re Mi Fa“.

Entstehung und Überlieferung

Vor Bach gab es bereits Sammlungen, die Präludien und Fugen verbanden oder ungewöhnlich viele Tonarten verwendeten. Besonders wichtig war Johann Caspar Ferdinand Fischers Ariadne Musica von 1702, von der nur der Nachdruck von 1715 erhalten ist. Darin wurde ein Präludium unterschiedlicher Form konsequent mit einer Fuge kombiniert; die Stücke stehen in insgesamt zwanzig Tonarten. Johann Matthesons Exemplarische Organisten-Probe von 1719 enthielt außerdem Generalbassübungen in allen Tonarten, allerdings ohne vergleichbaren künstlerischen Anspruch.

Über die früheste Entstehung des ersten Teils ist nichts Sicheres bekannt. Eine 1790 überlieferte Erzählung behauptet, Bach habe das Werk aus Langeweile an einem Ort ohne Musikinstrumente geschrieben. Dies wurde teilweise mit seiner Haft in Weimar 1717 verbunden, doch Ort und Zeitpunkt sind nicht belegt.

Der erste Teil ist in Bachs Autograph, also seiner eigenen Handschrift, sowie in zahlreichen Schülerabschriften überliefert. Diese Quellen zeigen einen längeren Überarbeitungsprozess. In einer frühen Fassung waren besonders mehrere Präludien der ersten Hälfte kürzer und einfacher. Elf teilweise unvollständige Präludien stehen in weiterentwickelter Form im Klavierbüchlein für Wilhelm Friedemann Bach. Später verlängerte Bach fast alle Präludien bis G-Dur, teilweise nahezu auf das Doppelte; die Fugen änderte er dagegen kaum. Das Autograph von 1722 wurde ebenfalls mehrfach überarbeitet. Die letzte bekannte Revision entstand nach 1740 und betrifft wiederum vor allem die erste Hälfte bis zur G-Dur-Fuge.

Vom zweiten Teil existiert ein unvollständiges Autograph, das 1896 im British Museum bekannt wurde und auf 1740/42 datiert wird. Es besteht aus losen Doppelblättern; die Stücke in cis-Moll, D-Dur und f-Moll fehlen. Bach gab diesen Blättern keinen Gesamttitel. Eine Abschrift seines Schülers Johann Christoph Altnikol von 1744 bezeichnet die Sammlung als zweiten Teil des Wohltemperierten Klaviers. Bach griff dabei vermutlich noch stärker als im ersten Teil auf ältere Kompositionen zurück.

Musikalische Formen und Beispiele

Obwohl das Werk nur die Grundformen Präludium und Fuge verwendet, bietet es eine große Vielfalt an Satzarten und Ausdrucksformen. Ein Präludium ist ein frei gestaltetes einleitendes Stück. Es kann auf die anschließende Fuge vorbereiten, besitzt hier aber meist selbstständigen künstlerischen Rang. Manche Präludien sind sogar länger und gewichtiger als ihre Fugen, etwa das Es-Dur-Präludium BWV 852 im ersten Teil.

Die Präludien folgen keiner festen Kompositionsregel. Das C-Dur-Präludium BWV 846 des ersten Teils ist beispielsweise arpeggiert: Seine Akkorde werden in nacheinander erklingende Einzeltöne zerlegt, ohne dass ein eigenständiges Thema entwickelt wird. Andere Präludien sind zwei- oder dreistimmige Inventionen, bei denen musikalische Gedanken zwischen den Stimmen nachgeahmt werden. Im zweiten Teil kommen außerdem galante Stücke mit Akkordbrechungen, Seufzermelodik und zweiteiliger Anlage vor.

Eine Fuge ist strenger aufgebaut. Ihr Grundprinzip ist die Imitation: Ein Thema erscheint nacheinander in mehreren selbstständigen Stimmen. Die Verbindung solcher Stimmen nach kontrapunktischen Regeln heißt Kontrapunkt. Bachs Fugen sind meist kurz, unterscheiden sich aber deutlich in Charakter und Gestaltung. Einige erinnern an Tänze, etwa an einen Passepied in F-Dur im ersten Teil und h-Moll im zweiten oder an eine Gavotte in Fis-Dur im zweiten Teil.

Der zweite Teil enthält ausschließlich drei- und vierstimmige Fugen. Im ersten Teil gibt es zusätzlich eine zweistimmige Fuge in e-Moll und zwei fünfstimmige Fugen in cis-Moll und b-Moll. Die große Mehrheit ist monothematisch, verarbeitet also ein einziges Hauptthema. Drei Fugen besitzen zwei Themen; nur zwei besonders hervorgehobene Stücke sind Tripelfugen mit drei Themen.

Zwischen einem Präludium und seiner Fuge lassen sich teilweise musikalische Beziehungen erkennen, sie sind jedoch nicht zwingend. Auch die Gesamtfolge bildet abgesehen von der systematischen Tonartenordnung wahrscheinlich keinen geschlossenen Zyklus. Daher wird das Wohltemperierte Klavier eher als Sammlung selbstständiger Stücke bezeichnet.

Tonarten und Nachwirkung

Ob Bach einzelnen Tonarten feste Charaktere oder Bedeutungen zuschrieb, ist nicht belegt. Spätere Beschreibungen beruhen meist auf subjektiven Eindrücken und widersprechen einander teilweise. Auch Johann Matthesons Charakterisierung von 17 Tonarten aus dem Jahr 1713 lässt sich nicht sicher mit Bachs Denken verbinden.

Gegen eine feste Tonartensymbolik spricht, dass Bach einige ältere Werke transponierte, also in eine andere Tonart versetzte. Als Vorstufe der dis-Moll-Fuge des ersten Teils wird eine Fuge in d-Moll angenommen, als Vorstufe der gis-Moll-Fuge eine in g-Moll. Die As-Dur-Fuge des zweiten Teils geht auf eine nur 23 Takte lange Fughetta in F-Dur (BWV 901) zurück. Außerdem verändert die heute verbreitete gleichstufige Stimmung den Klang der Tonarten gegenüber Bachs wohltemperierter Stimmung. Aussagen über ihren Charakter müssen deshalb vorsichtig beurteilt werden.

Das Werk blieb auch nach Bachs Tod bekannt. Mozart bearbeitete Fugen daraus für Streichtrio (KV 404a) und Streichquartett (KV 405); Beethoven und Schumann schätzten die Sammlung ebenfalls. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war Carl Czernys Ausgabe sehr verbreitet, griff jedoch mit Angaben und Änderungen stark in den Notentext ein. Franz Kroll veröffentlichte 1862/63 erstmals eine neue kritische Ausgabe, die handschriftliche Quellen mit technischen Erläuterungen und Fingersätzen verband. Im 20. Jahrhundert gewannen historisch-kritische Quellenforschung und historische Aufführungspraxis an Bedeutung.

Das Ordnungsprinzip der 24 Tonarten und die Verbindung von Präludium und Fuge regten zahlreiche spätere Komponisten an. Dazu zählen Frédéric Chopins 24 Préludes op. 28, Paul Hindemiths Ludus tonalis von 1942 und Dmitri Schostakowitschs 24 Präludien und Fugen op. 87. Damit wirkte Bachs Sammlung sowohl als Lehrwerk als auch als kompositorisches Vorbild weit über ihre Entstehungszeit hinaus.

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