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Zigeunertonleiter
Zigeunertonleiter ist eine Bezeichnung für heptatonische Tonleitern in folkloristischer und klassischer Musik, die durch zwei übermäßige Sekundschritte …
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Definition und Grundprinzip
Als Zigeunertonleitern werden heptatonische, also siebentönige Tonleitern bezeichnet, die in folkloristischer und klassischer Musik vorkommen. Ihr auffälligstes Merkmal sind zwei übermäßige Sekunden. Eine übermäßige Sekunde ist ein Tonschritt, der klanglich einer kleinen Terz entspricht, in der Tonleiter aber zwei benachbarte Stufen verbindet.
Ähnlich wie bei den Tongeschlechtern Dur und Moll unterscheidet man Zigeuner-Dur und Zigeuner-Moll. Beide Skalen enthalten ungewöhnlich große Schritte zwischen benachbarten Tonleiterstufen. Solche Strukturen wurden in der europäischen Kunstmusik besonders im ungarischen Stil, dem style hongrois, verwendet. Georges Bizet setzte sowohl Zigeuner-Moll als auch Zigeuner-Dur für das „Schicksalsmotiv“ seiner Oper Carmen ein.
Mollform
Zigeuner-Moll, französisch mode hongrois und auch ungarische Tonleiter genannt, entspricht seiner Tonstruktur nach einer harmonischen Molltonleiter mit erhöhter vierter Stufe. Die Erhöhung der vierten Stufe erzeugt zwischen der dritten und vierten Stufe eine zusätzliche übermäßige Sekunde. Im 19. Jahrhundert wurde dieser Tonschritt mit der Musik der ungarischen Roma verbunden; Joseph Haydn und Franz Liszt verwendeten ihn als Stilmittel in Werken des style hongrois.
Die Ableitung aus harmonisch Moll ist jedoch musiktheoretisch problematisch. Im harmonischen Moll diente die erhöhte siebte Stufe besonders im Barock und in der Klassik vor allem als Leitton zum Grundton oder als Durterz über der fünften Stufe. Der damals unerwünschte melodische Sprung einer übermäßigen Sekunde zwischen sechster und siebter Stufe wurde häufig umgangen, etwa durch die abspringende Septime in der Melodieformel e–f–Gis–A. In Zigeuner-Moll gehören die übermäßigen Sekunden dagegen zur charakteristischen Melodiebildung. Deshalb dürfen beide Erscheinungen nicht ohne Weiteres gleichgesetzt werden.
Durform
Zigeuner-Dur besitzt eine Durterz und ist symmetrisch aufgebaut. Die Tonleiter besteht aus zwei identisch strukturierten Tetrachorden. Ein Tetrachord ist hier eine Folge von vier Tönen; in seiner Mitte liegt jeweils eine übermäßige Sekunde. Im Zusammenhang mit pseudo-orientalischer Musik wird diese Skala gelegentlich auch arabische Tonleiter genannt.
Strukturell lässt sie sich als phrygische Tonleiter mit Durterz und erhöhter siebter Stufe beschreiben. Die erhöhte siebte Stufe wirkt wie in einer Durtonleiter als Leitton, also als Ton, der in den Grundton strebt. Alternativ kann man Zigeuner-Dur aus einer Durtonleiter gewinnen, indem man deren zweite und sechste Stufe jeweils um einen Halbton erniedrigt. Dadurch entstehen abwärtsführende Leittöne zur ersten und zur fünften Stufe. Außerdem kann Zigeuner-Dur als plagale Form von Zigeuner-Moll verstanden werden, die auf dessen fünfter Stufe beginnt.
Aufbau aus Tetrachorden
Franz Liszt leitete die Zigeunertonarten vom altgriechischen „chromatischen Tetrachord“ ab. Dieses besteht aus einer kleinen Terz und zwei aufeinanderfolgenden Halbtonschritten. Die kleine Terz klingt wie eine übermäßige Sekunde. Die unterschiedliche Bezeichnung ergibt sich daraus, dass bei der Darstellung als Tonleiter keine Stufe übersprungen werden darf.
Damit lassen sich die verwendeten Tetrachorde durch die Schrittfolge Halbton–übermäßiger Ganzton–Halbton beschreiben. C-Zigeuner-Dur besteht aus den beiden disjunkten, also durch einen Ganzton getrennten Tetrachorden c–des–e–f und g–as–h–c. C-Zigeuner-Moll besteht aus den beiden konjunkten, also durch den gemeinsamen Ton g verbundenen Tetrachorden d–es–fis–g und g–as–h–c; ein unten angefügtes c vervollständigt die Tonleiter.
Bezeichnung und Kontroverse
Die traditionelle Bezeichnung enthält einen heute vielfach als diskriminierend empfundenen Begriff. Deshalb gibt es Forderungen, auch historisch gewachsene Wortbildungen dieser Art aus dem Sprachgebrauch zu entfernen, obwohl die konkrete musikalische Bezeichnung laut Artikel keine abwertende Konnotation besitzt. Zugleich wird darauf hingewiesen, dass selten Alternativen vorgeschlagen werden, die sowohl sprachlicher Sensibilität als auch dem Wunsch von Musikern nach Kontinuität der historisch gewachsenen Fachsprache entsprechen. Die Benennung ist daher umstritten.