Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Schweizerische Kolonialbeziehungen

Mohr an der Kramgasse in Bern; zwischen 1726 und 1732 investierte die Zunft zum Mohren grosse Summen in den atlantischen Dreieckshandel der South Sea …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick über die kolonialen Verflechtungen
  2. 2. Handel, Plantagen und Versklavung
  3. 3. Wirtschaftliche Expansion und Missionsarbeit
  4. 4. Militärische und staatliche Dienste in Kolonien
  5. 5. Forschung, Sammlungen und rassistische Theorien
  6. 6. Haltung des Bundes und spätere Aufarbeitung

Überblick über die kolonialen Verflechtungen

Die Schweiz besass keine eigenen formellen Kolonien, war aber auf vielfältige Weise mit dem Kolonialismus anderer Staaten verbunden. Schweizer Kaufleute profitierten vom transatlantischen Handel, beteiligten sich am Sklaven- und Rohstoffhandel oder betrieben Plantagen unter dem Schutz kolonialer Mächte. Schweizer Söldner und Zivilbeamte wirkten in Kolonialarmeen und Verwaltungen mit; Forschende, Missionsgesellschaften und geografische Vereine trugen durch Expeditionen, Sammlungen, Wissen und wirtschaftliche Aktivitäten ebenfalls zu kolonialen Strukturen bei. Eine Publikation von 2012 bezeichnete dies als «Kolonialismus ohne Kolonien».

Handel, Plantagen und Versklavung

Die direkte und indirekte Schweizer Beteiligung am transatlantischen Sklavenhandel dauerte etwa 50 Jahre und begann vergleichsweise spät. Schätzungen sprechen von rund 172'000 verschifften versklavten Menschen bei insgesamt mehr als 12 Millionen. Allein zwischen 1773 und 1830 beteiligten sich Schweizer Kaufleute an etwa hundert Expeditionen von französischen Häfen aus; dabei wurden ungefähr 18 000 bis 25 000 Afrikanerinnen und Afrikaner in die Amerikas deportiert.

Kaufleute statteten eigene Schiffe aus oder beteiligten sich finanziell an Sklavenschiffen. Die Schweizer Baumwollindustrie stellte bedruckte Stoffe, sogenannte «Indiennes», her, die im Sklavenhandel als Tauschware dienten. Einige Händler und Stoffproduzenten gründeten Niederlassungen in Nantes, damals Frankreichs grösstem Sklavenschiffhafen. Die Republik Bern spekulierte von 1719 bis 1734 mit Aktien der South Sea Company, deren Geschäftsmodell auf dem Sklavenhandel beruhte.

Einige Schweizer Kaufleute besassen Plantagen, etwa in Grenada oder Surinam. Dort bauten versklavte Menschen Kaffee, Zucker, Baumwolle, Kakao und Reis an; Widerstand wurde gegebenenfalls gewaltsam unterdrückt. 1748 wanderten zehn Basler Familien nach Surinam aus, um mit deutschen Auswanderern Oranjepad zu gründen. Jede Familie sollte unter anderem zehn Sklaven erhalten. Die Siedlung bestand 1751 nicht mehr; von 93 Eingewanderten lebten nur noch 11.

Auch Schweizer Auswanderung nach Nordamerika und Brasilien stand im Zusammenhang mit Regionen, in denen Sklavenhaltung verbreitet war. Johann August Sutter (1803–1880), Gründer von Neu-Helvetien in Kalifornien, band indigene Männer und Frauen in Zwangsarbeit ein und handelte mit indigenen Kindern, um Schulden zu tilgen.

Wirtschaftliche Expansion und Missionsarbeit

Ab 1858 entstanden in der Schweiz geografische Gesellschaften, zuerst in Genf, später unter anderem in Bern, St. Gallen, Herisau, Aarau, Neuenburg und Zürich. Sie betrieben teilweise Handelsgeografie, also die Sammlung und Vermittlung geografischen Wissens für Handel und Export. Mitglieder waren Industrielle, Handelsleute und Bankiers; 1881 gründeten sie die gesamtschweizerische Association des sociétés suisses de géographie.

Die Historikerin Andrea Franc kam 2008 zum Ergebnis, dass Schweizer Privatunternehmen grundsätzlich von der britischen Kolonialherrschaft an der Goldküste profitieren konnten. Viele Händler verlangten von der Kolonialregierung ein härteres Vorgehen gegen «renitente Einheimische». Für den Schweizer Staat erkannte Franc keine expansionistische Ideologie wie jene hinter dem britischen Weltreich; bei der Basler Mission und ihrer Handelsgesellschaft sei eine solche jedoch feststellbar. Vor 1914 beschrieb sie dies eher als «wenig profilierter ökonomischer Expansionismus» oder «wirtschaftlicher Opportunismus». Mit Beginn des Ersten Weltkriegs betrieben Banken und Industrie laut Franc eine Expansionspolitik, die als Imperialismus im engeren Sinn gelten könne.

Die pietistisch geprägte Basler Mission war unter anderem in Liberia, an der Goldküste, in Kamerun, Südindien, China und Niederländisch-Indien tätig. Sie wandte sich an der Goldküste seit 1827 ausdrücklich gegen den Sklavenhandel. Das führte zu Konflikten mit lokalen Mitarbeitenden, welche Haussklaverei als traditionelle grossfamiliäre Versorgungsstruktur verteidigten. Weil sie ihre Sklaven und Sklavinnen nicht freilassen wollten, wurden viele lokale Katechisten ausgeschlossen.

In Kamerun protestierte die Mission 1901 gegen die Ausbeutung der Bakwiri und gegen Landenteignungen und erreichte im Konflikt mit Plantageneigentümern etwas günstigere Bedingungen. Sie stellte das Enteignungsrecht der deutschen Kolonialmacht jedoch nicht grundsätzlich infrage, auch weil sie von der Zusammenarbeit mit dem Gouverneur abhängig war. Missionsangehörige sammelten zudem kulturelle und religiöse Gegenstände. Die rund 10 000 Objekte wurden 1981 dem Museum der Kulturen Basel als Dauerleihgabe übergeben. 1911 gab die Mission in «Deutsch-Kamerun» eine Anleitung zum Sammeln, Forschen und Berichten heraus, um die Zerstörung und Verbrennung als «heidnisch» bezeichneter Objekte zu verhindern.

Militärische und staatliche Dienste in Kolonien

Schweizer Söldner dienten in mehreren Kolonialarmeen. Sie halfen bei Eroberungen, bei der Durchsetzung kolonialer Herrschaft und bei der Niederschlagung von Aufständen. In den 1750er Jahren wurden mehr als 500 Söldner für die British East India Company angeworben, um gegen die lokale Bevölkerung Indiens zu kämpfen. Louis-Henri Fourgeoud führte 1763 und 1773 Strafaktionen gegen entflohene versklavte Menschen in Berbice und Surinam. Schweizer Halbbrigaden kämpften 1802 in Saint-Domingue, dem heutigen Haiti, gegen die Ablösung der Kolonie von Frankreich und für die Wiedereinführung der Sklaverei.

Zwischen 1848 und 1914 dienten rund 7680 Schweizer in der Niederländischen Ostindien-Kompanie, insbesondere auf Java und im Aceh-Krieg im Norden Sumatras. Söldnereinsätze waren ab 1859 verboten. Die Französische Fremdenlegion war davon bis 1927 ausgenommen, weil sie als nationale Truppe und nicht als Söldnerheer galt. In ihr standen zwischen 1831 und 1962 insgesamt etwa 15 000 bis 30 000 Schweizer im französischen Dienst. Die Legion war unter anderem an der Eroberung Algeriens ab 1831, in Nord- und Westafrika, in Formosa 1884, beim Madagaskar-Aufstand 1947 und im Indochinakrieg ab 1946 eingesetzt.

Im Kongo unterstützten Schweizer Personen und Institutionen die Herrschaft Leopolds II. 1877 entstand das Comité national suisse pour l’exploration et la civilisation de l’Afrique centrale, das offiziell Krankenhäuser sowie wissenschaftliche und friedensfördernde Stationen anstrebte. Schweizer Banken gewährten für die Expansion des Königs einen Kredit von 150 Millionen Franken. Der Vertrag von 1889 zwischen der Schweiz und dem Kongo-Freistaat regelte auch die Teilnahme Schweizer Bürger an Bürgerwehren. Fünfzehn Schweizer dienten von 1896 bis 1908 in Leopolds privater Kolonialarmee; daneben sind allein aus La Chaux-de-Fonds 19 Zivilbeamte in der späteren Demokratischen Republik Kongo bekannt.

Forschung, Sammlungen und rassistische Theorien

Schweizer Forschende lieferten mit geografischen, botanischen und ethnologischen Arbeiten Grundlagen für weitere Kolonisierungen. Ethnologie ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit Kulturen und Gesellschaften. Ihre Arbeiten konnten zugleich rassifizierte Vorstellungen fördern, also die Einteilung von Menschen in angebliche «Rassen» und die Behauptung einer Unterlegenheit Kolonisierter. Von Expeditionen gelangten viele ethnografische, botanische und zoologische Objekte in Schweizer Museen.

Beispiele sind Sammlungen aus Nordafrika, Kamerun, dem damaligen «Deutsch-Südwestafrika», Angola, Guinea-Bissau, Ceylon und Celebes. Forschende Reisen und Sammlungen prägten die Debatten über den kolonialen Süden. Aus Benin befanden sich 2025 rund 100 Objekte in Schweizer Museen; etwa die Hälfte stammte aus einem britischen Raubzug im beninischen Königspalast von 1897. Viele Museen diskutieren daher über Restitution, also die Rückgabe von Sammlungsobjekten.

Reiseberichte und Anschauungsmaterial unterstützten zudem eine pseudowissenschaftliche «Rassenforschung». Diese sollte die angeblich naturgegebene Unterlegenheit Kolonisierter beweisen und ihre Versklavung rechtfertigen. Als international wirkende Vertreter solcher Theorien nennt der Artikel unter anderem Johann Caspar Lavater, Carl Ludwig von Haller, Louis Agassiz, Carl Vogt, Henri de Saussure und Auguste Forel.

Haltung des Bundes und spätere Aufarbeitung

Der schwache Schweizer Staat des 19. Jahrhunderts griff laut Georg Kreis kaum in private Wirtschaftsaktivitäten ein. Gemeinden förderten teilweise auch erzwungene Auswanderung, um Armut im Inland zu verringern. Nach dem Aufstand von Ibicaba 1856 untersuchte Johann Jakob von Tschudi 1860 im Auftrag der Eidgenossenschaft die Lage schweizerischer Siedlerinnen und Siedler in Brasilien. Dort ersetzte das parceria-System, ein Halbpacht-System, die Sklavenarbeit teilweise durch die Ausbeutung eingewanderter Siedler.

1863 verlangte Nationalrat Wilhelm Joos Strafbestimmungen gegen Schweizer, die Sklaven kauften oder verkauften. Der Bundesrat lehnte dies ab: Berichte aus Brasilien hielten den Verzicht auf Sklaven für Besitzer für nicht zumutbar und bezeichneten Sklaven als «zweckmässig». Der Nationalrat verwarf das Geschäft mit 56 zu 21 Stimmen. Während des amerikanischen Sezessionskriegs von 1861 bis 1865 war die Schweiz gespalten: Neben Sympathien für Abraham Lincoln und die Nordstaaten verteidigten katholisch-konservative und wirtschaftsliberale Kreise die Sklaverei und unterstützten die Südstaaten.

Patricia Purtschert beschreibt das schweizerische Selbstverständnis des 20. und 21. Jahrhunderts mit dem Begriff «koloniale Amnesie»: Kolonialismus werde als etwas betrachtet, das nur «die Anderen» betreffe. 2003 erklärte der Bundesrat Fragen zu Wiedergutmachung und Entschädigung zur internationalen Aufgabe. 2014 bedauerte er «zutiefst die damalige Beteiligung schweizerischer Bürger, Unternehmen und Organisationen am Sklavenhandel». Weiter diskutiert wird, wie weit Schweizer Wohlstand und Schlüsselindustrien wie Schokolade, Pharmaindustrie, Bankensektor und Rohstoffhandel mit kolonialen Verstrickungen verbunden sind. 2024 zeigte das Landesmuseum Zürich vom 13. September 2024 bis 19. Januar 2025 mit «Kolonial – Globale Verflechtungen der Schweiz» erstmals einen umfassenden Überblick über diese Verflechtungsgeschichte.

Weiterlesen

Kolonialismus Die Dependenztheorie sieht in der fortgesetzten Abhängigkeit der ehemaligen Kolonien eine Hauptursache der in ihnen verbreiteten Armut. Andere … Atlantischer Dreieckshandel Atlantischer Dreieckshandel. Erklärungsmodell für den Sklavenhandel vom 17. bis 19. Jahrhundert. Artikel · Diskussion. Atlantischer Sklavenhandel Der atlantische Sklavenhandel bzw. der transatlantische Sklavenhandel umfasst den im 16. Jahrhundert einsetzenden Kauf von Sklaven aus dem westlichen, … Niederlande Die Niederlande (niederländisch und friesisch Nederlân, Singular, auf Deutsch informell auch Holland) sind eines der vier autonomen Länder des Königreiches … Vereinigtes Königreich Das Vereinigte Königreich ist eine Union aus vier Landesteilen, die auf Englisch meist als countries (Länder) oder nations (Nationen) bezeichnet werden: England … Imperialismus Als eigentliches Zeitalter des Imperialismus gilt das späte 19. Jahrhundert, wozu auch die verschiedenen marxistischen Imperialismustheorien beitrugen. Im … Kamerun (Kolonie) Kamerun war von 1884 bis 1919 als Schutzgebiet eine deutsche Kolonie. Die Kolonie hatte anfangs eine Fläche von 495.000 km², nach der Angliederung … Kanton Waadt Der Kanton Waadt ist hinsichtlich der Einwohnerzahl und des Bruttoinlandproduktes nach den Kantonen Zürich und Bern der drittgrösste Schweizer Kanton. Bezüglich … Saint-Domingue Saint-Domingue war von 1697 bis 1804 eine französische Kolonie auf dem Gebiet des heutigen Haiti mit der Hauptstadt Cap-Français. Der Name Saint-Domingue … Haiti Die im Jahr 1804 nach langen Auseinandersetzungen in der Haitianischen Revolution erkämpfte Unabhängigkeit führte zu einem wirtschaftlichen Niedergang des … La Chaux-de-Fonds Es ist die grösste Stadt im Hochjura und die sechstgrösste Stadt in der französischsprachigen Westschweiz (Romandie). La Chaux-de-Fonds liegt auf rund 1000 m ü. Demokratische Republik Kongo Demographie · Bevölkerungsentwicklung, Fertilitäts- und Nettoreproduktionsraten von 1950 bis 2021; Schätzung der Vereinten Nationen 2022 · Bevölkerungspyramide …