Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Kamerun (Kolonie)

Kamerun war von 1884 bis 1919 als Schutzgebiet eine deutsche Kolonie. Die Kolonie hatte anfangs eine Fläche von 495.000 km², nach der Angliederung …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Deutsche Kolonie Kamerun im Überblick
  2. 2. Besitzergreifung und Grenzbildung
  3. 3. Militärische Unterwerfung und Kolonialherrschaft
  4. 4. Verkehr, Kommunikation und Verwaltung
  5. 5. Wirtschaft und Zeit nach der deutschen Herrschaft

Deutsche Kolonie Kamerun im Überblick

Kamerun war von 1884 bis 1919 ein deutsches Schutzgebiet, also eine deutsche Kolonie. Es umfasste zunächst 495.000 km². Nach der Angliederung von Neukamerun im Jahr 1911 betrug seine Fläche 790.000 km²; damit war es etwa 1,3-mal so groß wie das Deutsche Reich als „Mutterland“.

Die Verwaltungssitze lagen von 1884 bis 1901 in Duala, von 1901 bis 1915 in Buea und von 1915 bis 1916 in Jaunde. Hauptstadt war Berlin. Die Kolonie war in 16 Bezirke sowie Residenturen und Residenturbezirke gegliedert. Für Altkamerun werden 2.600.000 Einwohner genannt, für Neukamerun etwa 2.000.000. Die Zahl der Europäer stieg von 253 im Jahr 1897, darunter 181 Deutsche, auf 1.900 im Jahr 1912, darunter 1.000 Deutsche. Zahlungsmittel war die Goldmark.

Nach dem Versailler Vertrag von 1919 ging Kamerun offiziell an den Völkerbund über. Dieser gab Großbritannien und Frankreich Mandate zur Verwaltung. Das Gebiet wurde in Britisch-Kamerun und Französisch-Kamerun geteilt. Das frühere Neukamerun wurde wieder Teil von Französisch-Äquatorialafrika.

Besitzergreifung und Grenzbildung

Deutsche Handelshäuser waren seit 1862 in Gabun tätig. Das Hamburger Haus Woermann errichtete 1868 in Duala die erste deutsche Faktorei, also eine Handelsniederlassung. Reichskanzler Otto von Bismarck ernannte am 19. März 1884 Gustav Nachtigal zum kaiserlichen Kommissar für die westafrikanische Küste. Er sollte für den deutschen Handel wichtige Gebiete unter deutsches Protektorat stellen.

Nachtigal traf am 10. Juli 1884 auf dem Schiff Möwe in Duala ein. Am 11. und 12. Juli schloss die deutsche Delegation Schutzverträge mit den wichtigen Duálá-Führern Ndumb’a Lobe (King Bell) und Ngand’a Kwa (Akwa). Am 14. Juli 1884 wurde in Duala die deutsche Flagge gehisst und die „Schutzherrschaft“ erklärt. Der fünf Tage später eingetroffene britische Konsul Hewett konnte nur protestieren.

Im Dezember 1884 unterdrückte die Kaiserliche Marine Auseinandersetzungen rivalisierender Duálá-Clans. Die Kämpfe richteten sich nicht vorrangig gegen die deutsche Herrschaft, gelten aber als Beginn der militärischen Unterwerfung. Vorläufige Grenzen wurden 1885 auf der Kongo-Konferenz in Berlin bestimmt; der endgültige Verlauf beruhte auf mehreren Verträgen mit Großbritannien und Frankreich zwischen 1885 und 1908. Das Marokko-Kongo-Abkommen von 1911 vergrößerte Kamerun durch Neukamerun auf Kosten französischer Kolonien. Der sogenannte Entenschnabel im Nordosten fiel dagegen an Französisch-Äquatorialafrika. Durch ein deutsch-britisches Grenzabkommen kam 1913 die Bakassi-Halbinsel hinzu.

Militärische Unterwerfung und Kolonialherrschaft

Die deutsche Herrschaft wurde vom Küstengebiet aus mit Expeditionen und militärischer Gewalt ins Binnenland ausgedehnt. Richard Kund und Hans Tappenbeck gründeten 1889 die Forschungsstation Jeundo, die bald Jaunde genannt wurde und aus der die heutige Landeshauptstadt hervorging. Jaunde war bis zum Ersten Weltkrieg ein zentraler Stützpunkt deutscher Herrschaft in Zentral- und Südostkamerun. Eugen Zintgraff erlitt am 31. Januar 1891 in der Schlacht von Mankon eine verlustreiche Niederlage.

Widerstand im Gebiet des Kamerunbergs wurde 1894 durch Curt Morgen und Hans Dominik gebrochen. Weitere Feldzüge richteten sich gegen die Bakoko, gegen Ewondo- und Bane-Gruppen sowie gegen Gebiete im Nordosten. Von 1899 bis 1902 wurden unter anderem Ndumba, Tibati, Ngaundere, Garua und die Tschadseeländer Mandara, Deutsch-Bornu und die Kotoko-Sultanate in die Kolonie eingegliedert. Die Grenze zu Nordnigeria wurde 1903/1904 markiert. Im Nordwesten fanden 1904 bis 1906 der Anyangkrieg und der Mpawmankukrieg statt. Am oberen Nyong kam es 1906 und 1910 zu Maka-Aufständen; ihre Niederschlagung, besonders 1910, erfolgte mit bereits damals umstrittenen Methoden.

Die Kolonialherrschaft war wiederholt von Skandalen begleitet. Im Fall „Leist“ waren von Karl von Gravenreuth in Dahomey angekaufte Menschen für eine Expedition vorgesehen worden. Männer wurden in die 1891 gegründete Polizeitruppe eingegliedert, Frauen im Gouvernement eingesetzt. Geringere Löhne und brutale Übergriffe führten im Dezember 1893 zur Dahomey-Meuterei, die mit einem Kanonenboot unterdrückt wurde. Der stellvertretende Gouverneur Heinrich Leist wurde aus dem Dienst entlassen und verurteilt; seine Strafe wurde in liberaler und linker Öffentlichkeit als zu gering angesehen.

Die Schutztruppe umfasste 1900 15 deutsche Offiziere, 23 Unteroffiziere und zwei Askari-Kompanien mit 318 Mann sowie 150 einheimische Polizisten. Bis 1914 wuchs sie auf 1.550 Askari und 185 deutsche Offiziere; die paramilitärische Polizeitruppe hatte 1.200 Mann unter 30 Offizieren. Im Weltkrieg wurde die Kolonialtruppe auf fast 10.000 Mann ausgebaut. Wegen Unterlegenheit und besonders Munitionsmangels hielt sie sich nur bis 1916. Die letzte Garnison in Mora ergab sich am 20. Februar 1916 den Briten, nachdem freier Abzug zugesagt worden war.

Verkehr, Kommunikation und Verwaltung

Der Hafen von Duala erschloss die Kolonie vor allem vom Meer aus. Weitere Landungsstellen bestanden bei Kampo, Kribi, Rio del Rey, Victoria und in der Muni-Bucht. Schiffe der Bremen-Afrika-, Hamburg-Amerika- und Woermann-Linie liefen Kamerun regelmäßig an. Auf dem Land waren zunächst Träger zu Fuß wichtig. Für Straßen und Eisenbahnen wurden Bewohner anliegender Dörfer zur Arbeit gezwungen; auch Vertragsarbeiter wurden zu erheblichen Teilen unter Zwang rekrutiert. Die prekären Arbeitsbedingungen und der Abzug von Arbeitskräften aus der Subsistenzwirtschaft, also der Selbstversorgung, führten zu Arbeitskräftemangel, örtlichen Hungersnöten sowie Todesfällen und Krankheiten.

Nach 1900 entstanden die Mittellandbahn von Duala über Bidjoka zum Njong, von der 1916 etwa 131 km betrieben wurden, und die Nordbahn oder Manenguba-Bahn mit 160 km fertiger Strecke. Die Pflanzungsbahn der WAPV von Viktoria nach Goppo war 31 km lang. Insgesamt war das kamerunische Bahnnetz mit etwa 500 Streckenkilometern deutlich kleiner als die Netze in Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika, wo jeweils über 2.000 km im Bau oder Betrieb waren.

Die Reichsmark wurde 1894 zum alleinigen Zahlungsmittel erklärt, setzte sich aber langsam durch. Seit einer Vereinbarung von 1907 sollten Leistungen Einheimischer ausschließlich in Bargeld bezahlt werden. Geldwirtschaft und Steuern sollten die Kolonialregierung finanzieren und die Bevölkerung zu Arbeit über die Selbstversorgung hinaus zwingen. Die Einnahmen aus der Eingeborenensteuer stiegen von veranschlagten 100.000 Reichsmark 1908 auf 2.800.000 ℳ 1914; eine einheitliche landesweite Besteuerung bestand bei Kriegsbeginn aber noch nicht.

Die erste Postanstalt eröffnete am 1. Februar 1887. 1911 gab es 37 Post- und 11 Telegrafenanstalten. 1913 umfasste das Leitungsnetz 2.774 km; 27 Telegrafendienststellen, eine Funkstation und 22 Ortsnetze mit 486 Fernsprechanschlüssen bestanden. In diesem Jahr wurden 153.500 Telegramme, 589.000 Ortsgespräche und 48.500 Ferngespräche abgewickelt. Verwaltungsrechtlich bestanden Bezirksämter, Regierungs- und Militärstationen sowie Residenturen mit indirekter Verwaltung im islamischen Norden. Unter Gouverneur Jesko von Puttkamer wurde 1901 der Verwaltungssitz nach Buëa verlegt; seiner Verwaltung wurden rücksichtslose Landpolitik, Zwangsumsiedlungen und Brutalität vorgeworfen.

Wirtschaft und Zeit nach der deutschen Herrschaft

Die Wirtschaft Kameruns war eine Mischform aus Handels- und Plantagenwirtschaft. Zunächst handelten europäische Häuser vor allem mit einheimischen Produkten über afrikanische Zwischenhändler. Später entwickelte sich besonders am Kamerunberg eine Plantagenwirtschaft. Wichtige Ausfuhrprodukte waren Palmfrüchte, Palmöl, Kakao, Kautschuk und beginnend Bananen. Der Elfenbeinhandel ging wegen Überjagung stark zurück. Kautschuk wurde zunächst aus Wildbeständen gesammelt; die weltweite Nachfrage nach Gummi führte teilweise zu Raubbau. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg überstiegen die Einfuhren jedoch die Ausfuhren, auch wegen Investitionen in Infrastruktur und Eisenbahnbau.

Zu den Großbetrieben mit 10.000 bis 18.000 ha gehörten unter anderem die Bimbia-Pflanzung Woermann, die Kamerun-Land und -Plantagen-Gesellschaft, die Moliwe-Pflanzung DKG sowie die Westafrikanischen Pflanzungsgesellschaften Victoria AG und Bibundi AG. Neben diesen bestanden mittelständische Betriebe mit 5.000 bis 10.000 ha. Handelskammern wurden 1907 in Kribi für Südkamerun und 1911 für Duala und Mittelkamerun gegründet.

Nach 1919 waren Britisch-Kamerun und Französisch-Kamerun völkerrechtlich Mandatsgebiete und keine Kolonien mehr. Deutscher Kolonialrevisionismus forderte in der Zwischenkriegszeit die Rückgabe an Deutschland. 1924 ersteigerten frühere Besitzer auf einer Londoner Auktion die meisten ehemals deutschen Plantagen in Britisch-Kamerun zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Mandate zu Treuhandmandaten der Vereinten Nationen. Französisch-Kamerun wurde am 1. Januar 1960 unabhängig. Der Norden des britischen Mandatsgebietes entschied sich in einer Volksabstimmung für den Anschluss an Nigeria, der Süden für den Anschluss an Kamerun. Kamerun wurde am 11. November 1960 Mitglied der UNESCO.

Weiterlesen

Wilhelm I. (Deutsches Reich) Im Kampf gegen das Parlament berief Wilhelm 1862 Otto von Bismarck zum Ministerpräsidenten. Mit dessen Unterstützung wurde der Verfassungskonflikt 1866 … Friedrich III. (Deutsches Reich) Friedrich III., mit vollem Namen Friedrich Wilhelm Nikolaus Karl von Preußen (* 18. Oktober 1831 im Neuen Palais in Potsdam; † 15. Wilhelm II. (Deutsches Reich) Nach den Oktoberreformen war der Reichskanzler nicht mehr ihm, sondern dem Reichstag verantwortlich. Im Weltkrieg war der Kaiser von der Obersten Heeresleitung … Nigeria Nigeria ist ein Land mit großer kultureller Vielfalt: 514 verschiedene Sprachen und Idiome werden gesprochen. 371 ethnische Gruppen sind offiziell anerkannt. Gabun Gabun [ɡaˈbuːn] (französisch [ ɡa.bɔ̃]) ist ein Staat in Zentralafrika. Im Norden grenzt er an Kamerun und Äquatorialguinea sowie im Süden und Osten an die … Deutsche Kolonien Bereits auf der Kongokonferenz 1884/85 in Berlin wurden Regelungen für den Handel im Kongobecken, die Schifffahrt auf Kongo und Niger sowie für künftige … Friedensvertrag von Versailles Der Friedensvertrag von Versailles (auch Versailler Vertrag, Friede von Versailles) wurde am 28. Juni 1919 zwischen dem Deutschen Reich einerseits sowie … Völkerbund Die Satzung des Völkerbundes war Teil der Pariser Vorortverträge (maßgeblich initiiert von Lord Robert Cecil) und somit auch des Versailler Vertrages. ... Eine … Faktorei Eine Faktorei (französisch factorerie oder factorie, englisch factory ... USA, Schweden, Großbritannien und den Niederlanden. Alte Woermann-Faktorei … Otto von Bismarck Von 1862 bis 1890 – mit einer kurzen Unterbrechung im Jahr 1873 – war er Ministerpräsident in Preußen, von 1867 bis 1871 zugleich Bundeskanzler des … Kongokonferenz Die Kongokonferenz (oder Westafrika-Konferenz) fand vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 auf Einladung des deutschen Reichskanzlers Otto von … Erster Weltkrieg Der Erste Weltkrieg war ein bewaffneter Konflikt, der von 1914 bis 1918 in Europa, Vorderasien, Afrika, Ostasien und auf den Ozeanen geführt wurde.