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Schweiz im Ersten Weltkrieg
Der Erste Weltkrieg wird in der Schweiz auch als Grenzbesetzung 1914–1918 bezeichnet. Die Kriegsjahre stellten Volk und Armee vor schwere innere Probleme.
Inhalt6 Abschnitte
Neutralität und militärische Sicherung
Die Schweiz blieb im Ersten Weltkrieg von einer Invasion verschont, obwohl sie ab 1915 vollständig von kriegführenden Nachbarstaaten umgeben war. Die Jahre werden in der Schweiz auch als Grenzbesetzung 1914–1918 bezeichnet. Grundlage der Politik waren die Haager Abkommen von 1907. Als neutraler Staat war die Schweiz zur Selbstverteidigung und zur Gleichbehandlung aller Kriegführenden verpflichtet. Sie durfte weder Söldner noch ihr Territorium einer Kriegspartei zur Verfügung stellen und musste auch beim Export von Kriegsmaterial neutral handeln.
Die Armee sollte glaubhaft verhindern, dass eine Kriegspartei die Schweiz für einen Umgehungsangriff benutzte. Das militärisch gesicherte Schweizer Gebiet bot beiden Seiten zugleich einen willkommenen Flankenschutz. Die ältere Reduit-Idee, also die Konzentration der Verteidigung auf zentrale Alpenfestungen, verlor nach 1900 an Bedeutung. Stattdessen sollte das gesamte Staatsgebiet durch Anlagen entlang der Grenze geschützt werden. Die Zentralstellung in den Alpen blieb als befestigter Brückenkopf wichtig.
Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg nahm 1906 an, Deutschland werde die Schweiz nicht von sich aus verletzen, während Frankreich möglicherweise durch die Schweiz gegen die damals unbefestigte deutsche Südgrenze vorstossen könnte. Daher entstanden Pläne für die Fortifikation Murten im Westen und die Fortifikation Hauenstein im Norden. Im Süden wurde die Fortifikation Bellinzona ausgebaut. Nach Kriegsbeginn errichteten die Truppen weitere Feldbefestigungen; nach Italiens Kriegseintritt 1915 wurde auch der Umbrailpass befestigt.
Nach dem Krieg wurde bekannt, dass Frankreich im Dezember 1915 den „Plan H“ für einen Vorstoss durch die Schweiz nach Süddeutschland entwickelt hatte. Der deutsche Schlieffen-Moltke-Plan hatte vor 1914 zeitweise ebenfalls einen Marsch durch die Schweiz statt durch Belgien vorgesehen, diese Variante war aber früh verworfen worden. Der Schweizer Generalstab traf zudem geheime Vorbereitungen für eine Zusammenarbeit mit Deutschland im Fall eines französischen Durchmarsches. Als später auch ein deutscher Umgehungsangriff möglich erschien, wurde Frankreich ebenfalls wegen einer Kooperation angefragt; Deutschland wurde über diese Vereinbarung informiert.
Mobilmachung und Grenzdienst
Am 31. Juli 1914 ordnete der Bundesrat die Pikettstellung der Armee und für den 3. August die allgemeine Mobilmachung an. Am selben Tag wählte die Bundesversammlung Ulrich Wille zum General, also zum Oberbefehlshaber der Schweizer Armee. Landsturmeinheiten sicherten Mobilmachung und Truppenaufmarsch. Die aktive Feldarmee umfasste rund 250'000 Mann und 77'000 Pferde; hinzu kamen etwa 200'000 Mann im Hilfsdienst. Oskar Bider und eine kleine Gruppe ausgebildeter Piloten bildeten mit ihren Flugzeugen die neu geschaffene Fliegertruppe. Gleichzeitig stellte die Durchreise Tausender Italiener, die aus Frankreich, Deutschland und Österreich in ihre Heimat zurückkehrten, Armee und SBB vor grosse logistische Aufgaben.
Der lange Bereitschaftsdienst belastete die Moral der Milizsoldaten. Im Durchschnitt leistete ein Soldat etwa 500 Diensttage. Eine Verdienstausfallentschädigung gab es noch nicht. Für bedürftige Wehrmänner wurden deshalb Fürsorgekassen eingerichtet, die unter anderem durch den Verkauf von Soldatenmarken finanziert wurden. Der Vortragsdienst sollte vom eintönigen Alltag ablenken und staatsbürgerlich bilden.
Frauen gründeten im Herbst 1914 den Gemeinnützigen Verein für alkoholfreie Verpflegung der Truppen, der im November in den Schweizer Verband Soldatenwohl unter Leitung von Else Spiller überging. Bis zum Kriegsende entstanden gegen 1000 alkoholfreie Soldatenstuben mit preiswerter, gesunder Verpflegung und Freizeitangeboten. Ab Januar 1915 übernahm die Armee einen Teil der Betriebskosten. Von 1916 bis 1920 unterstützte die Schweizerische Wehrmannshilfe rund 35'000 vom Erwerbsausfall betroffene Familien mit etwa 5 Millionen Franken.
Die Grenzbesetzung kostete rund 2 Milliarden Franken, während die jährlichen Bundeseinnahmen damals nur zwischen 100 und 200 Millionen Franken lagen. Trotz der Neutralität kam es zu einzelnen Angriffen: Pruntrut wurde am 31. März 1916 von einem deutschen und im April 1917 von einem französischen Flugzeug bombardiert. Am 9. Oktober 1918 schoss ein deutsches Flugzeug in der Nähe einen Fesselballon ab; der Beobachter starb. Ein Bombenangriff auf den Bahnhof Kallnach am 6. Januar 1918 verursachte leichte Schäden, konnte aber nie vollständig aufgeklärt werden.
Versorgung und Kriegswirtschaft
Die hochindustrialisierte Schweiz litt unter einem Mangel an Lebensmitteln, Energie und Rohstoffen sowie unter Einbrüchen bei Export und Tourismus. Ihre Nahrungsmittel- und Energieversorgung hing zu 40 % von Importen ab. Die gegenseitigen Blockaden der Kriegsparteien trafen auch die neutrale Schweiz und missachteten deren in den Haager Abkommen festgehaltene Rechte. Von 1913 bis 1918 sanken die Lebensmitteleinfuhren laut Artikel von 1.736 auf 553 Tonnen, also um 68 Prozent, und die Einfuhr lebenswichtiger Rohstoffe von 5.692 auf 2.780 Tonnen, also um 49 Prozent.
Der Bundesrat ergriff Massnahmen zur wirtschaftlichen Landesverteidigung und stellte wichtige Wirtschaftszweige bis zum Kriegsende unter staatliche Aufsicht. 1915 wurde ein staatliches Getreidemonopol geschaffen. Von März 1917 bis April 1920 galten Rationierungsmassnahmen. Dennoch führte die unzureichend vorbereitete Landesversorgung 1918 zu einem Ernährungsnotstand.
Teile der Industrie profitierten zugleich von der Herstellung von Kriegsmaterial für ausländische Armeen. Auf dem Höhepunkt 1917 arbeiteten rund ein Drittel beziehungsweise 30'000 bis 50'000 Beschäftigte der Metall-, Maschinen- und Uhrenindustrie an Munitionsteilen und Zündern. Wegen des Gaskriegs wurden für die Schweizer Armee Gasmasken und ab Januar 1918 Stahlhelme hergestellt.
Die hohen Ausgaben für Verteidigung, Rohstoffversorgung und Arbeitslosenhilfe trafen auf sinkende Zolleinnahmen. Die Schweizerische Nationalbank finanzierte den Bund durch die Diskontierung von Schatzanweisungen und Wechseln der SBB. Zusammen mit der Warenknappheit trug dies dazu bei, dass sich die Konsumentenpreise bis Kriegsende verdoppelten. 1915 stimmte das Volk einer einmaligen Kriegs- oder Wehrsteuer zu, der ersten direkten Bundessteuer auf Einkommen und Vermögen. Die Abhängigkeit von importierter Kohle förderte nach dem Krieg den Ausbau der Wasserkraft und die Elektrifizierung des Eisenbahnnetzes.
Politische und soziale Krise
Der Krieg vertiefte den Gegensatz zwischen den Sprachregionen: Viele Menschen in der französischsprachigen Schweiz sympathisierten mit Frankreich, viele in der Deutschschweiz mit dem Deutschen Reich. Diese Kluft wurde als „Le fossé“ bezeichnet. Carl Spitteler warnte am 14. Dezember 1914 in seinem Vortrag „Unser Schweizer Standpunkt“ davor, den Gegensatz zu unterschätzen.
Mehrere Ereignisse verstärkten das Misstrauen gegenüber der Neutralitätspolitik. Der Bundesrat schwieg zur deutschen Verletzung der belgischen Neutralität. In der Obersten-Affäre von 1915/16 hatten zwei Schweizer Generalstabsoffiziere dem deutschen Militärattaché ein Nachrichtenbulletin weitergegeben. Der Friedensvermittlungsversuch von Bundesrat Arthur Hoffmann an der Ostfront wurde 1917 in der Westschweiz und von der Entente als Begünstigung Deutschlands angesehen; daraus entstand die Grimm-Hoffmann-Affäre. Auch die Schweizerische Friedensgesellschaft war gespalten: Deutschsprachige Sektionen verlangten einen Verständigungsfrieden, während welsche Sektionen nach dem Angriff auf Belgien keinen Kompromiss mit dem preussischen Militarismus wollten.
Lebensmittelknappheit, Rationierung, stark steigende Preise und der Lohnausfall während des Militärdienstes brachten besonders ärmere Menschen in Not. Gleichzeitig wuchs der Unmut über Kriegsgewinnler. Zu den Forderungen der Arbeiterbewegung gehörten die 48-Stunden-Woche und die Proporzwahl des Nationalrats. Aus Angst vor einer Revolution und auf Druck General Willes ordnete der Bundesrat am 6. November 1918 ein grosses Militäraufgebot zur Besetzung der Städte an. Die Arbeiterbewegung empfand dies als Provokation. Beim Landesstreik vom 12. bis 14. November 1918 demonstrierten etwa 250'000 Arbeiter und Gewerkschafter für ein Reformprogramm, darunter die Alters- und Hinterbliebenenversicherung und das Frauenstimmrecht. Die starke Militärpräsenz führte zum schnellen Zusammenbruch des Streiks.
Zusätzlich grassierte 1918 und 1919 die Spanische Grippe. Nach offizieller Statistik starben zwischen Juli 1918 und Ende Juni 1919 insgesamt 24'449 Menschen, entsprechend 0,62 Prozent der Bevölkerung von 1918; wegen einer fehlenden ärztlichen Meldepflicht wird eine hohe Dunkelziffer angenommen. Bei den Soldaten nennt der Artikel widersprüchliche Zahlen: einmal 1805 Tote, davon 926 während des Einsatzes gegen den Landesstreik, an anderer Stelle 913 Soldaten. Bundesbetriebe wie SBB und PTT mussten ihre Leistungen einschränken.
Humanitäre Hilfe
Die Schweiz wurde zu einem wichtigen Ort humanitärer Hilfe. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz arbeitete eng mit nationalen Rotkreuz-Gesellschaften zusammen. Im Oktober 1914 richtete es die Internationale Zentralstelle für Kriegsgefangene ein, die Ende 1914 bereits 1'200 freiwillige Mitarbeiter beschäftigte. Ihre Karteien enthalten Angaben zu mehr als 4,8 Millionen Kriegsgefangenen und gehören heute zum Weltdokumentenerbe. Von 1916 bis 1919 befand sich die Zentralstelle im Musée Rath in Genf. Die humanitäre Arbeit wurde 1917 mit dem Friedensnobelpreis anerkannt. Daneben bestand die auf Initiative von Julie Bikle gegründete Ermittlungsstelle für Vermisste in Winterthur.
Auf Grundlage der Haager Abkommen schloss der Bundesrat Vereinbarungen mit Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Österreich-Ungarn und Belgien. Dadurch konnten sich von 1916 bis Kriegsende 68'000 verwundete und kranke Soldaten beider Seiten in der neutralen Schweiz erholen. Deutsche Soldaten mit Lungenschäden wurden über Konstanz in Schweizer Höhenluftkurorte gebracht. Von 1915 bis 1919 wurden zunächst rund 80'000 schwerverwundete, nicht mehr dienstfähige Kriegsgefangene über die Schweiz ausgetauscht. Später wurden mehr als 500'000 Evakuierte sowie Zehntausende Internierte repatriiert, also in ihre Heimat zurückgeführt.
Friedensordnung und Frauenfriedensbewegung
Vom 18. Januar 1919 bis zum 21. Januar 1920 berieten die Siegermächte auf der Pariser Friedenskonferenz ohne Beteiligung der besiegten Staaten über die Nachkriegsordnung. Zu den Ergebnissen der Verhandlungen gehörten die Pariser Vorortverträge und der Friedensvertrag von Versailles.
Auch Frauen waren von den Verhandlungen in Versailles ausgeschlossen. Feministinnen und Pazifistinnen organisierten deshalb 1919 in Zürich eine Folgekonferenz des Internationalen Frauenfriedenskongresses von 1915 in Den Haag. Sie vertraten die Auffassung, dass ein gerechter und dauerhafter Frieden die Beteiligung von Frauen voraussetze. Bei der Zürcher Konferenz erhielt ihre Organisation den Namen Women’s International League for Peace and Freedom. Sie wollte Frieden durch mehr soziale Gerechtigkeit, eine bessere Rechtsstellung der Frauen und das nationale Selbstbestimmungsrecht auch für die Bevölkerung der Kolonien sichern.