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Aare

Die Aare ist der wasserreichste Nebenfluss des Rheins, noch vor dem Hochrhein selbst, und sie führt mehr Wasser als Mosel und Main zusammen. Geographie 1.1 …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Kennzahlen
  2. 2. Lauf von den Alpen zum Rhein
  3. 3. Flusssystem, Zuflüsse und Wasserhaushalt
  4. 4. Temperatur und Hochwasser
  5. 5. Nutzung, Ausbau und Verkehr
  6. 6. Natur, Erholung und Schutz

Überblick und Kennzahlen

Die Aare ist der längste Fluss, der vollständig innerhalb der Schweiz verläuft. Sie gehört zum Flusssystem des Rheins und mündet bei Koblenz (CH) auf 312 m ü. M. in den Rhein; ihr Wasser gelangt dadurch in die Nordsee. Sie entspringt am Unteraargletscher im Grimselgebiet auf 1977 m ü. M. Der Höhenunterschied beträgt 1665 m, das Sohlgefälle 5,7 ‰.

Die Längenangaben sind im Artikel nicht einheitlich: In den Daten stehen 292 km, im Text 288 km und in der Zuflusstabelle 291,5 km. Das Einzugsgebiet, also die Fläche, aus der Niederschlag und Zuflüsse zur Aare gelangen, wird mit 17'709 km² beziehungsweise 17.711 km² angegeben. Sie durchquert die Kantone Bern, Solothurn und Aargau sowie die Landschaftsräume Berner und Urner Alpen, Voralpen, Mittelland und Jura.

Die Aare ist der wasserreichste Nebenfluss des Rheins. Ihr mittlerer Abfluss wird am Pegel Untersiggenthal mit 525 m³/s für 2019 und mit 553 m³/s als langjähriger Jahresmittelwert angegeben. Unterhalb von Brugg ist sie mit etwa 485 m³/s wasserreicher als der Rhein mit 439 m³/s; hydrologisch, also nach der Wassermenge beurteilt, wäre der Rhein dort ein Nebenfluss der Aare.

Lauf von den Alpen zum Rhein

Die Aare entsteht aus Oberaar- und Unteraargletscher südlich von Guttannen im Haslital. Sie fliesst zunächst nach Norden durch ein langes, teils steiles Tal, durchquert die Aareschlucht und erreicht die Ebene zwischen Meiringen und dem Brienzersee. Bei Brienz mündet sie in den Brienzersee. Über das Bödeli bei Interlaken fliesst sie zum Thunersee; die Lütschine hat den ursprünglich zusammenhängenden See durch Sedimente geteilt. Die Kander mündet seit einer Flusskorrektion im 18. Jahrhundert in den Thunersee.

Von Thun führt die Aare durch das breite Aaretal über Münsingen nach Bern. In Bern umfliesst sie die auf einem Geländesporn gebaute mittelalterliche Altstadt in einem tiefen Tal. Die Schwelle leitet dabei Wasser in den kurzen Gewerbekanal Tych. Danach erreicht sie den durch das Wasserkraftwerk Mühleberg entstandenen Wohlensee.

Nach der Einmündung der Saane wird die Aare bei Aarberg durch den Hagneckkanal in den Bielersee geleitet. Sie verlässt ihn bei Nidau, fliesst durch den Nidau-Büren-Kanal und erreicht vor Büren wieder ihr altes Bett. Die Alte Aare und das Häftli sind erhaltene, weitgehend naturnahe Bereiche des früheren Laufs.

Ab Büren folgt die Aare dem Jurasüdfuss über Solothurn, Luterbach, Wangen an der Aare, Aarburg, Olten und Aarau nach Brugg. Dort nimmt sie kurz nacheinander Reuss und Limmat auf; dieses Gebiet heißt Wasserschloss der Schweiz. Von Brugg fliesst sie durch eine Juraklus nach Norden und mündet bei Rhein-km 102,200 gegenüber von Waldshut in den Rhein. Von Biel nach Koblenz braucht das Wasser bei mittlerem Stand rund zwei Tage. Bei Altreu liegt der als tiefster Punkt bezeichnete Abschnitt etwa 18 m tief.

Flusssystem, Zuflüsse und Wasserhaushalt

Kennzeichnend für das Flusssystem der Aare sind zahlreiche natürliche Seen und Gewässer, die nicht an einer einzelnen Quelle, sondern an einem Ursprungsgletscher beginnen. Der Lauf besteht aus drei Hauptteilen: einem Alpenfluss mit Brienzer- und Thunersee, einem nordwestwärts führenden Abschnitt vom Alpenrand zum Jura und dem Lauf am Jurasüdfuss. Östlich von Brugg dreht die Aare nach Norden zum Rhein.

Wichtige linke Zuflüsse sind Kander, Saane, Zihl und Dünnern; wichtige rechte Zuflüsse sind Gadmerwasser, Emme, Wigger, Suhre, Aabach, Reuss, Limmat und Surb. Die grössten Zuflüsse nach mittlerem Abfluss sind Reuss mit 140,0 m³/s und Limmat mit 101,0 m³/s, gefolgt von Zihl mit 53,5 m³/s, Saane mit 53,3 m³/s und Kander mit 42,6 m³/s. Die Reuss hat mit 3.426 km² das grösste genannte Einzugsgebiet unter den Nebenflüssen. Mit 164,0 km ist sie auch länger als Limmat (141,2 km), Saane (126,0 km) und Zihl (119,6 km).

Am Pegel Untersiggenthal beträgt der mittlere Monatsabfluss 553 m³/s. Die höchsten Monatsmittel treten im Juni mit 815 m³/s, Mai mit 711 m³/s und Juli mit 750 m³/s auf. Die niedrigeren Werte liegen im Oktober bei 440 m³/s, November bei 436 m³/s und Dezember bei 441 m³/s.

Geologisch war die Aare nacheinander Oberlauf der Donau, der Rhone und des Rheins. Seit rund 30 Millionen Jahren zeichnet ihr unterer, nordöstlicher Lauf die Entwässerungslinie der Vorlandsenke nördlich der sich hebenden Alpen nach. Erst vor rund 800'000 Jahren wurde der Alpenrhein westwärts zum heutigen Hochrheintal abgelenkt.

Temperatur und Hochwasser

In Bern zeigt die Wassertemperatur einen typischen Tagesgang: Sie steigt im Tagesverlauf um etwa 1 °C, weil sich das Wasser auf der Strecke vom Thunersee nach Bern erwärmt. Seltene Temperatursprünge von mehr als 5 °C innerhalb weniger Stunden werden vermutlich durch Wind am Thunersee verursacht, der Tiefenwasser zum Ausfluss bewegt.

An der Messstation Schönau in Bern wurden seit Messbeginn 1970 wiederholt hohe Temperaturen gemessen. Der im Artikel genannte Höchstwert liegt bei 24,82 °C am 14. Juli 2026. Die fünf höchsten Jahresmitteltemperaturen seit 1975 wurden 2022 mit 12,9 °C, 2023 mit 12,4 °C, 2018 mit 12,3 °C, 2020 mit 12,2 °C und 2003 mit 12,1 °C erreicht. Der Mittelwert 1970–2025 beträgt 11,1 °C; 1970 lag das niedrigste Jahresmittel bei 9,4 °C.

Hochwasser sind für die Aare bedeutsam. Das mittlere Jahreshochwasser an der Station Untersiggenthal bei Stilli beträgt 1652 m³/s. Die höchste gemessene Jahresspitze betrug beim Hochwasser 2007 2656 m³/s. Für die Messperiode 1974–2020 werden Hochwasserabflüsse von 1611 m³/s bei einer Jährlichkeit von 2 Jahren, 2115 m³/s bei 10 Jahren, 2375 m³/s bei 30 Jahren, 2622 m³/s bei 100 Jahren und 2821 m³/s bei 300 Jahren angegeben. Eine Jährlichkeit beschreibt dabei die mittlere Wiederkehr eines Hochwasserwerts, nicht einen festen Abstand.

Das schwerste überlieferte Hochwasser im Aaregebiet war das Magdalenenhochwasser von 1480. Nach regenreichem Mai und Juni beschleunigte eine Hitzewelle die Schneeschmelze; anschliessend fielen tagelang starke Niederschläge. Weitere ausserordentliche Hochwasser traten 1651, 1852, 1876, 1953, 1999, 2005 und 2007 auf. Ein Bericht von 2021 schätzt bei einem 100'000-jährlichen Hochwasser Überflutungstiefen von knapp 1 m in Mühleberg, 1,15 m bei Gösgen und etwa 1,1 m in Beznau.

Nutzung, Ausbau und Verkehr

Die Aare wurde früher als Grenzfluss, für Holzflösserei und seit der Antike für Schiffsverkehr genutzt. Holz aus dem Emmental wurde über Rhein bis zur Nordsee transportiert. Die Strecke Nidau–Solothurn und der Bielersee sind schiffbar; der Fernverkehr auf dem Fluss endete seit dem Ende des 19. Jahrhunderts mit Eisenbahnbau und den ersten Flusskraftwerken. Heute betreibt die Bielersee-Schifffahrts-Gesellschaft AG Kurse auf Bielersee und Aare.

Die Wasserkraft ist eine zentrale heutige Nutzung. Im Grimselgebiet verarbeitet die Kraftwerksgruppe der Kraftwerke Oberhasli (KWO) Wasser aus den Stauseen Oberaar, Grimsel, Räterichsboden und Gelmer. Speicher- und Pumpspeicherkraftwerke liefern Spitzenenergie für die Netzregelung; kurzfristig sind 1,3 GW abrufbar. Von Interlaken bis zur Mündung nutzen zahlreiche Niederdruck-Laufwasserkraftwerke die Aare. Die im Artikel aufgeführten Wasserkraftwerke erreichen zusammen 2501 MW Leistung und 4827 GWh Jahresenergie.

An der Aare liegen die Kernkraftwerke Gösgen und Beznau; ihre Kühlsysteme verwenden Aarewasser. Das Kernkraftwerk Mühleberg entnahm von 1972 bis 2019 Wasser aus dem Fluss und ist stillgelegt. Gösgen mit 1010 MW leitet erwärmtes Kühlwasser über einen 150 m hohen Naturzug-Nass-Kühlturm, damit sich die Aare weniger erwärmt.

Flusskorrektionen veränderten den Verlauf stark. Die erste Juragewässerkorrektion führte Aare und Geschiebe in den Bielersee und sollte das versumpfte, hochwassergefährdete Berner Seeland sanieren. Seit 1939 regelt das Wehr Port die Wasserstände der Seen und der Aare am Jurasüdfuss; die zweite Juragewässerkorrektion verbesserte diese Regelung um 1960. Mehr als 300 Brücken und Stege überqueren den Fluss. Gereinigte Abwässer werden unter anderem durch die ARA Worblental und die ARA Region Bern eingeleitet.

Natur, Erholung und Schutz

Rund zwanzig Inseln liegen in der Aare, die meisten sind über Brücken erreichbar. Beispiele sind die Spielmatte zwischen Unterseen und Interlaken mit zwei gedeckten Holzbrücken zur Regulierung des Brienzersees, die langgestreckte Insel Bälliz-Freienhofgasse in Thun und die künstliche Insel Beznau in Döttingen mit Kern- und Wasserkraftwerk.

Unterhalb von Meiringen ist fast der gesamte Flusslauf mit Booten befahrbar. Wegen der meist gut zugänglichen Ufer ist Baden trotz teilweise starker Strömung vielerorts möglich. Strandbäder mit direktem Flusszugang gibt es in Thun, Münsingen, Muri, Bern, Solothurn, Wangen, Brugg und Olten. Die Aarelandschaft ist zudem ein Naherholungsgebiet mit Wander- und Velowegen; AareLand unterstützt die Koordination von Freizeitaktivitäten und nachhaltige Regionalentwicklung.

Die Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Aare (ASA) wurde 1964 gegründet, zunächst gegen den geplanten Transhelvetischen Kanal. Später setzte sie sich für möglichst naturnahe Fliessgewässer am Jurasüdfuss ein. 2018 beschloss sie ihre Auflösung; die Aktivitäten gingen an Aqua Viva über. Am 24. Juli 1971 verursachte ein Gifteintrag aus dem inzwischen geschlossenen Thuner Selve-Werk zwischen Thun und Bern eines der grössten Fischsterben der Aare.

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