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Schultheater
Schultheater (auch Schulspiel oder Darstellendes Spiel) umfasst die praktische Beschäftigung mit den Darstellenden Künsten im schulischen Kontext.
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Begriff und Formen
Schultheater, auch Schulspiel oder Darstellendes Spiel genannt, bezeichnet die praktische Beschäftigung mit den Darstellenden Künsten im schulischen Kontext. Dazu gehören freiwillige Theater-AGs, klassenweise Inszenierungen von Theaterstücken und Eigenproduktionen, etwa bei thematischen Projekttagen oder -wochen. Zunehmend arbeiten Schulen mit Trägern der kulturellen Bildung, beispielsweise Theatern, zusammen. In vielen Bundesländern ist Theater außerdem als Schulfach etabliert, vor allem an weiterführenden Schulen.
Schultheater umfasst sowohl die Aufführung fertiger Stücke als auch die gemeinsame Entwicklung eigener Szenen und Produktionen. Schülerinnen und Schüler können dabei nicht nur spielen, sondern auch schreiben, Regie führen und Bühnenräume oder Kostüme gestalten.
Entwicklung vom Mittelalter bis zur Gegenwart
Schon im Mittelalter gab es an Klöstern und Lateinschulen sowie unter Vaganten und Studenten eine rege Theatertätigkeit. Schüler übernahmen auch bei Bräuchen, Festen und Parodien, etwa bei der des Kinderbischofs, wichtige darstellerische Aufgaben.
Nach der Reformation erlebte das Schultheater einen ersten Aufschwung. Die Schulbühne war als Laientheater dem direkten kirchlichen Zugriff entzogen. Auf Initiative von Martin Luther und Philipp Melanchthon wurden an evangelischen Schulen Stücke mit biblischen Inhalten aufgeführt; zugleich wurde das klassische Drama gepflegt. Eine führende Stellung hatte das evangelische Gymnasium in Straßburg unter Rektor Johannes Sturm. Der Zittauer Rektor Christian Weise verfasste jährlich für den Schulgebrauch ein Lustspiel, ein biblisches und ein historisches Stück, insgesamt 55 Stücke. Im Zuge der Gegenreformation verbreitete sich das Schultheater ab Mitte des 16. Jahrhunderts unter Leitung der Jesuiten auch an katholischen Schulen. Diese Form wird Jesuitentheater genannt.
Im 18. Jahrhundert ging das Schultheater durch den Dreißigjährigen Krieg, die Wanderbühnen und das zunehmende Berufsschauspielertum zurück. In Preußen, Sachsen und anderen Ländern wurde es zeitweise ausdrücklich verboten. Trotzdem blieb es üblich, wobei seine Bedeutung von Schule zu Schule stark schwankte. In der Weimarer Republik kam es mit der Errichtung der einzigen Theaterhalle einer deutschen Schule zu einem kurzzeitigen Höhepunkt. Der Reformpädagoge Martin Luserke entwickelte die erste Theorie des Schultheaters. Weitere Rückschläge folgten unter anderem während des Nationalsozialismus und der Studentenbewegung, als Schulspielverbände einschliefen und ältere Spielleiter keine Nachfolger fanden.
Schultheater heute
In der Bundesrepublik Deutschland entstanden ab Ende der 1970er Jahre an vielen Schulen wieder Theatergruppen. Schultheaterfestivals auf Länderebene wurden gegründet, und die staatliche Lehrerfortbildung unterstützte die Qualifizierung von Spielleitern.
Theaterpädagogische Methoden wurden seitdem auch im Deutschunterricht und in anderen Fächern erprobt. Die Praxis des Schultheaters wurde unter anderem beeinflusst durch die Lehrstücktheorie Bertolt Brechts in den 1970er Jahren, das „Theater der Unterdrückten“ Augusto Boals in den 1980er Jahren, das Improvisationstheater nach Keith Johnstone seit den 1990er Jahren sowie das biografische Theater nach Maike Plath und das postdramatische Theater nach Hans Thies Lehmann seit den 2000er Jahren.
1980 wurde erstmals der Bundeswettbewerb „Schüler machen Theater“ ausgeschrieben. In Berlin fand erstmals das „Theatertreffen der Jugend“ statt, an dem sich schulische und außerschulische Jugendtheatergruppen bewerben können. 1985 folgte das „Schultheater der Länder“ als bundesweites Schultheatertreffen. Es trug zur Weiterentwicklung des Schultheaters im Hinblick auf das Unterrichtsfach Darstellendes Spiel bei. Daneben gibt es lokale, regionale und landesweite Schultheatertreffen. Seit 2010 können Jugendliche beim UNART-Festival, das alle zwei Jahre stattfindet, performative Formate einreichen und bundesweit präsentieren.
Das 1998 in Berlin entwickelte Kooperationsmodell „Theater und Schule“ (TUSCH) vermittelt, fördert und betreut dreijährige Partnerschaften zwischen Schulen und Theatern. Ziel ist unter anderem, Theater als selbstverständlichen Bestandteil des Schulalltags zu etablieren und die Teilhabe junger Menschen am kulturellen Leben der Stadt zu fördern.
„Theater im Klassenzimmer“ ist eine eigene künstlerische Form. Professionelle Theater produzieren Stücke für das Klassenzimmer und führen sie dort auf, beispielsweise „Klamms Krieg“ von Kai Hensel. Viele Theater bieten solche Gastspiele mit einer speziellen Nachbereitung für Schulen an.
Das Schulfach trägt je nach Bundesland unterschiedliche Bezeichnungen und wird unterschiedlich praktiziert, etwa Darstellendes Spiel, Literatur und Theater oder Theater. Außerdem gibt es Grundschulen und Gesamtschulen mit einem besonderen Theaterprofil. Die Ausbildung und Weiterbildung von Theaterpädagoginnen und Theaterpädagogen ist ebenfalls von Bundesland zu Bundesland verschieden. Möglich sind Hochschulstudiengänge als eigenständiger Bachelor oder Master sowie Schwerpunkte innerhalb von Lehramts- und Sozialarbeitsstudiengängen. Der Bundesverband Theaterpädagogik (BuT) führt über 40 Institute der theaterpädagogischen Weiterbildung auf. Seit 1999 bieten diese zertifizierte Weiterbildungsgänge „Grundlagen Theaterpädagogik“ und „Theaterpädagogin, Theaterpädagoge (BuT)“ in Vollzeit und berufsbegleitend an.
Pädagogische Ziele und Arbeitsweisen
Theaterpädagogik in der Schule soll fächerübergreifend und projektbezogen arbeiten. Sie fördert Schlüsselqualifikationen wie Kommunikations- und Teamfähigkeit, rhetorische Fertigkeiten, kreatives und selbstständiges Arbeiten sowie Sozialkompetenz. Gleichzeitig vermittelt sie ästhetische Bildung.
Ausgangspunkt sind die darstellerischen Möglichkeiten von Kindern und Jugendlichen. Durch ganzheitliches und kreatives Lernen werden diese weiterentwickelt. Die künstlerische Arbeit kann verschiedene Bereiche der Darstellenden Kunst einbeziehen: Spiel, Regie, szenisches Schreiben sowie die Gestaltung von Bühnenräumen und Kostümen. Dadurch entstehen für Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler neue Erfahrungsräume. Erfahrungsbasiertes Lernen ergänzt die schulische Didaktik und ist durch einen hohen Grad an Beteiligung gekennzeichnet.
Eine zentrale Aufgabe der Anleitung besteht darin, den theaterpädagogischen Prozess lebendig und produktiv zu halten. Die anleitende Person begleitet ihn als „Mentor eines künstlerischen Labors mit offenem Ausgang“.
Im Deutschunterricht können theaterpädagogische Arbeitsweisen sowohl Lernmethode als auch Präsentationsform sein. In eigenen szenischen Versuchen setzen sich Schülerinnen und Schüler dramaturgisch mit Texten auseinander. Sie erfahren, wie Sprache zusammen mit Absichten, Erfahrungen, Gefühlen und Bewegungen in der szenischen Umsetzung sinnlich wahrnehmbar und intensiver gestaltet wird. Interaktive, mündliche und schriftliche Kommunikationsfähigkeiten werden spielerisch erprobt und gefördert. Solche Arbeitsformen können die Lernmotivation stärken und die nachhaltige Identifikation mit Lerninhalten unterstützen.
Im Fremdsprachenunterricht wirken sie besonders motivierend, weil Fremdsprache, Emotion und Körpersprache verbunden werden. Dadurch lernen Schülerinnen und Schüler, situationsgemäß und flexibel zu reagieren.
Stücke, Vorlagen und Eigenproduktionen
Als Vorlagen dienen häufig klassische Dramen. Sie lassen sich frei bearbeiten und können ohne Tantiemen öffentlich aufgeführt werden. Daneben werden moderne und zeitgenössische Stücke verwendet, darunter Werke des emanzipatorischen Kinder- und Jugendtheaters wie „Linie 1“ des GRIPS Theaters oder „Was heißt hier Liebe“ des Theaters Rote Grütze.
Theaterverlage für Schul- und Amateurtheater bieten zahlreiche Stücke an, die auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten des Schultheaters zugeschnitten sind. Auch professionelle Theaterverlage veröffentlichen geeignete Stücke. Beliebt sind außerdem Bühnenversionen von Romanen und Gedichten.
Seit den 1980er Jahren hat sich das Schultheater durch neue theatrale Mittel wie Tanztheater, Video und Performance geöffnet und verändert. Neben der Inszenierung literarischer Vorlagen stehen zunehmend Eigenproduktionen im Mittelpunkt. Schülerinnen und Schüler sind dann nicht nur Darstellende einer vorgegebenen Inszenierung, sondern gestalten den gesamten Produktionsprozess aktiv mit: Sie schreiben, entwickeln und inszenieren ihre Stücke und Aufführungen selbst.