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Schulgeschichte (Deutschland)
Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Geschichte des Schulunterrichts im heutigen Deutschland. Inhaltsverzeichnis. 1 Geschichte.
Inhalt6 Abschnitte
Grundzüge der Schulgeschichte
Die Schulgeschichte in Deutschland beschreibt die Entwicklung des Schulunterrichts im Gebiet des heutigen Deutschland von kirchlich geprägten Anfängen bis zu den heutigen föderalen Schulsystemen. Schule war dabei nie nur ein Ort zum Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch ein Mittel, um Religion, soziale Ordnung, politische Ziele, berufliche Vorbereitung und später demokratische oder ideologische Vorstellungen zu vermitteln.
Über lange Zeit bestimmten Kirche und Klöster den Unterricht. Später kamen städtische Schulen, Universitäten, Fürstenschulen, staatliche Volksschulen und mehrgliedrige Schulformen hinzu. Ein wichtiger langfristiger Trend war die Bildungsexpansion: Immer mehr Kinder besuchten Schule, Analphabetismus ging langsam zurück, Mädchen erhielten zunehmend Zugang zu höherer Bildung, und Abschlüsse wie das Abitur wurden reguliert. Zugleich blieb das deutsche Schulwesen stark von Schulformen geprägt, die unterschiedliche Bildungswege anbieten.
Kirchliche Bildung im Mittelalter
Seit der Spätantike wurde die römisch-katholische Kirche zu einem wichtigen Bildungsträger. Sie stellte die antiken Artes liberales, also die „freien Künste“, in den Dienst der Glaubensverkündigung. Gelehrte wie Cassiodor und Boethius bewahrten antikes Wissen, unter anderem in Klosterbibliotheken. Im 7. und 8. Jahrhundert gründeten iroschottische Missionare im heutigen deutschsprachigen Raum erste Klöster mit Schulunterricht, etwa im Bodenseeraum, im Elsass und in Bayern.
Klosterschulen unterschieden später zwischen inneren und äußeren Schulen. Die innere Schule bildete junge Mönche und Nonnen aus. Die äußere Schule unterrichtete Laienkinder, anfangs besonders Kinder des Adels. Unterrichtssprache war Latein, damit Bibel, Messtexte und Gesangstexte gelesen werden konnten. Mathematik war wichtig, um kirchliche Feiertage wie den Ostertermin zu berechnen.
Der höhere Unterricht orientierte sich an den Septem artes liberales, den sieben freien Künsten. Das Trivium umfasste Grammatik, Rhetorik und Dialektik, also sprachlich-logische Fächer. Das Quadrivium umfasste Geometrie, Arithmetik, Musik und Astronomie, also mathematisch geprägte Fächer. Karl der Große förderte während der Karolingischen Renaissance Schulen und eine Hofakademie. Ab dem 10. Jahrhundert entstand durch die ottonische Bildungsreform ein Netz von Kloster- und Domschulen mit Austausch zwischen Lehrern und Studenten.
Städte, Reformation und Aufklärung
Ab dem 13. Jahrhundert entstanden in den wachsenden Städten neben Klosterschulen weitere Dom-, Stifts- und Pfarrschulen zur Ausbildung von Klerikern sowie städtische Schulen für praktische Bedürfnisse der Bürger. Lehrende waren nun nicht mehr nur Mönche und Nonnen, sondern auch weltliche Lehrer. Teilweise wechselte die Unterrichtssprache vom Lateinischen zum Deutschen. Winkelschulen waren private Einrichtungen mit oft gering gebildeten Lehrern oder Klerikern; sie hatten wenig Ansehen, vermittelten aber einfachen Unterricht, besonders im Rechnen, wie bei Adam Ries. Auch Mädchen lernten dort rechnen. Höhere kirchliche und städtische Schulen bereiteten auf Universitäten vor, zuerst Heidelberg 1368. Für Führungspositionen im Staat und für ärztliche Tätigkeiten wurden Jura und Medizin wichtiger.
Mit der Reformation wuchs der Wunsch, dass möglichst viele Menschen die Bibel lesen konnten. Deshalb wurden viele protestantische Schulen und Gelehrtenschulen eingerichtet, in denen die „drei heiligen Sprachen“ eine Rolle spielten. Philipp Melanchthon, Luthers Freund, wurde als Praeceptor Germaniae bezeichnet; in Norddeutschland war Johannes Bugenhagen bedeutend. Beide verbanden Humanismus mit protestantischem Glauben. Statt Klosterschulen entstanden Fürstenschulen, zuerst ab 1543 in Naumburg und Meißen, die Verwaltungseliten ausbildeten. Auf katholischer Seite übernahmen Jesuitenschulen diese Aufgabe; sie wurden ab 1550 in Europa gegründet. Dazu kamen neue Landesuniversitäten protestantischer Territorien und katholische Jesuitenhochschulen wie in Ingolstadt.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg entstanden in manchen Orten Dorfschulnetze, auch um soziale Disziplin wiederherzustellen. Im 17. Jahrhundert entwickelte sich neben dem Humanismus der Realismus als Bildungsideal. Realia wie Geschichte und Naturwissenschaften wurden teilweise in Bildungspläne aufgenommen. Einfache Schulen vermittelten Religion, Rechnen und Lesen. Erste Gedanken einer allgemeinen Schulpflicht wurden etwa in Preußen unter dem Soldatenkönig geäußert, aber kaum durchgesetzt. Johann Comenius formulierte „omnes omnia omnino“ („alle alles gründlich lehren“) und entwarf theoretisch ein vierstufiges Schulsystem, das allen Kindern Bildung ermöglichen sollte.
Das 19. Jahrhundert und das mehrgliedrige System
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann sich das dreigliedrige Schulsystem zu etablieren. Ein Haupttrend war die Bildungsexpansion auf allen Ebenen; Analphabetismus verschwand langsam. In Preußen lag die Zahl der Schüler an „gelehrten Schulen“ am Ende des 18. Jahrhunderts bei etwa 16 000 Jungen. Hundert Jahre später waren es etwa 150 000, 1930 bereits 300 000 Schüler und nun auch Schülerinnen.
Die Pädagogik wurde unter dem Einfluss von Pestalozzi und Rousseau stärker auf das Kind ausgerichtet. Schule sollte Kinder kindgemäß auf das kommende Leben vorbereiten. Adolph Diesterweg war wichtig für die Volksschule, Friedrich Fröbel für den Kindergarten vor der Schule. In Preußen setzten sich Reformer wie Wilhelm von Humboldt für Bildungsreformen ein, etwa im Königsberger Schulplan, jedoch nicht überall mit Erfolg.
Für den Zugang zum Hochschulstudium wurde eine obligatorische Abiturprüfung an Gymnasien eingeführt. Dort dominierten zunächst weiterhin die alten Sprachen. Die Lehrerausbildung wurde geregelt und nach Schulformen getrennt. Als weniger fordernde Alternative entstanden Real- oder Mittelschulen, die auf ein bürgerliches Leben in Wirtschaft, Gewerbe und Verwaltung vorbereiten sollten. Auch erste reine Mädchenschulen entstanden.
Die Volksschulen wurden zunehmend direkt vom Staat statt von Kirchengemeinden betrieben, und die Schulpflicht wurde stärker durchgesetzt. 1816 waren 45 % der Schulpflichtigen an Schulen angemeldet, 1846 schon 60 %. Im Kaiserreich ab 1871 wurde die Vorherrschaft der alten Sprachen beim Hochschulzugang langsam infrage gestellt. Realgymnasien wurden aufgebaut und im Jahr 1900 mit humanistischen Gymnasien weitgehend gleichberechtigt. Mädchen konnten nun regulär das Abitur ablegen; der Schultyp Lyzeum entstand, unter anderem in Wien 1892 und Karlsruhe 1893, weil Lehrerinnen und Ärztinnen gebraucht wurden.
Weimarer Republik und Nationalsozialismus
In der Weimarer Republik vereinheitlichte das Reichsgrundschulgesetz von 1920 die vierjährige Grundschule. Private, kostenpflichtige Vorschulen fielen weg. Weil diese vorher nur drei Jahre gedauert hatten, verlängerte sich die Schulzeit bis zum Abitur im Normalfall auf 13 Jahre. Weitergehende Reformen scheiterten an Konflikten in der Weimarer Koalition und an der Bildungshoheit der Länder. Auch die Lehrerbildung für Volksschulen wurde nicht überall an akademische Hochschulen verlagert.
Hygieneregeln wurden durchgesetzt. Für körperlich und geistig behinderte Kinder entstanden besondere Schulformen in der Heil- bzw. Sonderpädagogik, etwa Blindenschulen und Gehörlosenschulen. Neben dem staatlichen System bot die Reformpädagogik alternative Schulformen an, blieb aber ein Randphänomen. Dazu gehörten Waldorfschule, Jenaplanschule, Montessorischule und in Internatsform das Landerziehungsheim.
Im Nationalsozialismus brachte das Reichserziehungsministerium das Schulsystem in eine reichseinheitliche Struktur. Dazu gehörte die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur auf 12 Jahre. Inhalte und Lehrkörper wurden ideologisch beeinflusst. Der Unterricht förderte Rassismus und Antisemitismus; Juden wurde der Schulbesuch und die Lehre schrittweise verboten. Die Anforderungen von Hitlerjugend und BDM unterbrachen den Unterricht, unter anderem durch vormilitärische Wehrausbildung. Im Zweiten Weltkrieg wurden viele Schulen zerstört, und Kinder wurden zu Kriegsaufgaben herangezogen, etwa als Flakhelfer. Zusammen mit Schulausfall durch Flucht und Vertreibung entstanden vielfach erhebliche Bildungslücken.
DDR und Bundesrepublik
In der DDR wurde das Schulwesen ab 1949 streng zentralisiert und dem Ministerium für Volksbildung unterstellt. Die Inhalte folgten marxistisch-leninistischen Vorgaben; politisch Andersdenkende wurden häufig benachteiligt. Mit dem Einheitsschulgesetz wurde eine achtjährige Einheitsschule eingeführt. Danach folgten entweder eine vierjährige Oberschule zum Abitur oder eine zweijährige Mittelschule. 1959 beschloss die DDR das Gesetz über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens. Nun waren zehn Klassen der Polytechnischen Oberschule Pflicht. Danach führte die Erweiterte Oberschule (EOS) in zwei Jahren zum Abitur; bis 1981 begann die EOS bereits nach der 8. Klasse. Außerdem gab es die dreijährige Berufsausbildung mit Abitur. Besondere Merkmale waren der Wehrunterricht in Klasse 9 und 10 ab Ende der 1970er Jahre, der Polytechnische Unterricht, kein Religionsunterricht, Russisch statt Englisch für alle sowie zentrale schriftliche Prüfungen. Nach dem Mauerfall wurde das mehrgliedrige System der Bundesrepublik übernommen, das Abitur nach zwölf Jahren aber teilweise beibehalten.
In der Bundesrepublik blieb nach dem Zweiten Weltkrieg das dreigliedrige Schulsystem in den Schulabschlüssen bestehen: Grundschule, ab 1964 statt Volksschule, Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Die Bildungshoheit lag wieder bei den Ländern. Konfessionsschulen und konfessionelle Lehrerseminare bestanden fort; anders als in der DDR waren kirchliche und private Schulen zugelassen. 1948 wurde die Kultusministerkonferenz (KMK) gegründet, um bei überregionalen Themen gemeinsame Regelungen zu ermöglichen, etwa bei der Vergleichbarkeit von Zeugnissen.
Das Hamburger Abkommen von 1964 vereinheitlichte Schultypen und Abschlüsse. Weitere Abkommen zur gymnasialen Oberstufe und zur Gesamtschule folgten. Die Hauptschule verschwand allmählich fast überall, außer in Bayern. Beim Abitur setzte sich in fast allen Ländern ein Zentralabitur durch, allerdings nicht bundesweit. Die Inklusion von Förderschülern wurde eine neue Herausforderung. Inzwischen ist das Zwei-Säulen-Modell fast in allen Bundesländern außer Bayern und Hessen eingeführt. Umstritten blieb der notwendige Grad der Digitalisierung im Bildungswesen, die lange Zeit nicht ausreichend finanziert wurde. Zudem prägt kulturelle Vielfalt die Schulen, auch weil inzwischen über 40 % der Schüler einen Migrationshintergrund haben.