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Realismus
Realismus (nach lateinisch realis ‚wirklich') ist ein Begriff, mit dem das Verhältnis des Menschen zur Wirklichkeit ausgedrückt wird. Handelt es sich um ein …
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Grundidee des Realismus
Realismus bezeichnet allgemein ein Verhältnis des Menschen zur Wirklichkeit. Ein Mensch mit einem engen Verhältnis zur Wirklichkeit wird Realist genannt; der Duden nennt als Synonym „Wirklichkeitssinn“. Im alltäglichen Sinn steht Realismus oft im Gegensatz zum Idealismus: Realismus meint eine Lebensauffassung, die „die Dinge und Menschen so nimmt, wie sie sind“, statt sie vor allem als unvollkommene Formen eines Ideals zu betrachten.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll. Dadurch kann Realismus Unvollkommenes erkennen und Wege suchen oder akzeptieren, damit umzugehen. Im politischen Sinn kann Realismus auch als Gegenbegriff zu Optimismus verstanden werden: Wenn pessimistische Erwartungen eintreffen, soll eine realistische Haltung zu besseren Lösungen führen als Optimismus. In der Kunst bezeichnet Detailrealismus das Bemühen, Einzelheiten wirklichkeitsgetreu wiederzugeben.
Realismus in Philosophie und Wissenschaft
In der Philosophie geht es beim Realismus um Grundfragen: Gibt es überhaupt eine Wirklichkeit? Existiert sie unabhängig vom Menschen? Wie kann sie erkannt und beschrieben werden? Der philosophische Realismus vertritt in seinen Varianten die Existenz einer Wirklichkeit. Nur der Naive Realismus nimmt jedoch an, dass diese Wirklichkeit genau so ist, wie wir sie wahrnehmen.
Ein wichtiger älterer Standpunkt war der Universalienrealismus im spätmittelalterlichen Universalienproblem. Dabei ging es um die Frage, ob das Allgemeine oder das Einzelne wirklich sei. Dieser Realismus hielt das Allgemeine für wirklich, während das Einzelne nur vorübergehend sei. Neuere Positionen wie Kritischer Realismus und Wissenschaftlicher Realismus vertreten die Auffassung, dass es eine vom Menschen unabhängige und grundsätzlich erkennbare Wirklichkeit gibt.
In den Naturwissenschaften fragt der Realismus, ob wissenschaftliche Theorien eine Wirklichkeit erklären, die unabhängig von diesen Theorien existiert. Der wissenschaftliche Realismus sieht in bestätigten Theorien einen Hinweis oder Beweis für diese Wirklichkeit, weil solche Bestätigungen sonst „kein Wunder“ sein könnten; dies heißt Miracle-Argument. Der Strukturenrealismus nimmt an, dass die Wirklichkeit, der sich Theorien annähern, nur aus Strukturen besteht. Der Entitätsrealismus stellt das Experiment über die Theorien und richtet sich gegen einen reinen „Theorien-Realismus“. Der modellabhängige Realismus meint, dass Wirklichkeit beobachterabhängig ist.
In den Rechtswissenschaften spricht man von Rechtsrealismus oder Verfassungsrealismus, wenn Recht nicht von moralischen oder schriftlich fixierten Idealen her verstanden wird, sondern ausschließlich auf Erfahrung beruhen soll.
Realismus in Kunst und Kultur
In Kunst und Kultur bezeichnet Realismus meist die Hinwendung zu einer Wirklichkeit, die als „unschön“ gelten kann und von höheren Gesellschaftsschichten oder dominierenden Kunststilen gemieden wird. Statt idealisierter Stoffe rücken Alltag, soziale Probleme und Technik in den Mittelpunkt.
Als literaturgeschichtliche Epoche liegt der Realismus vorwiegend im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts. Er folgt auf die Romantik und geht in den Naturalismus über. In der deutschen Literatur spricht man besonders vom bürgerlichen Realismus der Gesellschaftsromane bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Weil sich der Realismus der Volkssprache zuwendet, gibt es sprachspezifische Formen, etwa den Verismus in Italien oder den Russischen Realismus. In Frankreich lassen sich Realismus und Naturalismus schwer voneinander trennen. Solche Epochengrenzen gelten heute oft als fragwürdig und überholt, werden aber in historischen Darstellungen weiter verwendet.
In der bildenden Kunst bezeichnet Realismus ebenfalls eine Epoche ungefähr im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts. Sie folgt zeitlich auf die Romantik. Ihr Ziel ist es, soziale Realität und Alltag ohne Idealisierung oder Stilisierung darzustellen. In einem allgemeinen Sinn gab es realistische Kunst aber auch schon in früheren Epochen.
Nachwirkungen und Varianten
Im 20. Jahrhundert entstanden aus dem Realismus zahlreiche Varianten und Nachfolgestile. Viele tragen ein beschreibendes Adjektiv vor dem Begriff Realismus. Gemeinsam ist ihnen meist eine Haltung gegen den Ästhetizismus um 1900 und gegen abstrakte Kunst.
Der Amerikanische Realismus war eine Strömung der bildenden Kunst in den USA, die sich einfachen Motiven wie Getreidespeichern oder Sportanlässen zuwandte. Heroischer Realismus bezeichnete eine pessimistische Strömung der deutschen Literatur zwischen den Weltkriegen. Der Poetische Realismus im europäischen Film behandelte soziale Probleme der Weltwirtschaftskrise.
Der Magische Realismus, eine Strömung der Neuen Sachlichkeit, verfremdet Gegenstände aus der Wirklichkeit durch besondere Perspektiven, Proportionen sowie Form- und Farbgebung. Dadurch entsteht eine neue Wahrnehmung. Der Phantastische Realismus ist trotz seines Namens eher eine Weiterentwicklung des Surrealismus und beschäftigt sich mit erfundenen Gegenständen, Figuren und Vorgängen aus Mythologie, Religion, Traum und ähnlichen Bereichen.
Der Sozialistische Realismus verband die Hinwendung zur einfachen Bevölkerung und zu scheinbar banalen Themen mit der Überzeugung, dass Wirklichkeit mithilfe der Naturwissenschaften zweifelsfrei erkannt werden könne. Als politisches Programm war er den Kulturschaffenden der Sowjetunion von 1932 bis 1991 vorgeschrieben. Sein Feindbild war der Formalismus. Der Kapitalistische Realismus entstand als Reaktion auf den sozialistischen Realismus durch eine Düsseldorfer Künstlergruppe.
Darstellungstechniken
In der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts wird Realismus auch mit Techniken und Medien der Darstellung verbunden. Schon der bildnerische Realismus des 19. Jahrhunderts setzte sich mit der Geschichte und Entwicklung der Fotografie auseinander.
Magischer Realismus und Phantastischer Realismus entstanden in einer Zeit, in der der frühe Film neue Möglichkeiten wie Überblendung und Montage zeigte. Diese technischen Möglichkeiten beeinflussten auch die Malerei. Der Fotorealismus der Pop Art überträgt fotografische Darstellungsweisen in die Malerei. Der Hyperrealismus geht noch weiter, indem er Details absichtlich übertrieben genau oder stark herausgestellt zeigt.