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Schlüsselwortmethode
Beispiele für Vokabeln aus 20 Sprachen ; Englisch, hose, Schlauch ; Englisch, mice, Mäuse ; Englisch, table, Tisch ; Esperanto, mielo, Honig …
Inhalt6 Abschnitte
Kernidee und Nutzen
Die Schlüsselwortmethode ist ein mnemotechnisches Verfahren zum effizienten und langfristigen Lernen von Vokabeln. Sie wird auch Ersatzwortmethode, Assoziationslernmethode, Hilfswortmethode, Kennwortmethode oder Keywordmethode genannt. Mnemotechnik bedeutet: Lernstoff wird durch Gedächtnishilfen so aufbereitet, dass man ihn leichter behalten und abrufen kann.
Die Methode nutzt zwei Grundgedanken des Gedächtnisses: Neues Wissen lässt sich leichter merken, wenn es mit bereits bekanntem Wissen verknüpft wird; außerdem bleiben Bilder und eindrucksreiche Vorstellungen meist besser im Gedächtnis als abstrakte Informationen. Deshalb werden neue Vokabeln nicht nur wiederholt, sondern mit bekannten Wörtern und inneren Bildern verbunden.
Aufbau und Funktionsweise
Für eine neue Vokabel sucht man ein Wort aus der Muttersprache, das ähnlich klingt oder ähnlich geschrieben wird. Dieses bekannte Wort heißt Schlüsselwort. Es kann auch aus einer anderen Sprache stammen, sogar aus der Sprache, die man gerade lernt.
Dann verbindet man drei Elemente miteinander: das fremdsprachliche Wort, das Schlüsselwort und die Bedeutung, also die Übersetzung. Daraus entsteht ein Mentalbild, ein Bild im Geist. Dieses Mentalbild dient als Eselsbrücke. Häufig ist es ein kurzer Satz, in dem sowohl das Schlüsselwort als auch die Übersetzung vorkommen. Wichtig ist, dass die Vorstellung anschaulich genug ist, damit sie beim Erinnern wieder auftaucht.
Beispielhaft funktioniert die Methode so: Wenn ein fremdes Wort ähnlich klingt wie ein bekanntes deutsches Wort, wird dieses bekannte Wort als Anker benutzt. Die Bedeutung der Vokabel wird dann in eine kleine Szene eingebaut. Beim späteren Abruf erinnert man sich zuerst an das Schlüsselwort und das Bild und gelangt dadurch zur Bedeutung.
Typische Beispiele
Der Artikel nennt Beispiele aus 20 Sprachen. Sie zeigen, dass Schlüsselwörter nach Klang, Schriftbild oder einzelnen Silben gebildet werden können.
Beispiele sind:
- Englisch: hose bedeutet „Schlauch“. Als Schlüsselwort dient „Hose“. Das Mentalbild lautet: „Diese Jeans-Hose sitzt wie ein enger Schlauch an meinem Körper.“
- Spanisch: boca bedeutet „Mund“. Als Schlüsselwort dient „Bock“, zum Beispiel ein Ziegenbock. Das Mentalbild ist die Vorstellung, wie ein Ziegenbock über den Mund leckt.
- Französisch: chien bedeutet „Hund“. Als Schlüsselwort dient „Schi“. Das Mentalbild lautet: „Der Hund rast auf Schiern ins Tal.“
- Lateinisch: cubare bedeutet „liegen“. Als Schlüsselwörter dienen „Kuh“ und „Bahre“. Das Mentalbild lautet: „Die Kuh liegt auf der Bahre.“
- Türkisch: bal bedeutet „Honig“. Als Schlüsselwort dient „Ball“. Das Mentalbild lautet: „Ein Ball fällt in den Honig.“
Die Beispiele machen deutlich: Die Bilder müssen nicht realistisch sein. Gerade ungewöhnliche, witzige oder auffällige Vorstellungen können das Erinnern erleichtern.
Historische Entwicklung
Vorformen der Schlüsselwortmethode sind sehr alt. Schon um 500 v. Chr. empfahl ein anonymer griechischer Verfasser in den Dialexeis, fremde Namen in Teile zu zerlegen und mit Bekanntem zu verbinden, etwa Chrysippos mit „Gold“ und „Pferd“. Auch im alten Ägypten werden mnemotechnische Ansätze gesehen, besonders in der Verbindung von Lauten, Silben und Bildsymbolen in Hieroglyphen.
1651 veröffentlichte Johannes Buno seine Neue Lateinische Grammatica in Fabeln und Bildern. Er nutzte mnemotechnische Bilder, damit Grammatik und Vokabeln leichter gelernt werden konnten. Nach dem Artikel brachte er seinen Schülern durch solche Verbildlichung binnen zwei Monaten über 2000 Vokabeln bei.
Johann Heinrich Döbel beschrieb 1707 in Collegium Mnemonicum, wie unbekannte Wörter durch ähnlich klingende bekannte Wörter oder durch Zerlegung in Teile behalten werden können. Allerdings verknüpfte er diese Schlüsselwörter noch nicht wie heute mit der deutschen Bedeutung der Vokabel, sondern mit Orten in einem Gedächtnispalast.
Carl Otto Reventlow kam 1847 dem heutigen Verständnis bereits sehr nahe. Er ersetzte griechische und lateinische Vokabeln durch ähnlich klingende, meist deutsche Wörter und verband sie mit ihrer Bedeutung. John Henry Bacon beschrieb 1862 die Phonetic Link Method am Beispiel des französischen arbre („Baum“) und des englischen Schlüsselworts arbour („Laube“). Im 20. und 21. Jahrhundert wurde die Methode von Autoren und Gedächtnistrainern wie Harry Lorayne, Günther Beyer, Michael M. Gruneberg, Roland R. Geisselhart, Gunther Karsten, Christiane Stenger, Oliver Geisselhart, Sabine Krueger und Wilfred Lindo weiter verbreitet. Manche Werke geben feste Schlüsselwörter und Mentalsätze vor, andere lassen Lernende eigene Lösungen suchen.
Wirksamkeit und besondere Leistung
Die Schlüsselwortmethode wurde international häufig untersucht. Bis 1987 wurden im englischsprachigen Raum über 50 Studien in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht. Mehrere im Artikel genannte Studien berichten bessere Erinnerungsleistungen als bei herkömmlichem Lernen.
1974 lernten an der Stanford University 52 amerikanische Studenten drei Tage lang täglich 40 russische Vokabeln. Am vierten Tag erinnerte sich die Schlüsselwortgruppe an 72 % der 120 Vokabeln, die Kontrollgruppe an 43 %. Nach 43 Tagen lagen die Werte bei 46 % gegenüber 28 %. In einer weiteren Studie mit 40 Studenten und spanischen Wörtern erinnerte sich die Schlüsselwortgruppe am vierten Tag an 88 % der 120 Vokabeln, die Gruppe mit normaler Lernmethode an 28 %.
1980 ergab eine Studie der United States Army mit 60 Angehörigen und 15 koreanischen Vokabeln, dass die Lerneffizienz der Schlüsselwortgruppen um 79 % höher war und die Lernzeit geringer ausfiel. 2010 zeigte eine Taiwan-Studie zu 15 englischen Wirtschaftsenglisch-Vokabeln bei chinesischen Muttersprachlern 95 % Erinnerungsleistung mit der Schlüsselwortmethode gegenüber 56 % beim isolierten herkömmlichen Lernen. 2012 erreichte eine Iran-Studie mit 65 Schülerinnen im Alter von 13 bis 17 Jahren nach einer Woche 91 % Erinnerungsleistung in der Schlüsselwortgruppe, 80 % beim Lernen aus dem Textzusammenhang und 69 % beim herkömmlichen Pauken.
Eine außergewöhnliche Anwendung war die Memorierung eines ganzen Wörterbuchs durch Yip Swee Chooi aus Malaysia. Er lernte mit der Schlüsselwortmethode die 4. Auflage des Oxford Advanced Learner's Dictionary English-Chinese auswendig, mit etwa 57 000 Einträgen und 1774 Seiten. Die Lernzeit betrug fast sechs Monate. Zusätzlich nutzte er die Loci-Methode, also eine mentale Route mit über 58 000 Punkten, auf denen er die Vokabeln ablegte.
Grenzen der Methode
Die Schlüsselwortmethode hat Grenzen. Nicht zu jeder fremdsprachlichen Vokabel lässt sich leicht und schnell ein passendes Schlüsselwort oder eine bildhafte Vorstellung finden. Besonders bei Wörtern, die klanglich weit von bekannten Wörtern entfernt sind, kann die Bildung einer guten Eselsbrücke schwierig sein.
Der Artikel stellt die Methode deshalb nicht als Ersatz für herkömmliche Lernwege dar. Sie soll Sprachkurse, normales Üben oder eine Lernkartei nicht vollständig ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen. Empfohlen wird auch, mit der Schlüsselwortmethode gelernte Wörter zusätzlich mit einer Lernkartei nach dem von Sebastian Leitner konzipierten Wiederholungssystem zu festigen.