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Kreationismus
Kreationismus (von lateinisch creatio „Schöpfung“) bezeichnet die religiöse Auffassung, dass das Universum, das Leben und der Mensch buchstäblich so …
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Begriff und Abgrenzung
Kreationismus ist die religiöse Auffassung, dass Universum, Leben und Mensch buchstäblich so entstanden seien, wie es die Heiligen Schriften der abrahamitischen Religionen schildern, besonders die Genesis des Alten Testaments. Die strengste Form nimmt ein Erdalter von einigen Tausend Jahren sowie eine Sintflut an, bei der die meisten Menschen und Tiere umgekommen seien. Kennzeichnend ist außerdem die Ablehnung der Evolutionstheorie.
Der moderne, einflussreiche Kreationismus entstand im frühen 20. Jahrhundert im US-amerikanischen Evangelikalismus. Als grundlegende Werke gelten George McCready Prices „The New Geology“ (1923) sowie John C. Whitcombs und Henry M. Morris’ „The Genesis Flood: The Biblical Record and Its Scientific Implications“ (1961). Seine Anhänger vertreten meist die Irrtumslosigkeit und wörtliche Auslegung der Bibel; im Islam kann sich dies auf den Koran beziehen. Viele Kreationisten bestreiten daher neben der Evolution auch naturwissenschaftliche Erklärungen für den Ursprung des Lebens und des Menschen, die geologische Erdgeschichte, die Entstehung des Sonnensystems und den Ursprung des Universums.
Davon zu unterscheiden sind religiöse Menschen und Kirchen, die an eine Schöpfung glauben, die biblischen Texte jedoch historisch-kritisch oder als Metapher lesen. Sie betrachten Glauben und Naturwissenschaft als vereinbar oder voneinander unabhängig. Solche Positionen werden besser als theistische Evolution bezeichnet. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse stehen laut Artikel weitestgehend im Widerspruch zu einer durchgängig wörtlichen Bibelauslegung.
Entwicklung bis zur modernen Bewegung
In Antike und Mittelalter war eine dem heutigen Kreationismus vergleichbare Weltanschauung nicht typisch. Antike Philosophen behandelten mythische Erzählungen zum Weltursprung oft als allegorische Fabeln. Auch Augustinus von Hippo warnte davor, Aussagen der Schrift zu wörtlich gegen philosophische Erkenntnisse auszuspielen. Im mittelalterlichen Thomismus bestand kein grundlegender Widerspruch zwischen Glauben und Vernunft: Die Welt konnte mit Sinnen und Vernunft untersucht werden, während übernatürliche Wahrheiten dem Glauben zugerechnet wurden.
Im 18. und 19. Jahrhundert wurde das hohe Alter der Erde durch Geologie stärker begründet. William Smith, James Hutton und Charles Lyell trugen dazu bei. Dies widersprach der von James Ussher berechneten biblischen Chronologie, nach der die Schöpfung am 23. Oktober 4004 v. Chr. erfolgt sei. Kontrovers war besonders die Frage, ob Fossilien und geologische Spuren die biblische Sintflut bestätigten.
Nach Charles Darwins „Über die Entstehung der Arten“ von 1859 wurde die Evolutionstheorie von konservativen Christen stark bekämpft. Als besonders problematisch galt die Vorstellung, der Mensch stamme von tierischen Vorfahren ab: Sie schien dem Fall Adams, der Sonderstellung des Menschen, der unsterblichen Seele und einem göttlichen Plan zu widersprechen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich die Evolutionstheorie innerhalb der Wissenschaft durch; konservative protestantische Christen in den USA lehnten sie jedoch weiter ab.
Die moderne Bewegung gewann nach dem amerikanischen Sezessionskrieg (1861–1865), besonders unter Baptisten in den unterlegenen Südstaaten, an Bedeutung. Sie wurde unter anderem durch Siebenten-Tags-Adventisten wie George McCready Price gefördert. Im Scopes-Prozess von 1925 wurde ein Lehrer wegen eines Verbots des Evolutionsunterrichts in Tennessee verurteilt; das Urteil wurde wegen eines Formfehlers aufgehoben. 1961 begründete „Genesis Flood“ die Creation-Science-Bewegung, die Kreationismus als gleichwertige Wissenschaft darstellen und in den Unterricht bringen wollte. In Arkansas entschied ein Gericht 1981, „Creation Science“ sei Religion und keine Wissenschaft. Der Supreme Court klassifizierte wissenschaftlichen Kreationismus 1987 ebenfalls als Religion.
Junge Erde und wissenschaftlicher Kreationismus
Der Junge-Erde-Kreationismus, auch Kurzzeitkreationismus oder 24-Stunden-Tag-Theorie, nimmt an, Gott habe die Erde vor wenigen Tausend Jahren geschaffen. Er wird vor allem von evangelikalen und fundamentalistischen Christen sowie ultraorthodoxen Juden vertreten. Nach dem Ussher-Lightfoot-Kalender sei die Welt am 23. Oktober 4004 v. Chr. geschaffen worden; daraus ergibt sich ein Erdalter von rund 6000 Jahren. Üblicherweise wird ein Alter der Erde von höchstens etwa 10.000 Jahren angenommen. Ob das Universum gleich alt sei, wird unterschiedlich beurteilt.
Anhänger stellen Methoden wie radiometrische Altersbestimmung, Isochronenmethode, Eiskerndatierung und Dendrochronologie infrage. Geologische Befunde und der Fossilbericht werden hauptsächlich als Folgen einer globalen Sintflut gedeutet. Teilweise wird auch die Kontinuität der Naturgesetze über historische Zeiträume bestritten. Moderner Geozentrismus ist eine sehr seltene Position: Die Erde sei das Zentrum einer sphärischen Welt, die von Sonne, Planeten und allem anderen umkreist werde; Evolution finde nicht statt.
Die Omphalos-Hypothese besagt, Gott habe die Erde erst kürzlich geschaffen, sie aber älter aussehen lassen. Philip Henry Gosse brachte sie 1857 vor. Heute hat sie keine nennenswerte Anhängerschaft mehr. Der wissenschaftliche Kreationismus versucht seit den 1960er Jahren, kreationistische Erklärungen als wissenschaftlich gleichwertig zur Evolutionstheorie in den Schulunterricht einzuführen. Er vertritt unter anderem eine Schöpfungskosmologie mit einem Universumsalter von einigen Tausend Jahren und deutet Fossilien als Folgen der Sintflut. Der Artikel nennt als Organisationen das Institute for Creation Research, die Creation Research Society, die Studiengemeinschaft Wort und Wissen und ProGenesis.
Alte Erde, Evolution und Neo-Kreationismus
Langzeit- oder Alte-Erde-Kreationismus versucht, eine wörtliche Genesis-Auslegung mit astronomischen und geologischen Angaben von mehreren Milliarden Jahren für Erde und Universum zu verbinden, lehnt aber die gemeinsame Abstammung der Lebewesen ab. Als Hauptvertreter werden die Zeugen Jehovas genannt.
Die Lückentheorie nimmt an, eine frühere Schöpfung auf einer alten Erde sei durch eine unbestimmte Katastrophe vernichtet worden; anschließend sei Leben in kurzer Zeit neu geschaffen worden. Die Konkordanzhypothese deutet die sechs Schöpfungstage als sehr lange Zeiträume, etwa Millionen Jahre, statt als 24-Stunden-Tage. Beim progressiven Kreationismus oder der Schöpfung auf Raten verändern und bilden sich Arten in einem von Gott begleiteten Prozess; göttliches Eingreifen wird besonders an Schlüsselzeitpunkten angenommen. Moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse werden weitgehend akzeptiert, moderne Evolutionsbiologie jedoch abgelehnt oder die natürliche Auslese als unzureichend betrachtet.
Evolutionistischer Kreationismus akzeptiert die gemeinsame Abstammung, hält aber zusätzliches göttliches Eingreifen für notwendig. Natürliche Selektion sei nicht die Ursache neuer Arten; diese entstünden durch direktes Eingreifen Gottes. Die Abgrenzung zur theistischen Evolution ist unscharf.
Neo-Kreationismus verzichtet betont auf religiöse Sprache und Aussagen über Erdalter oder Bibelauslegung. Gemeinsam sind die Ablehnung des Naturalismus und die Opposition gegen den als „Darwinismus“ bezeichneten Evolutionsgedanken. Intelligent Design behauptet seit 1990 ohne Bibelbezug, die Entstehung des Lebens benötige eine Intelligenz als Ursache. Im Verfahren „Kitzmiller v. Dover Area School District“ setzte sich die Einstufung als wissenschaftliche Theorie nicht durch. „Abrupt Appearance“ deutet das sprunghafte Auftreten neuer Arten im Fossilbericht als direkte äußere Beeinflussung. „Evidence against Evolution“ sammelt vermeintliche Gegenbelege zur Evolution, ohne eine wissenschaftliche Alternative vorzulegen.
Schule, Kirchen und internationale Verbreitung
Politisch ist Kreationismus besonders in den USA mit der Frage verbunden, ob er oder Intelligent Design neben der Evolutionstheorie an öffentlichen Schulen gelehrt werden soll. Kreationisten fordern teils eine Gleichbehandlung mit Urknalltheorie und Evolutionstheorie. Gerichte wiesen jedoch sowohl Schöpfungswissenschaft als auch Intelligent Design als Grundlage für den Biologieunterricht zurück. Die National Academy of Sciences und die American Association for the Advancement of Science erklärten, es gebe keine wissenschaftliche Basis dafür. Der Europarat warnte 2007, Kreationismus im Bildungswesen könne „eine Gefahr für die Menschenrechte“ werden.
Die meisten staatlich anerkannten protestantischen Kirchen und die römisch-katholische Kirche halten seit spätestens den 1950er Jahren Evolutionstheorie und Christentum für vereinbar. Liberale Theologie versteht Genesis häufig als Metapher ohne naturwissenschaftlichen Aussageanspruch. Eine EKD-Studie vom April 2008 erteilte dem Kreationismus eine deutliche Absage.
In Nordamerika bilden evangelikale Christen in den Vereinigten Staaten die Hauptstütze. Laut einer Pew-Umfrage von 2005 glaubten 26 Prozent der US-Bevölkerung an eine Entwicklung des Lebens über Jahrmillionen durch natürliche Auslese, 18 Prozent an eine von einem höheren Wesen gesteuerte Entwicklung und 42 Prozent daran, Lebewesen hätten seit Anbeginn in heutiger Form existiert. In Europa ist Kreationismus allgemein eine Nischenposition. Umfragewerte für Deutschland, Österreich und die Schweiz unterscheiden sich je nach Studie: Eine Studie nannte 12,5 Prozent für eine wörtliche Schöpfungsauslegung in Deutschland, eine andere etwa jeden Fünften in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Im Judentum vertreten die meisten Richtungen die Unabhängigkeit von Glauben und Wissenschaft oder theistische Evolution; viele orthodoxe Juden geben bei Konflikten der Tora Vorrang. Im Islam schließen Kreationisten aus mehreren Koranstellen über die Erschaffung Adams aus Lehm auf eine göttliche Erschaffung der Arten; als bekannter Vertreter gilt Harun Yahya. In Südkorea wurde im Juni 2012 über die Streichung von Details der Evolutionstheorie aus Schulbüchern diskutiert, die Änderung aber verhindert.